Bereitschaft für COVID-19-Impfungen beruht auf Vertrauen

© Krisztian Juhasz

Bereitschaft für COVID-19-Impfungen beruht auf Vertrauen

© Krisztian Juhasz

Die Gewährleistung der Gesundheit der Bevölkerung ist das Produkt einer Vielzahl von Aktivitäten in der Gesellschaft. Das reicht von sozialen Bedingungen bis zur Spitzenforschung. Bei den PRAEVENIRE Gesundheitstagen 2022 im Stift Seitenstetten wurde hier ein breiter Bogen gespannt. Ein wesentlicher Teil: Impfungen bzw. neue innovative Vakzine. Entscheidend ist aber auch die Sicherstellung der Akzeptanz dieser Mittel in der Bevölkerung. | von Wolfgang Wagner

Eine Lanze für die Spitzenforschung brach Univ.-Prof. Dr. Christoph Huber, Hämatologe und Onkologe sowie Co-Begründer von BioNTech, jenem Unternehmen, das gemeinsam mit dem US-Pharmakonzern Pfizer einen der ersten COVID-19-Impfstoffe entwickelt hat und die mRNA-Technologie in Zukunft speziell in der Onkologie etablieren will. „Akademische Forschung als Innovationsmotor“, so der Titel von Hubers Ausführungen. Dafür sprechen viele Fakten. „Wo kommen innovative Medikamente her, von denen auf globaler Ebene pro Jahr 20 bis 30 neu zugelassen werden? Sie kommen nicht mehr von Big Pharma. Sie kommen zu 70 Prozent oder mehr aus der Academia und aus ausgegründeten Unternehmen. Die Universitäten sind die Brutstätten für Talente und Innovation“, sagte Huber.
Biotech-Unternehmen führen die frühe Entwicklung und die klinische Validierung durch.
Die Funktion von Big Pharma liegt in den späteren Phasen der Entwicklung von Innovationen, in der Marktzulassung und der globalen Vermarktung. Der Wissenschafter und Unternehmensmitbegründer führte hier Projekte von BioNTech als Beispiele an: unter anderem
ein Tumorvakzin mit sogenannten „shared Antigenen“, die nicht mutiert bei Patientinnen
und Patienten mit einem bestimmten Tumortyp vorhanden sind. Das sollen Tumorimpfstoffe „off the shelf“ (FixVac) werden. Das iNeST-Projekt von BioNTech hingegen zielt auf ein hoch individualisiertes Krebsvakzin ab, welches bis zu 20 Neo-Antigene individueller Patientinnen und Patienten anpeilen soll.

Akademische Forschung ist der Innovationstreiber. 70 % der innovativen Medikamente kommen aus der Academia oder Spin-Off -Unternehmen.

Christoph Huber

Die jüngsten Erfolge: Niederländische Wissenschafterinnen und Wissenschafter konnten
mit CAR-T-Zellen, welche Claudin-6-Oberflächenmolekül-positive Zellen (CLDN6) – zum
Beispiel bei Hoden-, Eierstock- und Endometriumkrebs – erkennen und einem CAR-Vac-Impfstoff vom COVID-19-Impfstoff-hersteller BioNTech (Mainz) eine massive Verstärkung der CAR-T-Zellantwort erreichen. In einer Phase-I-Studie mit 14 Patientinnen und Patienten mit solchen Tumoren konnte nach sechs Wochen bei 6 Teilnehmenden eine partielle Remission und bei 5 Kranken eine Stabilisierung der Erkrankung erreicht werden. Nach 14 Wochen wies ein Proband eine komplette Remission auf.

