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Takeda legt Fokus auf Seltene Erkrankungen

© LISI SPECHT

Takeda legt Fokus auf Seltene Erkrankungen

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Takeda ist der größte Arbeitgeber der heimischen pharmazeutischen Industrie und seit November 2020 leitet Anthea Cherednichenko, MBA, MPH den österreichischen Vertriebs- und Versorgungsbereich. Die Public Health-Expertin kommt aus dem Geschäftsbereich der Seltenen Erkrankungen und war als Ökonomin bereits acht Jahre in verschiedenen nationalen, überregionalen und globalen Funktionen für Takeda tätig.

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Rainald Edel, MBA

Periskop-Redakteur

Durch maßgebliche Innovationen in der Medizin für eine bessere Gesundheit und eine bessere Zukunft der Menschen zu sorgen ist das Leitmotiv von Takeda, einem weltweit tätigen, biopharmazeutischen Unternehmen mit Hauptsitz in Japan. An den Produktionsstandorten Wien, Linz und Orth an der Donau werden lebenswichtige Arzneimittel für Patientinnen und Patienten in über 100 Ländern weltweit hergestellt.

PERISKOP: Der Bereich Seltene Erkrankungen bildet gemeinsam mit Gastroenterologie,
Onkologie, Neurowissenschaften, plasmabasierten Therapien und Impfstoffen die Hauptfachgebiete von Takeda. Für welche Indikationen engagiert sich Takeda bei Rare
Diseases im Speziellen?

Cherednichenko: Takeda hat in Österreich eine lange Geschichte auf dem Gebiet der Blutgerinnungsstörungen und Immundefekte – denken Sie an die Immuno AG, die 1960 vom
leider kürzlich verstorbenen Professor Eibl und von Professor Schwarz gegründet wurde. Heute
gehören lysosomale Speicherkrankheiten wie Morbus Hunter, Morbus Gaucher und Morbus
Fabry sowie das hereditäre Angioödem (HAE) zum komplexen Portfolio der Seltenen Erkrankungen. HAE z.B. betrifft etwa 180 Patientinnen und Patienten in Österreich und kann an verschiedenen Körperstellen zu starken Schwellungen der Haut und der Schleimhäute führen, die auch lebensbedrohlich sein können.
Gerade bei Seltenen Erkrankungen sind Patientinnen und Patienten derzeit oft unterversorgt,
weil die Behandlungsmöglichkeiten suboptimal sind. Wir wollen dazu beitragen, dies zu verändern, indem wir genau dort in Forschung und Entwicklung investieren, wo Verbesserungen des Versorgungsstandards erforderlich sind. Ein Beispiel ist ein Molekül, das zur Behandlung angeborener thrombotischer-thrombozytopenischer Purpura erforscht wird. Der Standard der Pflege für diesen Zustand, bei dem die Betroffenen einen Mangel an Blutplättchen im Blut haben, ist der Plasmaaustausch, eine sehr belastende Behandlung. Wir wollen daher eine alternative Therapieoption anbieten, die das ersetzt, was bei betroffenen Patientinnen und Patienten fehlt.

Sie haben zuletzt den Geschäftsbereich Rare Hematology für den europäischen und
kanadischen Markt geleitet und im November 2020 inmitten der größten Pandemie seit
100 Jahren die Geschäftsführung in Österreich übernommen. Gab es neben COVID-19
noch Raum, um das Bewusstsein für Seltene Erkrankungen zu schärfen?
Die unmittelbare Hinwendung zur virtuellen Welt hatte erhebliche Auswirkungen auf die
Art und Weise, wie unsere Teams zusammenarbeiten, wie wir mit Ärztinnen, Ärzten und
anderen externen Partnerinnen, Partnern interagieren. Dies hat zu Unterbrechungen und Veränderungen geführt, viele davon natürlich auch positiv. Wir haben gelernt, unterschiedlich aufeinander zu reagieren, auf neue Weise zu arbeiten und sicherzustellen, dass wir in
unseren Interaktionen mit unseren externen Partnerinnen und Partnern größtmöglichen
Wert bieten. Eine spürbare Herausforderung war jedoch, dass auch Patientinnen, Patienten
und Behandlerinnen, Behandlern während der Pandemie unterschiedlich interagierten. Der
Zugang zur Versorgung im Gesundheitswesen änderte sich, war reduziert, wurde weniger in
Anspruch genommen. Patientinnen und Patienten blieben aus Angst vor COVID-19 oder eingeschränktem Zugang dem Krankenhaus oder Behandlungszentren. Dies hat sich auf
Diagnose, Behandlung und Pflege ausgewirkt und ist für uns von großem Belang. Auch nach
der Pandemie wollen wir unterstützen, wo immer es möglich ist, aber hier brauchen wir
jedenfalls einen viel stärkeren integrierten Ansatz zwischen allen Gesundheitsdienstleistern
und Systempartnern.

