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Younion: Ein weiter Weg will beherzt beschritten sein

Edgar Martin
© LUDWIG SCHEDL

Younion: Ein weiter Weg will beherzt beschritten sein

Edgar Martin
© LUDWIG SCHEDL

Wiewohl Tiroler, ist Edgar Martin, MBA seit Jahrzehnten in Wien als „Urgestein“ der Wiener Gewerkschaftsszene und integrative Persönlichkeit für seinen unermüdlichen Einsatz zum Wohl aller Wiener Gemeindebediensteten bekannt. PERISKOP sprach mit dem engagierten Interessensvertreter über seine nächsten Ziele.

Mag. Dora Skamperls

Mag. Dora Skamperls

PERISKOP-Redakteurin

Edgar Martin ist als Mitglied des Qualitäts- und Leistungsausschusses nicht nur ein wichtiger Akteur im Aufsichtsgremium des Wiener Gesundheitsverbundes, sondern auch gewählter Vorsitzender in der Personalvertretung der Bediensteten der Gemeinde Wien und younion_die Daseinsgewerkschaft Hauptgruppe II, Vorsitzender des Zentralausschusses, stellvertretender Vorsitzender des Personalgruppenausschusses Pflege sowie Präsidiumsmitglied des Vorstandes der younion_die Daseinsgewerkschaft. Diese lange Liste an Aufgaben hält den diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger nicht davon ab, als ausgebildeter Trainer für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement auch als Mitglied im zentralen Sicherheitsboard des Wiener Gesundheitsverbundes aktiv zu sein. Er ist für die Anliegen von 30.000 Bediensteten des Wiener Gesundheitsverbundes verantwortlich und macht sich für das „Team Gesundheit“ stark.

PERISKOP: Herr Martin, Sie sind von Ihrer Ausbildung her diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger und haben weiterhin engsten Kontakt zu Menschen in Gesundheitsberufen, haben also einen sehr guten Einblick in die positiven Seiten und Herausforderungen im Krankenhausbetrieb. Was sind für Sie die drei wichtigsten Knackpunkte zur Verbesserung der Arbeitssituation?

MARTIN: Wir schaffen es nur, wenn sich wirklich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und darüber reden, was getan werden muss – und zwar so lange, bis weißer Rauch aufsteigt. Das breche ich nicht nur auf Wien herunter, sondern das gilt für alle Bundesländer. Deshalb haben wir auch die Forderung an die Bundesregierung nach einem nationalen Gesundheitsgipfel gestellt gemeinsam mit der GÖD-Gesundheitsgewerkschaft.

Das Zweite ist der Zusammenhalt innerhalb der Berufsgruppen. Arbeit im Gesundheitswesen bedeutet interdisziplinäre Zusammenarbeit. Jede Hand in dem System wird gebraucht und jede Hand fehlt. Daher gilt es, die Arbeitssituation für alle Beschäftigten zu verbessern. Das Dritte ist die Bezahlung, wobei das absichtlich der letzte Punkt ist. Solange wir nämlich die Arbeitsbedingungen nicht verbessern, ist jeder Euro mehr lediglich ein Schmerzensgeld. Das Geld ändert aber nichts an meinem Burn-out oder meiner fehlenden Zeit für die Familie.

Dadurch, dass ich im öffentlichen Gesundheitssystem bin, spüre ich noch einen anderen Druck, Dinge zu bewegen. Es bringt nichts, aus Prinzip an einer Position festzuhalten, sondern es geht um den Konsens zum Wohl aller. Abgesehen von solchen großen Zielen und wenn ich mir etwas wünschen könnte, wenn Geld keine Rolle spielen würde, würde ich umgehend massiv Personal aufstocken, in Dienstplanstabilität, kürzere Wochenarbeitszeit und bessere Bezahlung der Dienste außerhalb der Normarbeitszeit investieren und Vollzeit attraktivieren – wie zum Beispiel durch Steuerfreiheit ab der 32. Wochenstunde. Die Bundesregierung sagte ja, Teilzeit muss unattraktiver werden. Wir mit der GÖD sagen, Vollzeit muss attraktiver werden. Wenn die Rahmenbedingungen dann passen, können wir vielleicht auch mehr Interessentinnen und Interessenten finden, die diesen Beruf wieder ausüben wollen.

In Ihrer Funktion als Vorsitzender in der Personalvertretung der Bediensteten der Gemeinde Wien sind Sie für die rund 30.000 Bediensteten des Wiener Gesundheitsverbundes zuständig. Was sind hier Ihre vorrangigen Ziele?

