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Digital Health Symposion: Das waren die Highlights

Gruppenbild
© KRISZTIAN JUHASZ

Digital Health Symposion: Das waren die Highlights

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Beim 5. PRAEVENIRE Digital Health Symposion am 20. und 21. April unter dem Motto Shape the future. Robotics – Cyber Security – AI präsentierten namhafte Expertinnen und Experten ihre wegweisenden Handlungsvorschläge für die Zukunft des Gesundheitswesens.

Mag. Dora Skamperls

Mag. Dora Skamperls

PERISKOP-Redakteurin

Ohne eine zielgerichtet aufgesetzte Digitalisierung ist ein funktionierendes Gesundheitswesen in der Zukunft undenkbar. Aber was bedeutet Digitalisierung eigentlich – gibt es dafür eine einheitliche Definition? Und wo liegen die Herausforderungen in Österreich?

Die IT in den Spitälern steckt zum Großteil in den 2000ern fest, wenn nicht in den 1990ern. Jedes einzelne Klinikum hat eigene, unterschiedliche Software-Lösungen und IT-Systeme, die kaum funktionierende Schnittstellen haben. Ärztinnen und Ärzte tippen ihre Arztbriefe mühsam selbst ein, anstatt sich den Patientinnen und Patienten zu widmen. Die Dokumentationssysteme sind extreme Zeitfresser, anstatt das Personal zu entlasten. Vor diesem Hintergrund soll in Österreich die Digitalisierung im Gesundheitswesen umgesetzt werden.

Thema mit hoher Relevanz

Der enorme Publikumserfolg des 5. PRAEVENIRE Digital Health Symposions war ein deutliches Signal für die hohe Bedeutung des Themas Digitalisierung – exemplarisch im Gesundheitswesen – für die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Wir stehen an einem bedeutenden Wendepunkt in der Gesundheitsversorgung. Die Herausforderungen verlangen effektive Lösungen. Mehr finanzielle Mittel zu fordern, ist kein kreativer Lösungsweg – denn es wurde schon viel Geld für wenig Output ver(sch)wendet. Bevor Mittel bereitgestellt werden, braucht es eine Analyse der tatsächlichen Notwendigkeiten, ein an der Machbarkeit orientiertes, effizientes Konzept und vor allem einen politischen Konsens über die Ziele und Lösungswege.

e-Health über KI bis Cyber Security

Die von Prof. DI Dr. Reinhard Riedl, Dozent an der Berner Fachhochschule, und Lisa Holzgruber, MBA, MSc, Gründerin der rotable GmbH, hochkarätig moderierte Veranstaltung versammelte Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen an zwei Tagen mit vier Themenblöcken: „Die Basis: Von eHealth nach dHealth – die datengetriebene Zukunft des Gesundheitswesens“, „Roboter – Entlastung für Pflege und Chirurgie“, „KI in der medizinischen Versorgung – durch Qualitätsmanagement zur Erfüllung ethischer Ansprüche“ und „Digitale Sicherheit und Resilienz: Notwendig für Vertrauen und entscheidend in Krisen“. Riedl betonte in seiner Begrüßung die „Notwendigkeit, die Digitalisierung anhand konkreter Beispiele aus der Praxis bis zum Ende durchzudenken.“Begleitet wurde die Veranstaltung von einem Pitch Contest junger Start-ups aus dem Digitalisierungsbereich und einer Event-App mit Live-Umfragemöglichkeit.

Von e-Health nach d-Health

In das Fachthema 1 führten unter dem Titel „Die Basis: Von eHealth nach dHealth – die datengetriebene Zukunft des Gesundheitswesens“ Dr. Florian Moosbeckhofer, Leiter der Abteilung Innovation und Digitalisierung, Wirtschaftskammer Österreich (WKO) und Priv.-Doz. Dipl.-Ing. Dr. techn. Günter Schreier, MSc, Thematischer Koordinator Digital Health am Austrian Institute of Technology und Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Biomedizinische Technik, ein. 

Florian Moosbeckhofer stellte klar: „Österreich verspielt derzeit seine Vorreiterrolle in der Digitalisierung. ELGA ist eine tolle Basis, die wir jetzt befüllen müssen.“ Investoren hätten Start-ups im Gesundheitsbereich für sich entdeckt, der zu boomen beginne. Mit der Innovation Map bietet die WKO hochinteressante Einblicke in Entwicklungen der nahen Zukunft. Eine davon, das Immun-Engineering, stehe kurz vor der Implementierung und werde u. a. die Heilung vieler Krebsarten ermöglichen. Günter Schreier betonte die Bedeutung des Patient Empowerments, der Selbstermächtigung, über ELGA und andere Systeme nicht nur die Kontrolle über die eigenen Gesundheitsdaten zu erlangen, sondern damit auch die eigene Gesundheit zu überblicken und zu verwalten. Der European Health Data Space werde sich über kurz oder lang auch für die medizinische Forschung als Segen erweisen. Österreichische Firmen seien bei Themen wie skalierbarer Datensicherheit führend. „Das sollte uns motivieren, hier aus Eigeninitiative voranzugehen“, so Schreier.

