Krankenhauspharmazie: Herausforderungen von morgen

Krankenhauspharmazie: Herausforderungen von morgen

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Krankenhauspharmazie: Herausforderungen von morgen

Vom 9. bis 11. Jänner 2019 fand in Krems der 2. STRATEGIEWORKSHOP FÜR FÜHRUNGSKRÄFTE IN DER KRANKENHAUSPHARMAZIE statt. Im Fokus dieser Veranstaltung standen aktuelle Herausforderungen im Berufsfeld.

Von Dr. Nedad Memić

 

Unter der Schirmherrschaft der Österreichischen Gesellschaft für Krankenhauspharmazie und der Arbeitsgemeinschaft der Österreichischen Krankenhausapotheker trafen sich Führungspersonen der österreichischen Krankenhauspharmazie, um unter dem Motto „Fit für morgen — wenn man heute nichts ändert, ist man morgen von gestern“ über zukünftige Herausforderungen sowie über Entwicklungen und Verbesserungen im Berufsfeld zu diskutieren.

Der Workshop startete mit der Präsentation der Berichte zu den vier Säulen bzw. Tätigkeitsbereichen der Krankenhauspharmazie: strategischer Einkauf, Produktion, klinische Pharmazie sowie Logistik. Die Grundlage dafür bildete das „Mission Statement der Krankenhauspharmazie“.

 

Strategischer Einkauf: Cost- und Risk-Sharing

Durch das Monitoring von Trends und der Identifikation neuer, relevanter Entwicklungen im Arzneimittelbereich seitens der Krankenhausapothekerinnen und -apotheker und durch zentralisierte Verhandlungen der Einkaufsverbünde unter der Leitung und Mitwirkung selbiger wurden die Beschaffungskonditionen im Arzneimittelbereich der österreichischen Krankenhäuser in den letzten Jahren optimiert. Es gelang den Krankenhausapotheken, beim Arzneimitteleinkauf im intramuralen Bereich eine Einsparung von 35 bis 40 Prozent gegenüber dem offiziellen „Fabriksabgabepreis“ (FAP) zu erzielen.

Bei einzelnen Warengruppen konnten sogar Einsparungen von 80 Prozent zum FAP erzielt werden. Innovative, teure Arzneimittel stellen in den letzten Jahren aufgrund hoher Jahrestherapiekosten eine Belastung für die intramuralen Arzneimittelbudgets dar. „Hier haben die Krankenhausapothekerinnen und -apotheker mit der pharmazeutischen Industrie zusätzlich Cost- und Risk-Sharing-Modelle entwickelt und verhandelt. Diese werden so ausgelegt, dass nur wirksame Therapien bezahlt werden. Diese Praxis hat sich in vielen Krankenhäusern bereits gut etabliert“, erklärt Mag. Gernot Idinger, aHPh, Leiter der Anstaltsapotheke im Landeskrankenhaus Steyr und Mitglied der Arbeitsgruppe „Strategischer Einkauf“.

 

Die Krankenhausapothekerinnen und -apotheker haben mit der
pharmazeu­tischen Industrie Cost- und Risk-Sharing-Modelle entwickelt.

Gernot Idinger

 

Deutliche Kostensenkungen im Millionenbereich wurden in den Krankenhäusern auch durch die Umstellung von nicht mehr patentgeschützten Arzneimitteln auf Biosimilars erzielt. „Im Bereich des strategischen Einkaufs werden neue Preismodelle für innovative Arzneimittel entwickelt, die auf den Markt kommen und nur ein bis zwei Mal verabreicht werden. Gleichzeitig zeigt sich deren Therapieerfolg erst nach Monaten, wenn nicht Jahren. Hier sehen wir, dass die bisher etablierten Modelle für diese Wirkstoffe nicht mehr kompatibel sind“, sagt Mag. Günter Fellhofer, aHPh, Leiter der Landesapotheke Salzburg und Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Strategischer Einkauf“.

 

Produktion hilft, Versorgungslücken zu schließen

Neben dem strategischen Einkauf spielt die Produktion von Arzneimitteln in den Krankenhausapotheken eine essenzielle Rolle für die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Es werden dadurch einerseits Markt- und Versorgungslücken von vielfach aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr im Handel erhältlichen Arzneispezialitäten geschlossen und andererseits wird eine patientenindividuelle Arzneimitteltherapie ermöglicht.

Wie wichtig die krankenhauseigene Arzneimittelproduktion für die Verhinderung von Versorgungsengpässen ist, zeigt auch das Beispiel, dass durch die Initiative und das koordinierte Vorgehen von Krankenhausapothekerinnen und -apothekern nach dem Wegfall eines Herstellers für Sonderanfertigungen behördlich genehmigte und zertifizierte, nicht gewinnorientierte Produktionsstätten zur Überbrückung von Versorgungsengpässen in Krankenhausapotheken etabliert wurden. Es werden Sonder- und Einzelanfertigungen hergestellt, die am Pharmamarkt nicht erhältlich sind, die aber für die medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten in den österreichischen Krankenhäusern unverzichtbar sind. Es handelt sich dabei in erster Linie um Arzneimittelzubereitungen für die Anästhesie, die Augenheilkunde, die Dialyse, die Neonatologie und auch für die Notfallmedizin. Auch die wissenschaftliche Forschung in den Universitätskliniken wäre ohne eine eigene Arzneimittelproduktion in den jeweiligen Krankenhaus­apotheken vielfach nicht möglich.

