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Ein archaisches System in die Zukunft führen

Gruppenfoto
© KRISZTIAN JUHASZ

Ein archaisches System in die Zukunft führen

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Bei einem PRAEVENIRE Gipfelgespräch im Rahmen der 8. PRAEVENIRE Gesundheitstage im Stift Seitenstetten diskutierten PRAEVENIRE Expertinnen und Experten zum Thema Herausforderungen meistern: Fachkräftemangel im Gesundheitsbereich.

Mag. Dora Skamperls

Mag. Dora Skamperls

PERISKOP-Redakteurin

Das Gipfelgespräch thematisierte eine hochaktuelle Aufgabe im Gesundheitswesen, die rasche und nachhaltige Lösungen fordert. „In Seitenstetten ist eine spezielle Energie, ein spezieller Rahmen für den Austausch. Dieses Gipfelgespräch hat auch zum Ziel, einen Schulterschluss aller Gesundheitsberufe herzustellen und gemeinsame Forderungen und Ziele zu formulieren, die in der Folge nach außen kommuniziert werden“, so Moderator Johannes Oberndorfer von der Peri Group.

Überalterung und die bevorstehende Pensionswelle der sogenannten „Babyboomer“ belasten das österreichische Gesundheitssystem schwer. Bis zuletzt standen die Pflege und die medizinische Versorgung im intramuralen Bereich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Doch andere Gesundheitsberufe sind ebenso von Personal- und Fachkräftemangel betroffen. Als Beispiel können hier die österreichischen Apotheken genannt werden: Die immer komplizierteren Rahmenbedingungen und komplexer werdenden Beratungen machen die Arbeit personalintensiver und aufwendiger. Jede Säule ist tragend.

„An dieser bunten Runde sieht man deutlich, dass das Gesundheitssystem auf vielen Säulen steht, und jede dieser Säulen benötigt Nachwuchs. Es sind immer mehrere Gesundheitsberufe an einem Krankheitsfall beteiligt. Alle Säulen sind tragend und sie sind alle miteinander vernetzt“, stellt Mag. pharm. Thomas W. Veitschegger, Präsident des Österreichischen Apothekerverbandes, in seiner Keynote dar. Derzeit fehlen in Österreich 350 Apothekerinnen und Apotheker, was durch die hohen Drop-out-Raten und eine veränderte Einstellung zur Work-Life-Balance noch befeuert werde, so Veitschegger. Diese Zahl werde sich, wenn sich nicht radikal etwas ändert, in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Veitschegger schildert den Alltag eines Apothekers bzw. einer Apothekerin: Frühmorgens begebe man sich auf die Suche nach wieder lieferbaren Medikamenten; falls diese weiter nicht lieferbar seien, laufe in enger Abstimmung mit der Ärzteschaft die Recherche weiter nach Ersatzprodukten, und falls diese auch nicht vorhanden seien, würde man sich bemühen, Einzelwirkstoffe am Markt im In- oder sogar Ausland zu beschaffen, um magistral zu erzeugen. Auch diese seien oft nicht einfach zu bekommen.

Lösungsmodelle auf den Boden bringen

Als Lösungsmodelle für die derzeitige prekäre Personalsituation bei den Apotheken habe man im Apothekerverband folgende Punkte überlegt: 1. Evaluierung gemeinsam mit anderen Gesundheitsberufen, wo es Überschneidungen bzw. Deckungen gibt; 2. Werbekampagnen, um junge Menschen in die Ausbildungen zu bringen; 3. Herantreten an die Politik, um bessere Rahmenbedingungen zu schaffen und Bewusstseinsbildung schon in den Schulen zu fördern; 4. Anwerben qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland; 5. Effizienzsteigerungen, auch um Ärztinnen, Ärzte zu entlasten, bspw. Impfen in Apotheken. Mit einer „Schaun wir mal, wird schon werden“-Mentalität werde man nicht mehr weiterkommen, schließt Veitschegger seine Keynote.

Wir verhindern die Entstehung von Gesundheitskompetenz systemisch.

Digitalisierung dringend nötig

Dr. Bernhard Rupp, MBA, Leiter der Abt. Gesundheitspolitik der AK Niederösterreich, sieht viele neue Herausforderungen auf die Apotheken zukommen. Bei chronisch Erkrankten wie z. B. Patientinnen und Patienten mit Diabetes werde in Zukunft eine Beratungsleistung zum Lifestyle und Ernährung zum Teil auch von den Apotheken abgedeckt werden – derzeit wird diese nur durch Spitäler und die Hausärztinnen und Hausärzte durchgeführt. Digitale Systeme würden in Zukunft gleichzeitig entlasten.

