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PVE als treibender Motor in der Gesundheitsversorgung und Vorsorge

© FOTO KIRSCHNER

PVE als treibender Motor in der Gesundheitsversorgung und Vorsorge

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Die bereits siebente jährliche Tagung von AM PLUS, der Initiative für Allgemeinmedizin und Gesundheit, in Haslach an der Mühl stand unter dem Titel: Primärversorgung von Gesundheitsförderung bis zur wohnortnahen Rehabilitation. In den Vorträgen, der Diskussion sowie durch Gesundheitsminister Rauch wurde die Wichtigkeit des multidisziplinären Ansatzes in Primärversorgungseinheiten (PVE) nochmals betont.

Rainald Edel, MBA

Rainald Edel, MBA

Periskop-Redakteur

Die Etablierung eines leistungsfähigen Systems der Primärversorgung ist eines der wichtigsten Reformvorhaben im österreichischen Gesundheitswesen. Unverzichtbarer Eckstein dabei die PVE, deren Wirksamkeit und faktische Bedeutung für die Versorgungslandschaft immer weitreichender werden. Im Fokus, der siebenten Jahrestagung von Am PLUS in Haslach an der Mühl standen die Themen: „Gesundheitsförderung und Gesundheitskompetenz – die Rolle der PVE“, „Maßnahmen zur ambulanten Rehabilitation in PVE“ sowie „Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung einer Gemeinde durch die PVE-Gründung“. Höhepunkt und Schluss der zweitägigen Veranstaltung bildete eine Podiumsdiskussion zum Thema „Zukunftsperspektiven für PVE“ an der Vertreterinnen und Vertreter von Gesundheitsberufen, der Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK), der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) sowie der Ärztekammer Oberösterreich teilnahmen.

Gesundheitsförderung und Prävention stärken

„Eine gute Primärversorgung ist ganz sicher ein Hebel, an dem wir ansetzen müssen. Ein zweiter Hebel ist eine verbesserte Gesundheitsförderung, da haben wir in Österreich keine große Tradition, aber das müssen wir ändern“, sagte Andreas Huss, MBA, Obmann Stellvertreter der ÖGK. Wenn man sich nun „Gesundheitskasse“ nenne, dann müsse auch Gesundheit drin sein, so der Vizeobmann. Bis zum Jahr 2030 will die ÖGK fünf Prozent ihrer Beitragseinnahmen für Gesundheitsförderung und Prävention verwenden – eine Verdreifachung der bisherigen Aufwendungen für diesen Bereich. Die PVE könnten, so Huss, zu einem Zukunftsmodell für Ärztinnen und Ärzte werden, denn: „Die junge Generation will keinesfalls mehr in Einzelarztpraxen“.

Gesund sind Menschen dann, wenn in drei Bereichen alles stimmt: in der Krankheitsprävention, in der Gesundheitsförderung und in der eigenen Gesundheitskompetenz, erinnerte Mag. Dr. Daniela Rojatz vom Kompetenzzentrum Gesundheitsförderung und Gesundheitssystem in der GÖG. Die Primärversorgung ist ein wichtiger Bestandteil einer umfassenden Gesundheitsversorgung. Es ist wichtig, dass Maßnahmen entsprechend den regionalen Bedürfnissen ergriffen werden. Konkret braucht es dafür, so Rojatz, die Integration von Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention in die Primärversorgungseinheiten, die Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsförderungsdiensten in der Region, einschließlich aufsuchender Dienste (mobile Dienste, psychosoziale Dienste usw.) sowie die Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst und die Zusammenarbeit mit der Gemeinde und mit lokalen Gruppen.

Eine gute Primärversorgung ist ganz sicher ein Hebel, an dem wir ansetzen müssen. Ein zweiter Hebel ist eine verbesserte Gesundheitsförderung, da haben wir in Österreich keine große Tradition, aber das müssen wir ändern.

Auf die Plattform Gesundheitskompetenz und die von ihr entwickelten Gesprächstrainings für Gesundheitsfachkräfte verwies Dr. David Fuchs, Abteilungsleiter Palliative Care im Ordensklinikum der Barmherzige Schwestern in Linz. Diese seien nicht nur für junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter relevant, sondern könne auch älteren, versierten Kräften noch zusätzliche Impulse und Hilfestellungen bieten. Am Ordensklinikum in Linz werden diese Trainings beispielsweise in der Abteilung von Fuchs aktiv angewandt. Patientenzentrierte Kommunikation hat vielfältige positive Auswirkungen sowohl auf die Patientinnen und Patienten als auch auf das Personal hob Fuchs hervor. Es gebe dadurch sowohl messbare körperliche als auch psychologische Effekte.

