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Hepatitis C — „Elimination 2020“: Systeme neu denken

Hepatitis C — „Elimination 2020“: Systeme neu denken

Unter der Schirmherrschaft von Gilead Sciences wurde am 5. Juni 2020 eine Auswahl lokaler Projekte aus ganz Österreich präsentiert, die alle ein gemeinsames Vorhaben verfolgen: Bis 2030 soll das Hepatitis-C-Virus (HCV) eliminiert werden — so auch das Ziel der WHO. | von Mag. Julia Wolkerstorfer

Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Gschwantler, Vorstand der Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie in der Klinik Ottakring

Im Rahmen eines digitalen Round Tables tauschte sich eine Top-Expertenrunde zu zahlreichen engagierten Projekten aus, diskutierte mögliche Symbiosen und stellte dabei jene Menschen in den Mittelpunkt, die oft nicht erreicht werden. Was viele von ihnen nicht wissen: Bei nahezu allen Betroffenen ist die chronische Hepatitis C heute heilbar — vorausgesetzt, der Weg zum Screening, und in weiterer Folge zum Behandler, wird geschafft. Durch das Gespräch führte Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Gschwantler, Vorstand der Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie in der Klinik Ottakring (ehem. Wilheminenspital).

Richtiges Setting für High-Risk-Populationen

Zu Beginn des Round Tables wurde das Augenmerk auf die Patientengruppen mit einem hohen Risiko für eine chronische Hepatitis C gerichtet, nämlich „People Who Inject Drugs“ (PWIDs), sowie auf psychiatrische Patientinnen und Patienten und obdachlose Menschen. Auf dem Weg zur Heilung gibt es viele Hindernisse, oftmals schaffen viele Betroffene nicht einmal den Weg zum Screening. Eine Zuweisung für das Labor reicht meist nicht aus, denn viele kommen niemals dort an. Was es braucht, ist ein eigenes Setting. In Wien läuft daher ein erfolgreiches Pilotprojekt: Substitutionspatientinnen und -patienten, die unter oraler Substitution stehen — in Wien sind das 6.500 Personen —, müssen einmal pro Monat in eines der neun Gesundheitsämter des MA-15-Gesundheitsdienstes der Stadt Wien, um dort ihr Rezept vidieren zu lassen. Diese Bewilligungsstelle erweist sich daher als ideales Nadelöhr, um die Patientinnen und Patienten bestmöglich zu erreichen. In Kooperation mit der Suchthilfe Wien und mit Unterstützung von Gilead wurde ein spezielles Screening-Projekt aufgesetzt: Direkt an den Bewilligungsstellen agiert ein eigenes Team, das in einem ersten Schritt im Zuge eines beratenden Gesprächs einen Antikörpertest anbietet. Im Falle eines positiven Ergebnisses wird eine PCR-Testung (Polymerase Chain Reaction) durchgeführt. Danach wird versucht, jene Menschen mit positivem HCV-RNA-Nachweis effizient an eine Therapie anzubinden — entweder in der Suchthilfe Wien oder in der Klinik Ottakring.

Erste Ergebnisse des Screeningprojekts in Wien

Die ersten 1.592 Menschen, die gescreent wurden, haben folgende Ergebnisse gezeigt: Knapp über 50 Prozent waren Hepatitis-C-Antikörper-positiv, weiters konnten 537 Menschen für eine HCV-RNA PCR motiviert werden. Diese war in 30 Prozent positiv. Bei 108 zusätzlichen Menschen wurde keine PCR durchgeführt, da diese anamnestisch angegeben haben, ohnehin schon zu wissen, dass sie eine chronische Hepatitis C haben. Fazit: Von den 1.592 Menschen, die gescreent und ausgewertet wurden, konnte bei 17 Prozent eine neudiagnostizierte oder bereits bekannte Hepatitis-C-Infektion festgestellt werden. Der Schritt zum tatsächlichen Therapiestart ist jedoch mit Hürden verbunden. Ziel ist es daher, zusätzlich ein Peer-Projekt zu initiieren, um Patientinnen und Patienten ein Stück an der Hand zu nehmen, sodass der Schritt in die Therapieeinrichtung letztendlich erleichtert wird.

