MS-Index: Werk für Europa

MS-Index: Werk für Europa

„Future Proofing Healthcare“ ist eine Initiative, die durch die Erstellung von Indices zu Transparenz und Ver­gleich­barkeit von Gesundheitssystemen beiträgt. Damit sollen Verbesserungspotenziale identifiziert und zu einer europa­weiten Diskussion angeregt werden. Die Bestimmung internationaler Benchmarks unter Verwendung gut auf­geschlüsselter Daten dient Politik und Systemen als handfeste Entscheidungshilfe zur Bewältigung zukünftiger Herausforderungen. Im Rahmen des 100. PRAEVENIRE Gipfelgesprächs skizzierte Univ.Prof. Dr. Thomas Berger, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien und Mitglied des Expertenpanels des FPH „MS-Indexes“, den Multiple-Sklerose-Index und mit ihm ein Werk, das die Versorgung von Menschen mit ms in medizinischer und sozialer Hinsicht EU-weit optimieren will. | von Mag. Julia Wolkerstorfer

 

Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien und Mitglied des Expertenpanels des FPH „MS-Indexes“
Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien und Mitglied des Expertenpanels des FPH „MS-Indexes“

In Österreich leben rund 13.000 Menschen mit der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose, weltweit sind es etwa 2,5 Mio. Sie sind primär ab dem jungen Erwachsenenalter mit der Diagnose konfrontiert und werden 50 bis 60 Jahre von der Krankheit begleitet, was einen enormen Einfluss auf das sozioökonomische Umfeld der betroffenen Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige bedeutet. Die biologischen Ursachen von MS sind noch nicht vollständig geklärt, die Symptome zeigen sich von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Betreffend der drei Verlaufsformen von MS — schubförmig, primär chronisch progredient und sekundär chronisch progredient — wird eine wachsende Datenlage beobachtet. Bei etwa 90 Prozent zeigt sich der Beginn der Krankheit mit einem schubförmigen Verlauf. Ziel des therapeutischen Bemühens ist es, die Mobilität und Lebensqualität der Patientinnen und Patienten auf einem möglichst hohen Niveau zu halten, um so ein selbstbestimmtes Leben zu erlauben.

In seiner Keynote „Der Multiple-Sklerose-
Index — Entwicklung und Bedeutung“ betrachtete der Neurologe Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger die Future Proofing Healthcare Indices aus dem Blickwinkel von Gesundheitssystem und Versorgungslage in Österreich. Im Fokus stand anhand des Beispiels des MS-Indexes die Frage, welche Rückschlüsse sich aus den FPH-Indices für das österreichische Gesundheitssystem und zur Optimierung der Versorgung ziehen lassen. Eine intensive Behandlung in der Frühphase von MS zeigt langfristig positive Effekte, kann Invalidität vermeiden und zahlt sich gesundheits- sowie gesamtökonomisch aus. Berger erläuterte: „Bei niedrigen Behinderungen, die MS mit sich bringt, verzeichnen wir im Schnitt 30.000 Euro an jährlichen Kosten, höhere Behinderungsgrade belaufen sich auf durchschnittlich 80.000 bis 90.000 Euro pro Jahr. Wichtiges Ziel ist es daher, optimal in der noch frühen entzündlichen Krankheitsphase anzusetzen, den Krankheitsverlauf möglichst lange sanft und die Lebensqualität auf einem hohen Niveau zu halten.“

 

Future Proofing Healthcare: Verbesserungspotenziale der Gesund­heitssysteme ausschöpfen