 

Empfehlungen für Klinische Pharmazie

Als Grundlage für die gesetzliche Verankerung der Klinischen Pharmazie in Österreichs Krankenhäusern wurde ein Vorschlag betreffend Standards, Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten sowie eine entsprechende Ausbildung und notwendige Personalressourcen ausgearbeitet. „Es ist wichtig, Tätigkeiten und Standards zu definieren. Diese beziehen sich insbesondere auf die Arzneimittelinformation, pharmazeutische Visitenbegleitung, pharmazeutisches Konsil, Patientinnen- und Patientenberatung, Aufnahme- und Entlassungsgespräch sowie auf das Polypharmazieboard. Ebenso müssen die Verantwortlichkeiten bei der interdisziplinären Zusammenarbeit genau festgelegt werden“, sagt Mag. Martina Jeske, aHPh, Leiterin der Apotheke der Tirol Kliniken.

 

Ziel der klinischen Pharma­zeuten ist es, im multidis­zipli­n­ären Team dazu
beizu­tragen, dass jeder Patient die für ihn optimale Arzneimittel­therapie erhält.

Martina Anditsch

 

Laut dem erarbeiteten Vorschlag soll als Qualitätskriterium in jedem Krankenhaus sichergestellt werden, dass Krankenhausapothekerinnen und -apotheker als klinische Pharmazeutinnen und Pharmazeuten in ausreichender Zahl eingesetzt werden. Verfügt das Krankenhaus über keine eigene Krankenhausapotheke, so sollen die klinisch pharmazeutischen Aufgaben von der krankenhausversorgenden Apotheke sichergestellt werden. „Ziel der klinischen Pharmazeuten ist es, im multidisziplinären Team dazu beizutragen, dass jeder Patient die für ihn optimale Arzneimitteltherapie erhält“, so Mag. Martina Anditsch, aHPh, Leiterin der Krankenhaus­apotheke im AKH Wien.

 

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Zentralisierte Bewertung und Beschaffung

Univ.-Prof. Dr. Michael Mayrhofer, Professor für Öffentliches Recht an der Johannes Kepler Universität Linz, referierte zum Thema „Zentralisierung der Bewertung und Beschaffung von Arzneimitteln für Krankenanstalten“. In Österreich existieren derzeit 38 Krankenhausapotheken, die sich weitgehend zu zehn Einkaufsverbünden zusammengeschlossen haben und Preisnachlässe von 35 bis 40 Prozent über den gesamten Arzneimitteleinkauf durch stete Verhandlungen mit der Pharmaindustrie erzielen.

Eine zentralisierte Bewertung von Arzneimitteln für Krankenanstalten ist gesetzlich momentan nicht vorgesehen, das System des Erstattungskodex (EKO) gilt ausschließlich für den extramuralen Bereich.

Laut Mayrhofer, der insbesondere zu medizinrechtlichen Fragen forscht, sind zentralisierte Bewertungen von Arzneimitteln grundsätzlich möglich, sie können nach der geltenden Rechtslage jedoch von vornherein nur Empfehlungscharakter haben. Es muss das gesetzlich gebotene Behandlungsniveau (Stand der medizinischen und pharmazeutischen Wissenschaften) beachtet werden. Eine zentralisierte Bewertung ändert weder etwas an der Therapieverantwortung der Ärztinnen und Ärzte noch an den Aufgaben und Verantwortungsbereichen der im Krankenanstaltengesetz verankerten, unabhängig agierenden Arzneimittelkommission, die für ein Krankenhaus — vorbehaltlich ärztlicher Einzelfallentscheidungen — die Liste der zur Verfügung stehenden Arzneimittel festlegt. Die Krankenanstalten bleiben außerdem für die Sicherstellung des — je nach Versorgungsstufe — gesetzlich gebotenen Behandlungsniveaus rechtlich verantwortlich.

Es besteht keine gesetzliche Verpflichtung zu einer zentralisierten Beschaffung von Arzneimitteln in Krankenhäusern. Eine freiwillige Beteiligung von Krankenhausträgern an zentralisierten Beschaffungen ist möglich. Die Entscheidung, welche Arzneimittel in den jeweiligen Krankenhäusern verwendet werden, muss nach derzeitiger gesetzlicher Lage durch die jeweils verantwortliche Arzneimittelkommission bzw. die behandelnden Ärztinnen und Ärzte getroffen werden.

