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Oberösterreichischen Gesundheitsholding: Ein stabiles Fundament für die Zukunft bauen

ITV Karl Lehner
© GERHARD GATTINGER

Oberösterreichischen Gesundheitsholding: Ein stabiles Fundament für die Zukunft bauen

ITV Karl Lehner
© GERHARD GATTINGER

Bei der Oberösterreichischen Gesundheitsholding (OÖG) werden Ausbildung und Personalbindung großgeschrieben. PERISKOP sprach mit Mag. Karl Lehner, MBA, über seine Zukunftsperspektiven.

Mag. Dora Skamperls

Mag. Dora Skamperls

PERISKOP-Redakteurin

Karl Lehner ist einer von drei Geschäftsführern der Oberösterreichischen Gesundheitsholding (OÖG). Die Arbeit in der Geschäftsführung ist stark zukunftsorientiert, denn die OÖG setzt einen Schwerpunkt auf die Ausbildung und nachhaltiges Personalmanagement – und die geringen Dop-out-Raten im Ausbildungsbereich beweisen den Erfolg des Konzepts. Das Pilotprojekt Pflegestarter:innen ist beispielgebend, seit 15 Jahren läuft der strategische Schwerpunkt der Lebensphasenorientierung und fast 60 Prozent aller 15.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in Teilzeitmodellen.

PERISKOP: Herr Lehner, Sie haben einen viel­ schichtigen Aufgabenbereich in der Ober­österreichischen Gesundheitsholding. Bitte skizzieren Sie kurz Ihre Zuständigkeiten.

LEHNER: Mein Ressortbereich umfasst die Ausbildung an den Schulen, den gesamten Finanzbereich und den Technikbereich mit Beschaffung, Medizintechnik, Bau und Haustechnik sowie den Beteiligungsbereich. Im Bereich der Schulen betreiben wir neun Krankenpflegeschulen an allen unseren Standorten, wo wir sehr breit ausbilden. Zum Konzern gehören die fünf Regionalkliniken an acht Standorten sowie das Kepler Universitätsklinikum, das mit 6.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unsere größte Konzerngesellschaft bildet. Insgesamt haben wir rund 15.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine ganz wichtige Rolle nimmt die FH Gesundheitsberufe OÖ mit rund 2.200 Studentinnen und Studenten ein, wo wir einen 80-Prozent-Anteil halten, 20 Prozent haben die Ordensspitäler in Oberösterreich. Hier bieten wir in elf Studiengängen Ausbildungen für Hebammen, in der Ergo-, Physiotherapie, Logopädie, Diätologie, Radiologietechnologie, Biomedizinischen Analytik sowie Gesundheits- und Krankenpflege und einige Managementlehrgänge an. Ich bin auch Geschäftsführer der LKV Krankenhauserrichtungs- und Vermietungs-GmbH, die mehrere Spitalsstandorte ausgebaut und errichtet hat. Zu meinem Ressortbereich zählen noch die Beteiligungen an drei Reha-Zentren am Gmundnerberg, in Enns und in Rohrbach. Zwei weitere Konzerngesellschaften, die Landespflege- und Betreuungs-GmbH und die Medizinische Simulations- und Trainingszentrum GmbH gehören zu einem anderen Ressortbereich in der Geschäftsführung.

Gibt es auch Verschränkungsmodelle, die Sie beispielhaft nennen können?