Auch wenn COVID-19 vieles kaschiert hat, hat es einen großen Fokus auf den Gesundheitsbereich gelegt und beispielhaft und dramatisch gezeigt, was in vielen Bereichen in der Routine nicht gut funktioniert. Denken Sie an die massiven Veränderungen im Bereich der
Digitalisierung, die für Seltene Erkrankungen aufgrund der geringen Fallzahlen von immenser Bedeutung ist. Darüber hinaus konnte man beobachten, dass es in den letzten drei Jahren
viel mehr Interaktion gegeben hat, verstärkte Zusammenarbeit, gemeinsame Absichten, wie
man das Gesundheitssystem verbessern kann, und das ist definitiv eine sehr positive Sache.
Für dieses Jahr hoffe ich auf diesen anhaltenden positiven Spirit und ich denke auch, dass
es viel Potenzial und positive Impulse in den laufenden Finanzausgleichsverhandlungen
gibt, um die bestehenden Hürden im Gesundheitssystem zu überwinden. Wir erwarten
auch mehr Empowerment der Patientinnen und Patienten durch einen gewissen Generationswechsel, aber auch durch die gesteigerte Verfügbarkeit von Wissen. Menschen, die von Seltenen Erkrankungen betroffen sind, werden oft zu Expertinnen und Experten ihrer eigenen Erkrankung, was ihre Beteiligung an Behandlungsentscheidungen so wichtig macht.

Sie haben Public Health studiert, wo sehen Sie Defizite im österreichischen Gesundheitssystem in Bezug auf Seltene Erkrankungen? Gibt es Aspekte, in denen Österreich bei diesen Erkrankungen vorbildlich ist?
Der schnelle Marktzugang neuer Medikamente ist ein großer Vorteil des österreichischen
Gesundheitssystems. Der früheste Zugang ist jedoch in der Regel nicht breit. Eine große
Herausforderung liegt im Bereich der Finanzierung. Hier zwischen stationärem und ambulantem Bereich zu unterscheiden, trägt meiner Meinung nach nicht zu einer ganzheitlichen Betrachtung bei, die ich allerdings für notwendig halte. Denn die zentrale Frage ist, wie wir Investitionen in die öffentliche Gesundheit am besten zum umfassenden Wohle der Patientinnen und Patienten einsetzen können. Wir müssen uns fragen, wie es mit dem Digitalisierungsschub der letzten Monate weitergehen kann und soll. Dies geht über virtuelle
Interaktionen mit Gesundheitsfachkräften weit hinaus. Wir müssen z.B. auch über die
verschiedenen Möglichkeiten der Telemedizin nachdenken und darüber, wie wir die Daten
miteinander verbinden, um sowohl die Entscheidungsfindung von Ärztinnen, Ärzten als
auch von Patientinnen, Patienten zu unterstützen. Und natürlich gibt es einen umso größeren Bedarf bei den kleinen Patientenzahlen, die typisch für Seltene Erkrankungen sind.
Data Science und Digitalisierung sind grundsätzlich Bereiche, in denen wir einen noch
stärkeren Fokus anstreben, sei es in Bezug auf klinische Studien oder Gesundheitsdaten im
Allgemeinen. Z.B. bringt das H2O-Projekt (Health Outcomes Observatory) den öffentlichen und privaten Sektor in einer strategischen Allianz zusammen, um ein beispielloses,
standardisiertes Datenmanagement- und Infrastruktursystem in ganz Europa zu schaffen, um die Meinungen und Präferenzen der Patientinnen und Patienten in Entscheidungen einzubeziehen, welche ihre individuelle Gesundheitsversorgung betreffen. Solche Aktivitäten sind genau der richtige Weg, um wertorientierte Partnerschaften zu schaffen und weitere Investitionen zu fördern.“

