Suche
Close this search box.

Pflegefall 24-Stunden-Betreuung

Christoph Lipinski und Franz Binderlehner
© PRIVAT

Pflegefall 24-Stunden-Betreuung

Christoph Lipinski und Franz Binderlehner
© PRIVAT

Die österreichische Bevölkerung wird immer älter. Zurzeit sind in Österreich etwa 223.000 Menschen über 85 Jahre. Bis zum Jahre 2050 wird sich die Zahl mehr als verdoppeln – prognostiziert werden rund 583.000 über 85.-Jährige. Dieser Anstieg stellt die Pflege und Betreuung in Österreich vor eine große Herausforderung. Eine der Folge ist, dass der Bedarf an 24-Stunden-Betreuerinnen und Betreuern in Zukunft weiter steigen wird. Doch viele Betreuerinnen und Betreuer fühlen sich bei ihrer Arbeit nicht ausreichend wertgeschätzt. Mit vidaflex gibt es eine gewerkschaftlich organisierte freiwillige Interessenvertretung, die dieser Berufsgruppe neue Möglichkeiten und Chancen bieten möchte. 

Carola Bachbauer, BA, MSc

Carola Bachbauer, BA, MSc

Periskop-Redakteurin

Das Gesundheitssystem in Österreich wird zunehmend auf die Probe gestellt. Der Mangel an Pflege- und Betreuungspersonal stellt angesichts einer alternden Gesellschaft eine der kritischen Schwachstellen in einem auf die Bedürfnisse von Senioren und Kranken ausgerichteten Versorgungssystem dar. Eine aktuelle Studie der Johannes Kepler Universität Linz in Zusammenarbeit mit Reichmann Research Consulting (RCC) zeigt die herrschenden Probleme und die wachsende Unzufriedenheit der 24-Stunden-Betreuungskräfte in Österreich auf.

Achtung: Betreuungsnotstand

Die Studie wurde unter 2.021 Betreuungskräften vor allem aus Kroatien, Serbien und Ungarn zwischen Juli und September 2023 mittels einer Online-Befragung durchgeführt. Die Ergebnisse der Analyse zeigen, dass die derzeitigen Arbeits- und Entlohnungsbedingungen in der 24-Stunden-Betreuung prekär sind. Besonders steuerliche Belastungen und die mangelnde Wertschätzung der Berufsgruppe machen den Betreuungskräften zu schaffen. Infolgedessen erwägen viele, Österreich zu verlassen und in europäischen Ländern mit besseren Arbeits- und Sozialbedingungen zu arbeiten. So kann sich nur knapp jede dritte selbständige 24-Stunden-Betreuungskraft in Österreich vorstellen, auch künftig in dieser Form hierzulande tätig zu sein.

„Es ist keine Ausnahme, dass viele Betreuerinnen und Betreuer nicht wissen, dass ab dem vierten Tätigkeitsjahr SVS-Nachzahlungen auf sie zukommen. Oftmals sind das für die Betreuerinnen und Betreuer ruinöse Nachzahlungen in Höhe von 7.500 Euro bei einem Jahresverdienst von nur 10.500 Euro. Das ist natürlich für viele Kolleginnen und Kollegen unverständlich“, so Christoph Lipinski, vidaflex-Experte für 24 Stunden-Betreuung und Geschäftsführer der Gemeinwohlplattform www.betreuerinnen.at

Gerade die Bürokratie ist für viele Betreuerinnen und Betreuern ein Grund, Österreich den Rücken zu kehren. Betreuerinnen und Betreuer, die Auskunft über Nachzahlungen erhalten wollen, erhalten diese nur persönlich oder über das Internettool SVS GO. Dadurch entstehen häufig zwei Probleme: Erstens ist es in der Praxis für 24-Stunden-Betreuerinnen und Betreuer sehr schwierig, ihre Klientinnen und Klienten stundelang alleine zu lassen, um die nächste SVS-Landesstelle aufzusuchen. Zudem ist vor allem im ländlichen Bereich die öffentliche Verbindung zwischen dem Betreuungsort und der SVS-Landesstellen nicht gut genug ausgebaut, um ohne Probleme dorthin zu gelangen. Zweitens stellt ein Internet-Tool, wie das SVS GO viele 24-Stunden-Betreuerinnen und Betreuer vor sprachliche Hürden, die es ihnen unmöglich macht, dieses bedienen zu können. Ein weiters Problem ist beispielsweise die Fotopflicht auf der e-card. Da ein Großteil der Betreuerinnen und Betreuer keine österreichischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind, müssen sie persönlich vorstellig werden, um ein aktuelles Foto einzureichen. Sonst droht 2024, dass die e-card ungültig wird.

