Anerkennung von Adipositas als chronische Erkrankung

© Krisztian Juhasz

Anerkennung von Adipositas als chronische Erkrankung

© Krisztian Juhasz

Die steigende Prävalenz von Übergewicht und Adipositas stellt nicht nur Betroffene, sondern auch Gesundheitssystem und Volkswirtschaft vor große Herausforderungen. Expertinnen und Experten haben die Brennpunktthemen und Optimierungspotenziale bei einem PRAEVENIRE Gipfelgespräch auf der Alten Schafalm in Alpbach analysiert. Der Fokus lag auf der Anerkennung der Adipositas als eigenständige chronische Erkrankung.

Lisa Türk, BA

Lisa Türk, BA

Periskop-Redakteur

Rund 3,7 Millionen über 15-jährige Österreicherinnen und Österreicher sind von Übergewicht, 1,2 Millionen von Adipositas betroffen. International zeigt die EU-Initiative COSI (Childhood Obesity Surveillance Initiative), dass knapp 15 Prozent der 8-jährigen Buben und 17 Prozent der 8-jährigen Mädchen bereits übergewichtig sind. Laut Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gelten in der gesamten europäischen Region 20 Prozent der Menschen als adipös. Die Prävalenzen steigen, praktikable Lösungsansätze lassen in Österreich derzeit allerdings zu wünschen übrig. Die Adipositas ist nicht nur ein gesundheitliches Problem für die Betroffenen, sondern stellt auch die Wirtschaft vor enorme Herausforderungen. Schwerwiegende Begleiterkrankungen bringen das Gesundheitssystem an die Grenzen der Belastbarkeit. Hinzu kommt, dass Betroffene am Arbeitsmarkt sehr häufig mit Stigmatisierung und Diskriminierung konfrontiert sind. Trotzdem gilt Adipositas nach wie vor nicht als eigenständiges Krankheitsbild. Die Notwendigkeit gemeinsamer Anstrengungen für eine umfassende und multiprofessionelle Behandlung und Begleitung von Betroffenen diskutierten Expertinnen und Experten vergangenen August in Alpbach.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Dr. Thomas Czypionka, stv. Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS), Head of Health Economics and Health Policy, gab Einblicke in die ökonomischen Auswirkungen von Adipositas und Übergewicht. Adipositas strahlt in extrem viele Krankheitsbereiche aus und geht mit zahlreichen negativen Krankheitseffekten einher. „Mit steigendem Grad der Adipositas nehmen Begleiterkrankungen zu“, erörtere Czypionka die Erkenntnisse aus internationalen Studien und fügte hinzu: „Während Normalgewichtige hierzulande im Median auf sieben Krankenstandstage pro Jahr kommen, sind es bei Personen mit hochgradiger Adipositas (ab Grad 3) 20 durchschnittliche Krankenstandstage im Jahr. Dementsprechend niedrig gestaltet sich auch das Haushaltseinkommen der Betroffenen, die in ihrer Arbeits- und somit auch Erwerbsfähigkeit eingeschränkt sind.“ Aufgrund der Prävalenz der Adipositas vor allem bei jüngeren Generationen müsse man außerdem damit rechnen, dass diese Personen aufgrund von Folgeerkrankungen frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden.

Komplexität der Adipositas

Die medizinische Perspektive der Adipositas veranschaulichte OÄ Priv.-Doz. Dr. Johanna Brix, Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft (ÖAG), Klinik Landstraße Wien: „Adipositas geht nicht auf eine bestimmte Ursache zurück. Die (epi-)genetische Komponente, hormonelle Gegebenheiten, psychische Faktoren und der Lebensstil eines Menschen ergeben ein komplexes Zusammenspiel“, so Brix. Lebensstiländerungen alleine seien daher im Kampf gegen die Erkrankung nicht ausreichend. Abgesehen davon findet die Erkrankung zu einem großen Teil im Gehirn statt. Nimmt der Mensch Gewicht zu, verändert auch das Gehirn seine Wahrnehmung gegenüber Geschmack und Essenseindrücken; Sättigungshormone werden reduziert. Nimmt der Mensch Gewicht ab, reduziert er zwar Körpermasse, das Gehirn allerdings kommt nicht nach. „Deshalb scheitern auch viele Diäten. Das Halten des Gewichts nach einer Diät fällt enorm schwer“, erklärte Brix.

