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Ein gutes Bauchgefühl für die Pflege

Katarzyna Resch und Sarah Kroboth
© JANA MADZIGON

Ein gutes Bauchgefühl für die Pflege

Katarzyna Resch und Sarah Kroboth
© JANA MADZIGON

Die Massenmedien haben einen wesentlichen Anteil am Image der Pflege in der Öffentlichkeit – das ist nicht immer ein Segen. PERISKOP fragte DGKP Katarzyna Resch, MAS und DGKP Sarah Kroboth, MAS, warum sie ihren Beruf trotz – oder gerade wegen – aller Herausforderungen lieben.

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Mag. Dora Skamperls

PERISKOP-Redakteurin

Sarah Kroboths Werdegang ist ein „Klassiker“: Schon ihre Mutter war Gesundheits- und Krankenpflegerin und Kroboth wurde schon als Baby häufig auf die Station mitgenommen. So wurde sie quasi in diesen Beruf hineingeboren. Als es später darum ging, eine Berufsentscheidung zu treffen, war die Auswahl auf zwei Lebenswege fokussiert. „Entweder werde ich Polizistin wie mein Vater oder Krankenschwester wie meine Mutter“, scherzte Kroboth. Sie entschied sich letztlich für die Pflege – „eine Herzensangelegenheit“. Mit 17 Jahren kam sie in die Krankenpflegeschule nach Wien und absolvierte dort ihre Ausbildung. Danach folgte ein Jahr für die Spezialisierung in der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege. Es war von Anfang an ein positives Bauchgefühl für diesen Beruf da, das bis heute erhalten blieb.

Katarzyna Reschs Eltern wanderten aus Polen nach Österreich ein. Reschs Vater ist Mechaniker und bis heute macht es ihr Freude, mit ihm gemeinsam an Autos zu basteln. Doch das kam als Berufswunsch für sie damals nicht infrage. Die beste Freundin ihrer Mutter ist Krankenpflegerin und sie war es auch, die Resch diese Arbeit nahebrachte. Resch stieg mit dem vorklinischen Jahr in die Gesundheits- und Krankenpflegeschule ein, die sie jedoch nicht abschloss. Später war sie ein Jahr Zahnarztassistentin, wo sie auf die Möglichkeit einer berufsbegleitenden Diplomausbildung aufmerksam wurde. Sie fasste sich ein Herz, die Ausbildung wiederaufzunehmen, und ging in die Klinik Ottakring, das damalige Wilheminenspital. Die dortigen Praktika halfen ihr enorm, in die schwierige Materie einzusteigen. Die vielseitige Ausbildung mit Anatomie, Pathologie, Medikamentenlehre fesselte Resch und gab ihr unterschiedliche Perspektiven.

Wenn unsere Patientinnen oder Patienten sich beim Abschied einfach bedanken, das macht mich glücklich. Dann erkenne ich, dass ich eine sehr sinnvolle Arbeit mache.

Ausbildung mit Perspektiven

KROBOTH: Die Ausbildung in der Pflege hat sich stark verändert, schon vom Lehrplan her. Früher war die Ausbildung fachspezifischer – heute ist sie generalisiert. Das Wissen in der Medizin hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm erweitert, weshalb in relativ kurzer Zeit sehr viel Wissen aufgebaut werden muss – theoretisch und praktisch. Natürlich macht es einen Unterschied, dass der Beruf nun akademisiert ist, auch in der gesellschaftlichen Anerkennung. Die Akademisierung bietet auch mehr Möglichkeiten, sich fortzubilden und beruflich weiterzuentwickeln. Finanziell gibt es im Beruf zwischen der dreijährigen Fachausbildung und dem Bachelor keine Unterschiede und es hätte auch keinen Sinn, hier Gräben aufzumachen. Am Ende des Tages geht es um die fachlichen Kenntnisse und was ich beruflich daraus machen kann.

