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Musik und Medizin: Innovationen durch die nächste Generation

© Ludwig Schedl

Musik und Medizin: Innovationen durch die nächste Generation

© Ludwig Schedl

Die Medizin befindet sich weltweit in einer großen Umbruchsphase und es kommt in vielen Bereichen zu einem deutlichen Paradigmenwechsel. Gerade die junge Generation der Medizinerinnen und Mediziner haben einen völlig anderen Zugang zum Thema Gesundheit und Integration neuer Ideen, der sich deutlich von traditionellen Konzepten unterscheidet, wie die Musikerin und Medizinerin Dr. Miriam Burger schildert.

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Rainald Edel, MBA

Periskop-Redakteur

Immer mehr wissenschaftliche Studien attestieren Musik eine therapeutische Wirkung – beispielsweise bei Alzheimer, Bluthochdruck, psychischen Erkrankungen und Schmerz. Aber nicht nur das aktive Musizieren kann positive Veränderungen hervorrufen, auch die passive Konsumation von Musik, Klängen, Vibrationen und Rhythmen führt zu messbaren Verbesserungen.

Miriam Burger wurde 12 Jahre lang professionell auf der Violine ausgebildet und schloss in Wien ihr Medizinstudium ab. Neben der Facharztausbildung für Psychiatrie in Zürich hat sie sich in Music als Medicine, Global Health und Mind-Body Medicine in Boston weitergebildet. Ihre Arbeit mit Klang und Vibration fasst sie unter dem Begriff „Sound Medicine“ zusammen.

Durch Ihre musikalische und medizinische Karriere sind Sie bei der „Sound Medicine“ angekommen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Medizin und Musik ergänzen sich in vielfältiger Weise in der Musiktherapie, z. B. in der Neonatologie, Alzheimer- und Parkinsontherapie. Aber auch bei Gesunden wirkt Musik nachhaltig: es ist zum Beispiel nachgewiesen, dass bei langjährigen Musikerinnen und Musikern Gehirnareale stärker ausgebildet sind – z. B. das Corpus Callosum, der Balken der die beiden Gehirnhälften verbindet, sowie bestimmte Gehirnareale, die für Klang- und Sinnesverarbeitung relevant sind. Es gibt also noch viel zu erforschen. Der Begriff Sound Medicine wird derzeit für mentale und physische Erholung durch Trancezustände verwendet. Ich nenne meine Arbeit mit Klang & Vibration „Sound Medicine“ oder „Sonic Medicine“. Mein persönliches Interesse brachte mich jenseits der Musiktherapie auch zur langjährigen Beschäftigung mit den asiatischen Medizinsystemen. Im Zuge dessen bin ich auf Meditationspraktiken gestoßen, die Instrumente verwenden und große Vorteile für unser Nervensystem haben. Es geht dabei nicht nur darum zur Ruhe zu kommen, sondern auch um die Nervenregeneration. Dabei beschäftige ich mich mit den Bereichen Meditation, Vibration, Selbstwahrnehmung, neurogene Phänomene und psychische Gesundheit. In meinen Jahren in Asien habe ich die dort spezifisch eingesetzten Instrumente und Methoden näher kennengelernt. So hat beispielsweise der Gong in Südostasien eine Jahrhunderte alte Tradition im Kontext der Meditation, aber auch die tibetischen Klangschalen, und andere Instrumente. Es wird angenommen, dass die Schwingungen der Instrumente dabei helfen, dass der Körper sich tiefenentspannen kann. Dabei wird das Nervensystem und das «Stresssystem» entspannt. Es entsteht Raum für neue Einsichten, Denkprozesse und Verhaltensänderungen.

Welche Rahmenbedingungen braucht es Ihrer Meinung nach, um im Gesundheitsbereich ein innovationsfreundliches Klima zu schaffen und speziell Frauen zu motivieren, sich mit einer Idee selbständig zu machen? Gibt es hier Unterschiede zwischen der Schweiz und Österreich?

