Diabetesversorgung — was kann Österreich von Dänemark lernen?

Diabetesversorgung — was kann Österreich von Dänemark lernen?

© Fotocredit: Peter Provaznik
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Dänemark gilt mit optimaler Prävention und vorbildlicher Aufklärung der Bevölkerung als vorreiter in der
Diabetesversorgung. Bei einem praevenire Gipfelgespräch in der dänischen Botschaft in Kooperation mit dem
Danish Health Circle unterstützt von Novo Nordisk brachten Diabetes-Expertinnen und -Experten aus Gesundheitswesen, Wirtschaft und Politik sowie Patientenanwaltschaft und Betroffene ihre Erfahrungen ein. Fazit: Die alarmierende Lage in Österreich bei der Volkskrankheit Diabetes verlangt echte Teamarbeit. | von Mag. Petra Hafner

 

Auf Einladung des dänischen Botschafters in Wien, Exzellenz René Rosager Dinesen, widmete sich Ende Februar in dessen Residenz ein hochkarätiger Kreis von Expertinnen und Experten dem Thema „Typ-2-Diabetes Versorgung in Österreich und Dänemark: Heute und morgen“. In seiner Begrüßung als Gastgeber betonte der Botschafter, dass er den Dialog zwischen den beiden Ländern Österreich und Dänemark forcieren wolle und ein Austausch von Erfahrungen für alle gewinnbringend sei. „Voraussetzung für eine lebendige Diskussion ist, dass es sich — so wie bei dem gemeinsam mit dem Danish Health Circle unterstützt von Novo Nordisk veranstalteten PRAEVENIRE Gipfelgespräch zum Thema Diabetes — um ausgewiesene Expertinnen und Experten
handelt“, so Exzellenz Dinesen.

 

„Im Steno-Zentrum liegt der Fokus zu 100 Prozent auf den Patientinnen und Patienten und ihrer Versorgung.“

Prof. John Nolan

 

Die von der International Diabetes Federation (IDF) veröffentlichten Zahlen im vergangenen Jahr sind mit weltweit 463 Mio. Erwachsenen mit Diabetes alarmierend, hinzu kommt, dass die Zahl in den letzten zwei Jahren um 38 Mio. gestiegen ist. Auch die Situation in Österreich ist laut Dr. Thomas Czypionka, Leiter des Bereichs Gesundheits­ökonomie und Gesundheitspolitik am IHS, besorgniserregend. Er wies darauf hin, „dass sich in Österreich die Anzahl der Diabetikerinnen und Diabetiker von 2000 bis 2016 verdoppelt hat“. Czypionka erinnerte in diesem Zusammenhang an die vom Rechnungshof geübte Kritik an der Diabetesprävention und -versorgung in Österreich, wonach die Wirkung des Diabetesplans 2005 und des seit 2007 bestehenden DMP „Therapie Aktiv“ gering und auch die Diabetes-Strategie 2017 zu wenig konkret formuliert sei. „Die rechtlichen Rahmenbedingungen erschweren die interprofessionelle Zusammenarbeit“, so der Gesundheitsökonom. Das größte Problem stelle seiner Ansicht nach allerdings die Fragmentierung zwischen Bund und Ländern sowie Allgemeinmedizinerinnen und -medizinern, Fachärztinnen und -ärzten und Pflegepersonal dar. Diese Situation stehe einem koordinierten Vorgehen im Weg.

 

Vorbild Dänemark

Mit optimaler Prävention und vorbildlicher Aufklärung der Bevölkerung gilt Dänemark als Vorreiter in der Diabetesversorgung. Prof. John Nolan vom Dubliner Trinity College gab Einblick in die Arbeitsweise des dänischen Steno Diabeteszentrums in Kopenhagen, welches er von 2011 bis 2016 leitete. „Im Steno-Zentrum liegt der Fokus zu 100 Prozent auf den Patientinnen und Patienten und ihrer Versorgung. Die Expertise der Ärztinnen und Ärzte und des Pflegepersonals ergänzt sich, die relevanten Daten werden verlinkt und so die Patientinnen und Patienten in höchster Qualität und zeitnah informiert und behandelt“, schilderte Prof. Nolan. Das als Public-Private-Partnership-(PPP)-Modell gegründete Zen­trum, welches mittlerweile vollständig in öffentlichem Besitz der dänischen Gesundheitsbehörden ist, zeichnet aus, dass es als One-Stop-Shop keine Wartelisten für Patientinnen und Patienten hat und das multidisziplinäre Team auf das Erreichen messbarer Ziele setzt. „Die Ergebnisse bei der Verringerung der Sterbe-, Amputations- und Erblindungsraten sind beeindruckend und europaweit beispielgebend“, betonte Nolan und führt dies auch auf den sich durch die Dokumentation und Kommunikation ergebenden Wettbewerb in Sachen Qualität und Produktivität zurück.

