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Frühe Diagnose und Therapie wichtig bei Demenz-Erkrankungen

© Schedl, (2) Provaznik, OÖG, Ettl, FOTOWEINWURM.AT, ÖGK, SHUTTERSTOCK

Frühe Diagnose und Therapie wichtig bei Demenz-Erkrankungen

© Schedl, (2) Provaznik, OÖG, Ettl, FOTOWEINWURM.AT, ÖGK, SHUTTERSTOCK

Die Zahl der Personen mit Demenzerkrankungen steigt stark an. Meist wird eine Erkrankung erst sehr spät im Verlauf diagnostiziert. Die PRAEVENIRE Initiative Brain Health 2030 lud im Rahmen der Gesundheitstage im Stift Seitenstetten Gesundheitsexpertinnen und -experten zu einem Gipfelgespräch, um zu erörtern, wie die Zeitspanne zwischen dem Auftreten erster Krankheitssymptome und der therapeutischen Versorgung verkürzt werden kann. | von Christian Lenoble

Schätzungen zufolge leben in Österreich aktuell rund 147.000 Personen mit einer Demenzerkrankung. Bis zum Jahr 2050 wird die Zahl laut Prognosen auf 290.000 Personen anwachsen, was einem Anteil von mehr als drei Prozent der Bevölkerung entspricht. Analog verläuft die weltweite Entwicklung. ADI (Alzheimer Disease International) gibt die Anzahl der an dementiellen Erkrankungen leidenden Personen mit 50 Millionen an und rechnet mit einem Anstieg auf 152 Millionen bis zum Jahr 2050. Das rasante Ansteigen der Fallzahlen steht mit der Alterung der Bevölkerung in Zusammenhang. In Österreich ist etwa bei über 80-Jährigen bereits jede fünfte Person erkrankt.

Auffällig ist dabei, dass laut Expertinnen und Experten bis zu 75 Prozent aller Betroffenen derzeit (noch) keine Diagnose haben. Dabei wäre gerade eine frühzeitige Diagnose von besonderer Bedeutung. Zum einen würde dies erlauben, dementielle Erkrankungen von anderen Krankheitsbildern abzugrenzen und das Risiko von Fehlbehandlungen gering zu halten. Zum anderen bietet die Früherkennung in Kombination mit dem rechtzeitigen Einsatz bestehender Therapieoptionen die beste Chance, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.

Hohe finanzielle Krankheitslast

Beim PRAEVENIRE Gipfelgespräch, das unter dem Motto „die richtigen Wegen, rechtzeitig planen“ stand, wurde zunächst eine gesamtgesellschaftliche Perspektive skizziert. Als Basis diente eine IHS Studie, die erstmals die volkswirtschaftlichen Kosten von Demenzerkrankungen in Österreich berechnet hat. „Aus unserer Studie geht hervor, dass sich die monetären Kosten auf 2,7 Milliarden Euro pro Jahr (Stand 2019) belaufen. Es wird geschätzt, dass 3,9 Prozent der laufenden Gesundheitsausgaben (ohne Langzeitpflege), 15,8 Prozent der Bruttoausgaben für stationäre Pflege und 22,5 Prozent der Bruttoausgaben für mobile Pflege im Jahr 2019 auf Demenz zurückzuführen sind“, brachte Dr. Thomas Czypionka, Head of IHS Health Economics and Health Policy, in seinem Impulsreferat zentrale Zahlen ins Spiel.
Rechnung getragen wurden der Studie ebenfalls der hohen Bedeutung von informell erbrachter Pflege. Deren Kosten für jene Demenzpatientinnen und Demenzpatienten, die zu Hause leben, werden auf 4,9 Milliarden Euro inklusive Beaufsichtigungszeit geschätzt. Zur Schätzung wurde laut Studienautoren ein breites Spektrum an Datenquellen herangezogen, das von Daten öffentlicher Institutionen (z. B. Gesundheitsministerium, Sozialversicherung) über Evidenz aus der internationalen Literatur bis hin zu eigens zur Verfügung gestellten Auszügen aus Datenbanken von Trägern sozialer Dienste bzw. demenzspezifischen Datenbanken reichte.

