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Erste „DACH“-Harm-Reduction-Konferenz

v. l: Tobias Rüther, Maurice Cabanis, Thilo Beck, Heino Stöver, Alfred Springer, Hans Haltmayer
© MARKUS KORENJAK

Erste „DACH“-Harm-Reduction-Konferenz

v. l: Tobias Rüther, Maurice Cabanis, Thilo Beck, Heino Stöver, Alfred Springer, Hans Haltmayer
© MARKUS KORENJAK

Vertreter von führenden Organisationen der Suchtprävention und Behandlung aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich zusammengeschlossen, um das Thema Harm Reduction weiterzuentwickeln, die Kräfte, die es in den deutschsprachigen Ländern zu diesem Thema gibt, zu bündeln und aus den Erfahrungen zu lernen. Unter den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern und Vortragenden waren namhafte Persönlichkeiten der wichtigsten Gesundheitseinrichtungen der drei Länder.

Rainald Edel, MBA

Rainald Edel, MBA

Periskop-Redakteur

Obwohl der Begriff der „Harm Reduction“ schon mehr als 30 Jahre fixer Bestandteil des Diskurses sowie der Maßnahmenpolitik zur Suchtbekämpfung ist und die Wurzeln der Schadensminderung noch sehr viel weiter zurückreichen, wurde dieses Thema bislang eher regional betrachtet. Umso bemerkenswerter, dass es heuer im Sommer unter der Leitung von Dr. Hans Haltmayer, Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkrankheit (ÖGABS), gelungen ist, wesentliche Akteure der Suchtmedizin und Suchtprävention aus Deutschland, der Schweiz und Österreich zu einem Austausch- und Vernetzungstreffen nach Wien einzuladen. Als Thema der Konferenz wurde die Tabacco Harm Reduction gewählt, da Rauchen das zahlenmäßig größte Suchtthema ist, wie Haltmayer in seiner Eröffnungsansprache ausführte: „Von den rund 1,5 Mio. Raucherinnen und Rauchern in Österreich versucht rund ein Drittel pro Jahr vergeblich, aufzuhören. Rauchen ist zudem mit einer hohen Krankheitslast und Mortalität verbunden.“ Während die Idee und Maßnahmen der Harm Reduction im Bereich der illegalen Substanzen in Österreich mittlerweile anerkannt und etabliert sind, stehen Politik und Entscheidungsträgerinnen und -träger im Gesundheitsbereich dieser beim Thema Rauchen noch sehr skeptisch bis ablehnend gegenüber. Ein wenig erinnere ihn die gegenwärtige Diskussion im Tabakbereich an jene in der Drogenprävention, woher der Ansatz der Harm Reduction herkommt. Auch hier wurde das Thema anfänglich kontroversiell, emotional und mit wenig Pragmatismus diskutiert und war sehr ideologisch behaftet. „Daher wollten wir diesem Thema eine Plattform mit hochkarätigen Expertinnen und Experten bieten, bei der verschiedene Aspekte zusammengetragen werden und wir die Diskussion auf eine pragmatisch, fachlich fundierte Ebene heben“, betonte Haltmayer.

Denormalisation legaler Substanzen

Der Begriff der Harm Reduction wird mittlerweile zwar häufig genutzt, allerdings bestehen unterschiedliche Definitionen und Auffassungen, was darunter konkret zu verstehen ist. „Der Begriff der Harm Reduktion bezieht sich auf Maßnahmen, Programme und Projekte, die darauf abzielen, gesundheitliche, wirtschaftliche und soziale Schäden im Zusammenhang mit dem Konsum von psychoaktiven Substanzen zu verringern. Es ist ein effizienter und kosteneffizienter Ansatz, der sowohl der bzw. dem Einzelnen als auch der Gesellschaft Vorteile bringt und, wie oft betont wird, den Menschenrechten verpflichtet ist. Es ist ein gezielter Ansatz, der spezifische Schäden im Auge hat. Dadurch ist dieser Ansatz unabhängig davon, ob es sich um legale oder illegale Substanzen handelt, anwendbar und somit auch für den Tabak und Alkoholbereich geeignet“, fasste Prof. Dr. Alfred Springer, Facharzt für Psychiatrie, die wesentlichsten Punkte zusammen und legte die im DACH-Raum konsensuale Sichtweise dar.

