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Osteopathie: Anerkennung schafft Sicherheit

Osteopathin Hanna Tómasdóttir

Osteopathie: Anerkennung schafft Sicherheit

Osteopathin Hanna Tómasdóttir

Die dänische Osteopathin Hanna Tómasdóttir, D.O., M.D.O., ist Präsidentin des europäischen Dachverbandes
„Osteopathy Europe“ (OE), der Berufs- und Interessensvertretung von Osteopathinnen und Osteopathen in 22 vorwiegend europäischen Ländern. Im Gespräch mit PERISKOP gibt sie Einblicke in ihre Arbeit und spricht über Herausforderungen, die eine Anerkennung der Osteopathie als eigenständiger Gesundheitsberuf mit sich bringt.

Die 4. Österreichische Fachtagung Osteopathie stellt eine zentrale Forderung in den Mittelpunkt: das Berufsbild muss anerkannt werden.

PERISKOP: Sie sind Präsidentin von „Osteopathy Europe“. Für welche Ziele setzen Sie sich aktuell besonders ein? 

TÓMASDÓTTIR: Osteopathy Europe fördert Standards, Regulierung und Anerkennung der Osteopathie in Europa. Wir vertreten Osteopathinnen und Osteopathen sowie osteopathische Einrichtungen in 22 Ländern. Unsere Mitglieder setzen sich aus den führenden Berufsverbänden und Regulierungsbehörden in Europa zusammen. Unsere Hauptaufgabe ist es, die Anerkennung der Osteopathie zu fördern und ein Bewusstsein für die Rolle der Osteopathie als wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung zu schaffen. Durch hohe Standards tragen wir maßgeblich dazu bei, die Patientensicherheit zu gewährleisten.
Osteopathy Europe ist aus dem Zusammenschluss der European Federation of Osteopaths (EFO) und dem Forum for Osteopathic Regulation in Europe (FORE) im März 2018 hervorgegangen. Einer der Erfolge der beiden Organisationen ist die Einführung des europäischen CEN-Standards (Centre Européen de Normalisation) für osteopathische Gesundheitsleistungen im Jahr 2015.
Die Organisation ist auch Mitglied der Osteopathic International Alliance, der führenden Organisation für die Förderung und Einheit des weltweiten Berufsstandes der Osteopathie.

In Österreich wird seit über zehn Jahren für die gesetzliche Anerkennung der Berufsgruppe als eigenständiger Gesundheitsberuf gekämpft. Wie sieht das in anderen europäischen Ländern aus?

Die Europäische Union hat rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen, um die Harmonisierung von Gesundheitsberufen innerhalb der EU zu fördern.

Eine der bedeutendsten Richtlinien in diesem Bereich ist die Richtlinie 2005/36/EG über die Anerkennung von Berufsqualifikationen. Diese legt die Regeln für die Anerkennung von Berufsqualifikationen fest, einschließlich derjenigen im Gesundheitswesen, und erleichtert die Mobilität von Fachkräften innerhalb der EU. Die Richtlinie 2005/36/EG wurde durch die Richtlinie 2013/55/EU geändert, um bestimmte Aspekte zu aktualisieren und zu verbessern. Zusammen legen sie einen Rahmen für die Anerkennung von Qualifikationen für eine Vielzahl von Gesundheitsberufen fest.

Die Richtlinien zielen darauf ab, den freien Ver- kehr von Fachkräften zu erleichtern, indem sie einen Mechanismus für die gegenseitige Aner- kennung von Qualifikationen schaffen. Sie legen auch Standards für Ausbildung und Qualifikationen fest, um sicherzustellen, dass Fachkräfte, die in einem EU-Land ausgebildet wurden, ohne zusätzliche Ausbildung oder Prüfungen, in anderen EU-Ländern arbeiten können.

Derzeit sind es zwölf europäische Länder, in denen es eine gesetzliche Regulierung für die Osteopathie gibt. Dazu gehören zum Beispiel Frankreich oder Dänemark, aber auch Island, die Schweiz, England und Norwegen. Italien ist aktuell auf einem guten Weg und hofft, die Anerkennung auch innerhalb eines Jahres zu schaffen. 

Warum ist diese Anerkennung so wichtig?

