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Gilead: Ein klares Bekenntnis zur Verantwortung

© Peter Provaznik

Gilead: Ein klares Bekenntnis zur Verantwortung

© Peter Provaznik

Für Erfolge in der Behandlung von Krankheiten bedarf es für Gilead Österreich-Geschäftsführer DI Dr. Clemens Schödl eines guten Zusammenspiels zwischen forschenden Unternehmen und staatlichen Rahmenbedingungen.

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Rainald Edel, MBA

Periskop-Redakteur

Das PERISKOP sprach mit Gilead-Österreich-Geschäftsführer DI Dr. Clemens Schödl über die notwendigen Rahmenbedingungen für Pharmaunternehmen und das Engagement des Konzerns im Bereich lebendsbedrohlicher Krankheiten.

PERISKOP: Welchen Anforderungen muss das österreichische Gesundheitswesen gerecht werden?

Clemens Schödl: Österreich muss sich, wie jedes andere Land in Europa, den globalen Anforderungen stellen. Das umfasst die demografische Entwicklung auf der einen Seite und die Innovationen im Medizin- und Pharmabereich auf der anderen Seite. In Kombination führen beide dazu, dass die Finanzierung des Gesundheitswesens eine Herausforderung wird. Vor allem dann, wenn nicht entsprechende Vorbereitungen getroffen werden. Das umfasst neben der Beobachtung der generellen Entwicklungen auch den politischen Auftrag beziehungsweise Rahmen, was das Gesundheitswesen leisten soll.

Was soll dieser Auftrag konkret beinhalten?

Ein entwickeltes Land wie Österreich muss sich klar dazu bekennen, ob es Behandlungen am neuesten Stand der Technik für die Versicherten anbieten will. Wenn das der Fall ist, muss man auch die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Das bedeutet, den Tatsachen ins Auge zu sehen: Die Bevölkerung wächst und altert stetig, eine Vielzahl disruptiver Innovationen ermöglicht heute und in naher Zukunft die erfolgreiche Behandlung bis dato nur insuffizient oder gar nicht behandelbarer Krankheiten, beziehungsweise die Chronifizierung oder Heilung potenziell tödlicher Erkrankungen. Solche Therapien sind daher im Vergleich mit höheren Kosten pro Kopf verbunden, die noch dazu gebündelt innerhalb einer kurzen Zeit anstatt ausgedehnt über eine Lebensspanne anfallen können. Daher ist eine Kopplung zwischen Wirtschaftswachstum oder Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf und den Gesundheitsausgaben nicht unbedingt logisch. Denn diese beiden Faktoren hängen, wenn überhaupt, nur mittelbar zusammen. Schließlich will man auch — soweit es möglich ist — bei einer schlechten Wirtschaftslage die Versorgung der Bevölkerung gewährleisten.

Ein entwickeltes Land wie Österreich muss sich klar dazu bekennen, ob es Behandlungen am neuesten Stand der Technik für die Versicherten anbieten will.

Wie schätzen sie Österreich als Forschungsstandort ein und was gehört verbessert?

Österreich hat einen sehr guten Ruf, zehrt aber dabei ein wenig von seiner akademischen Vergangenheit. Daher müssen wir aufpassen, dass unser Land nicht ins Hintertreffen gerät. Wir sollten uns unserer eigenen Stärken besinnen und zugleich von guten Beispielen anderer Länder lernen. Generell bedarf es eines innovations- und industriefreundlichen Umfelds. Sowohl wettbewerbsfähige Bedingungen als Forschungsstandort als auch innovationswürdigende Erstattungsbedingungen zeichnen ein solches Umfeld aus, und ein Bogen, der sich von der Förderung von Grundlagenforschung über die klinische Entwicklung bis zur fairen Erstattung von Innovationen spannt.

Der Forschungsschwerpunkt von Gilead liegt vor allem in Bereichen, in denen ein medizinischer Bedarf bisher nicht gedeckt ist. Was treibt das Unternehmen an, gerade in diesen Bereichen zu forschen und zu entwickeln? Welche Schwerpunkte zeichnen sich ab?

Da hier der Bedarf am größten ist, haben wir unseren Schwerpunkt speziell auf Erkrankungen gelegt, für die es bislang keine oder nur unzureichende Therapien gab. Ziel ist die Heilung oder zumindest Chronifizierung von potenziell tödlichen Erkrankungen. Ein gutes Beispiel dafür ist HIV.

Das Leadership-Team von Gilead Sciences Austria.
Das Leadership-Team von Gilead Sciences Austria.

Gilead ist Pionier in der Behandlung von HIV. Sind Sie mit der Entwicklung zufrieden?

Ich möchte die derzeitige Situation nicht missen. Wir haben die Entwicklung von einer unbehandelt tödlichen Erkrankung hin zu einer chronifizierten sehr gut behandelbaren geschafft. Mit der entsprechenden Therapie hat sich die Lebensqualität eines behandelten Menschen mit HIV praktisch jener der gesunden Bevölkerung angeglichenen. Dennoch hören hier unsere Bemühungen nicht auf. Unser Ziel ist immer noch die Heilung von HIV — diese streben wir mit interner und externer Forschung an. Staaten wie Österreich sollten weiter dazu beitragen, dass dies auch erreicht werden kann.

Anlässlich der EuroPride 2019 hat Gilead Sciences in Kooperation mit den AIDS-
Hilfen Österreich eine neue HIV-Awareness- Kampagne ins Leben gerufen. Hat durch die Fortschritte in der Therapie HIV seinen Schrecken verloren? Was bedarf es, damit dieses Thema nicht in Vergessenheit gerät?

