Gesundheitskompetenz in Betrieben aufbauen

Richard Tanzer

Gesundheitskompetenz in Betrieben aufbauen

Richard Tanzer

Durch die COVID-19-Pandemie steigen umweltbedingte Gesundheitsrisiken und psychische Belastungen bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Zu den Schwerpunkten der Arbeitsmedizin zählen unter anderem die Erhaltung und Förderung der Gesundheit am Arbeitsplatz und die Verhinderung arbeitsbedingter Erkrankungen. Wie Herausforderungen in Betrieben aller Größen erfasst, verhindert oder deutlich verringert werden könnten, erklärt Dr. Eva Höltl, Arbeitsmedizinerin und Leiterin des Gesundheitszentrums der Erste Bank AG im Gespräch mit periskop. | von Rainald Edel, MBA

Kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden, zu halten und für optimale Arbeitsbedingungen zu sorgen, ist derzeit wichtiger denn je. Gerade die Arbeitsmedizin kann hierbei helfen,
sowohl die Rahmenbedingungen zu optimieren als auch die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erhalten.

PERISKOP: Arbeit darf nicht krank machen – was bedeutet dieser Leitsatz für die moderne Arbeitswelt? Welche Herausforderungen stellen sich der Arbeitsmedizin?  

Dr. HÖLTL: Von über 700.000 Betrieben in Österreich sind 99,7 Prozent KMUs mit maximal 249 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und beschäftigen rund 2,9 Millionen Menschen. Diese Unternehmen gelten als das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft. Viele davon sind familiengeführt. Gerade das kann auch ein großer Vorteil sein, denn zumeist verbleiben dort die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lange im Unternehmen. Durch den jahrelangen persönlichen Kontakt erkennt man die gesundheitlichen Probleme der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meist schneller und kann diese auch persönlicher ansprechen. In den letzten Jahrzehnten kam es durch Digitalisierung und Automatisierung zu einem deutlichen Wandel der Arbeitsbedingungen. Gleichzeitig sind klassische arbeitsmedizinische Erkrankungen, wie Arbeitsunfälle, Staublunge oder andere mit Schwerarbeit assoziierte Krankheitsbilder deutlich zurückgegangen. Schon jetzt arbeiten 75 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungssektor. Neun von zehn neuen Jobs werden im tertiären Sektor geschaffen. Insgesamt haben die Mobilität und die Geschwindigkeit durch neue Technologien deutlich zugenommen. Zusätzlich wurde die Arbeitswelt vielfältiger. Die Reisetätigkeit, auch die berufliche, hat massiv zugenommen. Hinzu kommt, dass etwa 20 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einen Migrationshintergrund haben. Wie die Pandemie deutlich gezeigt hat, können daher Fragestellungen, wie etwa Infektionsschutz, nicht mehr rein national gedacht und gelöst werden. Dadurch müssen die arbeitsmedizinischen Schwer punkte an die neuen Gegebenheiten angepasst werden, beispielsweise die Themenfelder Erhalt der psychischen Gesundheit, Infektionsschutz oder ergonomische Anforderungen an vorwiegend sitzende Tätigkeiten.

Der von Ihnen angesprochene Wandel der Arbeitswelten und die Pandemie haben zu einer noch weiteren und stärkeren Verbreitung digitaler Technologien geführt. Wie reagiert die Arbeitsmedizin auf diese neuen Rahmenbedingungen?

Das ist tatsächlich ein großes Thema, das ich gerne an einem Beispiel verdeutlichen möchte: Die Aufgaben der Arbeitsmedizin sind in Österreich gesetzlich im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz und seinen Verordnungen festgelegt. Die Bildschirmarbeitsverordnung trat vor rund 25 Jahren in Kraft und bezieht sich im Wesentlichen noch immer auf die Arbeitsbedingungen zum Zeitpunkt ihres Inkrafttretens. Mittlerweile hat sich die Dauer und Nutzungsart digitaler Endgeräte fundamental gewandelt. Zwar hat das Gesetz damals schon richtungsweisend eine verpflichtende Bildschirmpause von 10 Minuten nach 50 Minuten Bildschirmarbeit vorgesehen, doch zeigt die Realität, dass Bildschirmpausen oft für Beschäftigung am Smartphone genutzt werden und ein beträchtlicher Teil der Freizeit ebenfalls an digitalen Endgeräten verbracht wird. Gleichzeitig hören wir von einer dramatischen Zunahme von Kurzsichtigkeit, vor allem bei jungen Menschen. Ich bin überzeugt, dass auch junge Menschen ein großes Interesse daran hätten, Kurzsichtigkeit und ihre Folgen zu vermeiden. Dazu brauchen sie ein grundlegendes Wissen über die Auswirkungen von permanenter Nahsicht auf das Auge und wie man dieses wieder entlastet. Das ist ein gutes Beispiel für Gesundheitskompetenz, wenn Menschen für sie relevante Informationen auf verständliche Weise erhalten und verstehen, werden die allermeisten auch entsprechend handeln. Wir brauchen daher rasch gute Strategien, um gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen an die Digitalisierung anzupassen.