Kreative Digitalisierung

Die Fachvorträge unter dem Motto „Die Basis: Intelligente Automatisierung und kreative Digitalisierung im Gesundheitswesen“ hielten insgesamt 18 hochkarätige Speakerinnen und Speaker in drei Räumen. Das Thema „Digital Literacy 1: Patient:innen im Umgang mit Online-Informationen und DiGas – welche Unterstützungsangebote braucht es?“ wurde von Mag. Pharm. Alexander Hayn, MBA, von der WKO und Dr. Kasia Greco von der WKO kongenial bearbeitet. Hayn ortet Handlungs- bedarf bei der Zertifizierung von DiGAs, da es in Österreich keine aktive benannte Stelle gebe – man müsse dafür ins Ausland. Die derzeitigen bürokratischen Hürden seien für Kleinunternehmer und Start-ups unüberwindbar. 

Greco sieht eine wesentliche Aufgabe im klassischen Change-Management, nämlich in der Einbindung und Information aller Beteiligten – vor allem auch der Bürgerinnen und Bürger, um die Akzeptanz von DiGAs zu steigern. MMag. Michael Hackl, Digitalisierungskoordinator bei IT-Services der Sozialversicherung GmbH, sieht bei den DiGAS ebenso ein Informationsdefizit, das auch die Ärztinnen und Ärzte betrifft: „Wir müssen rascher in die Fläche kommen, um Versorgungsrelevanz zu erreichen.“

Kommunikation als Schlüssel zum Erfolg

Im zweiten Block „Digital Literacy 2: Gesundheitsfachberufe im Umgang mit digital versierten Patient:innen – welche Aus- und Weiterbildungen braucht es?“ sprachen Angelika Widhalm, Vorstandsvorsitzende Bundesverband Selbsthilfe Österreich und Priv.-Doz. Dr. Johannes Pleiner-Duxneuner, Head of I2B Lab, Roche Austria GmbH sowie Dr. Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien, Leiter Health Economics & Health Policy über ihre Positionen zur Fragestellung. „Wir müssen wieder soweit kommen, dass die Bevölkerung unumschränktes Vertrauen in das Gesundheitssystem hat“, so Widhalm. Das ließe sich unter anderem damit erreichen, dass man ältere Menschen, aber auch Kinder in die Gestaltung von DiGAs miteinbeziehe. Eine erfolgreiche Einführung von DiGAs sei vor allem auch Aufgabe der Kommunikationsexperten. Pleiner-Duxneuner schickt eine wichtige Definition voraus, denn es brauche eine klare Unterscheidung der vielgestaltigen Lifestyle- und Gesundheits-Apps, die „in diversen App-Stores herumgeistern“, von DiGAs, die erstattungsfähige, für einen bestimmten Anwendungsfall zertifizierte Medizinprodukte seien.

Dennoch sei bei der Zulassung auf schlanke Prozesse zu achten, damit die DiGAs finanziell erschwinglich bleiben. Ein wichtiges Ziel sei auch ein integriertes Versorgungsprogramm für chronisch Erkrankte, das sich nahtlos in ELGA einfüge, so Czypionka. Das Monitoring von Prozessen und Therapie-Outcomes sowie die Integration von Feedback aller Beteiligten seien dabei unumgänglich.

Neues Design für Patientenpfade

In einem anderen Setting beschäftigten sich die PRAEVENIRE Expertinnen und Experten Julia Bernhardt, MBA, CPM vom Verein SOLAR PLEXUS, Hon. Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp, MBA, Leiter der Abteilung Gesundheitspolitik, Kammer für Arbeiter und Angestellte für Niederösterreich, und Dr. Joachim Bogner, CEO Siemens Healthineers, mit dem Thema „Care Paths 1: Patient-Journeys über Institutionen hinweg – wie kann die personenzentrierte Gestaltung der Versorgungspfade gewährleistet werden?“. Rupp sieht ein zentrales Thema bei der fehlenden Therapie-Adhärenz der Patientinnen und Patienten. Damit im Zusammenhang stehe das Einhalten von gesetzlichen Standards bei der Einspeisung von Daten in ELGA. Er stellt weiter die Frage in den Raum, wie Patientenpfade in Zukunft designt und organisiert sein sollen angesichts der Tatsache, dass eine Kette unabhängig voneinander an und mit den Patientinnen und Patienten arbeitende Expertenorganisationen wie z. B. Krankenhäuser oft extreme Kommunikations- und Schnittstellenprobleme haben, was die Transaktionskostenproblematik aufwirft. 