Aufmerksam machte Springer in seinem Vortrag auf das seit einigen Jahren immer stärker werdende Phänomen, dass etablierte Alltagsdrogen wie Tabak und Alkohol in Relation zu den illegalen Drogen denormalisiert werden. „Illegale Substanzen werden partiell legalisiert und bislang akzeptierte dämonisiert“, so Springer. Ein Beispiel dafür die abschreckenden Fotos auf Zigarettenpackungen. „Zudem gibt es ein Fokussieren auf Störungen, die mit dem Tabakkonsum assoziiert werden, die durchaus diskriminierende, stigmatisierende Wirkung haben“, erklärte er. Darunter fallen beispielsweise die Auswirkung auf die männliche Potenz oder die Schädigung der Nachfolgegeneration. Er verwies darauf, dass in der Literatur solche Denormalisierungsstrategien, insbesondere bei einkommensschwachen Bevölkerungsschichten, in denen Rauchen weit verbreitet ist, kritisch angesehen wird, da sie bestehende Belastungen weiter verstärken können. Das könnte Bedenken hinsichtlich der Ungerechtigkeit dieser Strategie aufwerfen.

Mit der DACH-Konferenz wollen wir dem Thema Harm Reduction eine länderübergreifende Plattform geben und die Diskussion auf eine pragmatisch, fachlich fundierte Ebene heben.

Gegenargumente ernst nehmen

„Während das Thema Harm Reduction im Bereich der illegalen Substanzen durchaus etabliert ist und auch beim Thema Alkohol die Diskussion durchaus zivilisiert abläuft, haben wir beim Tabak eine Situation, die man durchaus als Glaubenskrieg bezeichnen könnte“, schilderte Hon.-Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp, MBA, Leiter der Abteilung Gesundheitspolitik in der AK Niederösterreich. Daher dürfe man jene Argumente, die gegen Harm Reduktion ins Treffen geführt werden, nicht unterschätzen, zumal sie einfach und eingängig klingen. So werde beispielsweise argumentiert, dass eine bloße Substitution einer Form des Tabakkonsums durch eine andere das Problem in der Gesellschaft behält. So besteht bei den Gegnern der Harm Reduction die Sorge, wenn Kinder risikolos Nikotin konsumieren, dies eine Einlasspforte zum Rauchen sei. Tatsächlich aber weise die Eurobarometer-506-Studie, so Rupp, klar darauf hin, dass die E-Zigarette kein Einstieg zum Rauchen sei, sondern vielmehr die klassische Zigarette. Im heimischen Diskurs werde aber die Gateway-Hypothese gerne fälschlich als Argument gegen die Substitution benützt. Ein weiteres gewichtiges Argument, mit dem man sich auseinandersetzten muss, ist, dass die Schadensminimierung die Wirksamkeit der zentralen Botschaft untergräbt, nämlich, dass jeglicher Nikotin- und Tabakkonsum gefährlich und somit unerwünscht ist. Denn, so das Gegenargument, wenn uns die Tabakkontrolle gelingt und die Leute aufhören, zu rauchen, braucht es keine weiteren Maßnahmen. „Die Spezialauswertung des Eurobarometers zeigt, dass europaweit ungefähr die Hälfte der Tabakkonsumentinnen und -konsumenten bisher erfolglos versucht hat, aufzuhören. Daher stellt sich die Frage, wie lange wir noch brauchen, um zu erkennen, dass wir eine Ergänzung zu der offensichtlich nicht in allen Fällen greifenden Strategie des Rauchstopps brauchen“, so Rupp. Auch die Argumentation, dass Public-Health-Expertinnen und -Experten sowie Politikerinnen und Politiker nichts fördern sollen, was nicht gesund ist, ließe sich durch Beispiele aus dem Lebensmittelsektor leicht entkräften.