Projekt „neunerhaus“

Das Hepatitis-Projekt „Screening und Therapie für obdachlose Menschen“ knüpft an die bereits vorgestellte Initiative an: Das „neunerhaus“, eine Wiener Sozialorganisation, bemüht sich seit 1999 darum, die Lebensumstände von obdach- und wohnungslosen Menschen zu optimieren. Seit 2006 gibt es im „neunerhaus“ auch ein medizinisches Angebot für Menschen ohne Krankenversicherung. Dr. Stephan Gremmel, Ärztlicher Leiter des „neunerhaus“ Gesundheitszentrums, klärt gemeinsam mit seinem Team darüber auf, wie die Krankheit Hepatitis C zu verstehen ist, wie die Ansteckung funktioniert und welche Therapiemöglichkeiten es gibt. Obdachlose Menschen haben den Zugang zur medizinischen Versorgung oftmals verloren, was einerseits auf psychiatrische Erkrankungen, aber auch auf Ausgrenzungserfahrungen und Stigmatisierung zurückzuführen ist. Wesentliches Ziel ist es, den niederschwelligen Therapiezugang unabhängig vom Anspruch auf Krankenversicherung für diese Menschen herzustellen — das wird durch die Unterstützung von pharmazeutischen Unternehmen realisiert. Stephan Gremmel: „Wir haben unterstandslose Populationen hinsichtlich HCV bisher vernachlässigt. Jetzt ist es wichtig die Menschen, die viel im Kontakt mit der Risikogruppe stehen, zu sensibilisieren.“

HCV-Therapie im Rahmen des Opioid-Substitutionsprogramms

Dr. Hans Haltmayer, Ärztlicher Leiter der Suchthilfe Wien, hat sich auf Patientinnen und Patienten mit „Borderline Compliance“ spezialisiert. Das sind Menschen, die aufgrund ihrer psychischen bzw. psychiatrischen Erkrankung nicht die Konstanz aufbringen, die es braucht, um die chronische Hepatitis C erfolgreich zu heilen. Auf der anderen Seite zeigt sich diese Zielgruppe aber sehr verlässlich und konstant in der Einnahme ihrer Substitutionsmedikamente. Ziel ist es daher, die Substitutionstherapie, die über die Apotheken abgewickelt wird, mit der Hepatitis-C-Behandlung zu koppeln („directly observed therapy“).

Das Ergebnis ist erfreulich: 455 Patientinnen und Patienten konnten bisher mit der Behandlung beginnen, 322 davon haben die Therapie inklusive der 12-wöchigen Nachbeobachtungsphase abgeschlossen. 99,4 Prozent wurden virologisch geheilt. „Gelungen ist das, weil sich die Patientinnen und Patienten in einem stabilen Substitutionssetting befinden und gleichzeitig von supportiven Teams begleitet werden. Diese bestehen aus Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, Pflegerinnen und Pflegern sowie Ärztinnen und Ärzten, die bei Komplikationen sofort aktiv werden können und die Weiterversorgung mit Medikamenten sicherstellen“, so Haltmayer.

Prim. Priv.-Doz. Dr. Andreas Maieron, Leiter der Abteilung für Innere Medizin II, Universitätsklinikum St. Pölten, präsentierte ein Pilotprojekt, das sich auf einen vereinfachten Behandlungszugang für Patientinnen und Patienten mit Hepatitis C im Opioid-Substitutionsprogramm in Niederösterreich fokussiert. Eines der großen Ziele des Projekts ist die Dezentralisierung, Flächendeckung und Simplifikation der Therapie zu erreichen. Dieses Projekt erfolgt in enger Zusammenarbeit mit den OST-abgebenden Apotheken, die als Ansprech- und Kontaktfunktion agieren. Per Telekonsultation erfolgt ein Aufklärungsgespräch mit den Betroffenen direkt in der Apotheke und basierend darauf wird dann die Therapieindikation gestellt. In Folge wird das bewilligte Rezept an die Apotheke übermittelt, wo die Ausgabe der HCV-Therapie gemeinsam mit der Substitutionstherapie erfolgt.