Wohnortnahes Rehabilitationsangebot

Den Schwerpunkt der Rehabilitation von Long-COVID-Fällen am PVE in Haslach stellte Mag. Andrea Winter, Psychotherapeutin in der PVE Haslach vor. In der Behandlung stütze man sich auf fachspezifische Studien. Um den Patientinnen und Patienten die bestmögliche Versorgung bieten zu können, werden die Therapeutinnen und Therapeuten auch regelmäßig auf fachspezifische Fortbildungen geschickt. Der multidisziplinäre Ansatz der PVE kommt auch in diesen Fällen zur Anwendung, beispielsweise in den Fallbesprechungen, bei denen sich die einzelnen Berufsgruppen in das individuelle Behandlungskonzept der Betroffenen einbringen. Die Erfahrungen aus der Betreuung werden gesammelt und evaluiert. Das Gesundheitszentrum in Haslach zusammen mit den Aktivitäten des GES.UND Büros der Non-Profit-Organisation PROGES seien österreichweit ein Vorzeigeprojekt und richtungsweisend, wie bei der diesjährigen Tagung erneut bestätigt wurde.

Das rehabilitative Setting ist schon jetzt im Berufsbild Pflege enthalten, führte Daniel Peter Gressl vom Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) aus. Ebenso gehörten Programme zur Stärkung der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung auf Gemeindeebene zu den Aufgabenfeldern der Pflege. Dazu gehört es auch, Programme zu erstellen, wie man rehabilitative Maßnahmen wohnortnah wirksam umsetzt. Die rehabilitative Pflege sei die Mitte zwischen Gesundheits- und Krankenpflege, schilderte Gressl.

In der Gesundheitsförderung ist es wichtig, dass PVE Maßnahmen entsprechend den regionalen Bedürfnissen ergreifen.

PVE als Stärkung des Gemeindelebens

Die Hintergründe zur Entstehungsgeschichte der Primärversorgungseinheit (PVE) in Haslach an der Mühl schilderte dessen Bürgermeister Dominik Reisinger. Für ihn liegen die Vorteile auf der Hand. Durch den Entschluss, die hausärztliche Versorgung von ursprünglich zwei Hausarztpraxen auf eine PVE umzustellen, wurde eine umfassende, barrierefreie Grundversorgung unter einem Dach im Ortskern geschaffen, bei der fast 30 Menschen aus unterschiedlichen (Gesundheits-)Berufen Beschäftigung gefunden haben. Zudem wirke sich die PVE mitten im Zentrum auch belebend auf die umliegenden Geschäfte und Betriebe aus, da sich mit dem Arztbesuch auch weitere Erledigungen verbinden lassen. Durch die erweiterten Öffnungszeiten können auch jene Gemeindebürgerinnen und Gemeindebürger, die zur Arbeit auspendeln, die ärztlichen Leistungen im Ort in Anspruch nehmen. Durch das vielfältige Angebot habe sich das Gesundheitszentrum zu einem „One Stop Shop“ in Sachen Gesundheit etabliert.

Die Idee, ein Gesundheitszentrum zu errichten, gab es in der oberösterreichischen Gemeinde Schwertberg schon lange, berichtete der Bürgermeister Mag. Max Oberleitner. Entscheidend dafür, dass daraus nun eine PVE wird, die Ende nächsten Jahres eröffnet werden soll, waren die Inputs aus der AM Plus Tagung im Vorjahr, schilderte er. Damit es zur Errichtung der PVE kommt, bevor die noch bestehenden Hausarztordinationen aus Altersgründen endgültig zusperren, habe es vieler intensiver Gespräche mit der Ärztekammer und der ÖGK bedurft, erklärte der Bürgermeister. Eine der Grundvoraussetzungen, die für die Ansiedlung einer PVE notwendig sei, ist ein entsprechendes räumliches Angebot dafür seitens der Gemeinde zu schaffen. In Schwertberg wurde der ehemalige Bauhof bzw. das Altstoffsammelzentrum der Gemeinde, das sich in günstiger Lage im Ortszentrum befand, abgesiedelt, um Platz für die PVE und andere wichtige Einrichtungen der Gemeinde zu schaffen. Da die Baukosten zur Errichtung das Gemeindebudget überstiegen, suchte man sich einen Investor in Form einer gemeinnützigen Wohnbaugesellschaft, die das Bauwerk unter Mitbestimmung der Nutzungseigenschaften und Bedürfnisse der Gemeinde errichtet.

