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Aufklärung, Gesundheitskompetenz und Prävention als Schlüsselelemente des Gesundheitssystems

Fiona Fiedler
© LUDWIG SCHEDL

Aufklärung, Gesundheitskompetenz und Prävention als Schlüsselelemente des Gesundheitssystems

Fiona Fiedler
© LUDWIG SCHEDL

Das Gesundheitssystem in Österreich steht vor dem Kollaps. PRAEVENIRE Expertinnen und Experten erarbeiteten in den letzten Jahren zu vielen anstehenden Problemen praktische Handlungsempfehlungen. Die Bundesregierung zeigt Reformwillen und ist einigen Ideen bereits gefolgt. Doch es bleibt noch mehr zu tun. PERISKOP sprach mit der Gesundheitssprecherin der NEOS, Fiona Fiedler, über die Ziele ihrer Partei für das Gesundheitswesen.

Rainald Edel, MBA

Rainald Edel, MBA

Periskop-Redakteur

Die geborene Kärntnerin Fiona Fiedler wuchs in Salzburg auf. Nach der Matura absolvierte sie das Salzburger Kolleg für Tourismus in Kleßheim und die Ausbildung zur Volksschullehrerin an der Pädagogischen Hochschule Steiermark. Fiedler gehört seit 2019 als steirische Abgeordnete dem Nationalrat an und fungiert im NEOS Parlamentsclub als Bereichssprecherin für Menschen mit Behinderungen und Tierschutz. Seit Ende 2021 ist sie zudem Gesundheitssprecherin der NEOS.

PERISKOP: In vielen ländlichen Regionen gibt es immer weniger ärztliche Versorgung im niedergelassenen Bereich. Welche Konzepte erachten Sie als sinnvoll, um die Primärversorgung nachhaltig zu sichern?

FIEDLER: Es wäre wünschenswert, wenn der Aufbau der Primärversorgungszentren schneller vorangehen würde. Allerdings ist deren Gründung noch immer sehr bürokratisch. Auch das Zusammenfinden von drei Ärztinnen und Ärzten als Gesellschafter eines Primärversorgungszentrums gestaltet sich in der Praxis als schwierig. Daher sind wir der Meinung, dass die Gründung auch andere Gesundheitsberufe übernehmen könnten, sofern ausreichend Ärztinnen und Ärzte zur Verfügung stehen. Diese müssen nicht unbedingt Gründungsmitglieder sein, sondern könnten auch nur angestellt sein. Denn nicht jede Ärztin, jeder Arzt möchte eine wirtschaftliche Verantwortung und Leitung übernehmen. Auch sollte das Kernteam einer Primärversorgungseinheit (PVE), das derzeit nur aus der Ärztin, Arzt, Pflegefachkraft und Ordinationsassistenz besteht, deutlich breiter definiert sein und allen Gesundheitsberufen offenstehen. Die Zusammensetzung eines PVE-Teams sollte sich am regionalen Bedarf und der Ausrichtung der jeweiligen Ordination orientieren.

Daneben sollte aber auch die klassischen Einzelordinationen weiter bestehen bleiben. Um für diese Versorgungsform genügend Ärztinnen und Ärzte zu begeistern – vor allem in den ländlichen Gebieten, muss man die Kassenverträge attraktiver gestalten. Denn es kann das Einkommen nicht an der Quantität der Patientenabfertigungen bemessen werden, sondern es muss die Qualität der Versorgung im Mittelpunkt stehen. Um die Versorgung nachhaltig abzusichern, müssen wir schon viel früher ansetzen, nämlich bei den Aufnahmekriterien für das Medizinstudium. Statt hier auswendiggelerntes, faktisches Wissen abzuprüfen, sollte die menschliche Eignung und die soziale Kompetenz viel stärker im Vordergrund stehen.

Zudem brauchen wir auch eine bessere Steuerung über die diversen Fachrichtungen der Medizin, um die Personalengpässe in den derzeitigen Mangelfächern zu beheben. Hier muss schon während des Studiums angesetzt und junge Menschen für diese Fachrichtungen begeistert werden.

