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Alzheimer-Vorsorge auf allen Ebenen

Krisztian Juhasz

Alzheimer-Vorsorge auf allen Ebenen

Krisztian Juhasz

Hierzulande fühlen sich drei Viertel der Menschen nicht gut über Alzheimer informiert. Dabei wäre Gesundheitswissen über die Erkrankung wichtiger Schritt in Richtung Prävention. Aber auch bei den Versorgungsstrukturen für Betroffene und Angehörige bestehen noch Mängel, erklärte Spectra Marktforscher Dr. Walter Wintersberger beim PRAEVENIRE Bürgerforum. | von Mag. Marie-Thérèse Fleischer, BSc

Laut Gesundheitsministerium leben in Österreich aktuellen Schätzungen zufolge 115.000 bis 130.000 Menschen mit Demenz, wobei Alzheimer die häufigste Form der Erkrankung darstellt. Verschiedene Aspekte rund um die Ängste vor einer demenziellen Erkrankung und die Versorgung von Betroffenen wurden im Februar 2022 von Spectra Marktforschung auf Initiative der MAS Alzheimerhilfe erhoben. Dr. Walter Wintersberger, Senior Research Director und Partner bei Spectra Marktforschung, präsentierte beim PRAEVENIRE Bürgerforum zum Thema Demenz die wichtigsten Ergebnisse. Über 1.000 Menschen ab 15 Jahren nahmen an der repräsentativen Befragung teil.

Wir wissen, dass das Gesundheitswissen ein wichtiger Faktor im Rahmen der Prävention ist - das heißt, es braucht eine Aufklärung der Menschen, der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

Wissen über Demenz zu gering

Jede bzw. jeder Zehnte ist besorgt, selbst an Alzheimer zu erkranken, wenngleich die Ängste vor Krebs oder einem Schlaganfall größer sind als jene vor dem zunehmenden Gedächtnisverlust. Rund ein Drittel der Befragten kennt im eigenen Umfeld jemanden, der von Alzheimer betroffen ist. Trotzdem ist das Wissen über die progrediente neurodegenerative Erkrankung in der Bevölkerung noch zu gering: Nur 5 Prozent fühlen sich sehr gut, weitere 18 Prozent gut über Alzheimer informiert. „Das sind in der Regel diejenigen, die Angehörige pflegen oder Angehörige haben, die von Alzheimer oder einer anderen Demenzform betroffen sind“, erläutert Wintersberger. Er fügt an: „Wir wissen, dass das Gesundheitswissen einen wichtigen Faktor im Rahmen der Prävention ausmacht – das heißt, es braucht eine Aufklärung der Menschen, der Betroffenen und ihrer Angehörigen.“

Frühzeitige Abklärung erster Symptome

Treten Anzeichen eines Gedächtnisproblems auf, sollte ehestmöglich eine Ärztin oder ein Arzt hinzugezogen werden. 44 Prozent der Befragten berichten aber, dass sie bei frühen Symptomen eher zuwarten würden – bei den Männern ist es sogar knapp die Hälfte. „Das stellt natürlich ein Problem dar, es verstreicht irrsinnig viel Zeit“, warnt Wintersberger. Auch Ärztinnen und Ärzte seien befragt worden, warum die Betroffenen so spät Hilfe suchen.
„Einerseits wollen Betroffene es nicht wahrhaben, dass sie erkrankt sein könnten, sie verdrängen es, denn die Erkrankung ist immer noch tabubehaftet. Andererseits sind die Angehörigen – und da sind wir alle gefordert – oft nicht aufmerksam genug“, so der Experte. Wenn die Angehörigen nicht genügend Wissen über Alzheimer haben, passiere es leicht, dass sie erste Anzeichen übersehen oder sie als Altersschusseligkeit abtun. Verfügen Angehörige hingegen über eine hohe Awareness, kommen die Patientinnen und Patienten relativ schnell zu einer Spezialistin oder einem Spezialisten.

