Wissenschaft hautnah erleben

Thomas Geissler

Wissenschaft hautnah erleben

Thomas Geissler

Im Rahmen der ersten PRAEVENIRE Summer School zum Thema „Bewegung & Gesundheit“ erarbeiteten Schülerinnen und Schüler des Stiftsgymnasiums Seitenstetten gemeinsam mit führenden österreichischen Expertinnen und Experten aus den Bereichen Gesundheit und Sport, wichtige Zusammenhänge zwischen Bewegung und Gesundheit | von Mag. Renate Haiden, MSc.

Bis Wissenschaft in den Klassenzimmern ankommt, dauert es meist einige Jahre. Nicht so im Stiftsgymnasium Seitenstetten. Hier haben heimische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Spitzensportlerinnen und Spitzensportler ihr Wissen rund um die Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit weitergegeben. Unter den prominenten Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren etwa Dr. Christoph Huber, Co-Founder von BioNTech, DI Dr. Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin der AGES Medizinmarktaufsicht, Dr. Beate Taylor, Medizinerin und Profisportlerin im Hürdenlauf, sowie Mirna Jukić, ehemalige Profischwimmerin. 30 Schülerinnen und Schüler der Oberstufenklassen haben teilgenommen und die Erfolgsgeschichte der ersten PRAEVENIRE Summer School mitgeschrieben. Die Idee wurde vom Verein PRAEVENIRE gemeinsam mit der Gesellschaft vom Goldenen Kreuze organisiert und umgesetzt. „Die Summer School bietet eine einmalige Gelegenheit, Gesundheit spürbar zu machen und das Wissen um die eigene Gesundheitskompetenz zu erweitern. Ich kann nur allen Teilnehmenden empfehlen, diese Chance gut zu nutzen und die eigenen Fähigkeiten so gut es geht zu stärken. Gemeinsam können wir einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass wir dabei die wissenschaftliche Basis und die vielen Erkenntnisse, die es bereits gibt, nicht außer Acht lassen“, betont Dr. Martin Eichtinger, Landesrat in Niederösterreich, im Rahmen der Eröffnung. Er weist auch darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen dem Bildungsgrad und dem Gesundheitsbewusstsein evident ist:

Die Summer School bietet eine einmalige Gelegenheit, Gesundheit spürbar zu machen und das Wissen um die eigene Gesundheitskompetenz zu erweitern.

Martin Eichtinger

„Wir wissen viel zu den einzelnen Themen und müssen jetzt auch die Begeisterung dafür wecken.“ Er selbst geht mit gutem Beispiel voran und hält sich dabei an die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen 10.000 Schritte täglich.

Körper, Geist und Seele gesund erhalten

Anhand von vier Arbeitshypothesen zu den Themen Ernährung, Lernen, Psyche und Entwicklung bekamen die Schülerinnen und Schüler der Oberstufenklassen einen ersten Einblick in evidenzbasiertes wissenschaftliches Arbeiten. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse wurden am Abschlusstag der österreichischen Medienwelt vorgestellt. Zudem fließen die Erfahrungen und Ergebnisse als Handlungsempfehlungen für die Politik in das PRAEVENIRE Weißbuch ein. Warum Bewegung nicht nur gut für den Körper, sondern auch die Seele ist, wurde im Rahmen der Arbeitshypothese „Bewegung wirkt sich positiv auf das Gemüt aus“ näher unter[1]sucht. Unter der Leitung von Dr. Bernadette Frech, Geschäftsführerin von Instahelp, der Plattform für psychologische Onlineberatung, wurde eine Reihe von Handlungsempfehlungen zusammengestellt. Unter anderem schlagen die Schülerinnen und Schüler die Einführung eines Unterrichtsfachs Resilienz nach dem Beispiel Englands vor. Der Einbau von Einheiten zu Bewegung und Regeneration in den Schulalltag wird ebenso als sinnvoll erachtet wie die Etablierung von psychologischer Hilfe an Schulen. „Ich arbeite gerne mit Kindern, sie sind begeistert und offen für Neues. Was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den drei Tagen selbst gespürt haben, war, wie positiv sich Bewegung auf das Lernen und den Schulalltag auswirkt. Natürlich wäre die tägliche Turnstunde optimal, aber schon verteilt über den Tag immer wieder Bewegung zu machen, würde viel bringen“, ergänzt Taylor.