Die Themen Lieferbeschränkungen für Arzneimittel, Produktion zu niedrigsten Preisen in China und Indien und die Umsiedlung der Pharmaproduktion in Europa beherrschen
seit einigen Wochen die Schlagzeilen. Takeda hingegen produziert seit Jahrzehnten in
Europa, wobei Österreich die größte Niederlassung von Takeda auf diesem Kontinent
ist. Was macht Österreich attraktiv für einen internationalen Konzern?
Ein Ökosystem aus Biotechnologie, Medizintechnik und verschiedenen Innovationsclustern
mit Kooperationen zwischen Pharmazie und Forschungsinstituten haben Wien zu einem
Zentrum für Life Science gemacht. Darüber hinaus tragen die zentrale Lage und die hervorragende Infrastruktur Österreichs zur Attraktivität bei, ebenso wie der gut ausgebildete und hoch akademische Talentpool. In Österreich finden wir ein unterstützendes Umfeld für unsere Investitionen, die relevanten Partner sind leicht erreichbar und ein pragmatischer Dialog mit Stakeholdern ist immer möglich. Wir sehen eine starke Förderung von Forschung und Entwicklung im Life-Science-Bereich. Dies bildet die Basis für unsere gesamte Arbeit in Österreich, wo wir auf gut ausgebildete Talente zurückgreifen können. Als größter pharmazeutischer Arbeitgeber des Landes leistet Takeda einen wesentlichen Beitrag zum Forschungs- und Pharmaproduktionsstandort Österreich. Mehr als 4.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten hier an der gesamten pharmazeutischen Wertschöpfungskette: Forschung und Entwicklung, Plasmaaufbringung und -verarbeitung bis hin zur Produktion und Versorgung von Patientinnen und Patienten weltweit. Wir investieren kontinuierlich in den Pharmastandort Österreich, angefangen bei der Plasmaspenden-Infrastruktur über die Forschung und Entwicklung innovativer Medikamente der neuesten Generation bis hin zur kontinuierlichen Investition der drei Produktionsstandorte in Wien, Linz und Orth an der Donau zur Kapazitätserweiterung sowie zur Förderung von Innovation und Nachhaltigkeit. Derzeit wird in Wien ein dreistelliger Millionenbetrag in die biopharmazeutische Forschung und Entwicklung investiert. Ab 2025 werden dort rund 250 Forscherinnen und Forscher arbeiten, die sich mit biotechnologisch hergestellten Medikamenten und Gentherapien beschäftigen.

Bevor Sie für Österreich verantwortlich waren, hatten Sie verschiedene nationale,
regionale und globale Positionen innerhalb des Konzerns inne. Welche Ziele haben Sie
sich für die Entwicklung in Österreich gesetzt?
Das erste Jahr war eine unglaubliche Reise voller Lernen, Freude und Herausforderungen.
Ich habe die Position mitten im Lockdown übernommen und daher erst nach drei bis vier
Monaten das Team persönlich kennengelernt. Trotz aller Herausforderungen wurde ich vom
österreichischen Team sehr herzlich empfangen. Meine erste Aufgabe bestand hauptsächlich
darin, zuzuhören. Ich glaube, dass ich gerade in dieser Zeit etwas bewegen konnte, indem
ich zuhörte und auf die Bedürfnisse des Teams einging. Ich versuchte herauszufinden, wie das Führungsteam zusammenarbeiten wollte, und konzentrierte mich dann darauf, das zu unterstützen. Es gibt so viel Leidenschaft und Energie für unsere Patientinnen und Patienten
in unserer Branche, und mein Ziel ist es, das Potenzial unserer Teams und Führungskräfte
freizusetzen, damit wir so viel wie möglich für die Patientinnen und Patienten erreichen können, die wir unterstützen. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, mein Team zu stärken, Hierarchien abzuflachen und Innovationen zu inspirieren, aber da müssen Sie mein Team fragen.

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