Es gibt in der OÖG mehrere Verschränkungsmodelle, beispielsweise einen MRT im Salzkammergutklinikum am Standort Gmunden gemeinsam mit dem niedergelassenen Bereich, mit dem wir sowohl extramurale als auch Spitalspatientinnen und -patienten versorgen. Das MRT-Gebäude ist direkt am Krankenhaus angebaut und unser Radiologie-Primar arbeitet dort direkt mit externen Ärztinnen und Ärzten zusammen. Ein ähnliches Verschränkungsmodell ist im Klinikum Rohrbach – ebenfalls ein MRT-Gerät, wo wir in einer Vereinbarung mit der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) auch alle extramuralen MRT-Leistungen im Klinikum mitbetreuen. Das bedeutet, dass sich pro Jahr mehr als 3.500 Patientinnen und Pati- enten den Weg nach Linz sparen. In Kirchdorf im Phyrn-Eisenwurzen Klinikum befindet sich eine Kassen-Kinder-Gruppenpraxis, die im Spital situiert ist. Sie bietet den großen Vorteil von zwei Versorgungsvarianten an einem Ort. Unsere Ärztinnen und Ärzte aus unserer Kinderabteilung betreiben diese Gruppenpraxis und haben den Vorteil, dass sie nur innerhalb des Gebäudes den Platz wechseln müssen, was zeit- und ressourcensparend ist. Letzteres ist seit mehr als zehn Jahren eines unserer Vorzeigeprojekte, das sehr gut funktioniert. Ein viertes Verschränkungsmodell besteht im Klinikum Freistadt, wo es im niedergelassenen Bereich für die Gynäkologie nur Wahlarztordinationen und keine Kassenordination gibt. Hier bieten wir im Rahmen einer Vereinbarung mit der ÖGK im Klinikum auch Kassenleistungen an.

Gibt es in Oberösterreich noch weitere Modelle oder Ideen, um die Ambulanzen nachhaltig zu entlasten?

Die Akutschiene ist ja entsprechend geregelt – hier ist völlig klar, wohin die Patientinnen und Patienten kommen, beispielsweise bei einer Geburt, einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder Unfall. Es kommen aber viele Menschen ohne Zuweisung, die nicht akut sind und eigentlich keine Leistungen eines hochspezialisierten Krankenhauses benötigen. In Österreich besteht keine Kultur für ein Gatekeeping. Wir sind daher der Meinung, dass alle Gesundheitsdiensteanbieter gemeinsam Modelle entwickeln sollten, um die Menschen dorthin zu steuern, wo sie am besten betreut werden. Eine dem Spital vorgelagerte oder auch im Spital angesiedelte Primärversorgungseinheit (PVE) könnte hier ein Lösungsmodell darstellen, mit dem umfassenden Angebot eines Gesundheitszentrums – inklusive Betreuung z.B. durch Hebammen, Logopädie, Physiotherapie, gemeinsam von niedergelassenen Ärztinnen, Ärzten und Mitarbeiterinnen sowie Mitarbeitern der Spitäler, die Interesse daran haben. Eine solche Einrichtung wäre den Spezialambulanzen vorgelagert und würde diese entsprechend entlasten. Jene Patientinnen und Patienten, die doch eine spezialisierte Behandlung benötigen, können dann direkt eine Spezialambulanz aufsuchen.

Hier treten wir mit dem niedergelassenen Bereich nicht in Konkurrenz – ganz im Gegenteil, dieser ist Teil des Konzepts. Es sollten alle Gesundheitsdiensteanbieter die Möglichkeit haben, sektorenübergreifend zusammenzuarbeiten – doch da fehlt es in Österreich noch an Rahmenbedingungen. Das kann auch die Apotheken, Bandagisten und viele weitere Professionistinnen und Professionisten miteinbeziehen.

Sie beschreiben hier ein optimales Lotsen­modell, was ist davon bereits konkret in Umsetzung?

Die vier bereits genannten Verschränkungsmodelle bestehen seit mehreren Jahren und wir sind der Meinung, dass wir deutliche weitere Schritte setzen müssen. Ein hartes Gatekeeping-System ist nicht die Kultur, die wir in Österreich haben. Die Menschen in Österreich haben die Wahlfreiheit, und daher müssen wir Strukturen schaffen, die eine punktgenauere Landung im System und durch das System ermöglichen und die möglichst niederschwellig sind.

Neben den besonders wichtigen Hausärztinnen und Hausärzten kann eine PVE die Patientinnen und Patienten an den Best Point of Care steuern, wo sie insgesamt auch besser und zielgerichtet versorgt werden. Natürlich haben wir für eine PVE auch alle Berufsgruppen in den Spitälern und können unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das wollen, auch in der PVE tätig werden.

Ein hartes Gatekeeping- System ist nicht die Kultur, die wir in Österreich haben. Die Menschen in Österreich haben die Wahlfreiheit, und daher müssen wir Strukturen schaffen, die eine punktgenauere Landung im System und durch das System ermöglichen.