Erweiterung der Rauchentwöhnungsstrategie nötig

Unter dem Titel „Anwendung von schadensmindernden Maßnahmen bei Tabakabhängigkeit“ gab Prof. Dr. Heino Stöver, Studiengangsleiter Suchttherapie und Sozialmanagement in der Suchthilfe an der Frankfurt University of Applied Sciences, Einblicke in die Situation in Deutschland. Da Deutschland und Österreich in der Tobacco Control Scale der WHO recht nah beieinander liegen, lassen sich viele Erkenntnisse aus Deutschland auch problemlos auf Österreich umlegen.

Die Prävalenz des Tabakkonsums in Deutschland ist mit über 30 Prozent für Westeuropa bemerkenswert hoch. Jährlich sterben 127.000 Menschen vorzeitig an den Folgen des Konsums. Über drei Prozent der Todesfälle sind auf den Tabakkonsum zurückzuführen. Hinzu kommen noch über drei Mio. Fälle an COPD, wovon 80 bis 90 Prozent rauchbedingt sind. Jährlich könne man mit 100 Mrd. Euro an Folgekosten des Tabakkonsums rechnen. „Mit all diesen Fakten im Hintergrund kann man sagen, dass Rauchen das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in Deutschland ist und gleichzeitig jenes, über das wir am wenigsten reden. Es ist der sprichwörtliche Elefant im Raum der Gesundheitsdebatte, über den aus verschiedenen Gründen weder die Politik noch Medien reden. Die Wissenschaft findet nicht genügend Gehör, um die Dramatik der Situation in den Mittelpunkt zu rücken“, erklärte Stöver. Gemeinsam mit mehr als 50 weiteren Gesundheitsorganisationen hat das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) eine „Strategie für ein tabakfreies Deutschland 2040“ vorgelegt. Allerdings hat Deutschland bislang nur eine mangelhafte, wenig evidenzbasierte und hinsichtlich der Ziele  ausdifferenzierte Tabakkontrollpolitik, was sich in der hohen Prävalenz zeige. Gegenbeispiele wären UK und Schweden mit Raucherquoten von ca. 13 Prozent bzw. sechs Prozent. Um das ambitionierte Ziel „Smoke-Free 2030“ zu erreichen, gibt es beispielsweise in UK eine kostenlose Ausgabe einer Million E-Zigaretten.

Um eine Änderung in Deutschland herbeizuführen, sei, so Stöver, daher eine Diversifikation der Rauchentwöhnungsstrategien und der Ziele nötig. Dem schlechten Ruf von E-Zigarette, Tabakerhitzer oder Nikotinbeutel müsse mit sachlicher Aufklärung für Ausstiegsinteressierte begegnet werden. Denn schließlich seien diese Produkte wesentlich unschädlicher als die klassische Zigarette. Der Erfolg aus anderen Bereichen der Gesundheits- und Drogenpolitik zeige, wie wichtig auch beim Thema Tabakkonsum ein gutes Harm-Reduction-Konzept mit einer Erweiterung der Rauchentwöhnungsstrategie wäre, das von der Politik mitgetragen wird.

Fortsetzung geplant

In der abschließenden Plenumsdiskussion fassten Dr. Thilo Beck, Chefarzt der Arud, eine der führenden suchtmedizinischen Institutionen in der Schweiz, Dr. Tobias Rüther, Psychiater und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS), sowie Dr. Maurice Cabanis, Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin, die Ergebnisse der Workshop-Runden zusammen, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ersten „DACH“-Harm Reduction Conference die Möglichkeit hatten, sich in Kleingruppen vertiefend mit dem Thema der Tobacco Harm Reduction auseinanderzusetzen. Aufgrund des großen Anklangs werde diese Form der länderübergreifenden Zusammenarbeit zum Thema Harm Reduction im nächsten Jahr fortgesetzt, kündigte Haltmayer zum Abschluss an.

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