Bariatrische Chirurgie und innovative Medikation

Zum Behandlungsmanagement der Adipositas zählt auch die bariatrische Chirurgie. Daten aus der Swedish Obese Subject Study (SOS-Studie) zeigen, dass die Mortalitätsrate nach einer bariatrischen Operation zwar sinkt, allerdings im Vergleich zu Normalgewichtigen noch immer doppelt so hoch ist. „Denn einerseits können mit einer derartigen Operation viele Spätkomplikationen einhergehen. Und andererseits sind Menschen, die eine bariatrische Operation erhalten haben, meist auch danach noch sehr adipös und krank – auch wenn es ihnen natürlich besser als vor der Operation geht“, erklärte Brix. Aktuell stimmt zudem ein innovatives Medikament, ein Darmhormon, hoffnungsvoll. „Erste Adipositas-Studien zeigen unter dieser Medikation nach 72 Wochen Standarddosierung einen 22-prozentigen Gewichtsverlust bei Betroffenen – ein echter Game Changer“, so Brix.

Patientensicht

Die Wichtigkeit eines respektvollen Umgangs mit betroffenen Patientinnen und Patienten unterstrich auch Mag. Barbara Andersen, Klinische- und Gesundheitspsychologin, Leiterin der Adipositas-chirurgischen Selbsthilfegruppe im AKH und persönlich Betroffene: „Viele Betroffene trauen sich nicht, nach Hilfe zu fragen und werden für ihre Erkrankung verantwortlich gemacht. Viele Patientinnen und Patienten glauben irgendwann, selbst an ihrem Zustand Schuld zu sein, was zu einer doppelten Stigmatisierung führt, die in Ohnmacht und Verzweiflung mündet.“ Abgesehen davon hätten viele Patientinnen und Patienten zwar die Voraussetzungen, mit entsprechender medikamentöser Hilfe Gewicht zu verlieren, können sich die Behandlung allerdings nicht leisten.

Finanzierung und Gerechtigkeit

Zur Leistbarkeit innovativer Medikamente ergänzte Wolfgang Panhölzl, Leiter Abteilung Sozialversicherung Arbeiterkammer Wien, Folgendes: „Der Zugang zu neuen Medikamenten ist natürlich eine Frage der Finanzierung – aber auch der Gerechtigkeit. Eine allgemeine Zugänglichkeit zu neuen Therapieformen wäre erstrebenswert.“ ÖGK-Obmann Andreas Huss, MBA, ergänzte die bereits bestehenden Bemühungen der Kasse: „Wir wollen betroffene Menschen entsprechend begleiten. Medikamentöse Therapien sollten keine Frage des Geldes, sondern der medizinischen Evidenz sein.

Die Anerkennung der Adipositas als chronische Erkrankung ist ein Commitment zu einem zentralen gesellschaftlichen Problem. Und genau das brauchen wir - und zwar jetzt.

Wenn die Evaluierungskommission empfiehlt, neue Medikamente zu erstatten, dann werden wir das auch tun. Ab einem bestimmten Body-Mass-Index (BMI; in etwa ab 40) bewilligen wir zudem bereits bariatrische Operationen.“ OA Dr. Philipp Beckerhinn, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Adipositas und metabolische Chirurgie, verdeutlichte daraufhin die Wichtigkeit, derartige Operationen bereits ab einem BMI von 30 zu erstatten – gerade für Menschen mit Begleiterkrankungen. Prim. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Vorstand der 1. Medizinische Abteilung Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie, Klinik Landstraße, Wien, ergänzte an dieser Stelle die Relevanz der Patientenselektion – sowohl bei Operation als auch Medikation. „Operieren wir die falschen Patientinnen, Patienten, also solche, bei denen eine OP vermutlich zu Komplikationen führt, ist das fatal. Auch ein neues Medikament wird nicht bei jeder Patientin, jedem Patienten wirken. Daher braucht es als Ausgangspunkt zum einen eine klare Indikation für medikamentöse Therapien, eine eindeutige Identifikation geeigneter Patientengruppen und zum anderen eine engmaschige Betreuung während der Behandlung.“