Es gibt im Wesentlichen drei Argumente, die für eine Regulierung des Berufsbildes sprechen. An erster Stelle steht die Patientensicherheit. Es muss im Sinne der Patientinnen und Patienten gewährleistet sein, dass jede osteopathische Behandlung korrekt und sicher ausgeführt wird. Ebenso wichtig ist der Konsumentenschutz.
Die Menschen müssen sicher sein, dass unter der Bezeichnung Osteopathie klar definierte Leistungen angeboten werden. Das dritte Argument betrifft eine der Grundfesten der EU, die Personen- und Niederlassungsfreiheit. Personen mit einer entsprechenden langjährigen Ausbildung muss es möglich sein, ihre Leistung auch in einem anderen europäischen Land anbieten zu können – so wie dies in anderen Berufen möglich ist. Daher empfehlen wir als OE, dass der Titel Osteopathin, Osteopath gesetzlich geschützt wird und Personen diesen Titel nur dann führen dürfen, wenn sie bestimmte gesetzliche Bedingungen in Bezug auf Kompetenzen und Registrierung und/oder Lizenzierung erfüllen. Es zeigt sich auch, dass Länder, in denen Osteopathinnen und Osteopathen ordnungs- gemäß ausgebildet werden und reguliert sind, von einer hohen Patientenzufriedenheit, einer sicheren Praxis und guten Patientenergebnissen profitieren.

Zu guter Letzt sollte man noch erwähnen, dass eine Anerkennung auch ein anderes Standing gegenüber wichtigen Stakeholdern im Gesundheitswesen mit sich bringt. Denn dann kann nicht über uns entschieden werden, sondern Entscheidungen müssen mit uns gemeinsam, als aktiven Akteur, getroffen werden.

In Ländern, in denen die Osteopathie bereits als Gesundheitsberuf anerkannt ist, sind wir ein wichtiger Stakeholder im Gesundheitssystem.  

Die Osteopathie ist eine eigenständige Disziplin und lässt sich keinem anderen Berufsstand unterordnen.
Hanna Tómasdóttir

Hanna Tómasdóttir

Harmonisierung ist eines der Ziele von Osteopathy Europe. Welche Unterschiede bestehen in Europa derzeit noch? ist diese Anerkennung so wichtig?

Der größte Unterschied ist, ob der Beruf gesetzlich anerkannt ist oder nicht. Überall dort, wo es keine Regulierung gibt, kann sich jede oder jeder „Osteopath“ nennen, unabhängig ob eine Ausbildung von wenigen Tagen oder vielen Jahren absolviert wurde. Die Folge ist, dass sich die Qualität der Gesundheitsdienstleistung, der Schutz der Konsumenten und die Patientensicherheit nicht einheitlich regeln lassen. Patientinnen und Patienten müssen sich sicher sein können, dass die Gesundheitsfachkräfte alle auf einem gleich hohen Niveau ausgebildet sind. 
Wir müssen sicherstellen, dass Patientinnen und Patienten nicht zu Schaden kommen durch Behandlungen, die sich „Osteopathie“ nennen, aber wo nicht klar ist, was wirklich dahinter- steckt. Damit ist die Rechtssicherheit, auch im Schadensfall, ein wichtiger Aspekt, den ein ein- heitliches Berufsbild, das sozusagen als Dach- marke fungiert, automatisch mit sich bringt. Am Ende geht es um das Image des Berufsbildes der Osteopathie, welches bereits in zwölf europäischen Ländern reguliert ist; Italien befindet sich auf einem guten Weg dorthin. 

Wie ist der Weg zu Anerkennung in Dänemark gelungen?

Ich bin 2013 in den Vorstand eingetreten und wir haben intensiv an den Vorbereitungen für die Anerkennung der Osteopathie gearbeitet. Damals gab es zwei europäische Verbände und wir hatten lediglich vierzig Mitglieder im dänischen Verband „Danske Osteoapter“. Die Schlagkraft war also im Vergleich zu heute noch gering.

In einem ersten Schritt haben wir Informationen von europäischen Gesellschaften, im Speziellen von der aus Großbritannien, eingeholt, welche bereits viel Erfahrung hatten. Wir haben uns in die nationalen Gesetzesmaterien und in den europäischen CEN-Standard eingelesen und daraus eine passende Kommunikationsstrategie entwickelt. Unter anderem haben wir unsere Kundinnen und Kunden mit einbezogen und gebeten, Postkarten an einen wichtigen Entscheidungsträger, das größte Versicherungs- unternehmen, zu senden, auf denen stand:

„Die Osteopathie muss reguliert werden. Und Ihre Versicherten brauchen eine Erstattung von Ihnen.“ Damit ist es uns gelungen, dass eines der größten dänischen Versicherungsunternehmen die Osteopathie in ihren Erstattungskatalog aufgenommen hat. Für uns war das ein großer Erfolg, sozusagen ein Qualitätssiegel. Danach besuchten wir die wichtigsten Politiker im Ge- sundheitsausschuss.     

