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Leukämie – CAR-T-Zell-Therapie einfach erklärt

© Krisztian Juhasz

Leukämie – CAR-T-Zell-Therapie einfach erklärt

© Krisztian Juhasz

Die CAR-T-Zell-Therapie wird seit nunmehr zehn Jahren in der Behandlung von Leukämiepatientinnen und -patienten angewandt. Wie sie funktioniert und warum die Forschung dazu so wichtig ist, erklärt ein neues Kinderbuch. | von Mag. Marie-Thérèse Fleischer, BSc

Bei der CAR-T-Zell-Therapie handelt es sich um eine Behandlungsform, die für jede Patientin bzw. jeden Patienten maßgeschneidert produziert wird. Die körpereigenen T-Zellen des Immunsystems werden mit einem CAR (chimären Antigenrezeptor) ausgestattet, welcher spezielle Marker auf den Leukämiezellen erkennt – und diese dann zerstört. Wie somit jungen (aber natürlich auch älteren) Patientinnen und Patienten geholfen werden kann, erzählt der freischaffende Künstler Curd Achim Reich einfühlsam in seiner Kindergeschichte. Im PERISKOP-Gespräch mit Reich und Univ.-Prof. DI Dr. Hannes Stockinger vom Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der MedUni Wien und Präsident des Verbands der Wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs (VWGÖ) werden die Hintergründe des Buches und der Therapie besprochen.

Hannes Stockinger hat sich zur Aufgabe gemacht, die Begeisterung für die Wissenschaft weiterzugeben und Laien und Laiinnen niederschwellig am Wissen teilhaben zu lassen.

Wenn die breite Öffentlichkeit über die Therapie weiß, dann erhöht das natürlich den Druck auf die Politik, die Forschung entsprechend zu fördern, sowie den Druck auf die Industrie, weiter daran zu arbeiten.

PERISKOP: Herr Reich, wie kam es zu der Idee, ein Kinderbuch über die CAR-T-Zell-Therapie zu schreiben?
REICH: Ich bin mit Prof. Dr. Michael Comer befreundet, der in Wien zusammen mit Hannes Stockinger, Hermann Katinger und anderen Forscherinnen und Forschern eine Plattform namens pact (Platform for Advanced Cellular Therapies) gegründet hat. Als Künstler beschäftige ich mich in meiner Malerei mit alten Automobilen, deren Historie ich erzähle. Michael weiß das, und auch, dass ich meine Bilder mit meinen Initialen – C.A.R. – signiere. Und er fragte mich, ob ich wüsste, was es mit CAR-T-Zellen auf sich hat, über die er mich dann aufklärte. Daraufhin fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte, einmal etwas ganz anderes zu malen: ein kleines Auto, ein car eben, das Krebszellen frisst.

Worum geht es in der Geschichte?

Ein kleines Auto, das sich CAR nennt, ist ein Zauberauto, das sich noch viel, viel kleiner machen kann. Es trifft auf T-Rex und hilft ihm aus einer Klemme, wofür er von T-Rex sowohl ein paar Zähne als auch das T geschenkt bekommt. Fortan nennt er sich also CAR-T. Und anschließend rettet er – zusammen mit einem medizinischen Team ein Mädchen vor dem Krebstod. Somit ist CAR-T zum Schluss der Held der Geschichte.

Der Sinn und Zweck des Buches ist nicht unbedingt, Kinder zu belustigen, sondern Erwachsene mit der einfachsten Methode, die es überhaupt geben kann - nämlich mit einer Kindergeschichte - zu informieren, worum es bei der CAR-T-Zell-Therapie geht.

Herr Stockinger, kommen wir zur Geschichte der CAR-T-Zell-Therapie selbst – wie und wann wurde diese entwickelt?