Sinnstiftende Tätigkeit

KROBOTH: Zu Beginn meiner Tätigkeit gab es auch Situationen, wo ich an meine Grenzen kam. Ich war damals auf einer neurologischen Station, wohin ich eigentlich nicht wollte – Hirn und Nerven, davor hatte ich enormen Respekt, das erschien mir zu kompliziert. Das Fachliche hat sich dann rasch gelöst, da ist die Praxis anders als man es sich in der Theorie vorstellt. Aber vom emotionalen Aspekt der Arbeit her gab es Situationen, die sehr belastend waren. Wir hatten schwere Fälle, wie zum Beispiel eine junge Patientin Mitte 20 mit einem Hirntumor. Da musste ich meine Mutter anrufen, weil dieses Schicksal so an mir genagt hat. Wunderschön ist es, wenn Menschen uns gesünder verlassen, als sie ankamen. Das ist das Ziel unserer Tätigkeit. Wenn unsere Patientinnen oder Patienten sich beim Abschied einfach bedanken, das macht mich glücklich. Dann erkenne ich, dass ich eine sehr sinnvolle Arbeit mache.

RESCH: Ich habe auf einer gastroenterologischen Station begonnen, mit Leber- und Darmerkrankungen, Alkoholikern. Das war ein harter Einstieg. Aber ich habe viel dabei gelernt. Ich war dann auch auf einer pulmologischen und einer neurologischen Station, wo ich sehr viele Erfahrungen machen konnte. Emotional musste ich mir mit der Zeit einen professionellen Abstand aufbauen, denn es gibt immer wieder auch hoffnungslose Fälle, Menschen, die wir nicht heilen können. Man kann sich nicht von jedem Fall gleich gut abgrenzen. Das Mitleiden mit den Betroffenen ist auch nicht gut, denn wir brauchen viel positive Kraft, unsere Patientinnen und Patienten aufzubauen, sie aus ihrem emotionalen Tief abzuholen.

Technologische Revolution

RESCH: Die Pflege hat sich parallel mit der Medizin enorm weiterentwickelt. Es gibt heute viele technische Hilfsmittel und Geräte in der Medizin, neue Technologien und medizinische Techniken. Das alles müssen wir ebenso kennen und damit umgehen. Allein in der IT bzw. medizinischen Software gab es enorme Entwicklungen, und wir müssen das auch bedienen können. Das Ziel aller Innovationen ist, dass der berufliche Alltag erleichtert wird. Parallel dazu gibt es einen gesellschaftlichen Wandel. Noch vor zehn Jahren galt die Pflege bei jungen Menschen als „cooler“ Beruf – man kann Leuten helfen, macht etwas Wichtiges, Sinnvolles –, und es ist ein krisensicherer Job. Jetzt erscheint das plötzlich ganz anders, das Ansehen des Berufs ist eklatant gesunken trotz ständig steigender Qualifikation und Anforderungen, die zu bewältigen sind. Das Image der Pflege nach außen, vor allem bei jungen Menschen, hat mit der Realität des Berufs nur sehr wenig zu tun.

KROBOTH: Nicht nur die Ausbildung, sondern auch der Beruf selbst ist seit einiger Zeit einem starken Wandel unterworfen. Manche Prozesse sind noch althergebracht und werden teils aus Tradition nicht geändert. Andere haben sich völlig verändert, beispielsweise Dokumentationssysteme und Computerprogramme. Trotzdem hängt alles von einer funktionierenden Kommunikation ab. In der Pflege wächst gerade eine neue Generation heran, die anders tickt. Da ist es besonders wichtig, die Kommunikation auf Augenhöhe zu stärken zwischen jenen, die schon lange im Job sind und den jungen Kolleginnen und Kollegen, aber auch zwischen den Hierarchieebenen.

Während der Pandemie hat sich herauskristallisiert, dass Dienstplanstabilität ein hohes Gut ist, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten – das ist unendlich wertvoll.