Multiprofessioneller Zugang

Im Zuge der Identifikation Betroffener nehmen auch Österreichs Apotheken eine wichtige Rolle ein. „Auch wir bekommen die enorme Hilflosigkeit der Menschen zu spüren, die wir versuchen durch Sozialkompetenz und fundierte Erklärungen aufzufangen“, so Mag.pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer. Der Unterschied zu anderen chronischen Erkrankungen sei allerdings, dass man bei Adipositas „kein Handwerkszeugs“ parat habe und „relativ machtlos“ sei. „Wir brauchen ein klares Bekenntnis zur Adipositas als chronische Erkrankung, um als Erstanlaufstelle im Gesundheitswesen gesichertes Wissen im Sinne einer One-Voice-Strategie vermitteln und einschlägige Empfehlungen geben zu können. Zudem brauchen wir Kaskaden, um an andere Gesundheitsberufe überweisen und eine bestmögliche Patientenversorgung gewährleisten zu können – im Optimalfall ohne Zweiklassenmedizin“, so Mursch-Edlmayr. Pro Multiprofessionalität sprach sich auch Mag. Gabriele Jaksch, Präsidentin des Dachverbandes der gehobenen medizinisch-technischen Dienste Österreichs, aus. „Wir müssen im Adipositas-Management alle Gesundheitsberufe mitdenken.“ DGKP Daniel Peter Gressl, 1. Vizepräsident des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands (ÖGKV), bestätigte: „Adipositas betrifft uns alle. Aktuell haben wir allerdings kein Auffangnetz für Betroffene. Es wäre wichtig, Zeit und Ressourcen für die Prävention zu schaffen. Wir müssen es schaffen, die Menschen in ihrem Lebensumfeld abzuholen und zu begleiten.“ Dementsprechend brauche es auch Kassenverträge für etwa Pflege und Diätologie im niedergelassenen Bereich, so Gressl und Jaksch unisono. 

Förderung der Gesundheitskompetenz Prävention ist gerade vor dem Hintergrund der hohen Adipositas-Zahlen bei 10- bis 19-Jährigen ein valider Punkt, wie auch Dr. Alexander Biach, Standortanwalt und Direktorstellvertreter Wirtschaftskammer Wien, betonte. „In dieser Alterskohorte liegt Österreich im internationalen Vergleich in puncto Adipositas im oberen Drittel. Das sind erschreckende Fakten“, so Biach. Es sei wesentlich, seitens Sozialversicherungsträgern und Gesundheitskasse flächendeckende Präventionsprogramme mit Fokus auf jüngere Altersgruppen auszurollen. „Auch aus Sicht der ÖGK ist ein Ausrollen von Programmen, mit denen wir Kinder, Jugendliche und Eltern erreichen, der Goldstandard, um die Gesundheitskompetenz der Menschen zu fördern“, bestätigte Huss. Mag. (FH) Gabriel Kroisleitner, Leiter Arbeitsfähigkeit und Gesundheit Österreichische Bundesbahnen (ÖBB), veranschaulichte die Bemühungen der ÖBB in puncto betrieblicher Gesundheitsförderung: „Im Rahmen unterschiedlichster Programme vermitteln wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gesundheitskompetenz und bieten – sofern notwendig – beratend Unterstützung. Herausfordernd ist vor allem der Transfer der vermittelten Inhalte ins Privatleben – das wird der Schwerpunkt der nächsten Jahre.“

Mag. Barbara Fisa, MPH, Senior Beraterin im Gesundheitswesen, The Healthy Choice, ergänzte: Es geht darum, den Menschen möglichst viele gesunde Lebensjahre sowie Selbstständigkeit und Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.“ Fisa und Biach plädierten für die Einführung diverser Anreizmodelle, wie etwa im Rahmen des „Best-Agers-Bonus-Passes“: Unter Voraussetzung der Wahrnehmung diverser Gesundheitsdienstleistungen seien Bonuszahlungen und eventuell auch Steuererleichterungen durchaus wirksame Instrumente, um die Menschen aktiven Teilhabe an ihrer Gesundheit zu bewegen.

Vom Behandeln ins Handeln kommen

„Adipositas ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Wir müssen vom Be-handeln ins Handeln kommen. Das Thema sollte in alle Lebensbereiche einfließen – im Sinne von Health in all Policies. Es gilt, Betroffene zu ermutigen, sich nicht als Patientinnen und Patienten, sondern als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu sehen, die jene Unterstützung bekommen, die sie auch verdient haben“, resümierte Constance Schlegl, MPH, Präsidentin des Bundesverbandes der Physiotherapeut:innen Österreichs. Adipositas als Gesundheitsproblem, von dem zahlreiche Krankheiten ausstrahlen, sei endlich ernst zu nehmen, wie Czypionka letztlich unterstrich: „Es gilt, in Strukturen zu investieren, die eine langfristige Gewichtsreduktion für Betroffene und somit eine Entlastung für das gesamte System ermöglichen. Wir können allerdings nicht alles gleichzeitig machen, sondern sollten dieses Thema mit vollster Konzentration angehen.“ Johanna Brix betonte abschließend: „Die Anerkennung der Adipositas als chronische Erkrankung ist ein Commitment zu einem zentralen gesellschaftlichen Problem. Und genau das brauchen wir – und zwar jetzt.“

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