„No Nurses no Future“ — die Pflege muss deutlich an Bedeutung gewinnen

„No Nurses no Future“ — die Pflege muss deutlich an Bedeutung gewinnen

Gesundheitsexpertinnen und -experten erörterten beim Praevenire 
Gipfel­gespräch per Video­-
­konferenz das Thema 
Pflege & Betreuung. 1 Gerald Bachinger, 2 Andreas Huss, 3 Werner Kerschbaum, 4 Anna Papaioannou 
(ohne Bild), 5 Erwin Rebhandl, 6 Bernhard Rupp, 7 Martin Schaffenrath, 8 Kurt Schalek
Gesundheitsexpertinnen und -experten erörterten beim Praevenire 
Gipfel­gespräch per Video­-
­konferenz das Thema 
Pflege & Betreuung. 1 Gerald Bachinger, 2 Andreas Huss, 3 Werner Kerschbaum, 4 Anna Papaioannou 
(ohne Bild), 5 Erwin Rebhandl, 6 Bernhard Rupp, 7 Martin Schaffenrath, 8 Kurt Schalek

 

Die schwierige Situation könnte zugleich eine Chance sein, die Rahmenbedingungen und die Befugnisse dahin­gehend anzupassen, dass die Berufsbilder attraktiver und eine personelle Entlastung des Gesundheitssystems möglich werden. | von Rainald Edel, MBA

 

Die Pflege wird sowohl in Bezug auf die Versorgung als auch in Bezug auf die Finanzierung eine der größten Herausforderungen für das österreichische Gesundheitssystem werden. „Die Pflege der Älteren wird einen ganz wichtigen Stellenwert bekommen. Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Pflege. Statt, wie es früher geheißen hat, ‚Ohne Ärzte geht‘s nicht‘, wird es künftig ‚No Nurses no Future‘ heißen“, stellt Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte Österreichs, gleich zu Beginn fest.

„Ich möchte mich Dr. Bachinger anschließen, denn wenn man sich die demographischen Zahlen in Österreich anschaut, sieht man, dass in den nächsten Jahren die Baby-Boomer in Pension gehen werden. Das bedeutet, dass in zehn Jahren die größte Bevölkerungsgruppe die der 60- bis 70-Jährigen ist. Daher stellt sich die Frage, wir es schaffen, für diese Menschen genügend Pflegekräfte zur Verfügung zu haben“, ergänzt Andreas Huss, MBA, Vizeobmann der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK). Verschärfend auf den sich abzeichnenden Engpass in der Pflege wirkt auch, dass die jüngeren Generationen aufgrund der eigenen Berufstätigkeit deutlich weniger Zeit haben werden, Angehörige zu Hause zu pflegen. Studien zeigen aber auch, dass sich nach wie vor viele Menschen wünschen, zu Hause gepflegt und betreut zu werden. „Mobile Betreuung und Pflege zu Hause muss verfügbar, zugänglich, umfassend, leistbar und kontinuierlich sein, und zudem sollte darauf ein Rechtsanspruch bestehen. Das gibt es derzeit in Österreich nicht“, schildert Dr. Werner Kerschbaum, ehemaliger Generalsekretär des Roten Kreuzes und Vorstand der IG pflegender Angehöriger. Seiner Ansicht nach bedarf es eines Ausbaus der Kurzzeitpflege, um Angehörige zu entlasten. Zudem müsse die Lücke zwischen Einzelbetreuung und 24-h-Betreuung geschlossen werden. Sein Wunsch wäre, dass es ein integriertes Paket für Pflege und Betreuung gäbe. „Eine Schlüsselfigur wäre unserer Ansicht nach die Community Nurse. Es soll also kein Parallel­universum entstehen, sondern in bestehende Strukturen eingebunden werden, beispielsweise in Zusammenarbeit mit Primärversorgungszentren. Um Problematiken abfangen zu können, damit die Betroffenen nicht gleich in stationäre Pflege übergeleitet werden müssen“, appelliert Anna Papaioannou, Bakk. vom Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverband. Mag. Martin Schaffenrath, MBA MBA, MPA, Verwaltungsrat in der ÖGK berichtet: „In Tirol werden die in manchen Orten vorhandenen Gemeindeschwestern von der jeweiligen Gemeinde bezahlt und machen präventive Hausbesuche.“

Die teilnehmenden Expertinnen und Experten am Gipfelgespräch zum Thema Pflege und Betreuung sehen die derzeit schwierige Situation zugleich als Chance, die Rahmenbedingungen dahingehend anzupassen, dass die Berufsbilder attraktiver und die Befugnisse so angepasst werden, dass eine personelle Entlastung des Gesundheitssystems möglich wird.