Die Vergleichsdatenbank Future Proofing Healthcare soll die Optimierung von Gesundheitssystemen unterstützen. Nach dem Motto „gemeinsam wissen wir mehr“ werden transparente Bedingungen für eine europaweite Diskussion geschaffen, die den hohen medizinischen Standard Europas auch zukünftig sicherstellen sollen und mittels gut aufgeschlüsselter, handfester Daten politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern präsentiert werden können. Insgesamt beinhaltet die Datenbank drei Indizes: Den Multiple-Sklerose-Index , den Index für Brustkrebs und den Index für Nachhaltigkeit. Die unabhängigen Expertinnen- und Expertenpanels, bestehend aus Patientenvertreterinnen und -vertretern, Statistikerinnen und Statistikern, Ärztinnen und Ärzten sowie Epidemiologinnen und Epidemiologen, stützen sich auf die Analyse von Datensätzen und Statistiken, darunter Daten von der World Bank, UNICEF, European Environment Agency, Eurostat, WHO oder OECD. Die Indizes (Index = Hinweis, Indikator) geben Hinweise auf wertvolle Erkenntnisse des Landes, die in weiterer Folge mit anderen europäischen Ländern verglichen werden. Sie fungieren als Komposit, womit es nicht nur einen Faktor gibt, der ausschlaggebend ist.

 

Index mit Weitblick: Durch Daten voneinander lernen

Die Analysen des Multiple-Sklerose-Index konzentrieren sich Professor Berger zufolge nicht nur auf medizinische Aspekte, sondern betrachten Patientinnen und Patienten mit MS aus einer ganzheitlichen Perspektive. Der Index inkludiert Parameter, die einen Blick über den Tellerrand erlauben und das Thema Lebensqualität in den Fokus stellen — eine Querschnittmaterie, die viel beeinflussen kann. Berger erläuterte: „Der Index fußt auf drei Säulen bzw. sogenannten Vitalfunktionen: Alltag, Diagnose und Outcome sowie Unterstützung und Management. Innerhalb einer Säule wird eine gleiche Anzahl an Parametern inkludiert, sodass Verzerrungen und ein mögliches Ungleichgewicht ausgeschlossen werden. Die gesammelten Daten werden jeweils einem ‚Vital Sign‘ zugeordnet und der Durchschnitt berechnet. In einem zweiten Schritt werden die ‚Vital Signs‘ zusammengerechnet und der Durchschnitt ermittelt, welcher den Index Score des jeweiligen Landes ergibt.“

 

Es ist wichtig, in der noch frühen entzündlichen Krankheitsphase anzusetzen, um den Krankheitsverlauf möglichst lange sanft und die Lebens­qualität auf einem hohen Niveau zu halten.

Thomas Berger

 

Zur Normierung werden die Daten in eine Skala von eins bis zehn übertragen (zehn = Best Practice im Europavergleich). Dank der Aufschlüsselung in Index Score, Vital Signs sowie der Detailauswertung der Untergruppen zeigt der Index, dass alle Länder — sowohl jene mit einem hohem Index Score als auch jene mit einem niedrigen — voneinander lernen können: einerseits im Hinblick auf Best-Practice-Erfahrungen, aber auch in Bezug auf länderspezifische Schwierigkeiten und Verbesserungspotenziale. Berger betont, dass mit dem Index Hinweise gegeben werden sollen und es nicht Ziel sei, einem Ranking nachzueifern. Es gehe nicht um den Wettbewerb, sondern um die Einladung zum Diskurs, um gegenseitiges Voneinander-Lernen und um unterstützendes Aktiv-Werden in jenen Ländern, in denen noch Aufholbedarf beobachtet wird. „Bisher hat sich gezeigt, dass für viele gewünschte Parameter noch keine vergleichbaren Daten vorhanden sind und hier noch Aufholbedarf besteht. Mit wachsenden Datenquellen — die aber stets in den richtigen Kontext gesetzt werden müssen — wird die Komposition des Index laufend verbessert“, so der Neurologe.