Die Digitalisierung im Gesundheitsbereich tritt in Österreich weitgehend auf der Stelle. Als Grund hört man oft, dass einer Lösung der Datenschutz im Weg stünde – allerdings sind andere Länder, wie die skandinavischen Staaten schon viel weiter. Muss man bei uns umdenken?

Ich glaube, dass man den Menschen die Datenpanik nehmen und in Gesprächen und Aufklärungskampagnen erklären muss, worin die Vorteile bestehen, wenn man seine Gesundheitsdaten zur Verfügung stellt. Natürlich gehört dazu, die Bevölkerung darüber aufzuklären, was mit den Daten geschieht, wie die Anonymisierung erfolgt und was das praktisch bedeutet.

Wichtig ist dabei auch, anhand verständlicher Beispiele zu vermitteln, dass die Daten ursächlich zur Verbesserung der Gesundheit beitragen und im Endeffekt jedem einzelnen wieder zugutekommen. Dennoch muss es weiterhin dem einzelnen Menschen überlassen bleiben, so es tagtäglich auch in anderen Lebensbereichen üblich ist, zu entscheiden, welche Daten er freigibt und welche nicht. Und der Datenschutz muss natürlich immer sichergestellt sein.

Natürlich kann man sich von den skandinavischen Staaten und auch aus anderen Ländern immer ein wenig abschauen. Aber schlussendlich braucht es den Mut zu sagen: Wir verwenden die Daten, es passiert euch nichts.

Österreich hat mit ELGA seit einigen Jahren ein elektronisches Basissystem für die Gesundheitsversorgung, das allerdings, so die Kritik von Anwendern und Patientenseite, noch einige Schwachstellen hat. Welche Ausbaupläne gibt es dazu?

ELGA ist eine hervorragende Plattform, die viel zu wenig genutzt wird bzw. der bislang zu wenig Möglichkeiten eingeräumt wurde. In Hinblick auf den von der EU-Kommission in Aussicht gestellten europäischen Raum für Gesundheitsdaten (EHDS) gehört das System dringend angepasst. Ebenso müssen rasch auch Wahlarztpraxen an das System angebunden werden, denn diese sind längst versorgungsrelevant und oft die einzige Möglichkeit für Patientinnen und Patienten rasch zu einem Behandlungstermin zu kommen. Aber auch alle anderen Gesundheitsberufe brauchen den Zugang zu ELGA.

Inwieweit sollen anonymisierte Gesundheits- und Patientendaten, die es teils ja schon gäbe, für Auswertungen zur Verfügung stehen, beispielsweise für die Forschung oder für die besseren Planung im Gesundheitswesen?

Je mehr Daten wir zur Forschung zur Verfügung haben, umso bessere Ergebnisse bekommen wir. Gerade im Bereich der seltenen Erkrankungen aber auch in vielen anderen Krankheitsbildern, die noch nicht ausreichend erforscht sind, braucht es Daten. Das sind, wie schon zuvor erwähnt, auch jene Beispiele, die man im Rahmen einer Aufklärungskampagne anführen muss.

Ein Dauerbrenner im Fokus der Medien ist der Bereich der Pflege und Betreuung. Was bleibt nach den neuesten Änderungen der Pflegereform noch offen?

Wir brauchen ein größeres Miteinander und mehr Wertschätzung unter den Gesundheitsberufen. Man muss weg vom bisherigen Ständedenken und die Gesundheitsberufe als multiprofessionelles Team erkennen. Die Gesundheitsberufe müssen sich ihre Kompetenzen auch gegenseitig zugestehen. Zur Abdeckung des Pflegebedarfs brauchen wir noch dringend Kräfte aus dem Ausland. Allerdings, wenn wir permanent hervorkehren, wie schlimm die Zustände in der Pflege sind, wird das weder Fachkräfte aus dem Ausland anlocken noch im Inland Personen animieren in diesen Bereich zu gehen. 