Als Personalvertreter stellen wir sicher, dass gültiges Recht eingehalten wird, zum Beispiel die Ruhezeiten. Manche beuten sich selbst aus, weil sie ihr Team nicht im Stich lassen wollen. Alles, was darüber hinausgeht, ist schon Sache der Gewerkschaft – was Gehälter, Arbeitszeit, das Neuschaffen bzw. Reformieren von organisatorischen Bedingungen etc. betrifft.

Wir als Personalvertretung achten auch darauf, dass jede strukturelle oder organisatorische Veränderung im Einklang mit den Personen geschieht, die diesen Wandel vollziehen sollen. Das ist zum Beispiel bei Standortschließungen relevant. Wir sind dafür zuständig, dass alle Interessen der Beschäftigten innerhalb des Systems entsprechend dem gültigen Recht gewahrt werden. Wenn dieses Recht nicht mehr zu den gegebenen Bedingungen passt, beginnt die Aufgabe der Gewerkschaft. Wir schauen ja oft in andere Länder, um deren Reformen oder Modelle dann zu kopieren. Bis das bei uns umgesetzt ist, ist es dort schon wieder als untauglich erkannt und abgeschafft. Bei uns brennt aber der Hut, und wir müssen uns gemeinsam an einen Tisch setzen und rein auf unsere Situation angepasste, österreichische Lösungen entwickeln.

Sie sind außerdem Vorsitzender der Hauptgruppe II Gesundheit in der Gewerkschaft younion. Was sind hier die Kernthemen Ihrer Arbeit und wie möchten Sie diese erreichen?

Wie schon erwähnt: Veränderungen und das Visionäre, die Zukunftsthemen, sind Sache der Gewerkschaft. In Wien ganz oben auf der Agenda steht ein einheitliches Arbeitszeitmodell. Dann folgt eine Evaluierung der Gehaltsbänder in der Besoldung neu, da gibt es Nachbesserungsbedarf – wobei die Besoldung alt nicht benachteiligt werden darf. Wenn wir an einer Schraube drehen, verändert sich alles andere mit. Ausgliederungen oder Änderungen der Rechtsform sind große Metathemen, die uns beschäftigen. Partikularthemen sind zum Beispiel eine Schwerarbeiterregelung für das Pflegepersonal. Oder Konfliktmanagement: Wir haben eine hohe Belastung mit Gewalt und Aggression seitens der Patientinnen und Patienten bzw. deren Angehörigen, nicht erst seit der Pandemie. Mitunter aufgrund von „Dr. Google“ gibt es vorgefasste Meinungen bzw. Zweifel bezüglich der medizinischen Maßnahmen und gleichzeitig weniger Respekt vor den diagnostischen Fähigkeiten unseres Personals. Hier arbeiten wir an unterschiedlichen Maßnahmen, wie psychologische Betreuung, finanzielle Absicherung, Schulungen etc.

Außerdem setzen wir uns dafür ein, die Teams in den Ambulanzen auf zwei Arten zu entlasten. Einerseits brauchen wir Personen, die speziell dafür abgestellt sind, Patientinnen und Patienten serviceorientiert zu betreuen – die durch die Wartebereiche gehen und ihre Fragen beantworten, Konflikte moderieren und sich um die Bedürfnisse der Menschen kümmern, damit die Ärzteschaft und die Pflege wieder ihren eigentlichen Aufgaben nachkommen können. Andererseits hat sich während der Pandemie gezeigt, dass die Service-Telefonnummer 1450 vieles abfedern konnte und dazu beigetragen hat, das Personal in den Ambulanzen zu entlasten. Bei 1450 wurde auch Unglaubliches geleistet, das war nicht leicht. Der Bedarf ist weiter da und das sollte ausgebaut und forciert werden. 1450 sollte auch als erste, seriöse Informationsquelle dienen, bevor Menschen sich von „Dr. Google“ verunsichern lassen. Auch brauchen wir medizinisch speziell geschulte Schreibkräfte in den Ambulanzen und auf den Stationen, die ebenfalls im Umgang mit Patientinnen und Patienten geübt sind. Und letztlich müssen wir Führung attraktiver gestalten. Aktuell stehen der Grad der zu übernehmenden Verantwortung, die geforderte Flexibilität und der Druck zwischen den Ebenen mit der Bezahlung nicht im Einklang.

