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Die Osteopathie als eigenständige Behandlungsmethode

Teilnehmer:innen des PRAEVENIREGipfelgesprächs: Wilhelm Marhold (1), Margit Halbfurter (2), Peter Voitl (3), Erwin Rebhandl (4), Erich Mayer-Fally (5), Andreas Kainz (6), Stefan Nehrer (7).
© KATHARINA HOFMANN, KATHARINA SCHIFFL, PETER VOIT, KRISZTIAN JUHASZ, PETER PROVAZNIK , ANDREA REISCHER, FOTO WILKE

Die Osteopathie als eigenständige Behandlungsmethode

Teilnehmer:innen des PRAEVENIREGipfelgesprächs: Wilhelm Marhold (1), Margit Halbfurter (2), Peter Voitl (3), Erwin Rebhandl (4), Erich Mayer-Fally (5), Andreas Kainz (6), Stefan Nehrer (7).
© KATHARINA HOFMANN, KATHARINA SCHIFFL, PETER VOIT, KRISZTIAN JUHASZ, PETER PROVAZNIK , ANDREA REISCHER, FOTO WILKE

Anlässlich des Welttags der Osteopathie (22. Juni) fand ein PRAEVENIRE Gipfelgespräch statt, bei dem die Rolle der Osteopathie als eigene Fachrichtung sowie ihr Beitrag zur Gesundheitsversorgung von Expertinnen und Experten thematisiert und erörtert wurde.

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Carola Bachbauer, BA, MSc

Periskop-Redakteurin

Im Rahmen des PRAEVENIRE Gipfelgesprächs im Servitenviertel kamen für den Themenkreis Gesundheitsberufe und Ausbildung Expertinnen und Experten zusammen, um basierend auf der Entstehungsgeschichte die wichtige Rolle der Osteopathie als eigenständiges Therapiekonzept aufzuzeigen und ihren Einsatz in Ergänzung zur Schulmedizin in einer anschließenden Diskussion zu vertiefen. Mit dem Ziel, den Patientinnen und Patienten die bestmögliche Versorgung zu bieten.

Die Entstehung der Osteopathie: Ein histori­scher Überblick

Um zu veranschaulichen, dass die Osteopathie eine eigene Fachrichtung ist, ging Dr. Erich Mayer-Fally, MSc D.O., Allgemeinmediziner, Osteopath und ärztlicher Leiter der Wiener Schule für Osteopathie, zunächst näher auf die Geschichte der Osteopathie ein. „Den Beginn der Osteopathie können wir an einer Person festmachen und zwar an dem amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still“, erklärte Mayer-Fally. Dieser entwickelte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein neues Verständnis des menschlichen Körpers und betrachtete diesen als Funktionseinheit. Er beobachtete in vielen Fällen, dass eine Disharmonie in der Körpermechanik sowohl die betroffene Gewebestruktur selbst beeinflusst als auch zu Störungen und Schmerzen an anderen Stellen des Organismus führen kann. Um die Funktion wiederherzustellen, erkannte Still, dass es manchmal zur Unterstützung der Wiederherstellung der Körperfunktionen Behandlungen durch Hände benötigt. In der Zeit, in der die Osteopathie entstand, waren aufgrund des fehlenden Antibiotikums Infektionserkrankungen ein vorherrschendes Problem in der Medizin. Dadurch lag der osteopathische Fokus damals bei Erkrankungen wie Typhus, Ruhr und Ähnlichem auf der Verbesserung des Lymphflusses und der Durchblutung.

Ganz wichtig ist mir zu sagen, dass Osteopathie niemals ein Ersatz für Physiotherapie sein kann, auch nicht um- gekehrt. Die Osteopathie kann aber auch keine integrative Methode der Physiotherapie sein. Hoffentlich konnte dies mit den Fakten, die wir heute dargelegt haben, klar aufgezeigt werden.

Im Jahre 1892 gründete Still in Kirksville, Missouri, die American School of Osteopathy, welche großen Zuspruch fand. Nach dem Motto „Dig on“, grab weiter, lehrte Still seinen Schülerinnen und Schülern sich immer weiter zu bilden und zu forschen, denn die Basis der osteopathischen Behandlung beruht auf der wissenschaftlichen Grundlage der Anatomie, Pathophysiologie und Physiologie des Menschen. „Somit zählt die Osteopathie zur ergänzenden komplementären Medizin, die auf der Schulmedizin aufbaut, und nicht wie oft behauptet zur Alternativmedizin, welche dies nicht tut“, betonte Mayer-Fally. Seit den 1960er-Jahren gilt die Osteopathie in den USA als allgemein anerkannter Gesundheitsberuf. Derzeit gibt es in den USA mehr als 20 osteopathische Universitäten.