Mehr Wertschätzung

Neben finanziellen Aspekten plagt die Betreuerinnen und Betreuer auch mangelnde Wertschätzung. Nicht einmal die Hälfte fühlt sich von der zu betreuenden Person bzw. deren Angehörigen wertgeschätzt – nur rund ein Viertel hat dieses Gefühl bei der österreichischen Bevölkerung. Noch drastischer sieht es in Richtung Politik aus. Nur vier Prozent der Befragten verspüren Anerkennen von dieser Seite.

Zusätzlich wird in Österreich häufig die Meinung vertreten, dass jede und jeder betreuen und pflegen kann. Im ländlichen Bereich sind es oft die Frauen der Familie, die die Betreuung und Pflege älterer Familienmitglieder übernehmen und weniger Heimhelferinnen, Heimhelfer sowie 24-Stunden-Betreuerinnen und Betreuer, die professionelle Betreuung für zu Hause anbieten. Dies wird häufig aus einer Erwartungshaltung übernommen: „Die Nichterfüllung diese Erwartung kann oftmals zu einer interfamilären bzw. gesellschaftlichen Kritik führen. Wir brauchen hier einen Paradigmenwechsel, um Betreuung und Pflege als das zu sehen, was sie sind, nämlich sehr anspruchsvolle, physisch und psychisch anstrengende Tätigkeiten, die von Kolleginnen und Kollegen gemacht werden sollen, die auch intrinsische Motivation haben“, so vidaflex-Vorstandsmitglied Franz Binderlehner.

© PRIVAT

Flucht aus Österreich

Knapp 82 Prozent der Befragten äußerten, dass sie sich bereits einmal Gedanken darüber gemacht haben, mit der 24-Stunden-Betreuung aufhören zu wollen. Ein Viertel gab an, in Erwägung zu ziehen, ihren Beruf zu wechseln oder vollständig aus dem beruflichen Umfeld auszusteigen. Weitere sieben Prozent wollen zwar weiter selbstständig in der 24-Stunden-Betreuung arbeiten, allerdings nicht mehr in Österreich.

In den vergangenen Jahren haben laut WKÖ-Fachverband für Personenberatung und Personenbetreuung bereits mehr als 5.000 Betreuerinnen und Betreuer Österreich verlassen, obwohl der Bedarf an 24-Stunden-Betreuungskräften aufgrund der Alterspyramide in den kommenden Jahren weiter anwächst. Um einen Notstand bei der wichtigen 24-Stunden-Betreuung zu verhindern, müssen jetzt entsprechende Maßnahmen gesetzt werden.

Daher fordert vidaflex:

  • eine Erhöhung der staatlichen Förderung für 24 Stunden-Betreuung auf 1.500 Euro
  • eine Teilbefreiung von SVS-Beiträgen für Betreuerinnen und Betreuer, da sie durchschnittlich nur 6 Monate arbeiten aber 12 Monatsbeiträge zahlen
  • Schaffung eines „Bleib-da-Bonus 2.0“ und einer Ombudsstelle in der SVS für 24-Stunden-Betreuerinnen und Betreuer.

Formulierte Verbesserungsvorschläge zur Betreuungsarbeit

Auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie formulierten ihre Verbesserungsvorschläge bezüglich der 24-Stunden-Betreuung. So äußerten sie Wünsche, wie offizielle Musterarbeitsverträge in Deutsch und den Landessprechen der Betreuerinnen und Betreuern, einen fixen Sozialversicherungspauschalbetrag, um die derzeit häufigen und hohen Nachzahlungen zu vermeiden, Schulung zu den Themen SVS und Finanzämter mit Auskunftspersonen in den jeweiligen Muttersprechen sowie mehr Kontrolle der Agenturen bzw. Vereine, die sie an die zu betreuenden Personen vermitteln. Hinzu kommen die Möglichkeit einer einfachen und unbürokratischen Abgabe der Steuererklärung in der jeweiligen Muttersprache oder die Unterstützung bei der Betreuungsarbeit durch medizinisches Fachpersonal.