Wir schaffen es nur, wenn sich wirklich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und darüber reden, was getan werden muss – und zwar so lange, bis weißer Rauch aufsteigt.

Das klingt nach einer enormen Aufgabe – wie groß ist Ihr Team?

Wir sind rund 50 hauptberufliche Kolleginnen und Kollegen. Wir arbeiten immer in Personalunion, das heißt, als Personalvertreter und für die Gewerkschaft. Diese Personen arbeiten direkt in den Kliniken bzw. Dienststellen, während mein Kernteam in der Zentrale aus ca. zehn bis elf Personen besteht.

Mit Slogans wie „Come In & Burn Out“ wurde im Juni 2023 in der Klinik Ottakring vom ärztlichen Personal gestreikt. Mit mäßigem Erfolg – was haben Sie daraus gelernt?

Die Betroffenen waren vorher in der Personalvertretungseinheit vor Ort und haben bekannt gegeben, dass sie streiken werden – haben aber keine Unterstützung von uns in Anspruch genommen. Das wurde dann medial anders transportiert. Ich denke, wir verrennen uns, wenn jede kleine Einheit für sich unterschiedliche Forderungslisten erstellt und Streiks durchführt. Ich habe also daraus gelernt, dass unser Weg, alle an einen Tisch zu bringen und bei den Anliegen wirklich in die Tiefe zu gehen, grundsätzlich richtig ist. Sonst werden einzelne Menschen, einzelne Berufsgruppen oder Einheiten instrumentalisiert und es gibt keinen Weg mehr zurück. Solange sich aber meine Verhandlungspartner nicht eingemauert haben und mir zuhören, denke ich noch nicht an Streik – das wäre kontraproduktiv. Wir müssen paktfähig bleiben, um positive Ergebnisse für alle zu erzielen. Außerdem ist es kurzsichtig, einzelne „Schuldige“ an einer Situation auszumachen, denn wenn wir über die Bundesländergrenzen hinausblicken, sehen wir, dass dort die gleichen Probleme bestehen. Die Themen müssen in Wahrheit bundesweit abgearbeitet werden. Natürlich gab es auch Kritik an meiner Person für diese Position, aber wenn wir ehrlich sind, geht es nur gemeinsam.

2016 protestierten Tausende Ärztinnen und Ärzte gegen das neue Arbeitszeitgesetz – jetzt gibt es Forderungen, die Arbeitszeit noch weiter zu verkürzen. Wie stehen Sie dazu?

Damals ging es um die 25-Stunden-Dienste bzw. die 48-Stunden-Woche, wogegen es eine starke Opposition aus der Ärzteschaft gab. Die Absprache war, dass eine Verkürzung der Arbeitszeiten finanziell ausgeglichen wird. Heute haben wir viele junge Ärztinnen und Ärzte, die sogar die 25 Stunden als überholt ansehen und sich mehr Freizeit wünschen. Auf der anderen Seite gibt es ältere Ärztinnen und Ärzte, die noch andere Verpflichtungen haben – zum Beispiel eine Lehrverpflichtung, Forschungs- und Publikationstätigkeit oder Privatordination – und daher an den längeren Diensten festhalten möchten. Im Verlauf eines langen Arbeitslebens können sich die Bedürfnisse und Wünsche diesbezüglich stark ändern, je nach Lebenssituation. Unter bestimmten Rahmenbedingungen – und selbstverständlich freiwillig – ist es nach wie vor möglich, Dienste bis zum Umfang von 55 Wochenstunden zu leisten. Man kann die Ärzteschaft aber nicht von den Forderungen der restlichen Beschäftigten abkoppeln. Außerdem ist zu bedenken, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit auch längere Ausbildungszeiten nach sich zieht. 2016 wurden die Proteste in Abstimmung mit der Gewerkschaft durchgeführt – das ist der Unterschied zur momentanen Situation, wo wir nicht eingebunden wurden. Was noch dazukommt: Das permanente Kommunizieren der Katastrophe und des Zusammenbruchs ist weder produktiv noch nachwuchsfördernd.

Weil bei einer Forderung nach Reduzierung der Arbeitszeit bei gleichzeitigem eklatanten Personalmangel bei vielen die Fragezeichen aufgehen, haben wir den Vorschlag gemacht, eine Steuerbefreiung ab der 32. Wochenstunde anzudenken. Das wäre ein Leistungsansatz, der jenen, die 40 Stunden arbeiten, einen deutlichen Mehrwert verschafft.