Ernährung im Fokus

Klare Handlungsaufforderungen zu Veränderungen im Schulalltag kamen auch von der Gruppe „Bewegung und Ernährung“. Sie ist gemeinsam mit Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin, der Arbeitshypothese „Das Zusammenspiel von Bewegung und ausgewogener Ernährung gibt mehr Kraft und Energie für den Alltag“ nachgegangen. Auch hier scheinen die Forderungen auf den ersten Blick einfach umsetzbar: verpflichtende Unterrichtseinheiten zu Gesundheit und Ernährung in Verbindung mit Bewegung mit dem Ziel, einen eigenen gesunden Lifestyle zu entwickeln. Schuluntersuchungen sollten ausgeweitet werden, um mögliche Erkrankungen, wie Hypercholesterinämie, vorzeitig zu erkennen und rechtzeitig aktiv gegenzusteuern. Eine attraktivere Gestaltung von Gesundheit sollte beispielsweise durch die Vergünstigung gesunder Produkte gelingen. „Interessierte junge Menschen haben es nicht leicht, wissenschaftliche Erkenntnisse von Fake News zu unterscheiden. Wir haben aber auch gesehen, dass Jugendliche nur wenig über basale Mechanismen des Organismus und über Ernährungsparadigmen wissen, obwohl sie diese Themen interessieren. Jugendliche warten auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse, die aber so präsentiert werden müssen, dass sie damit etwas anfangen können. Gemeinsam mit meiner Gruppe haben wir festgestellt, dass Ernährung Teil des Schulunterrichts werden sollte. Dazu braucht es aber Lehrerinnen und Lehrer, die in diesem Bereich wissenschaftlich gut ausgebildet sind“, gibt Widhalm Einblick in seine persönlichen Erkenntnisse.

Lernen und Entwicklung

Die Gruppe „Bewegung und Entwicklung“ erarbeitete anhand der Arbeitshypothese „Regelmäßige Bewegung fördert geistige und körperliche Entwicklung“ unter der Leitung von Univ.-Lekt. Dr. Piero Lercher, MedUni Wien, ebenfalls eine Reihe von passenden Handlungsempfehlungen. Dazu zählen unter anderem Maßnahmen zur Motivation für Bewegung an und durch die Schule, mehr Sportangebote an Schulen – vor allem für Kinder und Jugendliche, die zu Hause wenig Möglichkeit dazu bekommen. Auch ein abwechslungsreicherer Sportunterricht und sportliche Freifächer sowie die Vermittlung von Sporttheorie und den Auswirkungen von Bewegung auf den Organismus können nach Ansicht der Schülerinnen und Schüler sowie der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler helfen, das Thema in den Fokus der jungen Zielgruppe zu rücken. Ein erster und einfacher Schritt wären beispielsweise Bewegungspausen im Unterricht. Mag. Stefan Rosenauer vom Kutschera Institut erarbeitete mit seiner Gruppe „Bewegung und Lernen“ Handlungsempfehlungen rund um die Arbeitshypothese „Bewegungseinheiten während des Lernens erhöhen die Merkfähigkeit“. Der Bogen spannte sich hier von Maßnahmen zur Bewegung zu Schulbeginn über ergonomische Klassenzimmer, konzentrationsfördernde Übungen im Unterricht bis zu State-Management-Übungen vor Prüfungen. „Schule lebt durch Abwechslung und das ist mit der Summer School großartig gelungen“, resümiert Mag. Markus Berger, Direktor des Stiftsgymnasiums Seitenstetten, am Ende des gelungenen Events. „In Workshops und Vorträgen in direkter Nähe zu Expertinnen und Experten konnten viele neue und interessante Dinge gelernt und ausgearbeitet werden, die wir in Zukunft sicherlich weiter gut für einen gesunden Lebensstil einsetzen können“, freut sich Schulsprecherin Victoria Aichinger über das Angebot. Andreas Huss, MBA, Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse, hat viel für sich mitgenommen: „Ich möchte mich für die Ideen und Vorschläge bedanken, die vonseiten der Schülerinnen und Schüler kamen. Gerade bei jenen Themen, die den jungen Menschen wichtig sind, ist es unsere Pflicht als soziale Krankenversicherung, diese aufzugreifen und in Umsetzung zu bringen. Gesundheitsinformation und Gesundheitskompetenz sind stark von sozioökonomischen Faktoren abhängig. Statistiken zeigen durch die Bank, dass sozioökonomisch benachteiligte Personen auch weniger gesunde Lebensjahre verbringen. Daher ist es auch Aufgabe der Gesundheitskasse, Informationen zu Gesundheit, gesunder Ernährung und Bewegung möglichst niederschwellig an die gesamte Bevölkerung heranzutragen.“

Dr. Wilhelm Gloss, Präsident der Österreichischen Gesellschaft vom Goldenen Kreuze (ÖGGK), und PRAEVENIRE-Präsident Dr. Hans Jörg Schelling freuen sich über das gelungene „Experiment“ und betonen die Bedeutung von Gesundheitskompetenz: „Nur wer Zusammenhänge versteht, kann auch sein Handeln danach ausrichten. Und das ist die Grundlage dafür, dass gesundheitsförderliches Verhalten im Alltag ankommt. Das Ziel muss sein, dass wir ein gutes Leben führen, ohne uns dabei massiv einschränken zu müssen.“ Das Modell der PRAEVENIRE Summer School soll künftig zu unterschiedlichen Gesundheitsthemen an mehreren Standorten in ganz Österreich stattfinden.

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