Die Verbreitung und Anerkennung in Europa

Auch in Europa breitete sich die Osteopathie aus. Der ehemalige Schüler von Still, John Martin Littlejohn, brachte sie nach Großbritannien und gründete 1917 die British School of Osteopathy in London. Von dort aus etablierte sich die Osteopathie zunächst in den Common- wealth-Staaten wie Australien, Neuseeland und Kanada und schließlich in Frankreich. Erst in den 1960er- und 70er-Jahren verbreitete sie sich in Mitteleuropa. In dieser Zeit bewegte sich die osteopathische Behandlung zunehmend in den Beschwerdebereich des Bewegungsapparats, ohne dabei den Blick auf den ganzen Körper zu verlieren. In zwölf europäischen Ländern wird das Berufsbild der Osteopathin bzw. des Osteopathen bereits als Gesundheitsberuf gesetzlich anerkannt, darunter Frankreich, Schweiz, Großbritannien und Dänemark, und ist dabei ein wichtiger Teil der Primary Health Care.

Die Osteopathie zählt zur ergänzenden komplementären Medizin, die auf der Schulmedizin aufbaut, und nicht wie oft behauptet zur Alternativmedizin, welche dies nicht tut.

In Österreich ist der Beruf der Osteopathinnen und Osteopathen nicht geschützt. „Aufgrund dessen setzt sich die Österreichische Gesellschaft für Osteopathie (OEGO) seit Jahren in ihren drei Kernzielen für die Sicherung höchster Aus- und Weiterbildung, den niederschwelligen Zugang zu osteopathischen Behandlungen auf Kassenleistung sowie für die gesetzliche Anerkennung als Gesundheitsberuf ein“, erklärte Margit Halbfurter, MSc. D.O., Präsidentin der OEGO. Mit einem gesetzlich anerkannten Berufsstand gehen auch Verpflichtungen wie eine reglementierte Aus- und Weiterbildung einher. Wie wichtig eine verbindliche Ausbildung auf höchstem Niveau nach europäischen Standards ist, betonte Univ.-Prof. Dr. Stefan Nehrer, MSc, Fakultät für Gesundheit und Medizin an der Universität für Weiterbildung Krems: „Ich bin überzeugt vom Wert der Akademisierung der osteopathischen Ausbildung. Diese Verwissenschaftlichung unterstützt die Universität für Weiterbildung Krems mit dem Lehrgang zum Master of Science in Osteopathie. Deshalb liegt ein Schwerpunkt unseres Studiums auch in der Auseinandersetzung mit den neuesten Forschungsergebnissen im Fach und der Vermittlung der erforderlichen Therapiekompetenz.

Die Osteopathie als eigen- ständige Methode hilft in vielen Fällen, menschliches Leid und Leiden zu lindern und bei der Heilung zu helfen.

Dabei soll die wichtige Verbindung zwischen Theorie und Praxis gestärkt werden. Durch das Angebot dieser universitären Ausbildung und der einhergehenden Akademisierung der Osteopathie fördern wir die Weiterentwicklung dieses Faches.“

Somit bietet die Universität für Weiterbildung Krems in Kooperation mit der Wiener Schule für Osteopathie eine der 30 nach CEN-Standard zertifizierten Osteopathieausbildungen in Europa an. In Österreich ist die Zugangsvoraussetzung für die akademische Ausbildung der Osteopathie zurzeit auf Personen mit einer Physiotherapieausbildung oder einer abgeschlossenen Arztausbildung beschränkt. Aufgrund der fehlenden Anerkennung ist es somit Osteopathinnen und Osteopathen mit Vollzeitausbildung aus anderen europäischen Ländern nicht erlaubt, in Österreich zu praktizieren.

Eigenständige, manuelle Therapieform

Anschließend an diesen Exkurs in die Vergangenheit legten die Expertinnen und Experten ihre Sicht zur Osteopathie als eigenständiges Behandlungskonzept dar und setzten sich mit der Frage „Wo kann die Osteopathie als Zusatzbehandlung eingesetzt werden“ auseinander. Hier betonte Prim. Dr. Andreas Kainz D.O, Abteilung für physikalische Medizin an der Wiener Privatklinik und Vizepräsident des Europäischen Registers für Osteopathische Ärzte (EROP): „Hinter der Osteopathie steckt ein eigenes Konzept mit Philosophie. Dieses lässt sich keinem anderen Berufsstand unterordnen.“ Des Weiteren erklärte der Experte: „Deshalb ist zum Beispiel auch die Abgrenzung zwischen manueller Medizin bzw. Chiropraktik und Osteopathie so wichtig.“ Die Chiropraktikerin, der Chiropraktiker behandelt die Gelenke mit gezielten schnellen Impulstechniken, den sogenannten Manipulationen. Das Konzept der Osteopathie, die den Körper als Funktionseinheit sieht, wird hierbei nicht berücksichtigt. Prim. MedR. Ass.Prof. DDr. Peter Voitl, MBA, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, erklärte: „Die sachgerechte Durchführung einer osteopathischen Behandlung erfordert ein hohes Maß an Kenntnissen und Fertigkeiten und stellt somit durchaus eine eigene Disziplin dar. Die Anerkennung als eigene qualifizierte Fachrichtung ist naheliegend, auch weil dies zu einer weiteren Aufwertung der Osteopathie beitragen kann. In weiterer Folge können die entsprechenden Abrechnungsmöglichkeiten seitens der zuständigen Sozialversicherungsträger angedacht werden, in Deutschland übernehmen bereits einige Krankenkassen die Kosten.“

Die sachgerechte Durchführung einer osteopathischen Behandlung erfordert ein hohes Maß an Kenntnissen und Fertigkeiten und stellt somit durchaus eine eigene Disziplin dar.