 

„Die Zahl der der Diabetikerinnen und Diabetiker hat sich in Österreich von 2000 bis 2016 verdoppelt. Es gibt sowohl in der Prävention als auch in der Versorgung Nachholbedarf“.

Thomas Czypionka

 

Dass in Österreich die bestehenden Strukturen eine Teamarbeit ähnlich wie in Dänemark gar nicht zulassen, war einer der Hauptkritikpunkte in der Diskussionsrunde. Die Gesellschaft sei angesichts der alarmierenden Diabetes-Zahlen gefordert, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, um die Situation für die Betroffenen — aber auch das Gesundheitssystem — zu verbessern. Die 2017 fertiggestellte österreichische Diabetes-Strategie enthält nach Ansicht der beim PRAEVENIRE Gipfelgespräch teilgenommenen Expertinnen und Experten alle wichtigen Handlungsempfehlungen, jetzt ist die Umsetzung einer integrierten Diabetesversorgung im Sinne der Patientinnen und Patienten gefragt, um unnötiges Leid, Folgeerkrankungen und Sterben zu verhindern.

Teilnehmende bei „Typ-2-Diabetes Versorgung in Österreich und Dänemark: Heute und morgen“

  • Dr. Gerald Bachinger | Niederösterreichischer Patienten- und Pflegeanwalt und Sprecher der Patientenanwälte Österreichs
  • Dr. Thomas Czypionka | Leiter des Bereichs Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik am IHS
  • Dr. Michael Demel | Director Market Access & Public Affairs and Obesity, Novo Nordisk Pharma
  • Exzellenz René Rosager Dinesen | Dänischer Botschafter in Wien
  • Karin Duderstadt | wir sind diabetes
  • Dr. Bernhard Ecker | General Manager Novo Nordisk Pharma
  • Prim. Univ.-Prof. Dr. Peter Fasching | Öster­reichische Diabetes Gesellschaft
  • Mag. Susanne Guld | MA 24 Gesundheits- und Sozialplanung, Stadt Wien
  • Margot Ham-Rubisch | Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwaltschaft
  • Mag. Alexander Herzog | Generalsekretär der PHARMIG
  • Assoc.-Prof. PD Dr. Eva Hilger | Chefärztlicher Dienst der Sozialversicherungsanstalt der Selbständigen
  • Peter Hopfinger | Diabetes Austria
  • Andreas Huss, MBA | ÖGK-Obmann-Stellvertreter
  • Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer | Österreichische Diabetes Gesellschaft
  • Mads Veggerby Lausten | Corporate Vice Präsi­dent Novo Nordisk, Region North West Europe
  • Birgit Meinhard-Schiebel | Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger
  • Prof. John Nolan | Trinity College Dublin
  • Dr. Sigrid Pilz | Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwältin
  • Dr. Andreas Rothensteiner | Medical Director Novo Nordisk Pharma
  • Jeppe Vestentoft | Policy Lead — Head of EU Government Affairs, Global Public Affairs, Novo Nordisk A/S
    Moderation: Mag. Hanns Kratzer, PERI Consulting

 

 

 

 

 

 

INTERVIEW

© Fotocredit: Novo Nordisk
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Neue, klar definierte Diabetes-Behandlungspfade

 

Novo Nordisk arbeitet seit den Anfängen der Diabetesbehandlung — mittlerweile seit fast 100 Jahren — an der ständigen Verbesserung von Therapiemöglichkeiten. Dr. Bernhard Ecker, General Manager von Novo Nordisk Pharma, will gemeinsam mit der wissenschaftlichen Fachgesellschaft, aber auch den Patientenorganisationen verstärkt an der Aufklärung über neue Therapieoptionen und deren rechtzeitigen Einsatz mitwirken. Mehr dazu im PERISKOP-Interview. | von Mag. Petra Hafner

 

PERISKOP: Gemeinsam mit der dänischen Botschaft haben Sie den Danish Health Circle zu Diabetes initiiert. Welchen Beitrag können Expertengespräche wie dieses leisten?

