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Pflegereform: Neue Wege in der Pflege

Krisztian Juhasz

Pflegereform: Neue Wege in der Pflege

Krisztian Juhasz

Sind Arbeitskräfte knapp, werden Jobs attraktiv und das Gehalt steigt. Das macht wiederum den Beruf interessant und mehr junge Menschen entscheiden sich dafür. In der Praxis dreht sich die Spirale in der Pflege aber in die umgekehrte Richtung. Unattraktive Rahmenbedingungen bei steigender Nachfrage kombiniert mit zu wenigen Fachkräften eröffnen eine „Pflegefalle“, aus der Wege dringend gesucht sind. 

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Mag. Renate Haiden, MSc.

Freie Redakteurin

Die Geburtenrate sinkt, Menschen leben aufgrund des medizinischen Fortschritts länger, wenn auch nicht immer gesünder. Das hat zur Folge, dass die Alterspyramide mittlerweile auf dem Kopf steht und die Zahl der Patientinnen und Patienten mit oft chronischen Mehrfacherkrankungen rasant zunimmt. Dazu kommt, dass familiäre Strukturen diesen zunehmenden Pflegebedarf in der westlichen Welt nicht mehr auffangen können, denn das Altwerden oder gar Sterben zu Hause sind Themen, mit denen sich die moderne Leistungsgesellschaft nicht gerne auseinandersetzt. „Die Werbeindustrie verbreitet munter die Mär, dass Altsein wie eine ansteckende Krankheit sei: Wenn man sie nicht sieht, mit ihr nicht in Kontakt kommt, kann man sie vermeiden“, formulierte es der deutsche Journalist Frank Schirrmacher bereits 2004 in seinem Buch „Das Methusalem-Komplott“. „Wenn Sie heute 20, 30 oder 40 Jahre alt sind, werden Sie im Jahr 2020 an vorderster Front kämpfen müssen“, schrieb er in weiser Voraussicht, als er demografische Daten zusammentrug, die auf eine massive Überalterung der Bevölkerung hingewiesen haben. Wir schreiben das Jahr 2023 und befinden uns damit genau an diesem Punkt – jedoch ohne die damit verbundenen sozialen und gesundheitlichen Folgefragen geklärt zu haben. Ausnahmsweise ist daran nicht die Pandemie schuld, doch sie hat viele Facetten des Problems noch deutlicher ans Licht gebracht und zeigt, dass es bereits fünf nach zwölf ist, um Lösungen für drohende Pflegeengpässe zu finden.

 

Der Best-Agers-Bonuspass für Menschen ab dem 50. Lebensjahr schafft mehr gesunde Lebensjahre und reduziert den Pflegebedarf im Alter.

Was Assistenzsysteme leisten können

„Die Menschen werden immer älter, aber auch immer pflegebedürftiger und diese Dienstleistung muss bezahlt oder Alternativen gesucht werden“, bringt es auch Univ.-Prof. Dr. Rudolf Taschner, Vorsitzender des Wiener Wirtschaftskreises, der sich als Denkfabrik wesentlichen Zukunftsfragen – so auch der Pflege – widmet. Pflege-Assistenzsysteme könnten ein, wenn auch nicht der einzige, Ausweg sein. Sie bestehen aus verschiedenen Komponenten, die miteinander kommunizieren.

Dadurch überwachen sie die Situation rund um die Hilfe- und Pflegebedürftigen und unterstützen oder deeskalieren im Bedarfsfall. Überall dort, wo Maschinen den Menschen unterstützen können, sollen damit Kapazitäten frei werden, die einerseits den knappen Personalressourcen entgegenwirken und andererseits die Pflege für das freispielen, was ihre ureigenste Aufgabe ist: sich um die Menschen zu kümmern. „Die Möglichkeiten sind vielfältig, wie etwa Trage- und Mobilitätshilfen oder intelligente Betten, die eine Sturz- und Fallprophylaxe oder Beaufsichtigungsfunktionen übernehmen können“, beschreibt Taschner nur einige Möglichkeiten, die auch dazu beitragen können, das Berufsbild wieder attraktiv zu machen und die Pflegenden in ihrer körperlich überaus fordernden Arbeit zu unterstützen.