 

Die Versorgung der Bevölkerung funktioniert sicher nur in Teamarbeit und kann nicht mehr von Ärztinnen und Ärzten oder der Pflege alleine geschafft werden.

Erwin Rebhandl

Teamarbeit muss verstärkt werden

Die Ausbildung und Kompetenz der Gesundheits- und Krankenpflege wird prinzipiell als gut erachtet, allerdings wird das Know-how der Fachkräfte in der Praxis zu wenig genützt, um zum Beispiel von Medizinerinnen und Medizinern delegierte Aufgaben eigenständig durchführen zu dürfen. Die Expertinnen und Experten waren sich aber einig, dass die Herausforderungen nur durch ein engeres Miteinander auf Augenhöhe zu bewältigen sein werden. „Die Versorgung der Bevölkerung funktioniert sicher nur in Teamarbeit und kann nicht mehr von Ärztinnen und Ärzten oder der Pflege alleine geschafft werden. Allerdings muss man sie strukturiert angehen. Dass die Pflege in Hinsicht auf die zunehmende Alterung der Bevölkerung immer wichtiger wird und mehr Aufgaben zu übernehmen hat, steht für mich außer Zweifel“, betont Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der Oberösterreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Dazu müssen aber die Kompetenzen nachgeschärft werden und es muss eine klare Organisationsstruktur geben. Um die Versorgung flächendeckend zu gewährleisten, sollte in Österreich an den weiteren Ausbau von Community Nurses gedacht werden. Ebenso sollten die Einsatzmöglichkeiten der mobilen Pflege und Betreuung verstärkt genützt werden. „Aus meiner Sicht beginnt es schon damit, dass wir in Österreich nie definiert haben, was professionelle Pflege und Betreuung leisten sollen. Wir haben kein Gesamtziel. Wir haben wohl Regelungen für Einrichtungen, wie Pflegeheime, die mobilen Dienste oder die Tageszentren. Aber was dort effektiv an Leistungen passieren soll, ist weitgehend unklar“, schildert Mag. Kurt Schalek von der Arbeiterkammer Wien. Das Problem sei, dass Geldgeber andere Vorstellungen haben als die dort Beschäftigten.

Eine weitere Verschärfung der Personalsituation in der Pflege besteht darin, dass viele Fachkräfte nach zehn Jahren nicht mehr im Beruf tätig sind. Die Ursachen dafür liegen in der hohen Arbeitsbelastung und der gleichzeitig schlechten Entlohnung. Die Expertinnen und Experten waren sich einig, dass es daher einer Reform der Rahmenbedingungen bedarf. Die aktuelle Kollektivvertragseinigung mit einer Reduktion auf 37 Stunden wurde als Schritt in die richtige Richtung gesehen. Allerdings würde es noch mehr brauchen, um ausgebildete Pflegekräfte zurück- und neue Kräfte dazuzugewinnen.

 

