Adipositas schwächt Körper, Seele und Volkswirtschaft

© Paul Gruber

Adipositas schwächt Körper, Seele und Volkswirtschaft

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Thinktank Gesundheit | Folge 3

Der 21. Mai stand europaweit im Zeichen von Adipositas – einer ernstzunehmenden Erkrankung, die sich weltweit in einem erschreckenden Ausmaß verbreitet. Die Fettleibigkeit, wie sie umgangssprachlich genannt wird, zieht schwerwiegende Folgen für das kardiovaskuläre System nach sich und zählt heute zu den größten gesundheitsökonomischen Herausforderungen. Neben Herz-Kreislauferkrankungen, Arteriosklerose, Schlaganfällen, Gicht sowie einem erhöhten Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf treten bei starkem Übergewicht psychische Symptome wie Depressionen hinzu, oft verdrängt durch die Flucht in unkontrollierte Zufuhr übermäßiger Nahrung. Ein Teufelskreis für die erkrankten Menschen.

In Österreich sind knapp ein Viertel aller Männer zwischen 45 und 74 Jahren und fast ebenso viele Frauen zwischen 60 und 74 Jahren fettleibig. Doch auch unter jungen Menschen schreitet Adipositas in einem erschreckenden Ausmaß voran, was sich spätestens bei der Stellung zeigt: Dort stieg zwischen 1983 und 2017 die Häufigkeit von Fettleibigkeit von 1,6 Prozent auf 8,2 Prozent. Die Folgen für die Volkswirtschaft sind enorm: Aus Zahlungen für Berufsunfähigkeitspensionen ergeben sich monatliche Kosten von 4 Millionen Euro bzw. jährliche Gesamtkosten von 56 Millionen Euro, die durch die Pensionsversicherung und die öffentliche Hand getragen werden müssen. Auch im Pflegebereich führt die Erkrankung zu erheblichen Belastungen:

36,4 Prozent oder 170.000 der Pflegegeld-Fälle sind auf Übergewicht zurückzuführen. Mit 5.885 Euro an durchschnittlichen Ausgaben für Pflegegeld ließe sich rund 1 Milliarde Euro an Pflegegeldausgaben auf Übergewicht zurückführen.
Wie bei vielen Gesundheitsthemen spielt Prävention eine immens wichtige Rolle. Adipositas zeigt deutlich, wie entscheidend gute Vorsorge sein kann. Wir wissen heute, dass jeder Euro, der in wirksame Vorbeugemaßnahmen gegen Adipositas investiert wird, einen ökonomischen Rückfluss von sechs Euro generiert.

OECD-Länder geben über acht Prozent ihres Gesamtbudgets für die Behandlung von Erkrankungen aus, die Folgeerscheinungen der Fettleibigkeit sind. Dies entspricht einem Betrag von mehr als 300 Milliarden Dollar. Übergewicht ist für die Kosten von Karzinomen zu fast einem Zehntel, für die Kosten kardiovaskulärer Erkrankungen zu fast einem Viertel und für die Kosten von Diabetes zu mehr als zwei Drittel verantwortlich. Adipositas-Prävention und mit ihr das Durchbrechen eines Teufelskreises zahlt sich aus volkswirtschaftlicher Perspektive aus – und natürlich, weil so die Lebensqualität jeder und jedes einzelnen Betroffenen massiv erhöht wird. Die Behandlung der Erkrankung ist komplex, da sich die betroffenen Menschen inmitten eines verzwickten psychosozialen Bedingungsgefüges befinden. Neben dem Fokus auf Ernährung, Bewegung und mentale Gesichtspunkte ist die Therapie von Adipositas idealerweise interdisziplinär ausgerichtet. Wichtig ist die Kooperation von Internistinnen und Internisten, Psychosomatikerinnen und Psychosomatikern sowie Ernährungsberaterinnen und Ernährungsberatern. Es braucht also fächerübergreifende Perspektiven, um Nachhaltigkeit zu erreichen – ganz ohne Jojo-Effekt.

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