Ecker: Die Therapie und die Behandlungsmöglichkeiten der chronischen Erkrankung Diabetes haben sich gerade in den letzten Jahren sehr gewandelt. Beispielsweise geben nationale und internationale Therapieleitlinien nun völlig neue Behandlungspfade vor. Dieser Wandel bietet große Möglichkeiten für Menschen mit Diabetes. Gleichzeitig bedarf es aber auch der inhaltlichen Abstimmung und des regelmäßigen Austauschs von unterschiedlichen Partnern innerhalb eines Gesundheitssystems, um diese Möglichkeiten auch bestmöglich zu realisieren. Gemeinsame Expertengespräche wie dieses helfen nicht nur, um die unterschiedlichen Sichtweisen mehrerer Partner zu verstehen, sondern bilden auch die Basis für die zukünftige Zusammenarbeit.

 

Wie kann Ihrer Ansicht nach die Diabetesversorgung in Österreich optimiert werden?

Diabetes kann jeden von uns treffen. Im Jahr 2015 wurde bei sechs Prozent der österreichischen Bevölkerung Diabetes diagnostiziert. Zwischen 2000 und 2016 hat sich die Anzahl der Diabetespatientinnen und -patienten verdoppelt. Globale Schätzungen gehen von einem massiven Anstieg an Diabetes-Erkrankungen in den kommenden Jahren aus. Studien erwarten einen Anstieg von derzeit etwa 415 Mio. Menschen auf 642 Mio. Erkrankungen im Jahr 2040. Es handelt sich demnach nicht nur um ein reines Versorgungsproblem, sondern auch um eine große budgetäre Herausforderung. Anzumerken ist, dass europaweit — auch in Österreich — die Arzneimittelkosten für Diabetesmedikamente nur bei ca. zehn Prozent liegen und der Großteil der Ausgaben für Spätkomplikationen, wie z. B.: Fußamputationen, Erblindung, Herzinfarkt, Schlaganfall und Spitalsaufenthalte, aufgewendet wird. Hinzu kommt, dass die Erstattungssituation in Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern in vielen Fällen restriktiver gehandhabt wird. Aus diesen Gründen ist ein hoch strukturierter und klar definierter Behandlungspfad für die einzelnen Patientinnen und Patienten unbedingt notwendig, was immer auch eine enge Zusammenarbeit von mehreren Fachgruppen erfordert. In weiterer Folge geht es dann auch nicht nur um Disease Management, sondern ebenso um eine intensive Aufklärung der Patientinnen und Patienten. Es ist wichtig, dass sowohl Ärztinnen und Ärzte, aber auch Entscheidungsträger im Gesundheitssystem einen genauen Überblick über die aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet der Diabetestherapie erhalten. Aus diesem Grund sehen wir es als wichtig an, dass Novo Nordisk gemeinsam mit der wissenschaftlichen Fachgesellschaft aber auch den Patientenorganisationen verstärkt an der Aufklärung über diese neuen Therapieoptionen und deren recht­zeitigen Einsatz arbeitet.

 

Novo Nordisk hat als globales innovatives Pharmaunternehmen eine führende Rolle im Bereich Diabetes inne. Was ist Ihre Zukunftsvision?

Novo Nordisk arbeitet seit den Anfängen der Diabetesbehandlung — mittlerweile seit fast 100 Jahren — an der ständigen Verbesserung von Therapiemöglichkeiten. Bei Novo Nordisk beschäftigen wir uns seit mehreren Jahrzehnten im Zuge unserer Forschungsaktivitäten mit vielen unterschiedlichen wissenschaftlichen Fragestellungen, weshalb wir Patientinnen und Patienten auch in den vergangenen Jahren einige neue innovative Therapieoptionen zur Verfügung stellen konnten. Die Wirkweise unserer neuen Arzneimittel geht weit über die bloße „Zuckerkontrolle“ hinaus und ermöglicht zudem eine Reduktion des Körpergewichts sowie eine Verringerung von oft tödlichen Folgeerkrankungen, wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Wir sind überzeugt, dass diese Expertise in der gesundheitspolitischen Diskussion eine tragende Rolle spielen soll. Darüber hinaus ist es unsere Vision, dass neue Behandlungsmöglichkeiten so schnell wie möglich den österreichischen Patientinnen und Patienten zugänglich gemacht werden.

 

BioBox

Dr. Bernhard Ecker studierte Biochemie an der Universität Wien. Der gebürtige Niederösterreicher war nach seinem Studium an der Universität Wien als Assistent tätig, 1995 startete er seine Berufskarriere in der Pharmaindustrie bei MSD Austria. Es folgten zahlreiche unterschiedliche Managementtätigkeiten bei ABBOTT (Austria, Int. Chicago Illinois, Europe Paris), Baxter (Austria) und zuletzt bei Novartis (Austria, Hungary, Germany, Basel) bevor Dr. Bernhard Ecker 2020 zum General Manager von Novo Nordisk Pharma bestellt wurde.

 

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