„Die Studie zeigt auf, dass Demenz mit einer Vielzahl an Ausgaben im Gesundheits- und Langzeitpflegesektor im Zusammenhang steht. Die berechneten Kosten der informellen Pflege verdeutlichen zudem den bedeutenden Anteil an Pflege- und Betreuungsdiensten, die von Angehörigen geleistet werden.“ Informelle Pflege gehe darüber hinaus mit Folgen einher, die bei den Betreuerinnen und Betreuern von verlorener Freizeit, sozialer Isolation, Depression bis hin zu einer Verschlechterung des eigenen Gesundheitszustands reichen – die in weiterer Folge für die Pflegenden Risikofaktoren sind, selbst eine Demenz zu entwickeln.
„Demenzielle Erkrankungen“, so Czypionkas Fazit, „werfen zunehmend Fragen auf, insbesondere in welcher Form Demenzerkrankte therapiert und versorgt werden können, und wie stark die Prävalenz durch die Alterung der Bevölkerung in den kommenden Jahren steigen wird. Dennoch ist die Datenlage, die notwendig wäre, um im Konkreten die Versorgung und die Pflege dieser Menschen sicherzustellen, in Österreich fragmentiert und bisher unzureichend.“ Die schlechte Datenlage erschwere die Planung des zukünftigen Versorgungsbedarfs.

Intensive Zusammenarbeit der Versorgungsstufen

In der folgenden Diskussion unter namhaften Expertinnen und Experten des Gesundheitswesens stand vor allem die Frage im Vordergrund, was auf nationaler Ebene alles getan werden müsse, um Betroffenen den Zugang zu einer raschen und korrekten Diagnose zu vereinfachen und eine bestmögliche Versorgung von Erkrankten sicherzustellen. Antonia Croy, Präsidentin des Selbsthilfevereins Alzheimer Austria, betonte dabei, wie wichtig es ist, „den Blick auf die frühen Phasen der Erkrankung zu richten und nicht bloß an dem Bild von rund um die Uhr pflegebedürftigen Betroffenen in späten Phasen zu hängen“. Dazu gäbe es hierzulande zwar viele gute Initiativen und Projekte, die aber noch besser adressiert werden sollten. Croy sprach zudem von der Bedeutung des Post-Diagnostic-Supports, zumal in Zukunft zunehmend alleinstehende Personen ohne Angehörige von Demenz betroffen sein werden. Auch für Univ.-Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, Präsident der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft, sind frühe Diagnose und eine rasch einsetzende Therapie Schlüsselelemente einer verbesserten Versorgung: „Voraussetzung dafür ist die Intensivierung der Zusammenarbeit von Ärztinnen, Ärzten aus dem niedergelassenen Bereich, Fachärztinnen, Fachärzten und Memory Kliniken. Hier muss eine gemeinsame Diskussion und konstante Fortbildung gepflegt werden.“ Das ambitionierte Ziel laute, die Zeitdauer, die zwischen ersten Symptomatiken und dem Einsetzen von Therapien vergeht, von derzeit fünf bis zehn Jahren auf ein bis zwei Jahre zu verkürzen. Geht es nach Dal-Bianco, sollte ab Diagnosemitteilung ein begleitendes Management installiert werden, das dafür verantwortlich zeichnet, vor allem jene Personen umfassend zu unterstützen, die von schweren Diagnosen betroffen sind. „Es gilt die Wegzeiten zwischen den einzelnen Punkten der Patientenreise, von der Primär- bis zur Tertiärversorgung, zu beschleunigen“, sagte auch Priv.-Doz. Dr.Johannes Pleiner-Duxneuner, Integrated Strategy Lead, Roche Austria. Eine Hilfestellung wäre in diesem Sinne die frühe Einbindung von Community Nurses. Pleiner-Duxneuner betonte, dass Roche im gesamten Gesundheitssystem nicht nur als Hersteller von Medikamenten fungiert, sondern auch den Einsatz digitaler Gesundheitsanwendungen unterstützt sowie Ressourcen für die Einrichtung von Registern und Datensammlungen bereitstellt: „Gesetzte Interventionen müssen schließlich auf ihre Effizienz überprüft werden.“

Um Prävention, Früherkennung und Langzeitbetreuung zu verbessern, brauchen wir eine strukturierte Kooperation von Ärztinnen, Ärzten, Pflege- und Betreuungspersonal im niedergelassenen und klinischen Umfeld und mehr zielgenaue Angebote im psychosozialen Bereich.