Sie wurden für Ihre Einwände gegen die Forderungen der Ärztekammer für die Wiener Gemeindespitäler kritisiert. Sind Sie hier zu einer Einigung gelangt?

Offensichtlich nicht. Wir stehen in engmaschigem Kontakt zu den Ärztinnen und Ärzten, die in unserer Struktur dafür verantwortlich sind, dass etwas weitergeht. Diese haben ihre Forderungen und Bedürfnisse klar formuliert. Meine Aufgabe besteht darin, diese Forderungen in Abstimmung mit den anderen Berufsgruppen und der Stadt umzusetzen und zu schauen, was im Rahmen des Gesamtvolumens möglich ist. Als gewählte Vertreter aller Berufsgruppen können wir auch nicht eine herausgreifen und bevorzugen. Wir gehen hier den konsensualen Weg des Gemeinsamen mit gleichwertigen Partnern, wie schon erwähnt. Denn ich bin überzeugt: Im Kern decken sich unsere Ziele. Konstruktive Kritik halte ich aus.

Nun zwei persönliche Fragen. Warum haben Sie sich seinerzeit für die Pflegeausbildung entschieden, gab es da ein Schlüsselerlebnis?

Ich wollte Elektrotechnik studieren und hatte Pflege gar nicht am Radar, da war mein Vater die Schlüsselfigur. Außerdem wollte ich nach Wien ziehen, in eine große Stadt. Nach kürzester Zeit im Studium habe ich erkannt, dass ich etwas brauche, wo ich mit Menschen arbeiten kann. Mein Vater war selbst Krankenpfleger und hat mir die Anregung gegeben, mich in die Krankenpflegeschule einzuschreiben. Das hat mich dann vom Tag eins an nicht mehr losgelassen. Davor war ich in Tirol schon mit der Rettung unterwegs, aber da hatte ich es noch nicht im Blick, das einmal als Beruf zu ergreifen. Damals war gerade der Umbruch hin zur neuen Ausbildung – das war spannend, da hat sich viel bewegt. Ich habe gesehen, was in diesem Beruf alles möglich ist. Man kann sich für so viele verschiedene Fächer entscheiden. Am Anfang wollte ich unbedingt in den OP-Bereich und bin dann in der chirurgischen Pflege gelandet. Heute würde ich mich vielleicht eher für die Psychiatrie entscheiden. Schon in der Ausbildung hat sich dann das Feld Gewerkschaft aufgetan.

Meine Gedanken gehen auch dahin, was mit all den jungen Menschen passiert, die wir aus der medizinischen Ausbildung abweisen, während die Ausbildungslehrgänge an den Pflegeschulen unterbesetzt sind. Ich habe vor langer Zeit einmal einen Artikel geschrieben, der sich auf die Maturapflicht für die Pflegeausbildung bezog. Eine Akademisierung der Pflege ist internationaler Standard, doch haben wir gesehen, dass viele Länder nach der Umstellung dasselbe Problem hatten – zu wenige für die Pflegeausbildung. Bei uns hat man dann die Pflegefachassistenz geschaffen, und jetzt sind wir wieder in der Diskussion über Kompetenzverschiebungen. Es kann nicht das Ziel sein, in eine verkürzte Ausbildung immer mehr Inhalte hineinzustopfen. Der verkürzten Ausbildung immer mehr Kompetenzen zuordnen, um Löcher zu stopfen – dafür sind wir als Gewerkschaft nicht zu haben. Da müssen wir andere Wege finden. Es geht auch darum, die Expertenrolle des gehobenen Dienstes besser und durchlässiger einzusetzen.

Kommen wir noch einmal zu Ihrer Tätigkeit für die Menschen im Gesundheitswesen zurück. Was gibt Ihnen die intrinsische Motivation für Ihre Arbeit, was treibt Sie persönlich an?

Ich wollte immer am Gesamtsystem mitwirken, wollte etwas bewegen – damit es über die Verbesserung der Arbeitsbedingungen beim medizinischen Personal letztlich auch für die Patientinnen und Patienten besser wird. Das wird ja oft vergessen. Diese Verantwortung lässt mich nicht mehr los, ich bin ständig am Tüfteln, wie man die Dinge verbessern und zukunftssicher machen kann. Ich habe die Herausforderungen nicht nur aus dem Blickwinkel der Arbeitswelt erlebt, sondern mit meiner Familie auch aus Patientensicht. Diese Erlebnisse geben noch einen weiteren Motivationsschub.

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