 

Quelle: FutureProofing Healthcare
Quelle: FutureProofing Healthcare

Stark vernetzt

Berger zeichnete ein positives Bild: „Erste Ergebnisse zeigen, dass in Österreich ein effizientes Versorgungsnetzwerk sowie eine gute One-Stop-Versorgungsmöglichkeit bestehen, wie es im EU-Vergleich nicht selbstverständlich ist. Auch die Zusammenarbeit mit den Industriepartnern erweist sich als erfolgreich. Österreich ist in den Bereichen der Diagnose sowie in der Vernetzung der Versorgungsstruktur sehr gut aufgestellt: Patientinnen und Patienten mit Verdacht auf MS werden schnell einer Diagnose zugeführt und versorgt (guter Outcome). Im Umfeld von ‚Support & Management‘ liegen wir hingegen im Mittelfeld und orten Optimierungsbedarf bei bestimmten Berufsgruppen. Auch der Bereich eHealth zeigt sich ent­wicklungsfähig.“

 

 

 

 

 

Zukunftsbilder

Im Dialog mit den Diskutantinnen und Diskutanten des PRAEVENIRE Gipfelgesprächs wurden abschließend Perspektiven skizziert, die im Sinne der Weiterentwicklung des Index sowie der optimierten Versorgung von Menschen mit MS verfolgt werden sollen: Essenziell sei es, den Modellcharakter MS zukünftig auf andere Bereiche zu skalieren und als Paradigma für weitere neurologische Erkrankungen wie z. B. Schlaganfall, Alzheimererkrankungen oder Parkinson zu nutzen.

 

Es geht nicht um den Wettbewerb, sondern um die Einladung zum Diskurs, um gegenseitiges Voneinander-Lernen.

Thomas Berger

 

Darüber hinaus solle MS verstärkt unter Berücksichtigung der Gender Medicine beleuchtet werden, da mehr Frauen als Männer von der Krankheit betroffen sind (Frauen : Männer = 3-4:1). Wichtig sei auch die Einbindung von Interessenvertreterinnen und -vertretern, um den Entwicklungsprozess gemeinsam zu gestalten und heterogene Blickwinkel auf den Index zu gewährleisten. Mag. pharm. Monika Aichberger, Vizepräsidentin der Apothekerkammer Oberösterreich, sprach sich dafür aus, Wissen über die Erkrankung MS in verstärkter Form über die Apotheken zu kommunizieren, um dem erhöhten Informationsbedarf von Betroffenen und deren Angehörigen zusätzlich gerecht zu werden. Das „Fortbildungscurriculum MS der Apotheker“, das in Oberösterreich von Mag. Aichberger und Dr. Guger erfolgreich gestartet wurde, soll in weiterer Folge auf andere Bundesländer ausgerollt werden. Ziel ist es, die Apothekerinnen und Apotheker über MS aufzuklären und State-of-the-Art-Wissen zu vermitteln, um Erkrankten und deren Angehörigen mit Top-Informationen zur Seite zu stehen.

 

 

Hinwendung zu konkreten Bedürfnissen von Menschen mit MS

MR Dr. Christian Bsteh, Mitglied des Vorstands der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie und Bundesfachgruppenobmann Neurologie in der ÖÄK, skizzierte den Optimierungsbedarf hinsichtlich der physio- und ergotherapeutischen Landschaft in Österreich, deren Nutzen aufgrund fehlender Verträge mit den Krankenkassen nicht in vollem Potenzial ausgeschöpft werden würde. Auch Dr. Michael 
Guger, leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie 2 des Kepler Universitätsklinikums, verwies auf dieses Manko und betonte darüber hinaus die Notwendigkeit, an MS erkrankte Menschen verstärkt in ihrer Berufsausübung zu begleiten. Diesen Punkt unterstrich auch Hon.-Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp, Leiter der Fachabteilung Gesundheitspolitik der AK NÖ, denn die richtige Berufswahl, die Eingliederung in den Arbeitsprozess sowie adäquate Mobilitätsförderung würden sich für junge Menschen als essenziell erweisen. Durch die Beschreibung von Zuständen und den Vergleich mit anderen Ländern — wie es der MS-Index realisiert — könne Druck auf politische Stakeholder entstehen, um relevante Entscheidungen voranzutreiben. Andreas Huss, MBA, Obmann-Stv. der ÖGK, beleuchtete einerseits die Bemühungen der vergangenen Jahre, die gut gefruchtet haben, und zeigte andererseits jene Bereiche auf, in denen noch Optimierungsbedarf besteht, wie im Umfeld der Vertragssituation mit Logo-, Ergo- und Physiotherapeutinnen und -therapeuten. Huss bewertete den Index dahingehend erfolgreich, dass mit ihm eine Lösung für eine konkrete Patientengruppe geschaffen wurde, mit dem Ziel der optimierten Versorgung und der erforderlichen Datenerhebung. Mag. Susanne Pölzl von Roche Austria betonte abschließend den elementaren Vorteil der Zusammenarbeit und des komprimierten Wissens 30 europäischer Länder, die mit dem Index gemeinsam einen positiven Beitrag für betroffene Patientinnen und Patienten leisten könnten. Die gesammelten Daten sollen den europaweiten Dialog um die Zukunft der Gesundheitsversorgung fördern und dazu beitragen, Lösungen im Sinne der Patientinnen und Patienten zu finden.

