Moderne regionale Infrastruktur für die Versorgung chronisch kranker Menschen

Moderne regionale Infrastruktur für die Versorgung chronisch kranker Menschen

Gesundheitsexpertinnen und -experten erörterten beim Praevenire 
Gipfel­gespräch per Video
­konferenz das Thema 
Moderne Infrastruktur. 1 Alexander Biach, 2 Susanne Kaser, 3 Rudolf Likar, 4 Martin Schaffenrath
Gesundheitsexpertinnen und -experten erörterten beim Praevenire 
Gipfel­gespräch per Video
­konferenz das Thema 
Moderne Infrastruktur. 1 Alexander Biach, 2 Susanne Kaser, 3 Rudolf Likar, 4 Martin Schaffenrath

 

Die jetzige Versorgung im Gesundheitssystem basiert sehr stark auf Einzelpraxen und relativ wohnortnahen stationären Versorgungsstrukturen wie Ambulanzen. Beim PRAEVENIRE Gipfelgespräch zum Themenkreis moderne Infrastruktur für die Erstellung des Weißbuchs „Zukunft der Gesundheitsversorgung“ wurde von Expertinnen und Experten hinterfragt, welche Versorgungseinrichtungen in Zukunft an Bedeutung gewinnen sollen und wie die Versorgung chronisch Kranker optimiert werden kann. | von Mag. Petra Hafner

 

Österreichs Gesundheitssystem zählt zu den besten der Welt, das zeigt sich auch an dem ausgestellten überdurchschnittlich guten Prädikat. Ungeachtet dessen gilt es darüber nachzudenken, wie eine nachhaltige Verwendung und Einbindung vorhandener Ressourcen gelingen kann, anstatt neue Strukturen zu schaffen. Dem PRAEVENIRE Leitsatz „structure follows strategy“ folgend ist eine moderne Infrastruktur so zu gestalten, dass Patientinnen und Patienten durch das System geleitet werden, um die für sie passende beste Versorgung sowie Information zu erhalten. Ausgehend von diesem Leitsatz wurde beim PRAEVENIRE Gipfelgespräch zum Themenkreis Moderne Infrastruktur für die Erstellung des Weißbuchs „Zukunft der Gesundheitsversorgung“ insbesondere darüber diskutiert, wie die Versorgung für die steigende Zahl chronisch Kranker optimiert werden kann.

 

Um eine Verbesserung zu erwirken, muss die Schmerzbekämpfung eine zentrale politische Forderung sein.

Martin Schaffenrath

 

Chronische Erkrankungen  Diabetes und Schmerz

Lang andauernde Krankheiten, die nicht vollständig geheilt werden können und eine andauernde oder wiederkehrend erhöhte Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitssystems  nach sich ziehen, werden als chronische Krankheiten subsumiert. Nach Ansicht der beim PRAEVENIRE Gipfelgespräch teilnehmenden Expertinnen und Experten muss Österreich primär das politische Ziel haben, die Anzahl gesunder Lebensjahre zu steigern, zumal die Bevölkerung aktuell relativ wenige Jahre in guter Gesundheit lebt. Sowohl die schwerwiegende Erkrankung Diabetes als auch Schmerz gehen mit einer massiven Einschränkung der Lebensqualität einher. Für das Gesundheitssystem sind die Gesundheitskosten von 3,5 Mrd. Euro inklusive Folgekosten (Stand November 2019) allein für Patientinnen und Patienten mit Diabetes enorm. Die Anzahl der Diabetikerinnen und Diabetiker hat sich von 2000 bis 2016 verdoppelt, umso wichtiger ist nach Ansicht von Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Susanne Kaser, stellvertretende Direktorin der Univ.-Klinik für Innere Medizin I an den tirol kliniken, dass bereits im Kindergarten die Gesundheitskompetenz thematisiert wird. Die Bedeutung eines gesunden Lebensstils müsse so wie in Skandinavien auch in Österreich ein öffentliches Interesse sein, so Kaser. Als Beispiel brachte sie Dänemark, welches in der Diabetesversorgung als Vorreiter gilt und seine Patientinnen und Patienten mit ihrer Diabetes-Krankheit nicht stigmatisiert. Die Relevanz von richtiger Ernährung und Bewegung, um das generelle Risiko von chronischen Erkrankungen zu minimieren und insbesondere auch Schmerz zu reduzieren, unterstrich Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, MSc, Abteilungsvorstand für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt. Wichtig sei, dass die chronische Schmerzerkrankung als solche anerkannt werden, so Likar.

 

Für die Finanzierung der Infrastruktur von regionalen Therapiezentren könnten PPP-Modelle angedacht werden.