Eine der Grundvoraussetzungen für die Ansiedlung einer PVE ist ein entsprechendes räumliches Angebot seitens der Gemeinde dafür zu schaffen.

Diskussion Zukunftsperspektiven PVE

Der flächendeckende Ausbau der PVE ist Bundesminister Johannes Rauch ein großes Anliegen, wie der Minister in seinem Videostatement zu Beginn der Diskussion betonte. Die vor einigen Wochen angekündigte massive Aufstockung der Anzahl von derzeit rund 40 auf 121, soll durch 100 Millionen Euro aus dem europäischen Resilienzfond unterstützt werden. Die Novelle des Primärversorgungsgesetzes wird mit 1. August in Kraft treten und sieht neben einer Vereinfachung der Gründung von PVE auch die Schaffung zum Beispiel spezialisierter Kinder-PVE vor. Wichtig für den Ausbau sei, so Rauch, der regelmäßige Austausch mit Expertinnen und Experten aus der Praxis, um gemeinsam die nächsten Schritte zu planen. PVE bieten für MTD (Physiotherapeutinnen, Physiotherapeuten, Logopädinnen, Logopäden, Ergotherapeutinnen, Ergotherapeuten, Diätologinnen, Diätologen, etc.) eine gute Möglichkeit, sich einzubringen. In der Praxis gäbe es aber noch einige Hürden bei den Arbeitsbedingungen zu überwinden, erklärte Anna Glück vom Berufsverband Logopädie Austria. Auf das Potenzial in der Gesundheitsförderung durch PVE und die extra dafür geschaffenen Rahmenbedingungen verwies Dr. Daniela Rojatz von der GÖG und betonte, dass es wichtig sei, Maßnahmen entsprechend den regionalen Bedürfnissen zu ergreifen. Das Ziel bis 2025 121 PVE zu eröffnen, hält Andreas Huss zwar für „sportlich“, er ist aber dennoch guter Dinge dieses Ziel zu erreichen. Durch die neuen gesetzlichen Bestimmungen seien die Gründungen beschleunigt worden und es komme langsam Bewegung in die Sache. So habe beispielsweise die ÖGK in Wien neun Kinder-PVE ausgeschrieben, für die es bereits Bewerberinnen, Bewerbe gäbe, so Huss. Auch in den anderen Bundesländern wären einige PVE-Projekte bereits in der Pipeline, darunter auch Tirol, wo man auf Grund der Topografie dieser Versorgungsform bislang skeptisch gegenüberstand. Begeistert zeigte sich Huss über die während der Tagung gezeigten Projekte aus den PVE Haslach (OÖ) und Böheimkirchen (NÖ). Diese zeigen, dass „PVE tatsächlich die ,Eierlegendewollmilchsau’ sei, die man sich in der Gesundheitsversorgung wünscht“. Oberösterreich sei punkto PVE sehr gut aufgestellt, betonte Dr. Wolfgang Hockl, Leiter des Referats für Primärversorgungseinheiten der oberösterreichischen Ärztekammer und Gründungsmitglied der PVE in Enns.

Primärversorgung muss viel stärker im Gesamtsystem der Versorgung gedacht und verstanden werden.

Auch in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen sehe er, dass der Trend in Richtung PVE gehe. Wenn man den extramuralen Bereich so stärken möchte, dass er den Spitalsbereich nennenswert entlastet, braucht es die Einbindung aller Berufsgruppen, betonte Daniel Peter Gressl. Gerade bei jenen Gesundheitsberufen im niedergelassenen Bereich, die lange Zeit auf sich allein gestellt waren, brauche es Zeit, sich an neue Formen der Zusammenarbeit zu gewöhnen. Zudem bemängelte er, dass es noch einiger gesetzlicher Rahmenbedingungen, sowie personeller und finanzieller Ressourcen bedürfe, um den niedergelassenen Bereich tatsächlich zu stärken. Primärversorgung müsse viel stärker im Gesamtsystem der Versorgung gedacht und verstanden werden, appellierte Dr. Erwin Rebhandl, Präsident AM PLUS und einer der Betreiber der PVE in Haslach an der Mühl. Ihm fehle die Forderung nach mehr Gesundheitsberufen in der Primärversorgung, unter anderen auch von der ärztlichen Standesvertretung. Es brauche mehr Therapeutinnen, Therapeuten und Pflegekräfte im System, um mit den vorhandenen Ressourcen eine gute Betreuung zu etablieren. Auch müsse bei einer Entlastung der Spitäler das Personal stärker in den niedergelassenen Bereich wechseln. Hier habe man noch einige Arbeit vor sich, so der AM PLUS Präsident.

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