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Solar Plexus: mehr Diversität und Inklusion

© Julia Bader

Solar Plexus: mehr Diversität und Inklusion

© Julia Bader

Die Gestalterinnen und Gestalter der Gesundheitszukunft beim gemeinnützigen Verein SOLAR PLEXUS verfolgen die Vision einer nachhaltigen Sicherstellung und Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Dabei fokussieren sie sich auf die Themen Diversität in Gestaltungspositionen, female empowerment, Patientenzentrierung und Chancengerechtigkeit.

Carola Bachbauer, BA

Carola Bachbauer, BA

Periskop-Redakteurin

Im PERISKOP Interview verriet Julia Bernhardt, BA, MBA, Gründerin und Vorstandsvorsitzende von SOLAR PLEXUS, wie der Verein qualitätsvolle Lösungen für das österreichische Gesundheitswesen von Morgen erarbeitet.

PERISKOP Sie sind Gründerin und Vorstandsvorsitzende des Vereins SOLAR PLEXUS.
Was kann man sich darunter vorstellen? Wie sind Sie auf die Idee gekommen? Welche
Vision steckt dahinter?

BERNHARDT: SOLAR PLEXUS ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung von Diversität
und Patientenzentrierung im österreichischen Gesundheitswesen, welchen ich mit Lena Sattelberger gegründet habe. Gemeinsam sind wir seit über 30 Jahren im Gesundheitsbereich
tätig und haben bemerkt, dass die Patientenzentrierung ausbaufähig ist. In vielen Projekten und Papers gibt es Ideen und Innovationen, aber an die Patientin und den Patienten wird meistens erst zum Schluss gedacht. Des Weiteren ist ein Charakteristikum des österreichischen Gesundheitssystems, dass Positionen in den hohen Entscheidungs- und Direktionsgremien etwa von Sozialversicherungen und Krankenhausträgern Großteils männlich besetzt sind. Wir möchten auch die über 50 Prozent Frauen in Österreich sowie die über 80 Prozent weiblichen Beschäftigten im Gesundheitswesen gut abgebildet wissen.

Unsere Mitglieder reichen von Newcomerinnen und Newcomern über Health Professionals
bis zu erfahrenen Entscheidungsträgerinnen und -trägern. Auch der berufliche Hintergrund
reicht von intra- und extramuralem Bereich über Gesundheitsberufe bis hin zu Medizintechnik oder Forschung und ist breit gefächert. Dies ist bewusst so aufgebaut, da unser Gesundheitsbereich sehr komplex ist. Wir möchten ein Netzwerk sein, in welchem sich
alle Menschen, die am Gesundheitswesen interessiert oder in diesem tätig sind, abseits von politischen Diskussionen in einem geschützten Raum fachlich wie inhaltlich austauschen
können und eine Basis bieten, um Ideen zu entwickeln. Unser Ziel ist es, in aktuellen wie
zukünftigen Entscheidungspositionen etwas zu bewegen.

Welche Lösungen erarbeiten Sie, um einen Impact für eine positive gesellschaftliche
Entwicklung zu bewirken?

Wir arbeiten beispielsweise mit Forschungskooperationen wie der IMC FH Krems oder dem Institut für Gendermedizin zusammen und betreiben Forschung in Hinblick auf den Gender Health Gap sowie weibliche Karrieren im Gesundheitswesen. Mithilfe von (bisher fehlenden) Daten möchten wir Transparenz sowie Aufklärung schaffen. Bei der Schließung des Gender Health Gaps geht es nicht um Wertung, sondern darum, fachlich und zielgerecht in Richtung Chancengerechtigkeit zu arbeiten. Bei der Karriereforschung schauen wir uns unter anderem das Geschlechterverhältnis in den unterschiedlichen Gesundheitssektoren an und erforschen die Gründe, aus denen Frauen weniger oft oder weniger weit aufsteigen. Zusätzlich erweitern wir unser Angebot voraussichtlich im Laufe des Jahres um die Zertifizierung berufundfamilie, wodurch Unternehmen / Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen ein staatliches Gütezeichen für Familienfreundlichkeit, verliehen durch die Bundesministerin für Frauen, Familie, Integration und Medien erhalten können. Sobald wir unsere Auditorenausbildung abgeschlossen haben, werden wir diese verstärkt in den Gesundheitsbereich bringen. So wollen wir einen Beitrag zur Förderung von weiblichen Karrieren und Familienbewusstsein leisten. Dazu haben wir starke Gründungspartnerinnen und -partner wie die Vinzenz Gruppe oder auch die Elisabethinen, mit welchen nicht nur Feldforschung, sondern auch direkte Umsetzungen möglich sind.

Welche Vorteile bieten Sie Ihren Mitgliedern?

Uns ist es wichtig, eine hohe Qualität in unserem Verein zu verankern, um gemeinsam mehr
zu erreichen. Deshalb gehen wir bei der Aufnahme von Mitgliedern – männlich wie weiblich – selektiv vor. Es ist uns wichtig Menschen zu finden, die unseren Spirit teilen und unsere
Zukunftsvision unterstützen. Als Mitglied bekommt man ein großes, diverses Netzwerk
zur Verfügung gestellt. Es gibt Netzwerkveranstaltungen, die Möglichkeit eines Mentorings
sowie unterschiedlichste Fachexpertenvorträge. Ein weiterer Benefit sind beispielsweise
Safe Space Calls, bei denen man Konzept, Pitch oder Bewerbungsgespräch proben kann und anschließend Input von Expertinnen und Experten bekommt. Ein Großteil unseres Angebotes ist auch online zugänglich, um ganz Österreich oder auch Mütter zu erreichen. Zusätzlich bieten wir Mitgliedern des Monats eine Bühne, verleihen Awards für besondere Leistungen und stellen einen Marktplatz für Jobs, Studien u. v.m. zur Verfügung. Wir hatten vor kurzem auch eine Studie zur Patient Journey im Mammakarzinombereich, bei der sich viele Vereinsmitglieder eingebracht haben. Das ist eine gute Möglichkeit, um gemeinsam Gesundheitszukunft zu gestalten.

