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Generation Z: Resilienz statt Resignation

© KRISZTIAN JUHASZ

Generation Z: Resilienz statt Resignation

© KRISZTIAN JUHASZ

Im Rahmen der 8. PRAEVENIRE Gesundheitstage im Stift Seitenstetten 2023 waren Gesundheitsexpertinnen und -experten zum PRAEVENIRE Gipfelgespräch geladen, um Präventionsmaßnahmen zur Verbesserung und Stärkung der mentalen Gesundheit von Jugendlichen in Zeiten der gegenwärtigen multifaktoriellen Krise zu erarbeiten.

Mag. Beate Krapfenbauer

Mag. Beate Krapfenbauer

PERISKOP-Redakteurin

Die Generation Z (Gen Z, die Digital Natives) musste im Vergleich zu früheren Generationen mehrere Krisen in kurzer Zeit durchstehen, beziehungsweise befindet sie sich derzeit mittendrin. So sind zum Beispiel Terrorangst, Energiekrise, Inflation und die nachwirkende Coronapandemie in den Medien und im täglichen Gespräch omnipräsente negativ besetzte Themen. Es scheint, das Leben der Kinder und Jugendlichen ist bei Weitem nicht so unbelastet wie das ihrer Vorgenerationen. Nicht zuletzt als Folge dieser andauernden Konfrontation mit negativen Außeneinflüssen vonseiten der realen und der virtuellen Welt hat sich das Suchtverhalten von Jugendlichen geändert. Welche Präventivmaßnahmen können vom Gesundheitssystem gesetzt werden, die sowohl Suchtgefährdeten (Alkohol, Rauchen und illegale Drogen) als auch Suchtkranken angeboten werden können?

Wie können Gesundheitsexpertinnen und -experten den Kindern und Jugendlichen helfen, Gefahren abzuwehren, ihre mentale Gesundheit und Widerstandskraft zu stärken? Welche Angebote und Versorgungsmöglichkeiten können ihnen am besten dabei helfen, Probleme in den Griff zu bekommen? In Studien ist zudem eine erhöhte Suizidgefahr bei der sogenannten Gen Z festzustellen. Diese Fragen und Herausforderungen haben die teilnehmenden Gesundheitsexpertinnen und -experten bei einem PRAEVENIRE Gipfelgespräch im Rahmen der 8. PRAEVENIRE Gesundheitstage im Stift Seitenstetten im Mai 2023 diskutiert. Sie haben aus ihrer jeweiligen fachlichen Perspektive auch entsprechende Lösungsansätze und Handlungsempfehlungen für die Politik entwickelt, wie die Jugendlichen in schweren Phasen begleitet und unterstützt werden können, um wieder „Normalität“ in ihr Leben zu bringen.

Suchtmittel als Selbstmedikation

Prof. Katrin Skala, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH in Wien, hielt die Keynote zum PRAEVENIRE Gipfelgespräch mit dem Thema „Jugendliche, Krisen, Sucht und Suizid“. Sie gab anhand aktueller Studien einen Überblick über Angst und Depression bei Kindern und Jugendlichen während der COVID-19-Zeit, die eine Erhöhung der Depressions- und Angstsymptome um 25,2 bzw. 20,5 Prozent zeigen. Prägnant ist, dass in einer Online-Studie (durchgeführt im Februar 2021 bei 14- bis 20-Jährigen, n= 3052) neun Prozent der Jugendlichen angaben, täglich (!) suizidale Gedanken zu haben. Auswirkungen auf die mentale Gesundheit hatte während der Pandemie auch der elterliche Stress und häusliche Gewalt. Die äußerlichen, krisenbedingten Stressfaktoren zeigen sich unterschiedlich je nach Alter: Während Kinder verhältnismäßig wenig Belastung durch Ukrainekrieg, Klimawandel oder Rezession erfahren, fühlen sich Jugendliche betroffen, bedingt durch ausgeprägte Abstraktionsfähigkeit oder auch durch Beeinflussung medialer und gesellschaftlicher Stimmung.

Arbeitsmedizinerin Dr. Eva Höltl berichtete aus ihrer Tätigkeit als Leiterin des Gesundheitszentrums der Erste Bank: „Sucht und Alkoholkonsum war für Lehrlinge oft wie eine Selbstmedikation. Das hat sich in der Quarantänezeit gezeigt, als wir viele in ihre engen Wohnverhältnisse schicken mussten.“ Viele junge Menschen leiden an einer – oft nicht ausgesprochenen – Einsamkeit. Und die führt zu Selbstisolation. „Wenn es Jugendliche im Wettbewerb mit anderen nicht schaffen, zu bestehen, ist die Selbsttherapie mit Suchtmitteln einer der kürzesten Wege“, hat Hon.-Prof. Dr. Rainer Hasenauer, Institut für Marketing-Management an der WU Wien, beobachtet. „Wenn ein 15-Jähriger an seiner Lehre scheitert, was soll dann aus ihm werden?“, fragt sich Eva Höltl und hat ein Projekt mitinitiiert, das die Lehrlingsausbilderinnen und Lehrlingsausbilder für Themen der mentalen Gesundheit und Gesundheitskompetenz sensibilisiert. Mental Health Literacy in die Peer-Groups hineinzutragen, ist für Höltl ein wesentlicherer Aspekt. Auch für Prof. Dr. Bernhard Rupp, Leiter der Abteilung Gesundheitspolitik der AK Niederösterreich, sind Lehrlinge ein wichtiges Thema, weil sie die künftigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind.