Alexander Biach

 

Etablierung regionaler Therapiezentren

Die Presse, 28. August 2020
Die Presse, 28. August 2020

Die zunehmende Versorgungsnotwendigkeit chronischer Krankheitsbilder verlangt einen Ausbau und die Anpassung der bestehenden Infrastruktur. Einig sind sich die Expertinnen und Experten darin, dass Primärversorgungseinheiten (PVE) die professionelle Betreuung chronisch Kranker nicht abdecken können. Hierfür benötigt es beispielsweise auf Diabetes oder Schmerz spezialisierte regionale Zentren mit einem entsprechenden Arbeitsumfeld und einem erfahrenen multiprofessionellen Behandlungsteam als regionale Anlaufstelle, um eine optimale Therapie zu gewährleisten. Eine frühe Erkennung von Diabetes in einer PVE sollte laut Kaser dazu führen, dass eine unmittelbare Überweisung an ein Zentrum als zweite Ebene erfolgt, bei der Spezialistinnen und Spezialisten die Therapie der Diabetes-
Patientinnen und -Patienten zentral steuern und alles im Auge behalten. Für die Finanzierung der Infrastruktur könnten dabei Public-
Private-Partnership-(PPP)-Modelle angedacht werden, wie dies bereits erfolgreich bei der Errichtung von Kinder-Rehabilitationszentren in Österreich umgesetzt wurde, regte Dr. Alexander Biach, Direktor-Stellvertreter der Wirtschaftskammer Wien an. Mag. Martin Schaffenrath, MBA, MBA, MPA, Verwaltungsrat Österreichische Gesundheitskasse, erachtete es als wichtig, dass die Steigerung der gesunden Lebensjahre und Schmerzbekämpfung zentrale politische Forderungen werden, um eine Verbesserung zu erwirken. Alle Patientinnen und Patienten sollen österreichweit die Chance auf die für sie optimale Therapie haben, die in regionalen Spezialzentren angeboten werden sollte, so der Appell der beim Gipfelgespräch teilnehmenden Expertinnen und Experten.

 

Mittels eines erstellten Risikoprofils kann das individuelle Gefährdungsrisiko für einzelne Krankheitsbilder erkannt und so frühzeitig vorgebeugt und interveniert werden.

Susanne Kaser

Individuelles Gefährdungsrisiko erkennen  Awareness schaffen

Dass die Eigenverantwortung für die Gesundheit ein wichtiger Faktor ist, der durch Anreizsysteme und individuelle Therapiebegleitung unterstützt wird, war ebenfalls einhelliger Tenor. Die klassische Gesundenuntersuchung, die derzeit jeden Menschen gleich betrachtet, sollte laut den am Gipfelgespräch teilnehmenden Medizinerinnen und Mediziner überdacht und auf die einzelnen Patientinnen und Patienten individuell abgestimmt werden.

Für mehr Eigenverantwortung ist nach Ansicht von Biach wichtig, dass die Patientinnen und Patienten mehr als nur ihre Befundwerte erhalten. Mittels eines erstellten Risikoprofils könnte das individuelle Gefährdungsrisiko für einzelne Krankheitsbilder erkannt und so frühzeitig vorgebeugt und interveniert werden, wobei sich Kaser auch für eine Familienanamnese aussprach. Wichtig seien dabei Beratung und Begleitung, um die Eigenverantwortung zu unterstützen. Es sollten verstärkt Überlegungen angestellt werden, wie Patientinnen und Patienten vermehrt motiviert werden könnten, so Likar, denn dieser positive Ansatz denn auch für einen Therapieerfolg ausschlaggebend, indem die Patientinnen und Patienten ihre Verordnung einhielten. Je enger die Patientinnen und Patienten hinsichtlich Therapietreue kontrolliert würden, umso besser sei der Erfolg — vor allem bei Anreiz-Modellen, so die Expertinnen und Experten unisono.

 

Je enger die Patientinnen und Patienten hinsichtlich Therapietreue kontrolliert werden, umso besser ist der Erfolg vor allem bei Anreiz-Modellen.

Rudolf Likar

Einsatz digitaler Angebote

Für einzelne Patientinnen- und Patientengruppen wäre auch der Einsatz digitaler Angebote zu ihrer Begleitung sinnvoll, kann sich Biach vorstellen. Bei der Digitalisierung sollten allerdings  immer der Nutzen für die Patientinnen und Patienten und die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund stehen. Ausschlaggebend sei die Usability. So könnte beispielsweise bei der Einführung des elektronischen Impfpasses ein automatisierter Reminder auf eine Impfauffrischung aufmerksam machen.