Fehlende Daten, Vorurteile, die Missachtung von Gender-Unterschieden in essenziellen
Bereichen wie Diagnostik oder Medikation, aber auch der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen kosten Frauen und Männern in Österreich entscheidende Lebensjahre.
Wie könnte man die medizinische Versorgung Ihrer Meinung nach verbessern?

Ich glaube, dass in Österreich der Faktor Patientenzentrierung essenziell ist. Es gibt durch die duale Finanzierung des Gesundheitssystems mit Bund und Land viele herausfordernde Situationen, auch für die Wege von Patientinnen und Patienten, die Patient Journey. Deshalb ist es wichtig, Patientinnen und Patienten das Wissen mitzugeben, wo sie mit welchem Anliegen hingehen können. Damit zusammenhängend ist die Prävention ein großes und nicht ausreichend beachtetes Thema. In Österreich haben wir eine Lebenserwartung von über 80 Jahren, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Die Erwartung der gesunden Lebensjahre liegt jedoch nur bei 55 Jahren. Das zeigt deutlich, dass der Prävention zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch im Bezug auf den Gender Health Gap benötigt es noch viel Aufklärung. Die Unterschiede der weiblichen und männlichen Körper im medizinischen Kontext müssen klar kommuniziert werden und in Behandlungen einfließen. Eine Veränderung in diesem Bereich wird uns auch mit aktiver Aufklärung sowie Transparenz durch Zahlen, Daten und Fakten gelingt.

In der Vergangenheit wurde oftmals die Perspektive der Patientinnen und Patienten
nicht ausreichend berücksichtigt. Welche Strategie benötigt es, um eine Einbindung
der Patientinnen und Patienten zu gewährleisten?

Meiner Meinung nach gibt es keine allumfassende Strategie, dafür ist unser Gesundheitswesen zu komplex. Es braucht allerdings starke ziel- sowie zielgruppengerichtete Maßnahmen,
beispielsweise mehr Zugeständnis an die Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten sowie mehr Transparenz in den Wegen, die sie gehen können. Damit meine ich Entscheidungen hinsichtlich Arztwahl oder Wahrnehmung von Präventionsangeboten u.v.m. Ein offenes Ohr für die Anliegen der Patientinnen und Patienten ist nur bei ausreichenden zeitlichen Ressourcen möglich. Das ist mir bewusst, aber aktives Zuhören ist für die Einbindung von Patientinnen und Patienten sehr wichtig. Zusätzlich ist eine bessere Vernetzung der Schnittstellen zwischen
intra- und extramuralem Bereich in vielen Belangen notwendig. Untersuchungen werden
ungeachtet ihrer unterschiedlich hohen Kosten zwischen intra- und extramural verteilt oder/
und vielfach wiederholt, Befunde nicht (zeitgerecht) übermittelt, Behandlungen über die
Schnittstelle hinweg nicht ausreichend koordiniert. Eine Patient Journey wird oft zu Unrecht
als wirtschaftliche Belastung gesehen, die viel Zeit und Ressourcen in Anspruch nimmt. Dass
sie im Gegenteil einen wichtigen Beitrag leisten und viel Output für die unterschiedlichen
Berufsgruppen und Aspekte generieren kann, wird oft außer Acht gelassen.

In Entscheidungs- und Gestaltungspositionen herrscht immer noch ein gewisses
Ungleichgewicht bei der Geschlechterverteilung. Wie sieht diese Dysbalance auf
Führungsebene im Gesundheitswesen aus? Wären Frauenquoten eine Lösung oder
gäbe es bessere Ansätze?

Grundsätzlich ist das Gesundheitswesen in Österreich ein weibliches System. Bei nicht
ärztlichem Gesundheitspersonal und diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pflegern liegt der Frauenanteil bei über 80 Prozent. Bei ausgebildeten Ärztinnen und Ärzten ist es ungefähr ausgeglichen. Im niedergelassenen Bereich sind es nur noch 40 Prozent Frauen – ähnlich wie in der unteren Führungsebene im Krankenhaus bzw. im Sozialversicherungsbereich. In deren oberen Führungsebenen sind unter 12 Prozent weiblich. Unter Primarärztinnen und -ärzten haben wir einen Frauenanteil von unter 10 Prozent und in ärztlichen Direktionen unter 9 Prozent. Das zeigt, wie wenig Frauen in Entscheidungspositionen vertreten sind. Ob eine Frauenquote hilfreich ist, ist ein kontroverses Thema. Hätte man mich vor ein paar Jahren gefragt, hätte ich mit „Nein“ geantwortet. Mittlerweile glaube ich, dass es Quoten braucht. Wenn man sich Studien zur Entwicklung anschaut, wird klar, dass es bei der derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklung noch über 130 Jahre braucht, bis Frauen gleichberechtigt sind. Ich glaube, die Quote ist ein Werkzeug von vielen, um die Gleichberechtigung und Chancengerechtigkeit schneller voranzutreiben.

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