Wir müssen auch echte Anreize schaffen und dürfen uns nicht nur mit verbalen Lob gegenüber den Pflegekräften begnügen. Dazu gehören neben finanziellen Anreizen – vor allem in der Basisentlohnung – eine bessere Planbarkeit der Einsatzzeiten. Bei Pflegekräften aus dem Ausland müssen wir aber auch die Hürden abschaffen, damit diese einfacher zu uns kommen und in den Bereichen arbeiten können, in denen sie ausgebildet sind. Sonst gehen diese in andere Länder, mit besseren Bedingungen. Problematisch sehe ich die Pflegelehre, da ich glaube, dass ein 15- oder 16-jähriger Mensch schlichtweg zu jung ist, mit den Anforderungen, den der Umgang mit pflegebedürftigen Menschen mit sich bringt, zurechtzukommen. Zudem braucht es zusätzliches Personal, das diese Jugendlichen auch anleitet. Diese Personalreserve haben wir momentan nicht.

Auch die mit der neuen Pflegereform hinzugekommene Möglichkeit, dass eine 24-Stunden-Pflegekraft nunmehr für drei Personen zuständig sein kann, ist in der Praxis eher problematisch zu sehen. Komplett vernachlässigt wurde bei der Reform auch die niedergelassene Pflege vor Ort. Hier bräuchte es dringend einen entsprechenden Leistungskatalog und ein Überdenken derzeitiger Zuständigkeiten und Strukturen, um effizient und praxisgerecht zu arbeiten.

Im PRAEVENIRE Jahrbuch fordern die Expertinnen und Experten, alle vom Nationalen Impfgremium empfohlenen Impfungen kostenlos zu ermöglichen. Weiter besteht die Forderung, Impfungen beispielsweise in den Apotheken durchzuführen. Denken Sie, es ist möglich, die Impfbereitschaft durch Aufklärung und solche niederschwelligen Angebote zu erhöhen?

Impfungen sind wichtig und wir haben gute Erfolge mit den zur Verfügung stehenden Impfstoffen. Man darf auch nicht vergessen, dass gerade die Kinderimpfungen dazu beigetragen haben, etliche Erkrankungen auszurotten. Je niederschwelliger man impfen kann, umso besser ist das für die Impfbereitschaft. Ich glaube, dass man durchaus alle in Österreich zugelassenen Impfungen in ein kostenloses Erwachsenenimpfprogramm gepackt werden sollten. Auch hier braucht es massive Aufklärungsprogramme und Informationen, was für Impfstoffe verimpft werden, was diese bewirken. Man muss den Menschen auch wieder die Angst nehmen bzw. Mythen widerlegen. Angesetzt werden muss die Aufklärung zu Impfungen bereits ab dem Kindergartenalter.

Und wenn man schon den Impfstoff in der Apotheke kaufen muss, dann kann ich mich doch gleich dort auch von einer Person impfen lassen, die dazu ausgebildet ist. Zumal auch die Impfausbildung von Medizinerinnen und Medizinern nicht gerade umfangreich ist. Im Endeffekt muss es im Interesse aller sein, dass sich Menschen impfen lassen und somit dem Gesundheitssystem Behandlungskosten ersparen. Idealerweise geht ein Erwachsenenimpfprogramm auch Hand in Hand mit dem digitalen Impfpass. Aber auch in der bewährten Papierform lassen sich Impfschemata entsprechend abbilden.

Wie sieht das Spital der Zukunft für Sie aus – Stichworte Ambulantisierung und Bettenzahl bzw. Bettenfunktion?