Grenzen des Machbaren

RESCH: Was die Berufsrechte und den Einsatz unserer Qualifikation betrifft, gibt es zumindest in Wien keine großen Einschränkungen. Je nach Ausbildung wenden wir in der Pflege alles an, was wir gelernt haben. Das ist aber von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, in manchen Bundesländern dürfen nicht alle in der Ausbildung vermittelten Kenntnisse auch ausgeübt werden – was zu hinterfragen ist.

KROBOTH: Es gibt zu wenige junge Menschen, die eine Ausbildung in der Pflege machen wollen und auch wirklich dafür geeignet sind. Deshalb gab es immer wieder Vorstöße, die Ausbildung früher, gleich nach dem Pflichtschulabschluss, beginnen zu lassen. Es gibt aber gute Gründe, warum die Altersgrenze für eine Pflegeausbildung mit 17 Jahren festgelegt wurde – einerseits gibt es dafür eine EU-Richtlinie und andererseits besitzen Jugendliche oft noch nicht die notwendige Resilienz. Es können in der Pflege Situationen auf einen jungen Menschen zukommen, die schwer zu bewältigen sind. Davor müssen wir die Jugendlichen schützen, denn sie würden vielleicht die Ausbildung abbrechen und uns verloren gehen. Das kann nicht das Ziel sein.

Image und Wirklichkeit

RESCH: Dass wir so wenige Jugendliche für die Ausbildung gewinnen können, liegt unter anderem am negativen Image der Pflege, das in den letzten Jahren von den Massenmedien aufgebaut wurde. Ich sehe das sehr kritisch. Die Medien haben zwar einen verständlichen Druck, möglichst zugkräftige Schlagzeilen zu formulieren – aber wenn damit unser komplettes Gesundheitssystem in Grund und Boden gestampft wird, haben wir ein ernstes Problem. Hier gibt es eine Verantwortung, die nicht wahrgenommen wird. Ja, Corona war dramatisch. Aber die Medien haben meiner Meinung nach weit über jedes Ziel hinausgeschossen.

KROBOTH: Andererseits könnten wir die Medien gut dafür einsetzen, wiederum Interesse bei jungen Leuten für die Pflegeausbildung zu wecken. Aber ich glaube, klassische Inseratenkampagnen werden wenig bringen. Wir erreichen junge Menschen am besten mit Storytelling, indem wir Geschichten aus unserem realen Alltag erzählen. Sie müssen das sehen und spüren, was wir tun. Wir müssen sie direkt in ihren Lebenswelten ansprechen, in bestimmten sozialen Medien. Eine Berufsentscheidung ist auch eine Bauchentscheidung – das Gefühl muss stimmen, es muss sich richtig anfühlen. So, wie es sich für mich richtig angefühlt hat damals.

RESCH: Wichtig ist die Ehrlichkeit – nicht überdramatisieren, aber auch nicht realitätsfremd sein. Wir müssen die Pflege zeigen, wie sie ist: Es ist ein toller Beruf, der aber auch sehr fordernd ist. Wenn etwas nicht gut läuft, müssen die Entscheider zeigen und dokumentieren, dass sie es verbessern werden. Das muss auch in der öffentlichen Kommunikation abgebildet werden. Mitarbeiter und Auszubildende suchen sich ihre Arbeitgeber heute aus, sie wollen in ihren Bedürfnissen wahrgenommen und ernstgenommen werden.

Bedürfnisse der Jugend erkennen

KROBOTH: Ich habe schon den Eindruck, dass versucht wird, sich an den Bedürfnissen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu orientieren – wobei es manchmal bei Versuchen bleibt. Beispielsweise wurde der Pflege seitens der Bundesregierung öffentlichkeitswirksam versprochen und dann monatelang nicht ausgezahlt. Der genannte Betrag war dann auch nicht netto, sondern brutto. Das ist respektlos und wurde dann auch in den Medien lange thematisiert.