Bogner fordert daran anknüpfend ein gut organisiertes Patient Engagement für jene Patientinnen und Patienten, die dazu in der Lage sind. Gemeinsam mit einem namhaften österreichischen Gesundheitsdienstleister habe Siemens Healthineers bereits ein fertiges und in Anwendung stehendes Patientenportal inklusive App entwickelt, das für die globale Vermarktung konzipiert ist und auf der Basis unzähliger Patienteninterviews eine optimale Patient Journey vorsieht. Bernhardt schildert die Patient Journey aus der Praxis einer integrierten Versorgung des Gesundheitsverbundes Hanusch-Krankenhaus. Zwei Pilotprojekte zu einem Patienten-Safe-Check-in und einer Befunderstellung per selbstlernender Spracherkennung sind dort in der Testphase. Das bringe enorme Entlastung der Pflege sowie Ärzteschaft von administrativen Belangen. Weiter sei ein digitales Onko-Tool in der Entwicklung, das stations- wie standortübergreifend und ergänzend zum Tumorboard alle Informationen zur Verfügung stelle. Hieraus könnten auch standardisierte Prozesse wie zum Beispiel behördliche Meldungen einfacher erfolgen.

Rückschritte vermeiden

Zum Themenkreis „Care Paths 2: Leistungs- erbringung im Spital – wie können optimale Ergebnisse der Patient:innen und effiziente, zielgerichtete Ressourcennutzung unter einen Hut gebracht werden?“ sprachen Dr. Elisabeth Zwettler, Internistin und ehemalige ärztliche Direktorin im Hanusch-Krankenhaus der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), und Priv.-Doz.in Dr.in Valerie Nell-Duxneuner, ärztliche Direktorin im Hanusch-Krankenhaus der ÖGK. Nell-Duxneuner sieht als Grundvoraussetzung für eine gelungene Digitalisierung im Krankenhaus die gemeinsame elektronische Patientenakte. ELGA müsse so strukturiert und konfiguriert werden, dass die Schnittstellen und Informationen für Ärztinnen und Ärtze standortübergreifend besser und einfacher nutzbar seien. Zwettler plädiert anhand von Praxisbeispielen von Patient Journeys für eine wohnortnahe und rasche Versorgung wie Diagnostik. Während der Pandemie sei die Zusammenarbeit auf eine neue Stufe gehoben worden, sämtliche Wiener Krankenanstaltenträger hätten engstens kooperiert und gerade mit der Digitalisierung bestehe nun große Hoffnung, dass dieses Learning fortgesetzt werde – aber auch die Sorge eines Rückfalls des Systems in „Vor-Pandemiezeiten“.

Radikale Veränderungen stehen bevor

Der Themenkreis „From Data Flow to Action 1: Nutzung von personenbezogenen Daten für Versorgung und Forschung – welche Für und Wider gibt es aus Patient:innensicht?“ wurde von den PRAEVENIRE Expertinnen und Experten Helene Prenner, MA von der ELGA GmbH, Andreas Huss, MBA, Obmann-Stv. der ÖGK, und Mag. Gabriela Pichler von Gesundheitsnetzwerk.at zusammen mit Andreas Pomberger von A1 Telekom Austria AG abgehandelt. „Bis 2030 werden fast alle medizinischen Patente, die am Pharmaziemarkt vorhanden sind, nicht mehr verfügbar sein. Die Pharmaindustrie ist ein großer Player im System, weshalb sich die Finanzierungsströme groß verändern müssen. Ein Weg wird die Digitalisierung sein, ein Weg das Thema Daten. 60 bis 70 Prozent der dann noch geschützten Patente werden genetischer oder molekularer Natur sein“, erklärt Prenner. Die Gentechnologie und die Digitalisierung werden das gesamte Gesundheitswesen grundlegend verändern. 5G werde die Umsetzung von „Remote Clinics“ ermöglichen. 