Psychische Erkrankungen sind seit einigen Jahren der häufigste Grund für den Verlust von Arbeitsfähigkeit. Warum ist die psychische Gesundheit der Beschäftigten für alle Unternehmen so wichtig?

Der Dienstleistungssektor ist durch Kundenkontakte charakterisiert. Emotionale Stabilität, Empathie und Flexibilität sind zentrale Faktoren psychischer Gesundheit und wichtige Voraussetzungen, um im Dienstleistungssektor erfolgreich zu sein. Der Arbeitsplatz ist zumeist der erste Ort, an dem der Verlust von psychischer Gesundheit deutlich wird. Denn hier wird naturgemäß Leistung erwartet und ein Leistungsabfall ist rasch feststellbar. Psychische Erkrankungen verursachen in der Regel sehr lange Arbeitsausfälle durch Krankenstand. Das bringt viel persönliches Leid, aber auch hohe Kosten für das Gesundheitssystem. Als Konsequenz daraus sollte auch das Anforderungsprofil von Führungskräften neu gedacht werden. Damit meine ich ein Grundverständnis über Zusammenhänge von privaten und beruflichen Belastungen auf die Leistungsfähigkeit der einzelnen Mitarbeiterin, des einzelnen Mitarbeiters. Denn nicht nur unsere Arbeitswelten, sondern auch die Lebensumstände haben sich gewandelt. Führungskräfte stehen beispielsweise der Lebenssituation einer alleinerziehenden Mitarbeiterin mit betreuungspflichtigen Kindern und einer hinzukommenden Pflegetätigkeit für ein Elternteil meist hilflos gegenüber. Es ist ein schmaler Grat zwischen betrieblicher Leistungsforderung und Verantwortlichkeit für private Probleme der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Tatsache ist, dass sich die Sorgen aus dem Privatbereich auf die Leistung im Betrieb auswirken.

Welche Kompetenzen braucht es in Unternehmen, um mit diesen Herausforderungen professionell umgehen zu können?

Es gibt eine Reihe von ausgezeichneten Projekten und Guidelines zur Förderung der psychischen Gesundheit, die üblicherweise von großen Unternehmen, aber auch Gesundheitsdienstleistern entwickelt wurden, da diese über ausreichend Ressourcen in der Gesundheitsförderung verfügen. Leider sind die Prävention und Gesundheitsförderung in Österreich zersplittert und damit existieren keine Standards, die für alle zugänglich sind. Im aktuellen Regierungsprogramm wird zwar „eine österreichweite Präventionsstrategie, damit die persönliche Gesundheit verbessert wird“ angekündigt, die finanzielle und sachliche Anreize für die Teilnahme an Präventionsprogrammen in Aussicht stellt und mit der die Prävention auch in Schulen und Betrieben gestärkt werden soll. Allerdings wurden diesbezüglich bisher keine sichtbaren Schritte unternommen. Von einer derartigen Strategie, und den daraus abzuleitenden Standards würden vor allem KMUs profitieren.

Welche Kompetenzen braucht es in Unternehmen, um mit diesen Herausforderungen professionell umgehen zu können?