Dazu merkt Mag. Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes, an, dass es zwar eine nicht immer vollständige „Shortage List“ gebe, aber Patientinnen bzw. Patienten keinerlei Information hätten, wo welche Medikamente verfügbar seien. Sie habe wenig Verständnis dafür, dass die EDV derzeit lediglich eine Krücke sei und nicht wesentlich effizienter genutzt werde.

Karrieremodelle zur Attraktivierung

Constance Schlegl, MPH, Präsidentin Physio Austria – Berufsverband der Physiotherapeut*innen Österreichs, sieht es als wichtige Aufgabe, die 17.000 Physiotherapeutinnen und -therapeuten in Österreich im Hinblick auf ihre therapeutischen Funktionen digital zu erfassen. Physio Austria sei dabei, die Versorgungswirksamkeit zu erheben – „wie viele Köpfe leisten welche Versorgung, das wissen wir de facto nicht. Das ist aber ganz wesentlich, um Versorgungsplanung adäquat entlang der demografischen Entwicklung machen zu können, an Populationen orientiert – für Kinder und Jugendliche, für ältere Menschen, chronisch Erkrankte etc.“ Integrierte Versorgungsmodelle müssen ausgebaut, Praktika im niedergelassenen Bereich analog zu anderen Gesundheitsberufen finanziert werden. Es brauche auch Karrieremodelle mit Entwicklungschancen, um die Gesundheitsberufe attraktiver zu machen, so Schlegl. So sieht es auch Mag. Silvia Rosoli, Abteilungsleiterin Gesundheitsberuferecht und Pflegepolitik der AK Wien: „Über alle Gesundheitsberufe hinweg sind Karrieremodelle und die Durchlässigkeit der Karrierechancen – vertikal und horizontal – eines der dringendsten Anliegen, die wir haben.“ Die Akademisierung müsse vorangetrieben werden. Man dürfe in der Gesundheitspolitik nie von Kosten sprechen, sondern von Investitionen in die Menschen. Je besser die Ausbildung und je höher die Kompetenzen der Gesundheitsberufe seien, umso besser werde die Versorgung der Bevölkerung gewährleistet.

Berufskompetenzen erweitern

Mag. Gabriele Jaksch, Präsidentin MTD- Austria, erzählt über das Projekt Linked Share, das alle Gesundheitsberufe auch außerhalb der Krankenanstalten digital vernetzen soll. Sie sieht ebenso bei ELGA Handlungsbedarf, denn es sei aus Sicht der Betroffenen nicht zu verstehen, warum Patientinnen, Patienten bspw. ihre Befunde physisch zur Physiotherapie mitbringen müssten, nur weil es nicht für alle Gesundheitsberufe einen Zugang zum System gebe. Auch im Hinblick auf die Berufskompetenzen sieht Jaksch dringenden Handlungsbedarf, denn Gesundheitsberufe würden in ihrer Ausbildung Kompetenzen erwerben, die sie dann vom Gesetz her nicht in ihrem Beruf ausüben dürften. Es könne im Zeitalter der Digitalisierung nicht sein, dass Patientinnen, Patienten sinnlos im Kreis geschickt werden, so Jaksch. Dazu merkt Thomas W. Veitschegger an: „Während Corona ist alles erlaubt gewesen, was Gott verboten hat – plötzlich wurde niemand im Kreis geschickt, mit dem Effekt, dass bei geringeren Kosten für Patientinnen, Patienten ein unbürokratischer Zugang zu Leistungen möglich wurde.“

Prof. (FH) Markus Golla, BScN, MScN, Institut für Pflegewissenschaft/Studiengangs- leitung Gesundheits- & Krankenpflege, IMC FH Krems, betont, dass Gesundheitsberufe in ihrer Ausbildung mit einer Vielzahl an Kompetenzen ausgerüstet werden, die sie dann aufgrund eines „archaischen Systems“ nicht ausüben dürften, das auf althergebrachten Rollenbildern aufgebaut sei – dies erzeuge Frustration und die Frage, ob sie im richtigen Beruf seien. So gehen dem Gesundheitssystem viele hochkompetente Kräfte verloren.