Gemeinsamer Tenor des 100. PRAEVENIRE Gipfelgesprächs: Der Index steht am Beginn einer großen Entwicklung. Wichtig ist jetzt, den Fokus fortlaufend auf die kooperative Weiterentwicklung des Index zu legen, Datentransparenz voranzutreiben und die Generierung von Benchmarks zu optimieren, um in weiterer Folge klare Outcome-Parameter für die Krankenkassen darzustellen. Der Kern des Index sind valide Daten, die gemeinsam zu einem großen Ganzen werden — zum Fundament für die Optimierung der Lebensqualität von Menschen mit MS.

 

Diskussionsteilnehmende (in alphabetischer Reihenfolge)

Mag. pharm. Monika Aichberger | Vizepräsidentin der Apothekerkammer Oberösterreich

Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, MSc | Leiter der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien und Mitglied des Expertenpanels des FPH „MS-Indexes“

MR Dr. Christian Bsteh | Mitglied des Vorstands der Öst. Gesellschaft für Neurologie und Bundesfachgruppen­obmann Neurologie 
in der ÖÄK

Dr. Michael Guger | Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie 2 des Kepler Universitätsklinikums

Andreas Huss, MBA | Obmann-Stv. der ÖGK

Mag. Wolfgang Panhölzl | Abteilungsleiter Sozial­versicher­ung der AK Wien

Mag. Susanne Pölzl | Disease Area Lead – Neurology, Rheumatology & Respiratory bei Roche Austria GmbH

Hon.-Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp, MBA | Leiter der Fachabteilung Ge­sundheitspolitik der Arbeiterkammer NÖ

 

 

 

„Wir wollen mit den Apotheken dem erhöhten Informationsbedarf zum Thema MS gerecht werden.“ Monika Aichberger

 

 

 

„Wir sehen im Bereich der Physio- und Ergotherapie noch starken Optimierungsbedarf.“ Christian Bsteh

 

 

 

 

„Wir müssen Menschen mit MS verstärkt in der Berufsausübung begleiten.“ Michael Guger

 

 

 

 

„Mit dem MS-Index wurde eine Lösung für eine konkrete Patientengruppe geschaffen mit dem Ziel einer optimierten Versorgung.“ Andreas Huss

 

 

 

„Der MS-Index ist auch ein Impuls für die Genderforschung, weil wesentlich mehr Frauen als Männer an MS erkranken.“ Wolfgang Panhölzl 

 

 

 

„Die Zusammenarbeit 30 europäischer Länder hat den elementaren Vorteil, dass das komprimierte Wissen hilft, die Lebensqualität von Menschen mit MS zu optimieren.“ Susanne Pölzl

 

 

 

„Durch die Be­schreibung von Zuständen und den Vergleich mit anderen Ländern können relevante politische Entschei­dungen vorangetrieben werden.“ Bernhard Rupp

 


 

 

 

 

 

 

 

© Fotocredit: Meduni Wien/Kawk, Katharina Schiffl (2), Lisa-Alessandra Kutzelnig, Peter Provaznik (3), beigestellt

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