Auch hier ist der entscheidende Faktor die Gesundheitskompetenz. Denn wenn man weiß, was in einem Problemfall zu tun ist und in welchen Fällen der niedergelassene Bereich helfen kann, wird der Spitalsbereich entlastet. Wir müssen daher die Gesundheitshotline 1450 wieder in ihrer ursprünglichen Funktion ins Bewusstsein der Bevölkerung bekommen. Auch braucht es einen Ausbau des niedergelassenen Bereichs, damit dieser auch gut und niederschwellig für die Versorgung zur Verfügung steht. Monatelange Wartezeiten auf Kassenleistungen, wie derzeit in vielen Fällen üblich, oder das faktische Abdrängen in den Wahlarztbereich, tragen sicher nicht zu einer Verlagerung in den extramuralen Bereich bei.

Es müssen aber auch in den Krankenhäusern die Strukturen und Bettenanzahlen so angepasst sein, dass temporäre Spitzen abgefangen werden können, etwa durch einen Kapazitätsausgleich innerhalb Österreichs. Am besten wäre, ein europaweiter Ausgleich, indem sich die Länder bei Engpässen gegenseitig mit Personal aushelfen können.

Es muss vernünftigerweise auch jetzt mit einer planmäßigen Ausbildung des Personals begonnen werden und das Gesundheitssystem generell wieder gesund und so auszurichten, dass jede und jeder wieder gern in diesem arbeitet.

Ein Bereich, der in der öffentlichen Debatte aber auch in den Fachdiskussionen kaum eine Rolle spielt, sind die Erkenntnisse über die Möglichkeiten der konservativen Therapie bzw. der präoperativen Rehabilitation. Nützen wir hier mögliche Potenziale nicht?

Das österreichische Gesundheitssystem neigt dazu, in alten Mustern verhaftet zu bleiben. Dazu kommt noch das Abrechnungssystem nach LKF, das innovative Leistungen nicht nur nicht berücksichtigt, sondern indirekt sogar straft. Denn kürzere oder andere Therapieformen wie im System vorgesehen, erzielen nicht die entsprechenden Leistungspunkte und damit sinkt die Vergütung. 

Wir müssen viel mehr die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten in den Blick bekommen. Denn wenn es die Chance gibt, jemanden mit einer punktuell teuren, aber kurzen Therapie wieder in den Erwerbsprozess zurückzubringen, ist das volkswirtschaftlich natürlich besser als lange, billige Dauermedikationen und Erwerbseinschränkungen zu finanzieren. Wobei letzteres ein anderes Ministerium betrifft und somit für das Gesundheitssystem keinen Anreiz darstellt. Aber damit es erst gar nicht zu einer Operation kommt, müssen wir die Prävention stärken – das muss die vorrangigste Aufgabe sein. Allerdings wissen wir in Österreich nicht einmal, welche Vorsorgeprogramme existieren – da hoffen wir auf eine parlamentarische Anfrage, die wir als NEOS eingebracht haben. Prävention geht aber auch Hand in Hand mit Aufklärung und der Stärkung der Gesundheitskompetenz.

Ein aktuelles Thema ist die Arzneimittelversorgung in Österreich. Auch hier hat das Bundesministerium kürzlich seine Ideen präsentiert. Bringen diese Ihrer Meinung nach eine nachhaltige Lösung? Was wären Ihre Ansätze zu diesem Thema?

Ich denke wir müssen unser Erstattungssystem und die Preisfindung überdenken. Denn wenn sich der Erstattungspreis durch die Sozialversicherungsträger auf Basis des EU-Schnitts Minus eines Abschlags von 6,5 Prozent berechnet, ist es für Pharmaunternehmen nicht sonderlich attraktiv, hier Medikamente anzubieten. Daher werden andere Länder, die bereit sind mehr zu zahlen, bevorzugt. Es bräuchte auch mehr Transparenz und Aufklärung für die Bevölkerung, wie teuer die Entwicklung eines Medikamentes ist und welche Leistungen dahinterstecken, bis die Patientin, der Patient ein Arzneimittel in Händen hält. Notwendig wäre jetzt die Bereitschaft Österreichs zu sagen, wir lassen uns das etwas kosten, weil sonst bekommen wir irgendwann gar nichts mehr.

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