Laut einer Studie wünschten sich während der Pandemie 91 Prozent aller Befragten die Nutzung ihrer Daten für die Wissenschaft, um das Virus zu besiegen, so Prenner. 84 Prozent seien mit der Nutzung ihrer persönlichen Medikationsdaten einverstanden gewesen, um Erkenntnisse zu gewinnen. Huss stellt dar, dass „die Menschen eine große Erwartung an das System“ hätten, ihre Gesundheitsdaten unter Wahrung größtmöglicher Sicherheit bei jedem Gesundheitsdienstanbieter zur Verfügung zu haben – ob es Bilddaten, Befunde, Allergien oder Medikation seien. Gerade im niedergelassenen Bereich seien aber noch extreme Defizite in der standardisierten Einspielung von Patientendaten vorhanden, da es noch keine Diagnosecodierung gebe. Auch CT- und MR-Daten sowie Labordaten seien nicht vollständig in ELGA verfügbar, weshalb weiterhin teure Doppel- und Mehrfachuntersuchungen gemacht werden. Ärztinnen und Ärzte müssten verpflichtet werden, die Daten in ELGA zu nutzen.

Pichler und Pomberger zeigten ein Best-Practice-Beispiel mit dem Salzburger Pflegeportal, das mit dem Anbieter A1 aufgesetzt wurde. Soziale Dienste wie bspw. das Hilfswerk können aus diesem Portal die von der Hausärztin, vom Hausarzt eingegebenen Informationen direkt abrufen. Das bedeutet für Patientinnen, Patienten und Hilfsdienste eine enorme Zeitersparnis und einen Benefit in der Personalsteuerung. Pomberger betont, dass der Erfolg des Portals auch in der Einfachheit der Anwendung für alle Beteiligten liege.

Praxisnahe digitale Systeme

Der Block „From Data Flows to Action 2: Von der digitalen Fieberkurve bis zum Blistering – wie kann datengesteuerte Automatisierung die Versorgungsprozesse verbessern?“ begann mit der Keynote von der Expertin Mag. Gunda Gittler, MBA, aHPh, Leiterin der Apotheke bei den Barmherzigen Brüdern Linz, Zentraleinkauf Medikamente BHB Österreich, zum Thema automatisierte Arzneimittelversorgung. Sie leitete mit dem Bonmot „Die meisten Patientinnen und Patienten sterben an ihren Arzneien, nicht an ihren Krankheiten“ ein und konkretisierte: Die elektronische Fieberkurve der Krankenhäuser der Barmherzigen Brüder wurde maßgeblich von den Apothekerinnen und Apothekern mitentwickelt, denn sowohl eine handschriftliche Dokumentation als auch eine praxisfern programmierte Software bergen eine hohe Fehlerwahrscheinlichkeit. Eine standardisierte Medikation seitens der Pharmazeutinnen und Pharmazeuten sichere nicht nur eine hohe Qualität, sondern entlaste auch die Ärztinnen und Ärzte in den Kliniken, so Gittler.

Automatisierung mit Maß und Ziel

Dr. Anne Busch BEng MSc, Leiterin Masterstudiengang Health Care Informatics an der FH Wiener Neustadt, steuerte den akademischen Zugang mit ihrer Keynote „Datengesteuerte Automatisierung als Chance für den Versorgungsprozess – drei internationale Beispiele“ bei. Das europäische Parlament habe erhoben, dass bis 2025 das weltweite Datenvolumen auf 175 Zettabytes gestiegen sein wird, wobei ein Zettabyte einer Milliarde Terabytes entspricht. Doch seien beispielsweise bei klinischen Studien weniger als fünf Prozent aller Daten digital verfügbar – eine unhaltbare Situation für die Forschung. Doch selbst wenn die Daten vorhanden wären, stelle sich noch immer die Frage, was und wie viel im Gesundheitswesen automatisiert werden könne. Ansätze gebe es in der Patientenüberwachung, Bestandsmanagement, Laborprozesse sowie Terminplanung und -erinnerung, aber auch Abrechnung und Dokumentation. Gerade Letzteres verschlinge zu viel Zeit, die für die Patientinnen und Patienten dann fehle.

DDr. Vincent Grote, stv. Institutsleiter, Key Researcher Ludwig-Boltzmann-Institute Rehabilitation Research, schloss das Fachthema 1 „Intelligente Automatisierung und kreative Digitalisierung“ mit seiner Keynote „Gendermedizin: – Aufbau eines Health-Monitoring Systems für Frauen im Gesundheitstourismus“. Es gehe darum, die Qualitätsstandards und Erkenntnisse aus dem klinischen Betrieb auch im Gesundheitstourismus übernommen werden, insbesondere auch bei Reha-Angeboten für Frauen. Ziel sei auch der Aufbau standardisierter Kontrollgruppen, um Erfolge und Therapie-Outcomes messbar darzustellen. Umgekehrt sei es dann für die Hausärztinnen und -ärzte von Vorteil, wenn sie auf Daten und Ergebnisse der Reha zurückgreifen könnten.

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