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Warum in Krisenzeiten auch in der Medizin Leader­ship gefragt ist

© Bernhard_Bergmann

Warum in Krisenzeiten auch in der Medizin Leader­ship gefragt ist

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Führung gewinnt wieder zunehmend an Bedeutung. Gerade in der aktuellen Situation rücken bestimmte Personen deutlich in den Blickpunkt. Das gilt auch für die Medizin, wo Führungspersönlichkeiten für Struktur und Halt verantwortlich sind, davon ist VLKÖ-Präsident Univ.-Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz überzeugt. | von Mag. Petra Hafner

Immer dann, wenn sich eine Organisation einer schnell wandelnden Umwelt ausgesetzt sieht, gewinnt Führung an Bedeutung. Eine direkte Führung durch Menschen tritt dabei gegenüber der indirekten Führung durch Strukturen und Systeme in den Vordergrund. Nach Ansicht von Univ.-Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz, Präsident des Verbands der leitenden Krankenhausärzte Österreichs (VLKÖ), „ist Führung nicht nur die Beschäftigung mit Gegenwartsproblemen, sondern vor allem auch die Gestaltung der Zukunft. Eine führende Person ist jemand, der vorangeht, um anderen den Weg zu weisen.“ Und genau darin besteht der Unterschied zwischen Management und Führung. „Für mich bedeutet Management, sich gemeinsam mit seinem Team um die erfolgreiche Abwicklung des Tagesgeschäfts zu kümmern“, so der VLKÖ-Präsident. „Führung heißt aber, mittels strategischer Ausrichtung den Fortbestand der Organisation — bei gleichzeitiger Verantwortungsübernahme für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie für die Gesellschaft — zu sichern.“ Führung gibt also Orientierung, wobei die Kommunikation ein essentieller Bestandteil ist. Das lässt sich auch in der aktuellen Corona-Krisensituation deutlich erkennen, wo Personen in den Blickpunkt rücken und in der Medizin Führung wiederum für Struktur und Halt verantwortlich ist.

Führung über Kontrolle ist nicht zielführend. Führung muss über Ziele und Ergebnisse erfolgen.

High Impact Leadership

In den letzten Jahren wird vermehrt das sogenannte High Impact Leadership als Führungsmodell und Konzept propagiert. Demzufolge sind High Impact Leader in der Lage, die Komplexität der heutigen Zeit zu steuern, Veränderungen zu katalysieren und soziale und wirtschaftliche Systeme neu zu gestalten, um positive soziale und ökologische Ergebnisse zu erzielen. High Impact Leader schaffen es, den wirtschaftlichen Erfolg mit einem Benefit für die Gesellschaft in Einklang zu bringen.

High Impact Leadership bedeutet nach der Definition der Universität von Cambridge aber auch Führung auf drei unterschiedlichen Ebenen: MICRO (sich selbst), MESO (Umfeld) und MACRO (Organisation,  systemischer und gesellschaftlicher Level). High Impact Leadership setzt also als ersten Schritt Selbstführung voraus, dann erst erfolgt die Transferierung auf das Umfeld beziehungsweise auf die Gesellschaft. Für den VLKÖ-Präsidenten ist aber für ein nachhaltiges Erreichen und Führen von Menschen entscheidend, „dass wir das Gesagte vorleben und dafür einstehen. Menschenführung ist an die Hand nehmen, ohne festzuhalten und loslassen, ohne fallen zu lassen. Das ist gerade in Zeiten wie diesen extrem wichtig“, unterstreicht Kamolz.

Eine Person, die in sich ruht und weiß, wer sie ist und was sie will, tut sich leichter, andere Menschen zu bewegen.

Was ist jetzt aber wirklich so speziell in unserer jetzigen Zeit?

Die Deutsche Gesellschaft für Personalführung hat folgende „Megatrends“ festgestellt: Der stärkste Handlungsdruck besteht hinsichtlich der demographischen Entwicklung und des Wertewandels, aber auch die Digitalisierung und Virtualisierung des Zusammen­lebens, die Globalisierung und die Ressourcenverknappung inklusive Umweltveränderungen haben einen massiven Einfluss auf uns und unsere Gesellschaft und somit auf unser Führungsverständnis.

In Hinblick auf den Wertewandel tendiert die westliche Welt zu einer Abkehr von materialistischen Werten. An ihre Stelle rücken in vielen Bereichen postmaterialistische Werte der Selbstentfaltung. Digitalisierung und Virtualisierung verkörpern als Ergebnis der multiplen technologischen Innovationen ebenfalls einen Megatrend, welcher einen entscheidenden Einfluss auf die Arbeitsweise der heutigen Zeit hat. Neue Möglichkeiten des mobilen Arbeitens und die Bildung virtueller Arbeitsteams stellen für die Personalführung besondere Herausforderungen dar — gerade jetzt, wo in Corona-Zeiten Themen wie Homeoffice und „Telearbeit“ einen hohen Stellenwert einnehmen. Dadurch wird aber nach Ansicht von VLKÖ-Präsident Kamolz auch ganz klar, dass die Führung über Kontrolle nicht mehr zielführend ist und vielmehr über Ziele und Ergebnisse erfolgen muss.

Um andere Menschen zu führen, müsse man laut Kamolz einerseits „ruhig“ und andererseits „in Bewegung“ sein. „Eine Person, die in sich ruht und weiß, wer sie ist und was sie will, tut sich leichter, andere Menschen zu bewegen. Es geht also um die Fähigkeit, in sich zu ruhen und aus dieser inneren Kraft zu schöpfen. Gleichzeitig muss man aber selbst in Bewegung sein, indem man flexibel und geistig aufmerksam ist und vor allem nicht bei schwierigen Entscheidungen erstarrt oder davonläuft, sondern handelt“, skizziert Kamolz. Natürlich gehe es bei Führung auch darum, Ziele zu haben, Menschen dazu zu bringen, diese Ziele anzuerkennen und diese Ziele auch zu erreichen. Aber im Grunde genommen gehe es immer um Selbstführung und um diese beiden Pole — in sich ruhen und in Bewegung sein.

BioBox

Univ.-Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz, MSc, leitet die Klinische Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie sowie die Research Unit for Safety in Health an der Medizinischen Universität Graz. Zudem ist er stv. Ärztlicher Direktor des LKH-Universitäts­klinikums Graz und Direktor der COREMED. Seit Jänner 2020 ist Kamolz neuer Präsident des Verbands der leitenden Krankenhausärzte Österreichs (VLKÖ).

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