General Population und Awareness

Das ELIMINATE (Elimination Austria East)-Programm von Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Thomas Reiberger, Medizinische Universität Wien, fokussiert sich darauf den „rest of the rest“ aufzugreifen: „Die Idee dazu ist entstanden, als die Virologiedatenbank im Wiener AKH abgefragt wurde. Im Zeitraum Jänner 2008 bis Dezember 2018 wurden insgesamt 239.514 Testungen durchgeführt, davon waren 8.331 Personen HCV-Antiköper-positiv. In diesem Zeitraum gibt es ein Kollektiv von knapp 3.500 Patientinnen und Patienten, die in der letzten vorliegenden HCV-RNA-PCR ein positives Testresultat aufwiesen. Die Initiative wird als guter Eliminationsansatz bewertet: Dieser Ansatz kann nicht nur im AKH Wien, sondern in allen größeren Labors, die Hepatitis-C-Testungen mittels HCV-RNA-PCR anbieten, angewandt werden. Im nächsten Schritt sollen die eruierten Patientinnen und Patienten — sofern noch Kontaktdaten vorhanden sind — ins jeweilige Zentrum, einberufen werden, um möglichst rasch mit der Therapie zu starten. Insgesamt sind in das Projekt elf Therapiezentren involviert.

Im Wiener AKH soll darüber hinaus schon bald eine Awareness-Kampagne für Patientinnen und Patienten initiiert werden. Dabei sollen Plakate mit unterschiedlichen Slogans die Sensibilisierung für das Thema Hepatitis C forcieren, wie ao. Univ.-Prof. Dr. Petra Munda, Leiterin der Spezialambulanz für virale Lebererkrankungen im AKH Wien, skizzierte und erste Entwürfe vorstellte: „Wussten Sie, dass Hepatitis C heilbar ist? Wussten Sie, dass Hepatitis C bei der Gesundenuntersuchung nicht getestet wird? Wussten Sie, dass Sie zur Risikogruppe gehören könnten?“ Außerdem sollen auch im medizinischen Bereich für Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegefach­kräfte kostenlose abteilungsinterne Fortbil­dungen über das Intranet angeboten werden.

Klassische Risikogruppe versus gesundheitsbewusst lebendes Kollektiv

Eine große Salzburger Kolonkarzinom-Vorsorge­initiative von Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Datz, Ärztlicher Leiter des Krankenhauses Oberndorf, dient als Grundlage, um die HCV-Prävalenz in diesem Patientenkollektiv zu evaluieren. Das Projekt „Salzburger Kolon-Karzinom-Prävention und -Intervention“ umfasste ca. 6.750 Untersuchungen im Zeitraum 2008 bis heute und fokussierte sich auf beschwerdefreie Menschen über 50 Jahre. Ass.-Arzt Dr. Bachmayer präsentierte die Auswertung der ersten 1.252 Patientinnen und Patienten, die vor allem für Österreich von wichtiger Bedeutung sind, da es bisher nur sehr limitierte epidemiologische Informationen zur Allgemeinbevölkerung gab, primär aus dem Bereich des Blutspendedienstes. Basierend auf den präliminären Ergebnissen folgerten die Experten aus Salzburg: „Hepatitis-C-Screenings machen nicht nur bei Risikogruppen, sondern auch in der Allgemeinpopulation Sinn, da die Prävalenz höher zu sein scheint (0,8 Prozent) als erwartet und Patientinnen und Patienten auch asymptomatisch sein können. Die Initiative hilft nicht nur, um WHO-Ziele zu erreichen, sondern auch dahingehend, die Menschen in einem möglichst frühen Stadium zu erreichen. Aufgrund dieser neuen Daten hat sich die Expertenrunde vorgenommen, die österreichische Gesundheitskasse für zukünftige Initiativen rund um Testung an Board zu holen, um Projekte dieser Art auf nationale Ebene zu heben.

Menschen in Haft

Mag. Dr. Margit Winterleitner, Chefärztin des Bundesministeriums für Justiz, skizzierte ein Klagenfurter Hepatitis-C-Justizprojekt, das Testungen zukünftig auch für Untersuchungshäftlinge ermöglichen soll. Bisher hat sich das als schwierig erwiesen, da Untersuchungshäftlinge jederzeit entlassen werden können und die Fortsetzung der Therapie dann nicht immer gewährleistet ist. Grundsätzlich zeigt sich die Zeitspanne der Haft als ideales Setting für die Hepatitis-C-Behandlung. Gemeinsam mit der Suchthilfe Klagenfurt und dem AMS sollen Untersuchungshäftlinge zukünftig motiviert werden, die Therapie zu starten und — im Falle einer Entlassung — extern weiterzuführen. Die Medikamente werden in diesem Fall über die Apotheke abgegeben.