Beim PRAEVENIRE Gipfelgespräch zum Themenkreis Moderne Infrastruktur zeigte sich, dass in Österreich sehr gut auf bestehende Strukturen im Gesundheitssystem aufgebaut werden kann. Mittels Ausbau und Anpassung der bestehenden Infrastruktur kann eine Optimierung und Gewährleistung für die zeitgemäßen Anforderungen erfolgen. Der zunehmenden Versorgungsnotwendigkeit von Patientinnen und Patienten mit chronischen Erkrankungen wird bei der Planung einer modernen Infrastruktur ebenso Rechnung zu tragen sein wie der Einbindung digitaler Angebote.

 

„Einrichtungen im Gesundheitswesen sind gewachsene, komplexe Systeme. Die jetzige Versorgung basiert stark auf Einzelpraxen und davon getrennten stationären Versorgungsstrukturen. Für eine moderne, optimierte Versorgung im Sinne der Patientinnen und Patienten bietet sich das Modell einer regional integrierten Versorgung aus einer Hand an.“ Dr. Gerald Bachinger | Pateintenanwalt NÖ und Sprecher der Patientenanwälte Österreichs

 

„Die Rahmenbedingungen des öst. Gesundheitssystems gewährleisten, dass die privaten Krankenversicherungen ihren Kunden dienen und damit zugleich das öffentliche Gesundheitssystem entlasten und unterstützen können. Diese im Vergleich mit anderen Ländern besondere Konstellation sollte künftig beibehalten und sogar gestärkt werden.“ Dr. Peter Eichler | Sektion Krankenversicherung im VVO

 

 

„Für die Diagnostik und Therapie von Kindern mit Entwicklungsstörungen bedarf es einer flächendeckenden Versorgung. Niederschwellige Anlaufstellen sollen betroffene Familien unterstützen, rasch, unbürokratisch und kostenfrei die nötige medizinische und therapeutische Hilfe zu erhalten.“ Irmgard Himmelbauer | Ergotherapeutin, Leiterin der AG kostenfreie Therapie in der Politischen Kindermedizin

 

 

„Neben einer besseren Chronikerversorgung sowie der vertragsrechtlichen Stärkung von Physio-, Logo- und Ergotherapeutinnen und -therapeuten muss den Allgemeinmedizinerinnen und -medizinern der Rücken gestärkt werden. Die Allgemeinmedizin ist das Fundament, auf dem wir aufbauen müssen, da sie zum wichtigsten Element in der Gesundheitsversorgung zählt.“ Andreas Huss, MBA | Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse

 

 

„Der niederschwellige Zugang und die hohe Fachkompetenz der Pharmazeutinnen und Pharmazeuten sollten im Rahmen des Strukturplanes Gesundheit anerkannt und vermehrt dazu genutzt werden, um die Bevölkerung besser in der Prävention und der Versorgung chronisch Kranker zu betreuen.“ Mag. pharm. Thomas W. Veitschegger | Vizepräsident des Österreichischen Apothekerverbandes

 

 

„Für eine gute, flächendeckende Versorgung braucht es eine Mischung aus regionalen Spezialzentren und niedergelassener Versorgung. Neben herkömmlichen Arztpraxen und Gruppenpraxen sind sicher auch die PVE ein guter Baustein in diesem Mix. Abgerundet gehört dieses Angebot noch durch telemedizinische Leistungen.“ ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, PhD | Präsident der Ärztekammern Österreich und Wien

 

 

 

Themenkreis 
Moderne 
Infrastruktur

Für das Weißbuch „Zukunft der Gesundheitsversorgung“ wirkten u.a. mit:

  • Mag. pharm. Monika Aichberger
  • Dr. Gerald Bachinger
  • Dr. Alexander Biach
  • 
Dr. Andrea Vincenzo Braga
  • Dr. Thomas Czypionka
  • Dr. Peter Eichler
  • Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant
  • Mag. pharm. Viktor Hafner
  • Dr. Achim Hein
  • 
Irmgard Himmelbauer, MSc
  • 
Andreas Huss, MBA
  • 
Univ.-Prof. Dr. Susanne Kaser
  • 
Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, MSc
  • 
Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr
  • Mag. Jan Pazourek
  • 
Priv.-Doz. Dr. Johannes Pleiner-Duxneuner
  • 
Dr. Erwin Rebhandl
  • 
Priv.-Doz. Mag. pharm. DDr. Philipp Saiko
  • 
Mag. Martin 
Schaffenrath
  • Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Hannes Stockinger
  • 
ao. Univ.-Prof. Dr. 
Thomas Szekeres
  • Mag. pharm. Thomas W. Veitschegger

Stand: 30. september 2020

 

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