Mega-Herausforderung: COVID-19

Wie kommt es zu Impfempfehlungen? Diese Frage beantwortete Univ.-Prof. Dr. Wiedermann-Schmidt (MedUni Wien), Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Vakzinologie. Das Nationale Impfgremium Österreichs hat immerhin seit Beginn der COVID-19-Pandemie in mehr als 50 Expertensitzungen jeweils aktuell die Situation beraten, Empfehlungen und Vorschläge gemacht. Die Expertin stellte die Organisationsformen in Deutschland und Österreich gegenüber. Ursula Wiedermann-Schmidt ist einerseits Leiterin des Nationalen Impfgremiums, andererseits auch Mitglied der Ständigen Impfkommission des deutschen Robert Koch-Instituts.
Die Expertin: „Das Nationale Impfgremium ist ein reines Beratungsgremium. Wir haben nicht die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen. Die Ständige Impfkommission in Deutschland kann Entscheidungen treffen. Die Politik hat sie umzusetzen.“ In der Bekämpfung der COVID-19-Pandemie sei von Beginn an extrem schnelles Handeln notwendig gewesen. „Wir hatten eine sehr intensive Zeit. Wir mussten ständig lernen und tun das jetzt noch, was zum Beispiel die langfristige Wirkung der Impfung betrifft“, sagte die Wiener Vakzinologin.

Mit dem Aufkommen von COVID-19 waren im Grunde zahllose Fragen zu klären. Beim
SARS-CoV-2-Erreger beispielsweise Infektiosität, Übertragungswege, Vorkommen verschiedener Serotypen. Die Infektiologie beschäftigte sich mit Krankheitslast, Inzidenz, Letalität, Therapie und Risikogruppen. Rund um die Impfstoffe ging es um Sicherheit, Wirksamkeit/Immunogenität, Schutzdauer etc. „Gleichzeitig musste eine Impfstrategie entwickelt werden“, sagte die Expertin.
Die Entwicklung der COVID-19-Vakzine binnen weniger Monate war ein enormer Erfolg. Gleichzeitig stellte sich aber auch heraus, dass es sich bei SARS-CoV-2 um ein „bewegliches Ziel“ handelt. Die ständig auftretenden Mutationen veränderten das Virus. „Beim Wuhan-Virus steckte eine Person im Durchschnitt 2,3 bis 2,6 andere Menschen an. Bei der Delta-Variante waren es schon fünf bis acht, bei Omikron 18 weitere Infizierte. Das ist infektiös wie die Masern. Damit haben sich die Rahmenbedingungen für Entscheidungen ständig geändert. COVID-19 ist ein Chamäleon“, sagte die Leiterin des Nationalen Impfgremiums Österreichs.

Schon am Beginn der Pandemie sei klar gewesen, dass es zunächst um den Schutz der am meisten Gefährdeten – betagten Menschen und Personen mit Risikofaktoren gehen müsse. An zweiter Stelle stand der Schutz des Gesundheitspersonals, schließlich habe man
eine Priorisierung bei den Impfungen nach dem dringendsten Bedarf durchführen müssen. „Wir haben zunächst nicht gewusst, wann es welche Impfstoffe geben wird und wie groß die zur Verfügung stehenden Mengen sind“, sagte Ursula Wiedermann-Schmidt.

Wir hatten als Nationales Impfgremium eine sehr intensive Zeit. Die dritte Teilimpfung schützt weiterhin zu 86 Prozent vor Hospitalisierung durch COVID-19.