Wertvolle Ergänzung in der Gesundheitsver­sorgung

„Das osteopathische Leistungsspektrum ist ein eigener Bereich der Behandlung. Mit ihrer Hilfe können Beschwerden gelindert werden, wo andere medizinische Berufe an ihre Grenzen stoßen“, erklärte Kainz. Als Beispiel führte der Arzt die Ambulanz an, wo Ärztinnen und Ärzte bei Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen mit der herkömmlichen medikamentösen Behandlung oft nicht die gewünschten Ziele erreichen. Mithilfe der Osteopathie können hier jedoch Erfolge erzielt werden. Ähnliche Erfahrungen machte Mayer-Fally: „Die schulische Medizin ist unsere Basis und mit exaktem anatomischen und physiologischen Wissen kann die Osteopathie in vielen Bereichen der Allgemeinmedizin ergänzend eingesetzt werden, da die regulativen Prozesse des gesamten Körpers mitberücksichtigt werden. Hierbei beschränkt sich die Therapie nicht nur auf Knochen, Gelenke oder Muskeln, sondern umfasst auch andere Bereiche wie Organe. Zum Beispiel habe ich in der Praxis sehr gute Erfahrungen mit der osteopathischen Behandlung von Harnwegsinfekten gemacht.“

Ich bin überzeugt vom Wert der Akademisierung der osteopathischen Ausbildung. Diese Verwissenschaftlichung unterstützt die Universität für Weiterbildung Krems mit dem Lehrgang zum Master of Science in Osteopathie. Durch das An- gebot dieser universitären Ausbildung und der ein- hergehenden Akademisierung der Osteopathie fördern wir die Weiterentwicklung dieses Faches.

Dr. Erwin Rebhandl, Arzt für Allgemeinmedizin und Präsident von AM PLUS, berichtete: „Die Osteopathie bietet für funktionelle und strukturelle Störungen eine eigene Diagnostik sowie gute und schonende Behandlungsoptionen an. Aufgrund dessen ist die Anerkennung der Osteopathie als eigenständiger Fachbereich mit definierter Ausbildung und klar umschriebener Tätigkeit wünschenswert.“ Zusätzlich bringe eine Kooperation von Hausärztinnen und Hausärzten mit gut ausgebildeten Osteopathinnen und Osteopathen für die Patientinnen und Patienten zahlreiche Vorteile. Dr. Wilhelm Marhold, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, pflichtete bei: „Die Osteopathie als eigenständige Methode hilft in vielen Fällen, menschliches Leid und Leiden zu lindern und bei der Heilung zu helfen.“ Auch Voitl teilte seine Erfahrung aus der Praxis: „Die Indikationen für Osteopathie bei Kindern können vielfältig sein. Dazu gehören unter anderem: Schädelasymmetrien (z.B. Plagiozephalie), Verdauungsprobleme (z.B. Blähungen, Verstopfung), Schlafstörungen, Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich, Entwicklungsverzögerungen, Haltungsschwächen, Kopfschmerzen, Probleme im Bewegungsapparat (z. B. bei Fehlstellungen der Wirbelsäule). Es ist jedoch wichtig, vor einer osteopathischen Behandlung immer eine gründliche Anamnese durchzuführen und mögliche Kontraindikationen auszuschließen.“

Die Osteopathie bietet für funktionelle und strukturelle Störungen eine eigene Diagnostik sowie gute und schonende Behandlungsoptionen an. Aufgrund dessen ist die Anerkennung der Osteopathie als eigenständiger Fachbereich mit definierter Ausbildung und klar umschriebener Tätigkeit wünschenswert.

Einbeziehung der Ärzteschaft

Für eine umfassende und ganzheitliche Patientenbetreuung ist eine enge Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft und anderen Gesundheitsberufen essenziell. Laut Halbfurter sei vollkommen klar, dass eine „Erstdiagnose“ nur von Medizinerinnen und Medizinern gestellt wird. Durch die Weiterleitung der Ärztin oder des Arztes an die Osteopathin, den Osteopathen und eine anschließende Zusammenarbeit könne für Patientinnen und Patienten ein optimales Ergebnis erzielt werden.

Hinter der Osteopathie steckt ein eigenes Konzept mit Philosophie. Dieses lässt sich keinem anderen Berufsstand unterordnen.

Abschließend betonte die OEGO-Präsidentin: „Ganz wichtig ist mir zu sagen, dass Osteopathie niemals ein Ersatz für Physiotherapie sein kann, auch nicht umgekehrt. In der Praxis arbeiten wir wunderbar und interdisziplinär zusammen und schätzen unsere wertvolle Arbeit im Sinne der Patientinnen und Patienten. Die Osteopathie kann aber auch keine integrative Methode der Physiotherapie sein. Hoffentlich konnte dies mit den Fakten, die wir heute dargelegt haben, klar aufgezeigt werden.“

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