Dieser Aspekt ist umso wesentlicher, denn bei all jenen, die jetzt in dem Beruf arbeiten, schlägt ebenfalls die Demografie zu: Über 30 Prozent des gesamten Personals in Gesundheits- und Sozialberufen sind derzeit älter als 50 Jahre. Aus einer Studie des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (BMASGK) aus dem Jahr 2019 geht hervor, dass unter Berücksichtigung der Pensionierungen und der steigenden Nachfrage rund 100.000 Pflege- und Betreuungspersonen auf Vollzeitbasis in den nächsten zehn Jahren fehlen werden, davon sind etwa 60 Prozent diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen.

Pflege-Assistenzsysteme können aber auch der heimischen Wirtschaft einen Vorteil verschaffen: „Österreich könnte sich als Vorreiter positionieren und mit der Entwicklung und Produktion einen Industriezweig aufbauen, der auch international gefragte Produkte anbietet“, so Taschner. Damit wären gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Pflegekräfte bekommen ein attraktives Berufsbild, der Pflegemangel entspannt sich und heimische Medizintechnik stärkt einmal mehr den Wirtschaftsstandort Österreich.

Personalmangel verschärft sich

Dr. Alexander Biach, Wiener Standortanwalt und Stellvertretender Direktor der Wiener Wirtschaftskammer präsentiert die Zahlen, die hinter diesem Pflegemangel stecken: „Anhand der Pflegegeldbezieher können wir derzeit von rund 500.000 Pflegefällen in Österreich ausgehen. Die damit verbundenen Aufwendungen verteilen sich auf die öffentliche Hand mit knapp fünf Milliarden Euro und private Zuzahlungen in Form von Selbstbehalten oder dem Verzicht auf bezahlte Arbeitszeit durch pflegende Angehörige in der Höhe von rund drei Milliarden Euro.“ Verwendet werden die Mittel in Pflegeheimen (3,4 Mrd.), den mobilen Diensten (0,7 Mrd.), der 24-Stunden-Betreuung (0,6 Mrd.) und der informellen Pflege (3,1 Mrd.). „Hochrechnungen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2030 die Kosten der öffentlichen Hand auf neun Milliarden Euro und bis 2050 auf 16 Mrd. Euro steigen werden“, prognostiziert Biach. Nicht überraschend ist, dass Bundesländer wie Wien und Niederösterreich die höchsten Pflegeausgaben haben und eher ländlich strukturierte Regionen einen höheren Anteil an informeller Pflege aufweisen.

„Im Jahr 2030 haben wir erstmals mehr als eine Million Menschen in Österreich, die über 75 Jahre alt sind. Erfreulicherweise steigt die Lebenserwartung auch an. Während im Jahr 1886 eine Frau im Schnitt nur 37 Jahre alt wurde, liegen wir aktuell bei 85“, beschreibt Biach weiter die Rahmenbedingungen. Der Bedarf an Pflegekräften wird von aktuell 127.000 im Jahr 2030 auf 161.000 steigen. „Mit der hohen Zahl an Pensionierungen wird es schwieriger werden, die Abgänge zu besetzen. Aus arbeitsmarktpolitischer Sicht fehlen zudem die Fachkräfte, meist Frauen, die derzeit die häusliche Pflege übernehmen“, fasst Biach die Folgen zusammen.

Pflege-Assistenzsysteme erleichtern den Arbeitsalltag und machen das Berufsbild auch wieder moderner und attraktiver.

Pflegereform dringend überfällig

Ein Vergleich der Gesundheitsausgaben pro Kopf und der gesunden Lebensjahre zeigt, dass in Österreich bei ähnlich hohen Ausgaben wie in Schweden, Dänemark oder den Niederlanden der Anteil der Pflegebedürftigen über 65 weitaus höher liegt. Während er in den nordischen Ländern lediglich 9,1 Prozent beträgt, liegt Österreich mit 22,8 Prozent weit vorne. Die Ursache und damit die Lösung scheint einfach: Der Fokus muss auf der Prävention liegen. „Die Aufgabe von Pflegekräften muss es sein, die Menschen wieder anzuleiten, möglichst selbstbestimmt zu leben. Damit wäre der Fokus auch auf der Förderung von geistiger und körperlicher Fitness und der Rehabilitation. Das würde auch den Beruf der Pflegenden wieder spannender machen“, ist Biach überzeugt.