 

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Das in Österreichs Krankenhäusern durch Krankenhausapothekerinnen und -apotheker etablierte System der Arzneimittelbeschaffung ist durch einen bereits vielfach erfolgten Zusammenschluss zu Einkaufsverbünden hocheffektiv, unbürokratisch und flexibel. Die Expertise aus einer Hand, Kenntnis des Marktes, Kooperation der Krankenhausapotheken und der regelmäßige Austausch der Krankenhausapothekerinnen und -apotheker zu diesem Thema untereinander spricht für das bestehende, gut funktionierende System der Beschaffung, auch wenn einzelne neue Therapien ökonomische Herausforderungen mit sich bringen. Das etablierte Beschaffungssystem zeichnet sich vor allem auch angesichts der immer schwieriger werdenden Liefersituation von Arzneimitteln in ganz Europa aus. Die derzeit immer wieder problematische Liefersituation für Arzneimittel ist durch den guten Informationsfluss und die schnelle Reaktion der Krankenhausapotheken für die Anwender kaum spürbar. Komplexere Beschaffungsprozesse können ein Risiko für die Sicherheit und die Geschwindigkeit der Arzneimittelbereitstellung und damit eine Verminderung der gesamten Versorgungsqualität der Patientinnen und Patienten in Österreichs Krankenhäusern mit sich bringen.

 

Die Zulassung eines Arzneimittels erfolgt aufgrund einer wissenschaftlichen
Bewertung und unabhängig von finanziellen Aspekten.

Christa Wirthumer-Hoche

Arzneimittelversorgung in Österreich

Zum Thema Arzneimittelversorgung in Österreich hielt DI Dr. Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin der Medizinmarktaufsicht der AGES und Vertreterin des BASG, das Eingangsstatement. Unter anderem hielt sie fest: „Die Zulassung eines Arzneimittels erfolgt aufgrund einer wissenschaftlichen Bewertung und unabhängig von finanziellen Aspekten. Daten zur Qualität des Produktes sowie Ergebnisse von Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit in den beantragten Indikationen für eine bestimmte Patientengruppe müssen der Behörde zur Beurteilung vorgelegt werden. Ziel ist es natürlich, die zugelassenen Arzneimittel auch den Patientinnen und Patienten zur Verfügung zu stellen, daher ist es essenziell, die Versorgung mit qualitativ hochwertigen Produkten sicherzustellen“, so Wirthumer-Hoche. Sie bietet den Krankenhausapothekerinnen und -apothekern an, in einer Arbeitsgruppe be­treffend die Auswirkung des Brexit auf die Arzneimittelversorgung mitzuarbeiten. Die Krankenhausapothekerinnen haben dabei die Möglichkeit, sich fachlich und praxisbezogen einzubringen.

 

 

Liste der Teilnehmenden:

Mag. Marion Alt
Krankenhaus Oberwart

Mag. Martina Anditsch
Allgemeines Krankenhaus Wien

Mag. Alexandra Danzinger
Landesklinikum Amstetten

Mag. Günter Fellhofer
Landesapotheke Salzburg

Mag. Vera Fidler
Universitätsklinikum Krems

Mag. Sandra Freimann-Pircher
Krankenanstalt Rudolfstiftung Wien

Dr. Ingrid Friedl
Landeskrankenhaus Graz Süd

Mag. Josefine Fugger

Mag. Gunda Gittler
Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz

Mag. Günther Graninger
Landeskrankenhaus Feldkirch

Mag. Gerhard Hackl

Dr. Doris Haider
SMZ Süd – Kaiser-Franz-Josef-Spital Wien

Mag. Karina Hartenstein
Landesklinikum Horn und
Landesklinikum Allentsteig

Dr. Wolfgang Ibrom
Ordensklinikum Linz Elisabethinen

Mag. Gernot Idinger
Landeskrankenhaus Steyr

Mag. Martina Jeske
Tirol Kliniken

Mag. Astrid Kaulbach
Krankenhaus Sankt Josef Braunau

Mag. Karin Kirchdorfer
Hanusch-Krankenhaus Wien

Mag. Elisabeth Kuc
Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried

Mag. Andreas Liebhart
Apotheke, Veterinärmedizinische
Universität Wien

Dr. Elisabeth Messinger
Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien

Mag. Christine Müller
Otto-Wagner-Spital Wien

Dr. Karin Neme
SMZ Ost – Donauspital Wien

Mag. Petra Riegler
Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Eisenstadt

Mag. Eva Sauer
Landeskrankenhaus Hochsteiermark

Mag. Bernd Schneider
Kardinal Schwarzenberg Klinikum

Mag. Gabriele Schrammel
Landeskrankenhaus Wiener Neustadt

Mag. Andreas Seiringer
Salzkammergut-Klinikum Vöcklabruck

Mag. Andreas Wachter
Landeskrankenhaus Villach

Dr. Alexander Weigl
Kepler Universitätsklinikum Linz

Dr. Martin Wolkersdorfer
Landesapotheke Salzburg

Mag. Eva Wöber
Wilhelminenspital Wien

Mag. Claudia Wunder
Landeskrankenhaus St. Pölten

 


 

 


 

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