Erfolgsmodell Telemedizin

Ao. Univ.-Prof. Prim. Dr. Harald Hofer vom Klinikum Wels-Grieskirchen und OÄ Dr. Stephanie Hametner vom Ordensklinikum Linz initiierten in Oberösterreich gemeinsam mit ihren Teams das sogenannte „Prisons“-Screening, das sich die HCV-Elimination Oberösterreich zum Ziel gesetzt hat und telemedizinische Zugänge für die Patientinnen und Patienten forciert. Auch Prim. Doz. Dr. Andreas Maieron betonte noch einmal die Bedeutung telemedizinischer Lösungen: Was die Hepatitis-C-Behandlung jetzt brauche, sei Dezentralisierung, eine flächendeckende Ausrollung und Vereinfachung. Es stellt sich die Frage, ob die Projekte gestärkt werden können, indem bei der Gesundheitskasse ein Anker gesetzt wird, um so die Verordnungspraxis zu vereinfachen. Kontaktlose Konsultationen werden von den Patientinnen und Patienten angenehm empfunden, da Berührungspunkte mit Bürokratie entfallen. Mit elektronischen Bewilligungen gäbe es gute Erfahrungen, Telefonate mit den Chefärztinnen und Chefärzten im Homeoffice verliefen sehr unkompliziert. Die Telekommunikation hat insbesondere bei Menschen mit Angststörungen, die sich mit direkten Kontakten ohnehin schwer tun, gut funktioniert.

Ein abschließender Bericht der AGES verdeutlichte die bundesländerspezifischen Unterschiede hinsichtlich Hepatitis-C-Testungen und -Neudiagnosen und zeigte, dass die vielfältigen Eliminationsinitiativen Erfolg zeigen, aber nach wie vor großes Augenmerk auf die Forcierung der Projekte gelegt werden muss, um den WHO-Zielen gerecht zu werden.

Themenblock „Special Population“

PWID, Psychiatrische Patientinnen und Patienten und obdachlose Menschen

Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Gschwantler |  Vorstand der Ab­teilung für Gastroenterologie und Hepatologie Klinik Ottakring

 

Dr. Stephan Gremmel | Ärztlicher Leiter„neunerhaus“

 

Dr. Hans Haltmayer | Ärztlicher Leiter der Suchthilfe Wien

Themenblock „General Population“ und Awareness

Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Thomas Reiberger | Leiter der Leberzirrhoseambulanz und Transplantationsambulanz im AKH Wien, Leiter der Arbeitsgruppe Leber der ÖGGH

ao. Univ.-Prof. Dr. Petra Munda | Leiterin der Spezialambulanz für virale Lebererkrankun­gen im AKH Wien

Themenblock „Prisons“

Mag. Dr. Margit Winterleitner | Chef­ärztin des Bundesministeriums für Justiz

 

ao. Univ. Prof. Prim. Dr. Harald Hofer | Klinikum Wels-Grieskirchen

 

OÄ Dr. Stephanie Hametner | Ordens­klinikum Linz

 

Prim. Priv.-Doz. Dr. Andreas Maieron | Leiter der Abteilung für Innere Medizin II, Universitätsklinikum St. Pölten

Themenblock „General Population“ und Awareness

Dr. Sebastian Bachmayer | Ass.-Arzt im Krankenhaus Oberndorf

 

Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Datz | Vorstand der Abteilungen für Innere Medizin, A. Ö. Krankenhaus Oberndorf, Lehrkrankenhaus der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg


Dies war eine Veranstaltung der Gilead Sciences GesmbH

AT-HCV-2020-07-0005; 07/2020

© Fotocredits: Felicitas Matern, Privat, Perionlineexperts, Christoph Liebentritt, Alex Gotter, Armin Muratovic, beigestellt, Ordensklinikum Elisabethinen Linz, Andreas Balon, Privat, Florian Stürzenbaum

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