Wir haben gute Argumente für eine Anerkennung: Patientensicherheit, die Mobilität der Arbeitskräfte und die wissenschaftliche Evidenz,
die laufend erweitert wird.

Hanna Tómasdóttir

Mit welchen Argumenten konnten Sie am Ende überzeugen?

Dass unsere Berufsgruppe eine solide Ausbildung hat und die Mobilität über Grenzen hinweg gegeben sein muss. Wir waren gut vorbereitet und hatten gute Argumente und viel Hintergrundmaterial aufbereitet. Auch unsere pointierte und klare Kommunikation hat geholfen. Ebenso war unser Netzwerk zu den Entscheidungsträgern und Stakeholdern natürlich wichtig. Der Gesetzentwurf wurde Anfang Jänner erstellt und bereits am 15. Mai 2018 angenommen. 

Was ist das Alleinstellungsmerkmal der Osteopathie?

Hinter der Osteopathie steckt ein eigenes Konzept mit einer Philosophie, die den Körper als Funktionseinheit sieht. Die Osteopathie ist eine patientenzentrierte Therapieform, bei der osteopathische Prinzipien und Behandlungskonzepte zum Einsatz kommen. Sie ist ein komplexer Interventionsansatz, der eine gründliche Beurteilung durch eine osteopathische Palpation und manuelle Tests umfasst, sowie die Patientengeschichte mit einbezieht und einen abgestimmten Behandlungsplan vorsieht. Die Osteopathie wird von entsprechend ausgebildeten osteopathischen Fachleuten ausgeübt.
Sie lässt sich keinem anderen Berufsstand unterordnen, daher ist eine Abgrenzung etwa zwischen manueller Medizin bzw. Chiropraktik und Osteopathie so wichtig.
Die Behandlungsmethode entstand Ende des 19. Jahrhunderts in den USA und geht auf den Arzt Andrew Taylor Still zurück. Osteopathie orientiert sich an Grundlagenfächern der wissenschaftlich orientierten Medizin wie Anatomie, Physiologie und Pathologie. Die Behandlung erfolgt durch gezielte Handgriffe, dabei kommen verschiedene Techniken zum Einsatz, Anleitungen und maßgeschneiderte Empfehlungen.  Es werden keine Hilfsmittel verwendet. Am häufigsten suchen Menschen wegen Schmerzen des Bewegungsapparates und eingeschränkter Mobilität bzw. Funktionalität, eine osteopathische Praxis auf. 

Wie ist die aktuelle Ausbildungssituation in den nordischen Ländern, insbesondere in Dänemark?

Der Trend geht zur Vollzeitausbildung, wie in Norwegen und Finnland, wo sie von den nationalen Behörden anerkannt wird.

In Dänemark versuchen wir derzeit, eine staatlich akkreditierte und anerkannte Ausbildung zu etablieren, damit Osteopathinnen und Osteopathen ohne gesundheitlichen Erstberuf, Osteopathie in Vollzeit studieren können. Ich bin zuversichtlich, dass es so wie etwa in Norwegen eine vierjährige öffentlich finanzierte Vollzeitausbildung sein wird. 

Umso wichtiger ist die Harmonisierung von Ausbildung und Anerkennung innerhalb Europas, denn wer viele Jahre investiert und dann in ein anderes Land ziehen möchte, muss auch dort seinen Beruf ausüben können. 

Wie stellen Sie sich die Zukunft der Osteopathie in Europa vor?

Mittel- bis langfristig hoffe ich auf jeden Fall, dass wir in der Mehrheit der europäischen Länder den Beruf reguliert haben und Vollzeit-Studiengänge, die staatlich anerkannt und akkreditiert sind, bis hin zu PhD-Programmen, existieren. Das akademische Niveau führt dann auch automatisch dazu, dass die Forschung weiter ausgebaut wird. 

Welchen Rat würden Sie aufgrund Ihrer Erfahrung nun Österreich geben, wenn es um die Anerkennung geht?

Wir haben gute Argumente, warum Osteopathie ein eigenständiger, regulierter Gesundheitsberuf sein soll (in den WHO-Benchmarks und der CEN-Norm ist sie bereits als unabhängig definiert) und auch eine harmonisierte Ausbildung braucht: die Patientensicherheit, den Konsumentenschutz, die Mobilität der Fachkräfte innerhalb der EU sowie die wissenschaftliche Evidenz, die laufend erweitert wird. Der Weg hat in Dänemark sehr gut funktioniert und wird auch in Österreich zielführend sein.

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Im Bild: Hanna Tómasdóttir (c)Krisztian Juhasz

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