RESCH: Während der Covid-Pandemie lag viel Verantwortung bei den Leitungsfunktionen, die Teams zusammenzuhalten. Zu sagen, verlieren wir uns nicht, machen wir gemeinsam weiter, gehen wir da gemeinsam durch. Diese wichtige Verantwortung der Teamleitungen wurde auch nicht genug geschätzt – es wurden Teams auseinandergerissen, Stationen geschlossen und wieder aufgemacht, es gab keine Stabilität. Dieses Hin und Her zerstört Teams und nagt an der Motivation. Während der Pandemie hat sich herauskristallisiert, dass Dienstplanstabilität ein hohes Gut ist, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten – das ist unendlich wertvoll. Wenn wir über die Bedürfnisse junger Kolleginnen und Kollegen sprechen, über die wachsende Bedeutung von Work-Life-Balance, dann muss klar sein, dass vor allen monetären Überlegungen die Dienstplanstabilität dafür Voraussetzung ist. Wenn aber Flexibilität verlangt wird, dann muss es auch Anreize geben.

Entscheider müssen zuhören

KROBOTH: Die Probleme sind nicht in der Pandemie entstanden, sondern waren schon vorher da – sie wurden nur deutlicher. Was über Jahre und Jahrzehnte erfolgreich ignoriert wurde, wurde nun sichtbar. Es hat keinen Sinn, wenn die dritte und vierte Reihe weiß, was zu tun wäre. Die Probleme müssen bis in die Entscheidungsebene vordringen und die notwendigen Lösungen müssen dort umgesetzt werden. Wer die letzte Unterschrift gibt, muss sich mit unserer Lebensrealität auseinandersetzen.

RESCH: Alles Geld der Welt bringt nichts, wenn ich nie zu Hause bin. Also wird mehr Geld allein unsere Themen nicht lösen, sondern es braucht daneben noch andere Maßnahmen. Allen voran Anreize für Auszubildende, Personalgewinnung, Dienstplanstabilität. Die Jungen müssen von den älteren Kolleginnen und Kollegen – vor allem in den Praktika – motiviert werden, im Beruf zu bleiben. Die Drop-outs sind zu hoch. Man muss auch aufzeigen, was sich alles in den letzten Jahrzehnten verbessert hat. Wir haben seinerzeit zu dritt 35 Patientinnen und Patienten gepflegt – das wäre heute undenkbar. Es wurde viel erreicht, und das kann eine starke Motivation für junge Menschen sein. Dann sehen sie, man wird durchaus gehört und es tut sich etwas zum Besseren.

Chancen erkennen

RESCH: Richtig, es gibt auch in der Pflege viele Möglichkeiten, wohin man sich entwickeln kann. Das wird in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt. Wir konnten uns damals nicht aussuchen, wohin wir gehen, heute ist das ganz anders. Es gibt Schnuppertage auf anderen Stationen oder sogar in anderen Krankenhäusern. Es wird viel Wert auf die Fortbildung gelegt. In der Kommunikation dieser Möglichkeiten gibt es noch viel zu tun – die jungen Menschen müssen auch darauf aufmerksam gemacht werden, ihre Selbstbestimmung muss gefördert werden. Das ist eine Aufgabe des Arbeitgebers, die nicht immer transparent wahrgenommen wird.

KROBOTH: Für mich ist es wichtig, das Bauchgefühl der jungen Leute zu wecken. Wenn sie gerne mit Menschen arbeiten, sie unterstützen und einen Abschnitt ihres Lebens verbessern wollen, dann sollen sie es tun. Auch wenn sie noch nicht wissen, wohin sie sich später weiterentwickeln, in welche Abteilung sie gehen sollen – es gibt tausende Möglichkeiten, die ihnen offenstehen. Es gibt zahlreiche Zusatzausbildungen, die auch von den Arbeitgebern bezahlt werden. Manchmal muss man einfach beginnen und sich etwas zutrauen, Mut haben und sich nicht von den Medien verwirren lassen. An der Pflege kann man viel Freude und Spaß haben.

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