Es gibt eine Reihe von ausgezeichneten Projekten und Guidelines zur Förderung der psychischen Gesundheit, die üblicherweise von großen Unternehmen, aber auch Gesundheitsdienstleistern entwickelt wurden, da diese über ausreichend Ressourcen in der Gesundheitsförderung verfügen. Leider sind die Prävention und Gesundheitsförderung in Österreich zersplittert und damit existieren keine Standards, die für alle zugänglich sind. Im aktuellen Regierungsprogramm wird zwar „eine österreichweite Präventionsstrategie, damit die persönliche Gesundheit verbessert wird“ angekündigt, die finanzielle und sachliche Anreize für die Teilnahme an Präventionsprogrammen in Aussicht stellt und mit der die Prävention auch in Schulen und Betrieben gestärkt werden soll. Allerdings wurden diesbezüglich bisher keine sichtbaren Schritte unternommen. Von einer derartigen Strategie, und den daraus abzuleitenden Standards würden vor allem KMUs profitieren.

Neben der psychischen Gesundheit wurde durch die COVID-19-Pandemie auch das Thema ansteckende Infektionskrankheiten eine Herausforderung für Betriebe. Welche Möglichkeiten haben Unternehmen, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu schützen?

Die COVID-19-Pandemie hat uns einiges gelehrt. Infektionskrankheiten verbreiten sich rasend schnell, da unsere Mobilität massiv zugenommen hat. Deswegen kann Infektionsschutz keinesfalls nur national gedacht werden. Unsere Arbeitswelten sind geprägt von Open-Space-Konzepten, Großraumbüros, regelmäßigen Meetings und Besprechungen sowie Kundenkontakten. Unter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern befinden sich auch Menschen mit Grunderkrankungen, Risikofaktoren für schwere Krankheitsverläufe, schwangere Arbeitnehmerinnen und solche mit einem Grad der Behinderung, die vor dem Gesetz als besonders schutzbedürftige Personen gelten. Dennoch wurde dem Infektionsschutz im betrieblichen Kontext bis zur Pandemie keine große Bedeutung zugemessen. Zudem war das Wissen über Übertragungswege von Krankheiten und deren Vermeidung in der Bevölkerung beträchtlichen Lerneffekt in der Bevölkerung gekommen und auch Betriebe haben entsprechend mit Informationsmaterial und aktivem Infektionsschutz reagiert. Vieles davon, etwa die Handhygiene, wird wohl bleiben. Eine der wichtigsten Lehren aus der Krise ist, dass wir unbedingt versuchen müssen, ansteckende Infektionskrankheiten durch eine hohe Durchimpfungsrate zu verhindern. Ich denke hier nicht nur an COVID-19, sondern auch Erkrankungen wie Masern, Keuchhusten oder auch Diphterie. Bei diesen Erkrankungen kommt es in Europa immer wieder zu kleinräumigen Epidemien. Durch die oben genannten Rahmenbedingungen breiten sich diese rasch aus. Der Arbeitsplatz in seiner Diversität aus jungen, alten, gesunden, kranken Menschen verschiedenster Herkunft, die auf engem Raum zusammenarbeiten, ist daher aus meiner Sicht ein zentraler Ort, um über das Impfen zu sprechen und eine Impfmöglichkeit anzubieten. Dabei ist es aber wichtig, auf die Zielgruppe, deren Fragen und Besonderheiten einzugehen. In der Frage der Impfbereitschaft werden durch zentrale Impfkampagnen bestimmte Personengruppen nur schwer erreicht. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von mangelndem Grundwissen über die Existenz mancher Infektionskrankheiten bis hin zu konkreten Ängsten vor Impfungen. Zusätzlich variieren die Impfquoten in Europa von Staat zu Staat beträchtlich. Unternehmen sind ab[1]gegrenzte soziale Systeme, in denen Menschen sich in ihrem Alltag aufhalten. Dieser soziale Zusammenhang ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bewusst und drückt sich durch gemeinsame Werte und formale Strukturen aus.

Daher stellt der Arbeitsplatz ein ideales Setting für Impfkommunikation dar, da er weit in die Gesellschaft hineinwirkt. Erwerbstätige Menschen sind auch Eltern von Kindern, für die sie Impfentscheidungen treffen. Umso wichtiger sind daher settingbezogene Kommunikationsansätze, die die Bedürfnisse der jeweiligen Beschäftigtengruppe punktgenau treffen. Das dient dem Schutz der, des Einzelnen, dem Unternehmen, um handlungsfähig zu bleiben und der Gesellschaft insgesamt. 

Scroll to Top