Werden für zukünftige Neubauten auch Erstversorgungsambulanzen (EVAs) ange­dacht, die entsprechend baulich gestaltet sind, beispielsweise mit ansprechenden Aufenthaltsbereichen?

Bei Neubauten und Umbauten sehen wir bereits jetzt Holding Areas vor, wo Patientinnen und Patienten ankommen, aber auch nach der Behandlung oder zwischen zwei Behandlungen angenehme Wartebereiche zur Verfügung haben. In den Akutbereichen und Notfallambulanzen wird dann wirklich nur noch dieser Bedarf gedeckt, während daneben Möglichkeiten geschaffen werden müssen, nicht akute Fälle gesondert zu betreuen. Das wird baulich auch berücksichtigt und entsprechend gestaltet. Wir haben gerade Masterpläne in Arbeit, wo beispielsweise MRT-Geräte in Regionalkliniken nach den oben genannten Vorbildern entstehen sollen.

Kommen wir zur Ausbildung. Wie nehmen Sie auf die Personalsituation Bezug, sowohl in der Pflege als auch in der medizinischen Versorgung?

Die Ausbildung in unseren neun Krankenpflegeschulen und der FH Gesundheitsberufe OÖ mit ihren Studiengängen ist erheblich gefordert. Es ist ein Faktum, dass von 100 Leuten, die in Pension gehen, aufgrund der Bevölkerungspyramide nur 60 nachkommen. Das heißt, wir müssen mehr Menschen rekrutieren aus einer kleineren Gruppe. Und vor allem müssen wir versuchen, diese auch nachhaltig für einen Gesundheitsjob zu begeistern. Wir bieten an allen Standorten alle Ausbildungen an, in Teilzeit und berufsbegleitend, mit Start im Herbst und im Frühjahr. Seit einem Jahr gibt es auch das Projekt Pflegestarterinnen und -starter, die die Pflegeausbildung sofort nach der Pflichtschule beginnen. Das heißt aber nicht, dass wir diese jungen Menschen mit 15 Jahren ans Patientenbett schicken – sie haben beispielsweise Simulations- und Schauspielunterricht. Wir haben zwei Pilotmodelle in Freistadt und in Kirchdorf, die sehr gut laufen und die wir daher auf weitere Schulstandorte ausrollen. Damit haben wir die Chance, dass wir sofort nach der Pflichtschule junge Menschen mit in den Pflegebereich, in die Ausbildung übernehmen. Wir bieten auch die Möglichkeit, ein Berufsbildungspraktikum zu machen. Wir erleben, dass diejenigen, die sich nach den zehn Monaten im Berufsbildungspraktikum für eine Ausbildung an einer Krankenpflegeschule entscheiden, fast alle dabeibleiben – weil sie ganz genau erlebt haben, was sie erwartet. Bei den Pflegestarterinnen und -startern haben wir die Ausbildung schrittweise vorgesehen, als Pflegeassistenz und Pflegefachassistenz. Wenn sie dann eine Berufsreifeprüfung oder ein B2-Diplom in Englisch machen, können sie direkt ins dritte Semester unserer Bachelorausbildung für die Pflege in der FH Gesundheitsberufe OÖ einsteigen. Wir bieten damit ein komplett durchgängiges Modell ab 15 bis zum akademischen Abschluss.

Was ist in der Ausbildung in Oberösterreich anders als in den anderen Bundesländern, gibt es Alleinstellungsmerkmale?

Wir hatten in der OÖG schon vor 15 Jahren ein Modell, im Rahmen der Diplomausbildung und einem zusätzlichen siebten Semester in der Pflege einen Bachelor machen zu können. Das war in Zusammenarbeit mit der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) in Salzburg. Als die Reform im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) 2016 gekommen ist, haben sich daher in Oberösterreich die Spitalsträger gemeinsam entschieden, sofort auf die Bachelorausbildung umzusteigen, und haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir haben im Durchschnitt pro Jahr 300 Studentinnen und Studenten, die das Studium der Gesundheits- und Krankenpflege an der FH Gesundheitsberufe OÖ beginnen. Auch das oben beschriebene Pflegestartermodell unterscheidet uns von den meisten anderen Bundesländern. Neben einigen anderen Bundesländern hat sich OÖ für den Pilotversuch der Pflegelehre entschieden, der durchaus herausfordernd ist, da die Pflegelehre ganz anders organisiert ist. Auch hier übernehmen wir Menschen ab 15 Jahren.