Allgemeinmedizinische Praxen als Anlauf­ stellen

Als wichtige Ansprechpartnerinnen und -partner werden Hausärztinnen und Hausärzte gesehen – drei Viertel der Befragten geben an, sich bei Symptomen einer Demenz zuerst in einer allgemeinmedizinischen Praxis beraten lassen zu wollen. „Die wenigsten gehen direkt zu einer Neurologin oder einem Neurologen, in eine Gedächtnisambulanz oder eine neurologische Ambulanz – auch, weil in manchen Regionen unserer Einschätzung nach das An- gebot nicht so ausgebaut ist, wie es sein sollte“, erläutert Wintersberger die Beweggründe. Auch in Bezug auf wichtige Informationsquellen zum Thema Alzheimer stehen Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner bei den Befragten an erster Stelle. An zweiter Stelle folgen Medien, Zeitungen und Zeitschriften, erst dann werden Neurologinnen und Neurologen sowie das Internet genannt.

Mehr Awareness, mehr Struktur

Die Hausärztinnen und Hausärzte sind laut Wintersberger gefordert, rechtzeitig diagnostische Pfade einzuleiten, die Patientinnen und Patienten zu informieren und bei Bedarf zu Facharztpraxen zu überweisen. Zudem wünschen sich die Österreicherinnen und Österreicher klare Worte in Bezug auf die Erkrankung: 87 Prozent möchten, dass Medizinerinnen und Mediziner die Diagnose Alzheimer offen und ehrlich mitteilen.
Allerdings kämpfen Hausärztinnen und Hausärzte mit vollen Wartezimmern. „Sie sagen uns, dass es sehr sinnvoll wäre, Betroffene aktiv und frühzeitig zu identifizieren, nur fehlen ihnen häufig die zeitlichen Ressourcen und die Finanzierung dafür“, berichtet der Experte. „Es geht bei den Hausärztinnen und Hausärzten nicht nur um Awareness, sondern auch um eine Struktur, die geschaffen werden muss, damit diese frühzeitige Identifikation umgesetzt werden kann.“

Betreuung zuhause gewünscht

Auch ein weiterer Punkt der Erhebung zeigt, dass bessere Strukturen geschaffen werden müssen, um die Versorgung der Österreicherinnen und Österreicher – in der Form, die sie sich wünschen – zu gewährleisten.
Denn: 70 Prozent möchten im Fall einer Alzheimererkrankung zuhause betreut werden.

„Das verlangt den Angehörigen sehr viel Engagement ab, sie brauchen Unterstützung bei der Heimpflege“, unterstreicht Wintersberger. Auch die Mehrfachbelastung der Familien müsse bedacht werden. Dadurch, dass Paare zunehmend später im Leben Kinder bekommen, stehen Eltern (meist sind es die Mütter, denen die Hauptlast zufällt) schnell einmal vor der enormen Herausforderung, Versorgung von Kindern, Betreuung eines pflegebedürftigen Eltern- oder Großelternteils in deren Haushalt und berufliche Anforderungen parallel bewältigen zu müssen. Wintersberger tritt für die Betroffenen und ihre Angehörigen ein: „Das ist nicht so leicht zu schaffen. Aber der Wunsch der Betroffenen stellt auch hier einen klaren Auftrag für Politik und Gesundheitseinrichtungen dar, dass sie rechtzeitig Vorsorge tragen müssen.“

Es geht bei den Hausärztinnen und Hausärzten nicht nur um Awareness, sondern auch um eine Struktur, die geschaffen werde muss.

Mehr als ein Drittel will selbst beitragen

In puncto Vorsorge sind sich 81 Prozent der Befragten einig, dass ein Gedächtnistraining – wie es z.B. von der MAS Alzheimerhilfe angeboten wird – zur Vorbeugung von Gedächtnis-Beschwerden genauso sinnvoll wäre, wie Bewegung und Sport zur Vorbeugung von körperlichen Beschwerden. Von jenen, die ein Gedächtnistraining für geeignet halten, wären 37 Prozent bereit, auch dafür zu bezahlen. und zwar durchschnittlich 50 euro pro Monat, um auch selbst ihren Teil zur Alzheimer-Prävention beizutragen.

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