Mehr Information und Prävention nötig

 

Einen steigenden Bedarf an „Prävention, Information und Gesundheitskompetenz“ ortet aus Sicht der Pflege Priv.-Doz. Mag. Dr. Anna M. Dieplinger, Abteilungsleiterin Kompetenzmanagement Gesundheits- und Sozialberufe der OÖ Gesundheitsholding – und dies nicht nur bei der Bevölkerung an sich: „Wir brauchen das ebenfalls im Kliniksetting, etwa mit der Etablierung von speziellen Demenzbeauftragten.“ Dieplinger wünscht sich zudem Verbesserungen im Wohnalltag von Demenzerkrankten, die einerseits mit digitalen Mitteln realisierbar sind, und andererseits von ausgebildeten Pflegerinnen, Pflegern gewährleistet werden könnten, die vor Ort im familiären Rahmen beratend zur Seite stehen, um ein respektvolles und würdevolles Altern zu ermöglichen.
Letzteres liegt ebenfalls Mag. Brigitte Juraszovich, Koordinatorin Pflege der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) und Projektleiterin Demenzstrategie, besonders am Herzen: „Der Weg dorthin führt über die Einbindung der Betroffenen selbst, unter Einbeziehung der Angehörigen. Es geht um eine individuelle Unterstützung. Dazu müssen wir mit den Menschen sprechen, nicht über sie.“ 

Wohnortnahe, niederschwellige Angebote

 

Für eine Stärkung und Verbesserung der wohnortnahen und niedrigschwelligen Gesundheitsversorgung sowie für mehr Teamarbeit sprach sich PRAEVENIRE Vorstandsmitglied und Präsident des Vereins AM Plus, Dr. Erwin Rebhandl, aus: „Um Prävention, Früherkennung und Langzeitbetreuung zu verbessern, brauchen wir einerseits eine strukturierte Kooperation von verantwortlichen Ärztinnen, Ärzten, Pflege- und Betreuungspersonal im niedergelassenen und klinischen Umfeld und andererseits mehr zielgenaue Angebote im psychosozialen Bereich.“ Die Einrichtung von zusätzlichen Primärversorgungseinheiten (PVE) sei ein wesentlicher Schritt auf diesem Weg. Rebhandl, der als Allgemeinmediziner im Primärversorgungszentrum Hausarzt Medizin Plus Haslach tätig ist, spricht aus Erfahrung: „Angebote mit niederschwelligem Zugang helfen den Menschen nicht nur dabei, ihre Bedürfnisse umfassend zu identifizieren, sondern sich auch an den Handlungsplänen für ihr eigenes Wohlbefinden zu beteiligen und dieses auch
nachhaltig zu verbessern.“

Die Schaffung zusätzlicher PVE wird auch von Mag. Clemens Sigl befürwortet. Der ÖGK-Projektleiter und Zielsteuerungskoordinator in Wien betonte in diesem Kontext, dass es zwar viele Einzelinitiativen und Projekte gibt, diese aber nicht ausreichend koordiniert sind: „Das beste Angebot an die PatientInnen und Patienten nützt wenig, wenn wir es nicht schaffen, einen einfachen Zugang dazu zu ermöglichen.“ 

Es gilt das Wissen über präventive Maßnahmen bei Ärztinnen, Ärzten und Patientinnen, Patienten zu stärken, digitale Gesundheitsanwendungen für Diagnose und Therapie zu forcieren und die Forschung aktiv durch Förderungen zu unterstützen.

Regina Plas

Datenlage und Digitalisierung ausbauen

 

Die von Thomas Czypionka erwähnte „schlechte Datenlage“ griff schließlich DI Regina Plas von der Abteilung Wirtschaftspolitik & Innovation und Technologietransfer der Wirtschaftskammer Wien nochmals auf: „Die Erfassung von Gesundheitsdaten und das Datenmanagement müssen sicherlich im Sinne einer Verwendung für den Demenzbereich weiter verbessert werden.“ Zudem gelte es, das Wissen über präventive Maßnahmen bei Ärztinnen, Ärzten und Patientinnen, Patienten zu stärken, digitale Gesundheitsanwendungen für Diagnose und Therapie
zu forcieren und die Forschung aktiv durch Förderungen zu unterstützen. Für Czypionka wäre dies alles ein Teil jener Maßnahmen, die notwendig sind, um die Qualität der Versorgung zu steigern und gleichzeitig Kosten zu senken: „Demenz breitet sich aus. Je früher wir alle gemeinsam aktiv werden, umso besser ist es. So kann man Betroffenen viel Leid und dem Gesundheitswesen und der Gesellschaft Kosten ersparen.

Expertinnen und Experten zum Thema Brain Health
1 Antonia Croy,
2 Thomas Czypionka
3 Peter Dal-Bianco
4 Anna M. Dieplinger
5 Brigitte Juraszovich
6 Regina Plas
7 Johannes Pleiner-Duxneuner
8 Erwin Rebhandl
9 Clemens Sigl

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