Schon in den Schulen ansetzen

Dr. Erwin Rebhandl, Allgemeinmediziner in der Primärversorgungseinheit (PVE) Haslach, erzählt, schon in seiner Ausbildungszeit vor 42 Jahren habe man vom Ärztemangel gesprochen. Durch die Aufstockung der Studienplätze und eine massive Werbekampagne sei es in der Folge zu einem Überschuss an Ärztinnen, Ärzten gekommen, woraufhin Studienplätze ohne Bedarfserhebung und die Einbeziehung der demografischen Entwicklung wieder reduziert wurden. Rebhandl zeigt am Beispiel der PVE, dass Teamarbeit in der Medizin – ohne unnötig starre Grenzen in Bezug auf Zuständigkeiten – in der Ausbildung in den Vordergrund rücken müsse.

Vieles scheitere schon daran, dass Universitäten und Fachhochschulen keine gemeinsamen Lehrveranstaltungen durchführen dürften. Die Politik müsse die in der Ausbildung erworbenen Kompetenzen endlich mit der Gesetzeslage zur Deckung bringen. Schon im schulischen Bereich sei es sinnvoll, analog zu Sportschwerpunkten oder wirtschaftlichen Schwerpunkten den Schwerpunkt „Gesundheit und Soziales“ auszubauen.

Mit einer ‚Schaun wir mal, wird schon werden‘-Mentalität werden wir nicht mehr weiterkommen.

Übergangsstrukturen schaffen

Elisabeth Potzmann schildert, dass es zwei Ansatzpunkte gebe: Einerseits würde mehr Personal benötigt, andererseits müsste der Bedarf an Personal in den Gesundheitsbetrieben insgesamt reduziert werden. In Bezug auf die Erweiterung der Kompetenzen warte man derzeit auf die Spezialisierungsverordnung. Grundsätzlich würde das System jungen Menschen weitgehend alles bieten, was sie sich wünschen, doch müssten die Rahmenbedingungen so in Richtung Selbstermächtigung und Flexibilität verändert werden, dass sich nicht mehr so viele von ihnen in die Freiberuflichkeit verabschieden. Auch habe man „das Thema PVE viel zu lange schleifen lassen“, so Potzmann. „Wir brauchen eine abgestufte Versorgung – derzeit haben wir die hausärztliche Versorgung, dann nichts und dann die teuerste Versorgungsform, das Krankenhaus. Dazwischen fehlt ganz viel.“ Potzmann erwähnt neben den PVE und Erstversorgungsambulanzen (EVA) auch Übergangsstrukturen wie „Nursed-led clinics“, die in anderen Ländern gut etabliert sind. Zur Erhebung des Bedarfs an Pflegepersonal sei eine tagesaktuell geführte Datenbank erforderlich, die es zurzeit nicht gebe.

Weiter konstatiert Potzmann: „Wir brauchen viel mehr Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung.“ Auch im System seien so viele Barrieren eingebaut, die Misstrauen gegenüber den Patientinnen und Patienten signalisieren, sodass gar keine Gesundheitskompetenz entstehen könne. „Wir verhindern die Entstehung von Gesundheitskompetenz systemisch“, so Potzmann.

Transparente Personalplanung

Silvia Rosoli wünscht sich eine transparente Personaleinsatzplanung, die zentral pro futuro, aber auch nachher noch auf der Homepage einsehbar sei. Dies sei ein wichtiges Asset eines Hauses, anhand dessen sich Personal für eine Bewerbung entscheiden würde. Damit könne man Personalfluktuation aktiv entgegenwirken. Auch sei ein automatischer Abgleich der Registrierungsdatenbank mit der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) sinnvoll, um tatsächlich tagesaktuell über die Personalsituation Bescheid zu wissen.

Marion Hackl, Präsidentin Ergotherapie Austria, bestätigt dieses Manko auch für die Therapeutinnen und Therapeuten. Es sei durchgehend weder im Spitalsbereich noch im Primärversorgungsbereich transparent, wie viele Ergotherapeutinnen und -therapeuten aktiv seien bzw. benötigt würden.

Auch von einer Erhebung der geleisteten Arbeitszeiten des selbstständig tätigen Personals und einem Schlüssel, wie viel Personal erforderlich ist, sei man weit entfernt. Außerdem sei es zwar schön, wenn Menschen früher aus dem Krankenhaus entlassen werden können, doch ohne weitere Versorgung durch entsprechende Therapien würden die Patientinnen und Patienten wieder rückfällig. Um die Beratung und Versorgung sicherzustellen, benötigt es nicht nur für das Gesundheitspersonal, sondern auch für Patientinnen und Patienten Anreizsysteme – im Hinblick auf eine gesteigerte Gesundheitskompetenz – wie den Best-Agers-Bonuspass.

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