Ursula Wiedermann-Schmidt

Auch zu Fehleinschätzungen sei es bei allen Bemühungen um möglichst exaktes Wissen gekommen. Die Vakzinologin: „Mit der Zulassung des ersten Impfstoffes und der Erhältlichkeit ab 27. Dezember 2020 hat man angenommen, die Pandemie sei bald vorbei.“ Es kam anders – und die Menschheit musste auch lernen, dass die Vakzine bei drei Teilimpfungen im richtigen Abstand weiterhin hochwirksam in der Verhinderung von schweren COVID-19-Erkrankungen und Todesfällen sind, jedoch beim Schutz vor einer Infektion Schwächen aufweisen. Vorübergehend sei es zu einer „Schockstarre“ gekommen, als erste Todesfälle im Zusammenhang mit der
Impfung registriert wurden. Doch binnen kürzester Zeit konnten Risiko, Diagnose und Therapie bei sehr seltenen schweren thrombotischen Komplikationen gesichert werden.
„Die dritte Impfung schützt weiterhin zu 86 Prozent vor einer Hospitalisierung bei einer Erkrankung. Drei Teilimpfungen sind notwendig, um eine stabile und breite Immunantwort zu bekommen. Sie verbreitern das B-Zell-Repertoire. Aber das ist bei den meisten anderen Impfungen auch so der Fall“, resümierte die Expertin. Bei mittlerweile mehr als 11 Milliarden verimpften Vakzin-Dosen sei klar: Die COVID-19-Impfstoffe sind reaktogener als andere Routineimpfstoffe. Sie sind aber auch sicher und wirksam in der Verhinderung von schweren Erkrankungen.

Auf die Akzeptanz kommt es an

„Warum Wirksamkeit alleine nicht ausreicht – Impfverhalten psychologisch betrachtet“,
lautete das Thema von Dr. Barbara Schober vom Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung der Universität Wien. Die Impfstoffentwickler können noch so wirksame und verträgliche Vakzine erforschen und bereitstellen, die Akzeptanz durch die Bevölkerung entscheidet im Endeffekt über den Erfolg.
„Im Dezember 2020 haben wir voll Freude die Berichte über die ersten Impfungen gehört“, sagte die Expertin. Seither sei aber einiges geschehen. Die „Jagd nach dem Impfstoff “ sei vorbei, mehr Impfskepsis in Österreich gegeben. „Die Situation jetzt ist die, dass wir bei den COVID-19-Impfungen ein Plateau haben. Wir haben einen relativ stabilen Anteil der Bevölkerung, der nicht geimpft ist.“ Laut neuesten Zahlen (22. Mai) haben 76,4 Prozent der Bevölkerung zumindest eine Impfdosis erhalten, 66,5 Prozent weisen aktive Impfzertifikate auf. Eine dritte Dosis haben bisher nur 55,3 Prozent der Gesamtbevölkerung erhalten.
„Impfverhalten ist ein in der Psychologie schon lange untersuchtes Phänomen. Eine Impfentscheidung besteht aus einem Gefügte von psychologischen Faktoren. Es gibt nicht ‚den einen Grund‘, warum man sich nicht impfen lässt. Es hilft auch nicht die eine Maßnahme oder ein Fokus einer Kampagne“, sagte die Expertin.

Impfstoff-Wirksamkeit allein reicht nicht aus. Höheres Vertrauen korreliert mit höherer Impfbereitschaft.

Barbara Schober

Die psychologischen Gründe (sogenanntes 5C-Modell) für Impfen oder Nichtimpfen liegen laut Barbara Schober vor allem in Vertrauen bzw. Nichtvertrauen, praktischen Barrieren (auch nur empfundenen Barrieren) für die Inanspruchnahme von Impfungen, im Risikobewusstsein bzw. fehlenden Risikobewusstsein, dem Abwägen mit einem hohen Informationsbedürfnis und der Bereitschaft, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen oder als „Trittbrettfahrer“ zu agieren.
„Wenn nicht konsistent kommuniziert wird, wenn Widersprüche bestehen bleiben, ist es sehr schwierig, dieses Vertrauen aufzubauen“, erklärte die Expertin. „Höheres Vertrauen korreliert mit höherer Impfbereitschaft und weniger Glaube an Verschwörungstheorien.“
In der COVID-19-Pandemie sei das psychologische Modell allerdings um zwei Faktoren auf ein 7C-Modell erweitert worden: Hinzu kamen das Ausmaß der Bereitschaft, Regeln zum Positiven der Gesellschaft einzuhalten (Compliance), und das Ausmaß, in dem die Menschen Falschinformationen/Verschwörungstheorien folgen (Conspiracy). Eine Umfrage unter einer repräsentativen Stichprobe der österreichischen Bevölkerung mit zwei Messpunkten (Dezember 2021/Februar 2022) hat deutliche Probleme aufgezeigt. „87 Prozent der zum 1. Februar 2022
noch ungeimpften Personen gaben an, sich auf gar keinen Fall gegen COVID-19 impfen lassen zu wollen. Weniger als 2 Prozent wollen sich (eher) impfen lassen. 61 Prozent der Ungeimpften hatten (eher) Angst davor, sich impfen zu lassen“, stellte die Psychologin dar. 2021 wollten sich demnach noch 76 Prozent der Ungeimpften auf gar keinen Fall gegen COVID-19 impfen lassen. „41 Prozent der Ungeimpften wollen sich in Zukunft gegen gar nichts mehr impfen lassen. Umgekehrt kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass über die Hälfte der Bevölkerung keine prinzipiellen Impfverweigerer sind, fasste Barbara Schober zusammen. 

