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Z’aus – Ein Plädoyer für die mobile Pflege

Die Häufung von RSV-Infektionen ist weltweit intensiv.
© Peter PROVAZNIK

Z’aus – Ein Plädoyer für die mobile Pflege

Die Häufung von RSV-Infektionen ist weltweit intensiv.
© Peter PROVAZNIK

Gesunde Zukunft | Folge 10

Wenn wir dort investieren, wo Menschen sich geborgen fühlen, erhöhen wir die Qualität kostbarer Lebenszeit um ein Vielfaches.
Dr. Juliane Bogner-Strauß

Dr. Juliane Bogner-Strauß

Landesrätin für Bildung, Gesellschaft, Gesundheit und Pflege

Heinz befindet sich im elften Jahr seiner Demenzerkrankung – zwischen Höhen und Tiefen, zwischen scharfem Verstand und starker Verwirrtheit. Seine Frau bringt ihn unter Tränen und großer Verzweiflung ins Seniorenheim, in tiefer Traurigkeit darüber, sich von ihrem geliebten Mann verabschieden zu müssen. Diesmal nicht nur für einen Augenblick, sondern für einen neuen Lebensabschnitt. Heinz spürt genau, was vor sich geht. Er rebelliert erst sehr laut, später nur mehr leise, irgendwann ganz stumm. Er verweigert das Essen und versinkt in eine apathische Welt, die ihn vor dem unbekannten Außen schützt – inmitten eines Zimmers, das nicht sein Zuhause ist. Ein Zimmer, in dem er den letzten Abschnitt seines Lebens verbringen soll. Dabei ist daheim seine Werkstatt, in der er so viel geschnitzt hat. Dort sind seine Gedichte, die er irgendwann geschrieben hat, in tiefer Liebe zu seiner Frau, der ein gemeinsames Leben in einem gemeinsamen Zuhause nicht mehr möglich erscheint. Sie schafft es alleine nicht mehr. „Gemma wieder z´ aus?“, fragt Heinz seine Frau, als sie ihn in seinem Zimmer besuchen kommt.

Oder Greta.
Greta lebt seit über 50 Jahren in ihrer kleinen Wohnung – z´ aus, im geliebten vierten Wiener Gemeindebezirk. Im „grünen“ Zimmer, wie sie es nennt, steht ihr Klavier, auf dem sie immer noch spielt. Tag für Tag, Traum für Traum, Takt für Takt. Im „gelben“ Zimmer findet sie eine kleine Vase mit frischgepflückten Schneeglöckchen auf der Vitrine. Ihre Heimpflegerin hat sie mitgebracht. Vom Lainzer Tiergarten, wie ihr erzählt wurde. Dort, wo sie früher so gerne spazieren war, zwischen Wäldern, lachenden Kindern und zwitschernden Vögeln. Heute kann sie ihre Lieblingsplätze nicht mehr besuchen, aber die Erinnerungen bleiben, ebenso wie ihre Tagträume. Sie fühlt sich geborgen im grünen und gelben Zimmer, auch wenn sie Hilfe braucht, um klarzukommen. Neben den Schneeglöckchen steht ein Bild von ihrem verstorbenen Mann,
daneben liegt eines ihrer Lieblingsbücher: „Unzertrennlich – Über den Tod und das Leben“ von Irvin D. Yalom und seiner Frau Marilyn. Eine Geschichte über die Vergänglichkeit, über die letzten Tage eines Liebespaares und darüber, bis zum Ende ein bedeutsames Leben zu führen. 

Paul hat sich das Haus, in dem er lebt, mit seinen eigenen Händen erbaut. Stein für Stein, in voller Begeisterung dafür, etwas auf die Beine zu stellen – für sich und seine geliebte Frau, für die Kinder und alle, die noch kommen mögen. Er hat sein Leben dahingehend ausgerichtet, das Haus seinen Kindern schuldenfrei zu übergeben. Das bedeutete viel Arbeit und noch viel mehr Leidenschaft dafür, etwas zu schaffen, verbunden mit dem Wunsch, alle in Sicherheit zu wissen, um irgendwann in Ruhe ziehen zu können. Doch da ist auch die stetige Furcht vor dem nahenden Tod und die Gedanken daran, dass wir einander irgendwann verlassen müssen. Paul möchte hier alt werden – richtig alt –, umgeben von all den Erinnerungen, die in kein betreutes Wohnen passen. Seine Kinder werden alles dafür tun, um dem Wunsch der Eltern, z´ aus alt zu werden, nachzukommen, die Qualität des kostbaren restlichen Lebens zu bewahren
und dabei von geliebten Menschen und vertrauten Gegenständen umgeben zu sein. Dort, wo es für viele am schönsten ist: Z´ aus.

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