Die Generation der Millenials kennt die dramatischen Bilder von terminal AIDS-Kranken nicht mehr. Sie wissen zwar, dass die Krankheit unbehandelt potenziell gefährlich ist, aber sehen, dass mit der richtigen Therapie die Lebenserwartung und -qualität jenen von gesunden Menschen gleicht. Dadurch wird das soziale Stigma der Erkrankung geringer, gleichzeitig sinkt aber auch das Risikobewusstsein. Damit ist das Thema allerdings auch nicht mehr so bedrohlich wie noch vor 20 Jahren. Das führt aber auch dazu, dass die Bereitschaft, ein Kondom zu verwenden, sinkt. Wodurch wieder andere sexuell übertragbare Krankheiten boomen.

Wir unterstützen die drei 90er Ziele, welche die UNAIDS für das Jahr 2020 ausgegeben hat — von allen HIV-Infizierten sollen 90 Prozent wissen, dass sie infiziert sind, von denen sollen 90 Prozent eine Behandlung bekommen und von diesen sollen wiederum 90 Prozent unter der Nachweisgrenze sein. Dazu kommt noch ein vierter 90er und der bedeutet, dass davon 90 Prozent hohe Lebensqualität haben sollen. Macht in Summe einen 360 Grad Ansatz, den wir verfolgen. Österreich ist von der Erfüllung der UNAIDS-Ziele nicht mehr weit entfernt oder hat diese bereits erfüllt. Das führt auch dazu, dass wir Null Stigma anstreben. Kampagnen wie jene, die wir gemeinsam mit den AIDS-Hilfen im Rahmen der EuroPride gelauncht haben, tragen dazu bei, den ersten 90er zu erreichen. Wir nehmen unsere Verantwortung über das gesamte Erkrankungskontinuum wahr.

Ein Blick weg von Österreich, wie sieht die Lage weltweit aus?

Weltweit gibt es rund 37 Mio. Menschen mit HIV. Die Problemgebiete sind nicht das wohlhabende Mitteleuropa. Aber beispielsweise in Osteuropa, der Ukraine oder Russland sieht die Lage schon anders aus. Dazu kommen noch Gebiete in Asien oder im Subsahararaum in Afrika. Über Programme wie jenes des Medicines Patent Pools, über den Gilead seit 2011 Lizenzen auch für seine modernsten patentgeschützten HIV-Innovationen vergibt, werden Medikamente für die bedürftigsten Regionen erschwinglich. Es ist daher heutzutage weniger ein Problem des Preises für die Therapie als eines der Logistik an die Erkrankten heranzukommen.

Als zweiten Bereich erwähnten Sie das Langzeitüberleben im onkologischen Bereich. Welchen Herausforderungen stellt sich Gilead hier?

Das zweite Standbein ist die Onkologie, speziell die Hämatoonkologie. Durch die Chimeric Antigen-Receptor-T-Cell-Technologie wollen wir mit disruptiver Innovation neue Wege beschreiten. Das stellt allerdings das Gesundheitssysteme vor neue Herausforderungen, weil die logistischen und finanziellen Anforderungen anders sind als bei herkömmlichen Therapien. Denn hierfür fallen die gesamten Kosten gebündelt in einem sehr kurzen Zeitraum an. Somit stellt sich die Frage der Finanzierbarkeit. Als Partner stehen wir auch hierbei zur Verfügung und haben gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern des Gesundheitssystems Pay for Performance-Zahlungsmodelle implementiert.

Welche Rolle nimmt Gilead in der Therapie von Lebererkrankungen ein?

Hep. C ist heute in bis zu 99 Prozent der Fälle heilbar. Aber zur Elimination der Krankheit ist ein politisches Commitment notwendig, denn das kann nicht nur Aufgabe der Industrie sein. Es braucht den Schulterschluss des Gesundheitssystems und aller Beteiligten, um auch die undiagnostizierten Fälle aufzuspüren oder diagnostizierte, aber vernachlässigte Fälle zu motivieren in die Behandlungszentren zu kommen. Hier bedarf es eines nationalen Aktionsplans. [siehe PERISKOP Seite 44]

In welche weiteren Bereiche investiert Gilead?

Mit einer vergleichsweise alten, aber hoch wirksamen Therapietechnologie ist Gilead im Bereich der invasiven Pilzerkrankungen am Markt vertreten. Dieses ist für die Versorgung von immunsuprimierten Transplantationspatientinnen und -patienten unverzichtbar. Deshalb hat der Konzern jüngst fast eine halbe Million Euro in ein neues Werk investiert, damit die Produktion weiter ausgebaut werden kann.

Wie umfassend sollten aus Ihrer Sicht Aufklärung und Fortbildung zu bestimmten Krankheiten angeboten werden?

Beispielsweise bei CAR-T ist es wichtig, dass nicht nur die Medizinerinnen und Mediziner in den wenigen durch Gilead zertifizierten Spezialzentren geschult werden, sondern auch das Personal in anderen hämatoonkologischen Abteilungen, da auch dort Patientinnen und Patienten in Behandlung sind, für die diese spezielle Therapie geeignet ist. Generell sehen wir es als unsere Aufgabe, über die Medikamente hinaus Aufklärung und Awareness für Erkrankungen zu schaffen, sowohl bei Ärztinnen und Ärzten als auch bei Pflegepersonal und Angehörigen von Patientinnen und Patienten.

BioBox

DI Dr. Clemens Schödl ist seit Jänner 2017 Geschäftsführer des US-amerikanischen Biopharma-Unternehmens Gilead Sciences in Österreich. Schödl ist promovierter Chemiker (TU Wien) und seit 24 Jahren in verschiedenen internationalen forschenden Pharma-Unter­nehmen in Commercial-
Positionen tätig.


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