STOCKINGER: Die Idee der CAR-T-Zell-Therapie ist schon relativ alt. 1989 hat Zelig Eshhar vom Weizmann Institut in Israel die ersten chimären Antigenrezeptoren entwickelt und Zellen damit „bewaffnet“. 2012 bzw. 2013 war dann der Durchbruch in der CAR-Entwicklung, zufälligerweise kurz nachdem wir die Plattform PACT gegründet haben. Man hat mit den CAR-T-Zellen Verschiedenes versucht, z.B. eine HIV-Therapie, aber das hat nicht funktioniert. Der Durchbruch war dann, dass Stephan Grupp von der Forschungsgruppe von Carl June in Philadelphia die junge Patientin Emily Whitehead, die eine therapieresistente, also refraktäre, akute lymphatische Leukämie (ALL) hatte, damit erfolgreich behandelt hat. Heuer wurde das Jubiläum gefeiert, dass Emily seit zehn Jahren leukämiefrei ist. In Wien war Ulrich Jäger ein Pionier, weil er den ersten europäischen Patienten mit CAR-T-Zellen behandelt hat. Die Zulassung der CD19-CAR-T-Zellen zur Behandlung von Leukämie erfolgte im August 2017, bald danach konnte dieser Patient bereits davon profitieren.

Was ist das Besondere an dieser Therapie?

STOCKINGER: Die Therapie ist wirklich etwas Außergewöhnliches – auch die pharmazeutische Industrie hat hier einen Paradigmenwechsel erlebt. Es muss eine hochkomplexe Zelle mittels Gentechnik generiert werden. Zusätzlich birgt die Herstellung momentan noch einen enormen Aufwand und ein hohes Risiko für die Patientinnen und Patienten. Es handelt sich ja um eine personalisierte Therapie, die aus den körpereigenen Zellen entwickelt werden muss. Die T-Zellen müssen aus dem Blut isoliert und eingefroren werden, dann in ein Labor geschickt werden, wo die Zellen über therapeutische Viren mit dem CAR transfiziert werden. Die Zellen müssen vermehrt und einer Qualitätskontrolle unterzogen werden, um Kontaminationen auszuschließen – erst dann werden die CAR-T-Zellen verabreicht.

Auf den ersten Blick mag die Therapie zwar teuer erscheinen - aber langfristig betrachtet, bekommt der Staat das Geld zurück, da die Erkrankten wieder Lebensqualität gewinnen und ins Arbeitsleben eingegliedert werden können.

Für welche Patientinnen und Patienten eignet sich die Therapie?

STOCKINGER: Die Therapie steckt noch in den Kinderschuhen, das muss jedem bewusst sein – sie funktioniert bei ALL ganz gut, aber auch nicht immer. Sie wird erst eingesetzt, wenn alle anderen Therapien versagt haben, da können die sechs bis acht Wochen, welche die Produktion beansprucht, zu lang sein.

Patientinnen und Patienten mit Leukämie haben hauptsächlich Leukämiezellen im Blut und nur wenige T-Zellen und zusätzlich unterdrückt die Erkrankung das Immunsystem und somit die Produktion der T-Zellen. Nicht zuletzt muss bedacht werden, dass die Industrie auch von der Herstellung profitieren möchte. In Österreich können wir uns aber glücklich schätzen, dass wir (noch) ein Gesundheitssystem haben, wo jeder, der die Therapie braucht, sie auch bekommt. Auf den ersten Blick mag die Therapie zwar teuer erscheinen – aber langfristig betrachtet, bekommt der Staat das Geld zurück, da die Erkrankten auf Grund der Rückgewinnung der Lebensqualität keine Pflege benötigen und wieder ins Arbeitsleben eingegliedert werden können.

Die Therapie ist wirklich etwas Außergewöhnliches - auch die pharmazeutische Industrie hat hier einen Paradigmenwechsel erlebt.

In welche Richtung entwickelt sich die Forschung bezüglich der CAR-T-Zell-Therapie weiter?

STOCKINGER: Man versucht mittlerweile, die Technologie nicht nur bei Krebs, sondern auch bei vielen anderen Erkrankungen einzusetzen, etwa bei Herz- oder Lungenfibrose, wo sich Narbengewebe bildet. Andererseits muss die Therapie so rasch wie möglich zu den Patientinnen und Patienten kommen. 

Schneller zu werden, bedeutet auch, dass wir weniger personenspezifisch vorgehen werden müssen – so forscht man auch zu CAR-Zellen auf Basis anderer Zellen wie natürliche Killerzellen (CAR-NK-Zellen), die man einlagern und sofort an Patientinnen und Patienten verabreichen kann, ohne lange Vorbereitungszeit.

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