Problemlösungen gemeinsam angehen

Für Marion Hackl, Präsidentin der Ergotherapie Austria, war die in der Keynote genannte Zahl von 42 Prozent der Jugendlichen, die mit ihren Eltern gemeinsam Alkohol konsumieren, eine schockierend hohe Zahl, weil das den gesellschaftlichen Konsens zeigt. Sie frage sich: Wo beginnt das eine, wo hört das andere auf. Skala meinte dazu, dass sich die Jugendlichen ab 13 Jahren spätestens mit den Eltern „reiben“, mit 16 das Haus verlassen, um ihre Freunde zu treffen. Während des Lockdowns konnten sie nicht hinaus. Da hat man auch gemerkt, wie Eltern unter Druck gesetzt waren, dass oft auf engem Raum Konflikte ausgetragen wurden. Aber man habe dann auch mit den Eltern getrunken. „Und statt Feuerwehrheurigen gab es Garagenpartys.“ Der Umgang der Gesellschaft mit der Droge Alkohol demonstriert Kindern gegenüber Konsens, nicht Tabu. Hier ist breite Aufklärung gefordert. „Ich glaube, man kann von den Jugendlichen nicht verlangen, ein besseres Verhalten an den Tag zu legen, als es ihnen die Eltern vorleben.“ Skala plädierte dafür, dass wir uns alle in die Verantwortung nehmen. Und weiters gäbe es eine Grenze zu schädlichem Verhalten, das sich auf unsere Kinder überträgt. Umgekehrt wurde das bekannte Beispiel der Mülltrennung genannt, wo die Kinder darüber in der Schule hörten und sie die Vorbildrolle eingenommen haben. Mit dem Bewusstsein, jetzt Teil jener Generation zu sein, die einen Umbruch schafft. Da müsse man die Kinder und Jugendlichen wirklich gut unterstützen – das geht nur über das Verhalten in allen Ebenen, nicht nur im Gesundheitsbereich. Hackl weist darauf hin, dass nach Ende einer Suchttherapie oder Beendigung einer B-Phase der Rehabilitation Jugendliche ein Stück weiter begleitet werden müssen, um ihre Resilienz nachhaltig stärken und Ressourcen aufbauen zu können.

Ein wichtiger Part, um Jugendliche von allen Seiten zu unterstützen – familiär, gesellschaftlich, politisch – ist es, den Beteiligten entsprechende Ausbildung zukommen zu lassen. Mag. Dr. Caroline Culen, Klinische- und Kinderpsychologin, merkte dazu an: „Psychosoziale Unterstützung ist nicht, hin und wieder ein bisserl empathisch sein. Es geht darum, Menschen gut zu schulen oder junge Menschen gut zu unterstützen, Wege zu zeigen, wie und wer könnte die Ärzteansprechpartnerin, der Ärzteansprechpartner sein.“ Präsident von AM PLUS und Vorstandsmitglied von PRAEVENIRE Dr. Erwin Rebhandl setzte hier bei der Stärkung der Primärversorgung an, um bereits an dieser Stelle viel abzufangen bzw. entsprechend weiterzuverweisen. Dafür braucht es Schulungen für Hausärztinnen, Hausärzte und auch Pädiaterinnen und Pädiater.

Entstigmatisieren und Tabus aufbrechen

Nach einhelliger Meinung der teilnehmenden Expertinnen und Experten ist es vorrangig, dass die Sucht- und Suizidthematik bzw. psychische Erkrankungen per se enttabuisiert und entstigmatisiert werden müssen. Erst nach Aufbrechen von Tabus ist es möglich, über Mental Health Issues offen zu kommunizieren. Damit ist aber auch gemeint, nicht nur ÜBER die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu sprechen, sondern MIT ihnen. Gemeint ist, den Jugendlichen eine offizielle und öffentliche Stimme in allen politischen Bereichen zu geben, die gehört wird und Gewicht hat. Skala erwähnte diesbezüglich auch die Idee einer „Kindergewerkschaft“, die bereits vor der Coronazeit im Raum stand. Die Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie verglich das Wirkungsfeld mit dem ArbeitnehmerInnenschutzgesetz. Als konkretes Beispiel nannte sie das Maskentragen zur Zeit der Coronapandemie. Während Kinder in der Schule ihre Masken nonstop trugen, konnten sich die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf die Pausenregelungen berufen. Hinsichtlich der psychischen Akutversorgung wies Angelika Widhalm darauf hin, dass Kinder und Jugendliche nicht nur die „großen“ Krisen wie COVID zu bewältigen haben, sondern vielfältigen Extremsituationen gegenüberstünden. Die Vorsitzende des Bundesverbands Selbsthilfe Österreich nannte das Fallbeispiel, wenn die Mutter einer Sechsjährigen stirbt. Mit einer Enttabuisierung von mentalen Themen ist es einfacher, den Zugangswillen von Betroffenen und ihren Eltern zu erreichen. Folglich ist es einfacher für Kinder und Jugendliche, Angebote anzunehmen oder die Erlaubnis der Eltern einzuholen.