Wie sieht es im ärztlichen Bereich aus, wird schon in der Ausbildung Personal gewonnen und aufgebaut?

Hier ist das Personalrecruiting sehr gefordert. Unsere Personaldirektion ist mit Mediziner- innen und Medizinern auf den einschlägigen Berufsinformationsmessen in ganz Österreich unterwegs. An der Medizinfakultät der Johannes Kepler Universität (JKU) in Linz gibt es seit einigen Jahren die Möglichkeit, in Oberösterreich auszubilden. Viele junge Menschen sind im klinisch-praktischen Jahr und der Basisausbildung an unseren Spitälern. Alle unsere Kliniken sind Universitätslehrkrankenhäuser. Nach dem Aufbauplan der JKU kommen in den nächsten Jahren noch erheblich mehr Studienplätze für die Humanmedizin hinzu.

Inwieweit kann das Bundesland Oberöster­reich bzw. die OÖG im Bereich der Perso­nalbindungsmaßnahmen eigene Schritte setzen?

Wir haben vom Land als Eigentümer die Unterstützung, dass wir den Ausbildungsbereich und das Bildungsangebot – ob es unsere Schulen betrifft oder die Zahl der Studienplätze an der FH – bedarfsgerecht steuern können.

Wir können im Rahmen unserer Akkreditierung der Fachhochschule auch das Zehnprozent-Potenzial entsprechend ausnutzen. Im Bereich der Personalbindung haben wir seit mehr als 15 Jahren einen strategischen Schwerpunkt in der Lebensphasenorientierung, wo es eine Fülle an Maßnahmen gibt, die sich auf die Personalbindung in den verschiedenen Lebensabschnitten ausrichten. Es gibt Schulpartnerschaften der Krankenpflegeschulen mit allen Schulen im Einzugsbereich. Es gibt an allen unseren Klinikstandorten Kinderbetreuungseinrichtungen. An unseren Häusern mit insgesamt 15.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gibt es fast 60 Prozent mit verschiedensten Teilzeitmodellen. Auch betreiben wir viele Social-Media-Aktivitäten, um zu informieren und zu vernetzen.

Wir müssen mehr Menschen rekrutieren aus einer kleineren Gruppe, die nachkommt, und sie ausbilden. Und vor allem müssen wir versuchen, diese auch nachhaltig für einen Gesundheitsjob zu begeistern.

Thema Digitalisierung – was ist in Oberöster­reich auf Schiene, was ist geplant?

Wir haben einen sehr weitgehenden Digitalisierungsgrad in unseren Kliniken. Gerade jetzt läuft ein trägerübergreifendes Projekt, und zwar implementieren wir schrittweise ein neues Kran- kenhausinformationssystem (KIS) an allen unseren Standorten in einem Projekt gemeinsam mit einigen Ordensspitälern. Wir haben aus der Zeit der Pandemie auch das Thema digitale Schleusen mitgenommen, die bald in allen Häusern umgesetzt werden sollen. Auch besteht schon mehrere Jahre ein trägerübergreifendes Tumorzentrum, das mehrmals wöchentlich virtuelle Tumorboards abhält und wo alle Patientinnen und Patienten mithilfe einer einheitlichen Software dokumentiert werden. Dieses Projekt ist durchaus modellgebend – auch in Zukunft für andere Bereiche, wie z.B. ein Traumanetzwerk. Unsere Radiologien sind mit unserem Radiologieverbund standortübergreifend in einem einheitlichen PACS vernetzt. Unsere IT arbeitet gemeinsam mit anderen Bundesländern an einem gemeinsamen Patientenportal, das in weiterer Folge eine Vorbereitung auf die EU-weite Patient Summary sein soll. Unsere IT betreut auch die ELGA-Plattform in Oberösterreich.

Hier wünschen wir uns, dass ELGA noch stärker sektorenübergreifend wird, was ein maßgeblicher Faktor für die erfolgreiche Anwendung des gesamten Systems ist.

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