www.betreuerinnen.at: Vermittlung von 24-Stunden-Betreuung

Derzeit arbeiten in Österreich rund 70.000 Menschen in der 24-Stunden-Betreuung. Dennoch ist es für Angehörige oftmals eine Herausforderung eine Betreuerin oder einen Betreuer für einen nahestehenden Menschen zu organisieren. Denn häufig ist es schwierig, verlässliche und transparente Anbieter in Österreich zu finden, die sich an die gesetzlichen Vorgaben halten, nicht zu teuer sind und trotzdem kompetente und aufmerksame Betreuungskräfte mit fachspezifischen Vorkenntnissen und vor allem Deutschkenntnissen vermitteln.

Aus diesem Grund hat sich vidaflex entschlossen, die Gemeinwohlplattform www.betreuerinnen.at ins Leben zu rufen. Diese bietet faire, sichere, transparente und schnelle Vermittlung von 24-Stunden-Betreuung für zu Betreuende und deren Angehörige sowie auch für 24-Stunden Betreuerinnen und Betreuern an.

Aber wie funktioniert das genau? Das Besondere an www.betreuerinnen.at ist, dass die Plattform im Zuge einer Studie der Arbeiterkammer Niederösterreich, der Universität Wien und der gewerkschaftlichen Initiative vidaflex zusammen mit Betreuerinnen und Betreuern als unabhängige gemeinwohlorientierte Plattform für die Vermittlung von 24-Stunden-Betreuung konzipiert wurde. Daher haben sich bereits sehr viele 24-Stunden-Betreuerinnen und Betreuern auf der Plattform angemeldet und es kommt bei den Vermittlungen nicht zu den üblichen Wartefristen von bis zu fünf Wochen. „Derzeit können wir innerhalb von sieben Werktagen geeignete Betreuungskräfte finden. Betreuerinnen und Betreuern müssen im Zuge ihrer Registrierung einen Deutschtest machen sowie ihre Zeugnisse hochladen, die von unseren Communtiymangerinnen, -managern sowie diplomierten Qualitätsmanagerinnen und -managern überprüft werden. Schon vor der eigentlichen Betreuung können sich Interessentinnen und Interessenten beider Seiten mit einem Videotelefonat kennenlernen und den Termin vereinbaren, damit über uns die Musterverträge mit Mindesttarifen in der jeweiligen Muttersprache übermittelt werden“, erklärt Christoph Lipinski und führt weiter aus: „Ein Vorteil, für die zu Betreuenden und ihren Angehörigen ist auch, dass die Betreuerinnen und Betreuer bei uns kostenlos einen Deutschtest machen müssen. Wir haben mitbekommen, dass es mangelnde Deutschkenntnisse gibt und manche Betreuerinnen und Betreuer leider nicht die Rettungsnummer für Notfälle gewusst haben. Das und ähnliches fragen wir bei diesem Test ab.“ Mangelnde Sprachkenntnisse sind jedoch nicht nur für die zu betreuende Person gefährlich, sondern auch für die Betreuerinnen und Betreuer selbst, wenn sie zum Beispiel Verträge unterschreiben, die sie nicht lesen können.

www.betreuerinnen.at berücksichtigt automatisch die Bedürfnisse und Wünsche der zu betreuenden Personen und deren Angehörigen sowie der 24-Stunden-Betreuerinnen und Betreuern. „Außerdem steht über die Plattform ein Kostenrechner zur Verfügung, damit die zu Betreuenden und deren Familien Transparenz über die anfallenden Kosten haben“, so Lipinski und führt weiter aus: „Wie wir mittlerweile aus der Praxis wissen, tun wir das zu mehr als fairen, transparenten und sicheren Konditionen. Es gibt keine versteckten Kosten, die sich bei anderen Anbietern durchschnittlich auf 2.200 Euro pro Jahr belaufen.“

Abonnieren Sie PERISKOP gleich online und lesen Sie alle Artikel in voller Länge.

Aktuelle Ausgabe

Nach oben scrollen