In der Gesundheitsbranche wird eine verstärkte Kollaboration zwischen dem privaten und staatlichen Sektor wichtiger denn je. Der Privatsektor hat eine andere Arbeitsdynamik. Die Schweiz bietet Möglichkeiten für privat-staatliche Kollaboration in Spitzenforschung und Industrie, und im Unterschied zu Österreich werden Innovationshubs proaktiver gefördert. So gibt es beispielsweise verschiedene Universitäts- und Startup-Ökosysteme die vom Staat und den Kantonen unterstützt werden. Es gibt klar definierte Schnittstellen zwischen medizinischer Forschung und industrieller Technologieentwicklung – ein florierendes Ökosystem, das man auch in Österreich stärker fördern könnte. 

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Das Team des World Health Innovation Summit ist Teil des SDG Cities Flagship Program, bei dem es um Smart Cities und Nachhaltigkeit geht.  Die Global Social Prescribing Alliance wurde von Gareth Presch und internationalen Partnern (WHO, NASP, UNGSII) gegründet. Welche neuen Ansätze für Gesundheit und Wohlbefinden sind weltweit, in Europa und speziell in Österreich erforderlich?

Von den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs), die die UN 2016 ausgegeben hat, beschäftigt uns vor allem das SDG 3: „Gesundes Leben für alle – ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern“. Wesentlicher Impuls für Social Prescribing ist die Erkenntnis, dass soziale Bedürfnisse bzw. Belastungen von Patientinnen und Patienten einen wichtigen Einfluss auf deren Gesundheit haben, diese aber in der herkömmlichen Gesundheitsversorgung nur unzureichend adressiert werden. Während meiner Global Health Ausbildung an der Harvard University 2018 erhielt ich Einblick in die Gesundheitssysteme verschiedenster Staaten. Das Konzept des „Community Health Workers“ war dabei stets ein zentraler Hebel für nachhaltiges Gesundheits- und Krankheitsmanagement. Dies inspirierte auch das „Social Prescribing“, ein Konzept, mittels welchem Patientinnen und Patienten für ihre nicht-medizinischen Bedürfnisse an einen sogenannten Link Worker „überwiesen“ werden und „Social Prescricptions“, Rezepte für sozialmedizinische Interventionen, erhalten. Link Workers sind Fachkräfte, die eine Lotsenfunktion innehaben und Personen zur Verbesserung des Wohlbefindens an entsprechende Institutionen weitervermitteln. Das Spektrum ist sehr breit und reicht von lokal zur Verfügung stehenden vielfältigen Gesundheitsförderungsmaßnahmen, bis zu Gemeinschaftsaktivitäten wie Seniorentanzen, Wandergruppen oder Nachbarschaftsnetzwerken. Wir haben 2021 die Global Social Prescribing Alliance (GSPA) ins Leben gerufen mit dem Ziel, eine globale Arbeitsgruppe zu bilden, die sich der Förderung von Social Prescribing durch Förderung, Zusammenarbeit und Innovation widmet. Wir arbeiten aktiv mit 25 Mitgliedsstaaten (einschließlich Österreich) zusammen.

Seit 2019 arbeiten Sie auch als Advisor für den World Health Innovation Summit CIC. Welche Idee liegt dieser Plattform zugrunde und welche Projekte werden dadurch gefördert?

Die Idee dahinter war, eine Plattform zu kreieren, in der sich sowohl die Patientin und der Patient als auch medizinische Fachkräfte austauschen können, um Community bezogene Medizin und personalisierte Betreuung zu entwickeln und des Weiteren eine Ebene zu generieren, in der Innovation einen Platz findet, und diese auch Förderung erhält. Daraus haben sich Expertengruppen gebildet, die jeweils für die Betreuung und Entwicklung von Projekten zuständig sind. Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit mit der UNGSII Foundation, UNSDSN, um COP Olympics Changing the Narrative ins Leben zu rufen: COP als Hafen für globale Klimaschützer. Es geht darum, einen Event zu schaffen, bei der diejenigen zelebriert werden, die sich für den positiven Wandel einsetzen und ihn beschleunigen, indem sie alle Interessengruppen einbeziehen, um damit auch allen die Möglichkeit zu geben, einen Beitrag zu leisten. Und zwar mit dem neuen Narrativ: globale Veränderung passiert nicht nur auf Spitzenebene, sondern auch in Regionen, Ländern, Kontinenten – auf einer globalen Bühne, damit die Nachhaltigkeitsziele bis 2030 erreicht werden. In der Zwischenzeit sind durch den World Health Innovation Summit CIC zahlreiche Projekte entstanden.

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