Ein erster Schritt in diese Richtung soll mit der aktuellen Pflegereform bereits abgedeckt sein. Das Maßnahmenpaket umfasst neben einer Gehaltserhöhung auch zeitliche Benefits wie eine zusätzliche Entlastungswoche ab dem 43. Geburtstag oder pro Nachtdienst zwei Stunden Zeitguthaben für Beschäftigte in der stationären Langzeitpflege. Zuwanderer, die in der Pflege arbeiten wollen, erhalten einfacher die Rot-Weiß-Rot-Card, also die Arbeitserlaubnis. Außerdem erleichtert die Bundesregierung die Anerkennung von ausländischen Ausbildungen und hofft auf neue Bewerberinnen und Bewerber durch ein Pflegestipendium für Um- und Wiedereinsteiger sowie den Modellversuch Pflegelehre. Bei Erstausbildungen im Pflegeberuf gibt es einen steuer- und abgabenfreien Ausbildungszuschuss und pflegende Angehörige sollen ebenfalls monatliche Zuschüsse erhalten.

© Paul Gruber

Prävention mit „Best-Agers-Bonuspass“

Um den Pflegebedarf aber gar nicht erst aufkommen zu lassen, schlägt Biach einen „Mutter-Kind-Pass für Erwachsene“ vor. „Das ist eines der besten Steuerungselemente. Damit erreichen wir mehr Lebensjahre in guter Gesundheit und die Verlängerung des selbstbestimmten Lebens sowie das Hinauszögern von Erkrankungen und damit den erforderlichen Pflegebedarf“, sagt Biach. Nicht neu sind die drei Säulen, die dazu führen, länger gesund zu bleiben: mehr Bewegung, gesunde Ernährung und Entspannung. Motiviert werden soll über ein Belohnungssystem, den „Best-Agers-
Bonuspass“ Menschen ab dem 50. Lebensjahr. Ein interdisziplinäres Team soll für ein Erst-Assessment den Status Quo erfassen, persönliche Ziele vereinbaren und im Alltag begleiten. Ergänzt wird der persönliche Coach durch digitale Technologien, wie Wearables oder digitale Sprechstunden. Während der Umsetzung werden Best-Agers-Bonuspunkte gesammelt, die bei Zielerreichung zum Beispiel in Form von Smartwatches, Gratisimpfungen, dem Erlass der Handygrundgebühren oder Ermäßigungen bei Sportvereinen eingelöst werden können. Sollte beim Folge-Assessment festgestellt werden, dass die Ziele nicht erreicht wurden, werden die Barrieren besprochen und Gegenmaßnahmen eingeleitet. Potenzielle Gefährdungen durch die zunehmende Gebrechlichkeit können rechtzeitig durch Umwelt- und Wohnungsanalysen abgewendet werden. Biach ist überzeugt, dass das Sammelpass-System funktioniert: „Der Best-Agers-Bonuspass baut auf einen verhältnispräventiven Zugang in Form von niedrigschwelliger Betreuung in Primärversorgungseinheiten oder Pflegekompetenzzentren auf. Gleichzeitig zielt ein verhaltenspräventiver Ansatz auf die Beeinflussung der Lebensstilfaktoren und den Einsatz unterschiedlichster motivationaler Konzepte wie Nudging oder Gamification ab.“ Berechnungen zeigen beispielsweise, dass eine Anhebung des Aktivitätsniveaus der Bevölkerung um nur 20 Prozent schon zu Einsparungen von 157 Mio. Gesundheitskosten führen würde. Abzüglich etwaiger Sportverletzungen, die eine derartige Entwicklung mit sich bringen könnten, wären immer noch 72 Mio. an Spar­potenzial zu lukrieren.

Abschließend wünscht sich Biach auch eine Vereinfachung der Pflegeorganisation: „Künftig können Primärversorgungszentren als eine Anlaufstelle rund um das Pflegethema fungieren und eine Pflege-Sozialversicherung die Abrechnung der Pflegeleistungen – egal in welchem Setting – übernehmen.“ Eine „Zielsteuerung Pflege“ könne analog zum Gesundheitswesen eingerichtet werden. „Wir müssen alles daran setzen, gar nicht erst in die Pflegefalle zu tappen, mögliche Ansatzpunkte gibt es genug“, ist Biach überzeugt.

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