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CAR-T-Zelltherapie

© Peter Provazni

CAR-T-Zelltherapie

© Peter Provazni

Bei der CAR-T-Zelltherapie handelt es sich um eine neuartige Krebsimmuntherapie, die zu den schlagkräftigsten Therapiemethoden im Kampf gegen Krebs zählt. Im Interview mit dem Magazin PERISKOP erklärt Univ.-Prof. Dr. Ulrich Jäger, Professor für Häma-tologie an der MedUni Wien und Leiter der Klinischen Abteilung für Hämatologie und Hämostaseologie am AKH Wien, die Bedeutung dieser neuen Therapie und erläutert, welche Möglichkeiten sich in Zukunft dadurch bieten werden. | Von Dren Elezi, MA

PERISKOP: Vor wenigen Wochen ist die CAR-T-Zelltherapie nun auch in Europa von der europäischen Arzneimittelagentur EMA zugelassen worden. Können Sie uns erklären, wie diese Therapie funktioniert?

Jäger: Bei der CAR-T-Zelltherapie handelt es sich um eine Immuntherapie, bei der wir die sogenannten T-Zellen des Patienten verwenden und gegen den Tumor – in unserem Fall die akute lymphatische Leukämie oder das diffus großzellige B-Zell-Lymphom – sozusagen „scharf machen“. Immuntherapien gibt es sonst auch, wie z. B. die allogene Transplantation oder auch Therapien wie Checkpoint-Inhibitoren. Was die CAR-T-Zelltherapie dabei unterscheidet, ist, dass die gesunden Zellen des Patienten so manipuliert werden, dass sie mit zusätzlicher genetischer Information ausgestattet und wieder zum Patienten zurückgeführt werden. Es handelt sich also um eine personalisierte Medizin mit einem komplizierten Aufbereitungsschritt, wo ein Antikörper in die Zellen eingeschleust wird und die Zellen den Tumor dadurch sehen können. Das Problem ist, dass die meisten Tumore der Kontrolle des Immunsystems bereits entgangen sind und das Immunsystem nicht mehr damit fertig wird.

P: Würden Sie sagen, dass es sich um einen weiteren Schritt in einer Entwicklung der letzten Jahre handelt oder ist das ein revolutionär neuer Ansatz?

Jäger: Es ist ein weiterer Schritt aus einer Reihe von verschiedenen Ansätzen in der Immuntherapie. Wir kennen die allogene Transplantation seit Jahrzehnten, die bei Patienten, die es vertragen, sogar sehr gut funktioniert. Es hat mit Impfungen viele Experimente gegeben, wo versucht wurde, eine tumorspezifische Impfung herzustellen. Es ist also ein logischer Schritt, dass ab einem gewissen Zeitpunkt Zellen gentechnologisch so verändert wurden, um sie gegen den Tumor anzuwenden. Bereits vor zehn bis 20 Jahren wurde versucht, Zellen auf diese Weise aufzubereiten, allerdings haben damals die Tools gefehlt. Das ist nun ein wichtiger Schritt, diese Antikörper so zu verändern, dass sie innerhalb der Zelle Signale aussenden, sodass die Zelle nicht stirbt. Es muss uns gelingen, dass eine gegen den Tumor wirksame T-Zelle über ein bis zwei Jahre im Körper bestehen bleibt und so die Kontrolle des Immunsystems über einen längeren Zeitraum erfolgt. Dass diese Methode nun tatsächlich funktioniert, ist für die Klinik eine revolutionäre Geschichte.

P: Wo sehen Sie das Potenzial der neuen Therapie in den nächsten Jahren und was kann man da erwarten?

Jäger: Die Frage, die sich momentan stellt, ist, ob sie ihren Platz innerhalb der transplantationsfähigen Patienten erhalten wird. Da sehe ich Potenzial bei Patienten, die bereits eine Chemotherapie in großen Mengen hinter sich haben und refraktär auf Chemotherapie sind. Für diese Population ist ein hoher Nutzen relativ sicher und da haben wir auch Studien dazu. Ich persönlich gehe davon aus, dass, wenn man nun auf die etwas forschere zukunftsträchtigere Vision hinblickt, diese Therapien im Therapiealgorithmus weiter vorrücken werden. Wenn diese Therapien früher eingesetzt werden, besteht die Hoffnung, dass sie ihr kuratives Potenzial besser ausschöpfen. Ich hoffe, dass wir es in Zukunft im Sinne einer Induktion mit einer Chemotherapie verwenden, wodurch der Patient dann als Konsolidierung der erreichten Remission eine CAR-T-Zelltherapie erhält. Dies wird aber noch fünf bis zehn Jahre dauern. In den nächsten Schritten geht es dann darum, den Therapieansatz auf andere Erkrankungen zu erweitern. Danach wird man sich auch noch die soliden Tumore ansehen müssen. Da besteht allerdings die Herausforderung der Resistenz, die schwierig zu entschlüsseln ist. Wenn man die Daten für die diffus großzelligen B-Zell-Lymphome betrachtet, können wir etwa 40 Prozent der Patienten in Langzeitremission bringen, während 60 Prozent nicht davon profitieren. Da ist also noch sehr viel Potenzial. Die letzte Stufe der Entwicklung sind sicherlich die allogenen CARs, die von einer gesunden Spenderpopulation angelegt werden. Diese sind im Labor bereits vorhanden, und sobald sie der Patient benötigt, kann auf die geeigneten CARs für den entsprechenden Patienten zurückgriffen werden.

P: Auch in Österreich wurden bereits Patientinnen und Patienten an der MedUni Wien mit CAR-T-Zellen therapiert. Mit welchen Ergebnissen?

Jäger: Wir haben uns an zwei Studien beteiligt, die beim diffus großzelligen B-Zell–Lymphom mit unterschiedlichen Produkten vertreten waren. Mein Eindruck ist, dass die Produkte ziemlich vergleichbar sind. Sie haben gering unterschiedliche Nebenwirkungen, aber schlussendlich bleiben etwa 40 Prozent der Patienten übrig, die in Langzeitremission gehen. Unser Ziel als MedUni ist es in erster Linie natürlich, die ganz frühen Studien durchzuführen, wo wir versuchen, die Resistenz zu brechen bzw. die CAR-T-Zellen mit Medikamenten kombinieren. Da gibt es ungeahnte Möglichkeiten. Die MedUni Wien erfüllt aktuell zwei Aufgaben: Einerseits die wissenschaftliche Arbeit in puncto Studien, andererseits einen Versorgungsauftrag in Bezug auf die Behandlung selbst. Wir stellen bereits strategisch um und planen, dass Betten, die wir derzeit für autologe Transplantationen verwenden, schlussendlich für CAR-T-Zellen bereitgestellt werden. Ein weiterer Teil unserer Forschung ist translational, wo wir die CAR-T-Zellen nochmals mit dem Patientenmaterial in Verbindung bringen. Wir untersuchen die Resistenz, um herauszufinden, was mit den 60 Prozent der Patienten passiert, die nicht gut
ansprechen. Die Frage ist also, wie wir helfen können, dass die CARs auch dort ihre Wirkung erzeugen. Da arbeiten wir selbstständig in akademischer Forschung, aber auch zusammen mit einigen Unternehmen, die uns dabei unterstützen.

PERISKOP dankt Gilead Sciences GesmbH für die Unterstützung des Interviews.

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