Potenziale besser nützen

„Wir brauchen eine bessere Kooperation zwischen Gesundheitswesen und Langzeitpflegesystem. Denn Menschen, die Langzeitpflege brauchen, haben im Normalfall mehrere Krankheiten und benötigen Dienstleistungen aus beiden Systemen. Es wäre natürlich höchst sinnvoll, wenn diese beiden Systeme stärker miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten“, appelliert Schalek. Potential sehen die Expertinnen und Experten ebenfalls in einer intensiveren Zusammenarbeit des ärztlichen Personals mit Pflegekräften in Pflegeeinrichtungen. Knackpunkt sowohl in Institutionen als auch im Krankenhaus sei der Personalschlüssel. Hier müsse das Verhältnis Pflegekraft zu den zu betreuenden Personen deutlich angepasst werden, nur so sei qualitätsvolles Arbeiten möglich und einer beruflichen Überforderung der Pflegekräfte vorzubeugen. „Eine wesentliche Frage, die wir in Österreich auch noch nicht diskutiert haben, ist, welche Möglichkeiten es für auch intensivpflichtige Patientinnen und Patienten in den eigenen vier Wänden gäbe. Ich kenne einige sehr gute Projekte aus anderen Ländern, wo das Thema ‚Hospital at home‘ aufgespielt wurde. Das muss jetzt nicht die klassische Regelversorgung werden, aber in Ausnahmesituationen, wie wir sie derzeit vorfinden, wären technologieunterstützte oder Adaptiv-Angebote im Bereich der Hausversorgung im Bereich der Intensivpflege durchaus überlegenswert. Die haben hier in Österreich glaube ich, Luft nach oben“, bringt Hon.-Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp von der Arbeiterkammer NÖ ein weiteres Handlungsfeld ins Spiel. Community Nursing erachtet er als wichtigen Schritt. „Was allerdings noch kommen muss, ist eine substanzielle Ausweitung in Richtung Advanced Nurses Practitioners. Wir haben hier einige wenige Ausbildungsstellen in Österreich, allerdings bringt die Ausbildung nicht rasend viel, weil wir berufsrechtlich noch keine Vorsorge getroffen haben“, so Rupp. Er appelliert, dass man Ausbildungen, die auf akademischer Ebene bereits angeboten werden, auch praktisch umsetzen soll. Zudem fordert er modulare Weiterentwicklungsmöglichkeiten sowie die Schaffung von Karrieremöglichkeiten ein, um letztendlich Engpässe vorzubeugen.

 

Wir haben in Österreich nie definiert, was professio­nelle Pflege und Betreuung leisten sollen.
Wir haben kein Gesamtziel.

Kurt Schalek

 

Gemeinsame Finanzierung

Durchaus kritisch wird die nach wie vor gelebte Praxis in den Bundesländern gesehen, dass Pflege und Gesundheit in den meisten Landesregierungen in unterschiedlichen Ressorts angesiedelt sind. Aus Sicht der Expertinnen und Experten wäre eine Pflegefinanzierung aus einer Hand sinnvoll. „Ich könnte mir einen gemeinsamen Finanzierungsfonds vorstellen, in den Sozialversicherungsträger und Gesundheitskasse gemeinsam einzahlen, wie wir das teilweise bei der Hospizfinanzierung haben“, erklärt Schalek. So könne man über eine gemeinsame Finanzierung auch ein gemeinsames Interesse für optimiertes Handeln herstellen. Das gilt auch für die Lage der medizinischen Versorgung in Pflegeheimen. Statt einer Valorisierung des Pflegegeldes sollte verstärkt ein Sachleistungssystem aufgebaut werden. Darüber hinaus ist eine Entkoppelung der Leistungen von der Pflegestufe anzudenken, damit die Patientinnen und Patienten die optimale Versorgung bekommen und sie für sie leistbar ist, wenn sie sie tatsächlich benötigen, unabhängig von ihrer Einstufung.

 

Themenkreis Pflege & Betreuung

Für das Weißbuch „Zukunft der Gesundheitsversorgung“ wirken u. a. mit:

  • Dr. Gerald Bachinger
  • Dr. Günter Dorfmeister, MBA
  • Ursula Frohner
  • Mag. pharm. Gebhard Hauser
  • Andreas Huss, MBA
  • Mag. Dr. Werner Kerschbaum
  • Univ.-Prof. Mag. Dr. Hanna Mayer
  • Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr
  • Anna Papaioannou, Bakk.
  • Dr. Erwin Rebhandl
  • Mag. pharm. Jürgen Rehak
  • Mag. Silvia Rosoli
  • Hon.-Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp
  • Mag. Martin Schaffenrath, MBA, MBA, MPA
  • Mag. Kurt Schalek
  • Mag. Doris Stelzhammer
  • ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, PhD
  • Mag. pharm. Thomas W. Veitschegger
  • Mag. Monika Wild