Jedenfalls: Man soll bei den verschiedenen in psychologischen Erklärungsmodellen herausgearbeiteten Faktoren ansetzen, wenn man die Impfbereitschaft für die Zukunft erhöhen wolle. Leider sei in Österreich das Vertrauen in Regierung und Entscheidungsträger während der Pandemie massiv und mehr als in vielen anderen Staaten zurückgegangen. Und beim Vertrauen in die Wissenschaft sei Österreich laut Eurobarometer-Umfragen „am unteren Ende der Fahnenstange.

Was noch hinzukommt: Während der Pandemie ist es zu einer eindeutigen Polarisierung zwischen Befürwortern und Skeptikern bzw. Impfgegnern gekommen. Die beiden Gruppen stehen einander oft zutiefst abwertend gegenüber. Das könne auch eine Belastung für die Gesellschaft in Österreich für die Zukunft darstellen, so Barbara Schober.

Arbeitsmedizin gefordert

„Wir haben in Österreich etwa vier Millionen Erwerbstätige zwischen 15 und 65 Jahren, die überwiegend von Arbeitsmedizinerinnen und -medizinern versorgt werden. Der Infektionsschutz und die Impfung sind aber nicht explizit deren Aufgabe. Das ist eine unfassbar vertane Chance“, stellte Dr. Eva Höltl, Leiterin des Gesundheitszentrums der Erste Bank, schließlich als Organisatorin dieser Vorträge zum Thema Public Health fest.
Die Arbeitswelt müsse im Mittelpunkt aller benötigten Aktivitäten zur Steigerung der Gesundheitskompetenz stehen. „Der Anteil der in das österreichische Gesundheitswesen einwandernden Menschen, auch jener, die in die österreichische Arbeitswelt einwandern, nimmt massiv zu. Wir haben mit den aus der Ukraine stammenden Menschen eine Personengruppe mit einer Durchimpfungsrate von 19 Prozent“, sagte die Arbeitsmedizinerin.

Infektionsschutz und Impfungen gehören derzeit nicht per se zu den Aufgaben der Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner.

Eva Höltl

Man müsse sich bei der Steigerung des Gesundheitswissens und der Gesundheitskompetenz
besonders an jene „Gesunden“ wenden, die selten oder gar nicht zum Arzt kämen, wenn sie keine gesundheitlichen Probleme hätten. „Die findet man in den Schulen. Man findet sie am
Arbeitsplatz“, sagte Eva Höltl. Etwa 70 Prozent der Menschen fänden es schwierig, Gesundheitsinformationen aus dem Internet auf ihre Vertrauenswürdigkeit zu überprüfen. Hier sei noch viel zu tun. Der Erste Bank sei es übrigens gelungen, die Impfquote gegen COVID-19 in den zentralen Einheiten (7.500 Beschäftigte) auf 94 Prozent zu bringen.

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