Hon.-Prof. Dr. Rainer Hasenauer, Wirtschaftsuniversität Wien, ergänzte aus seinem Fach- gebiet Marketingmanagement, dass es für den Umgang mit Tabuthemen in der Kommunikation wichtig sei, diese „völlig offen, aber nicht selbstzerstörend“ anzusprechen. Erfahrungen gibt es einige, beispielsweise von Bedrohungsanalysen bei Antiterrorübungen. Dabei erkannte man, dass Bedrohungen so lange wie möglich verschwiegen werden. Werden Themen vor bzw. von Jugendlichen tabuisiert, verhält es sich genauso, sei es aus Scham, aus Angst. Das „Sprengen“ von Tabus habe daher einen großen gesellschaftlichen Nutzen für die Gesellschaft. „Aber die Enttabuisierung erfordert sehr viel Kommunikation und spielerische Auseinandersetzung wie zum Beispiel mit Kindern, denen so Tabus überhaupt erst bewusstwerden“, weiß Hasenauer. Diejenigen Jugendlichen, die eine gewisse Gesundheitskompetenz durch ihre Erfahrung erlernt haben, können mit ihrem Beispiel vorangehen und als Vorbilder wiederum in ihrer Peer-Group einwirken. Natürlich brauchen sie entsprechende Unterstützung.

Dringend erforderliche Maßnahmen

Für Culen bestand der wichtigste erste Schritt, den die politischen Verantwortlichen zu setzen haben, im Angebot der psychischen Versorgung auf Krankenschein. Damit Betroffene im Bedarfsfall nicht nur in die Klinik gehen, sondern sich auch an psychiatrische Angebote im niedergelassenen Bereich wenden können und nicht überlegen müssen, ob sie es sich leisten können, plädierte auch Rebhandl als Allgemeinmediziner dafür, auf Gemeindeebene den Ausbau der Kinder- und Jugendpsychiatrie, z. B. in Primärversorgungszentren, zu forcieren.

Auf der anderen Seite kann man in Schulen präventiv sehr viel unternehmen, weiß die Geschäftsführerin der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit: „Es gibt mancherorts Sozialarbeit oder Schulpsychologinnen und -psychologen, aber man muss sie derzeit noch mit der Lupe suchen. Mein Wunsch an die politischen Entscheidungsträger ist, vorhandene Strukturen zu nutzen und sie aufzustocken.“ Um Kindern nach einem Rehabilitationsaufenthalt zum Beispiel ihren Weg zurück in die Schule, in die Familie zu vereinfachen, bräuchte es zu den institutionellen Angeboten auch ambulante und mobile Betreuung, die diese Schritte begleiten. Der Allgemeinmediziner dachte diesbezüglich in Richtung Social Prescribing, das über die Primärversorgung hinaus etabliert werden sollte.

Prim. Univ. Doz. Dr. Gustav Fischmeister, MSc, als Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde im Leuwaldhof tätig, erzählte von der vorbildlichen interdisziplinären Zusammenarbeit im Rehabetrieb: „Hier erlebe ich das Zusammenwirken der Ärztinnen und Ärzte mit den klinischen Kinderpsychologinnen bzw. -psychologen, Diätologinnen und Diätologen, Logopädinnen bzw. Logopäden, ich habe einen Kindergarten, ein freizeitpädagogisches Team und werden ‚Herr‘ der Probleme der Jugendlichen.“ Er sah das Zusammenwirken auch außerhalb wirkungsvoll, denn „Interdisziplinarität gibt einander eine Hebelwirkung, die wir nützen können.“ Zusammenreden, zusammensetzen sei wichtig, eine Schule dürfe sich nicht abschotten, Case-and-Care-Professionistinnen und -Professionisten können einen extrem wichtigen Beitrag leisten, diese müsse man ähnlich den Ergotherapeutinnen, Ergotherapeuten zur Diagnose in Kindergärten stärker einsetzen.

Prim. Dr. Dieter Furthner, Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger im Fachgebiet Kinder- und Jugendheilkunde, sah den dringendsten Handlungsbedarf darin, den Fachärzte- und Ressourcenmangel zu beheben, um Akutfälle nicht nach 24 Stunden wieder wegschicken zu müssen. Sucht-, Suizidgefährdung oder allgemein die psychische Erkrankungsgefährdung bei Jugendlichen ebbt auch nach Ende der Coronapandemie nicht einfach ab. „Es ist deutlich geworden, dass die Vulnerabilität von Kindern und Jugendlichen eine besondere Aufmerksamkeit braucht“, so Eckhard Nagel, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth. Die Politikerinnen und Politiker sind daher gefordert, „Mental Health in All Policies“ auf allen Ebenen umzusetzen, indem sie bei ihren Entscheidungen und in allen Ressorts die mentale Gesundheit der jungen Generation mitdenken.

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