Stand 30. Juni 2020

 

„Sinnvoll wäre, das Aufgaben-portfolio des gut ausgebildeten gehobenen Dienstes wie in vielen anderen Ländern zu erweitern, sodass dieser weitere medizinische Aufgaben übernehmen darf. Dies würde Arbeitsprozesse optimieren und dem ärztlichen Dienst ermöglichen, Personalressourcen noch gezielter einzusetzen. Auch würde dies Gehälter optimieren — Leistung wie Verantwortung würden sich entsprechend positiv entwickeln.“ Dr. Günter Dorfmeister, MBA | Pflegedirektor des Wilhelminenspitals

 

 

„In Österreich wird die Zahl der pflegebedürftigen Personen im Jahr 2030 bei ungefähr einer Million Menschen liegen. Um dieser Herausforderung gewachsen zu sein, braucht es neben einer besseren Verteilung der bestehenden Mittel, Investitionen in Prävention, medizinische Versorgung und den Pflegebereich. Ebenso muss der Kompetenzdschungel der Zuständigkeiten im Pflegebereich zwischen Bund und Ländern endlich gelichtet werden.“ ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, PhD | Präsident der Ärztekammer für Wien

 

 

„Gerade im extramuralen Bereich bietet die Apotheke für pflegende Familienangehörige einen niederschwelligen Zugang. Hier fi nden sie zum Thema Polymedikation gut ausgebildete Expertinnen und Experten. Die Kooperation zwischen den Bereichen Arzt, Pflege und Apotheke sollte in den Pflegeeinrichtungen gefördert werden. Ein Pilotprojekt hat durch interdisziplinäre Zusammenarbeit bereits eine Steigerung des Patientinnen- und Patientenwohls bewiesen.“ Mag. pharm. Thomas W. Veitschegger | Vizepräsident des Österreichischen Apothekerverbandes

 

 

„Die Suche nach qualifi ziertem Personal gestaltet sich in den vergangenen Jahren immer schwieriger. Die eingeforderten Kompromisse von Beschäftigten im Bereich Pflege und Betreuung, von Überstunden bis hin zu Mehrleistungen, tragen nicht zur Arbeitszufriedenheit bei. Die Politik ist hier gefordert, Maßnahmen zu ergreifen, um Pflegeberufe wieder attraktiver zu gestalten und Ausbildungs und Umschulungsmöglichkeiten anzubieten.“ Mag. Monika Wild | Leiterin Gesundheits- und Soziale Dienste des Österreichischen Roten Kreuzes

 

 

 

„Im allgemeinen Diskurs wird Pflege allzu oft auf die Zielgruppe älterer Menschen reduziert. Dabei geht allerdings der ganzheitliche Blick auf das Thema verloren. Der Beitrag, den eine professionelle Pflege für das Gesundheitssystem leisten könnte, wird somit nicht ausgeschöpft. In Österreich muss die bestehende Rolle der Pflege darum ebenso gestärkt werden wie auch ihre Kompetenzen und Einsatzgebiete.“ Univ.-Prof. Mag. Dr. Hanna Mayer | Vorständin am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien

 

 

„Bei allen Maßnahmen, die Bereiche der Pflege und Betreuung betreffen, gilt es, die Schnittstellen zwischen dem Akutbereich und dem mobilen sowie stationären Langzeitbereich mitzudenken und mitzugestalten. Wenn das nicht passiert, haben wir ineffiziente Insellösungen. Eine gelungene Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit allen beteiligten Berufsgruppen ist für die Pflegepersonen wichtig und verhindert Doppelgleisigkeiten.“ Mag. Doris Stelzhammer | Dachverband der Wiener Sozialeinrichtungen

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

© Peter Provaznik (4), Katharina Schiffl, Jürg Christandl, Kargl, PERIOnlineexperts, Huger, Uni Wien, Jürg Christandl, Peter Provaznik (2)

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