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Darmgesundheit 2030: Optimierungspotenzial in der Versorgung

Gruppenfoto
© Manuela Egger-Moser

Darmgesundheit 2030: Optimierungspotenzial in der Versorgung

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Darmerkrankungen sollen verstärkt in den Fokus der Gesundheitsversorgung für Menschen in Österreich rücken. Daher setzt der Verein PRAEVENIRE mit der Initiative „Darmgesundheit 2030“ einen Fokus auf weitere optimierungspotenziale in der Versorgung.

Mag. Renate Haiden, MSc.

Mag. Renate Haiden, MSc.

Freie Redakteurin

In dem 178. PRAEVENIRE Gipfelgespräch haben Expertinnen und Experten sowie Stakeholderinnen und Stakeholder eine Reihe relevanter Themen rund um die Darmgesundheit beleuchtet, den Status Quo und Fortschritte sowie dringende Handlungsfelder diskutiert. Es handelt sich dabei um eine Fortsetzung einer ersten Bestandsaufnahme, die bereits den dringendsten Optimierungsbedarf offengelegt hat. Ziel ist es, eine zukunftsfähige Vision zur Darmgesundheit im Rahmen der solidarischen Gesundheitsversorgung in Österreich zu erarbeiten und diese als Forderungen an die Gesundheitspolitik zu konkretisieren. Dazu gehört etwa die intensive Erforschung des menschlichen Mikrobioms, um eine bessere Diagnostik und Prognoseabschätzung gastrointestinaler infektiöser Krankheitsbilder ebenso zu erhalten wie das therapeutische Potenzial zu nützen. Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CEDs) sollen bei der Versorgungsoptimierung im Mittelpunkt stehen. Hier sind mehr ausgewiesene, spezialisierte Zentren erforderlich, da sich eine adäquate Behandlung im niedergelassenen Bereich schwierig gestaltet. Ein niederschwelliger Zugang für Betroffene kann eine bessere Ausschöpfung der Möglichkeiten von medikamentösen Therapien und der Nachsorge gewährleisten. 

Die frühzeitige Erkennung von Darmkrebs könnte ein österreichweit koordiniertes Koloskopieprogramm sowie mehr Awareness in der Bevölkerung sicherstellen. Basis all dieser Überlegungen ist eine Zusammenarbeit quer über alle relevanten Berufsgruppen, um eine flächendeckende Versorgung für alle Betroffenen zu gewährleisten. Die Entwicklung eines strukturierten Programms in Kombination mit niederschwelligen Angeboten schafft auf lange Sicht ökonomische Vorteile und erspart den Betroffenen sowie ihrem Umfeld viel persönliches Leid.

Vorteile der Früherkennung

Bereits seit dem Jahr 2007 gibt es in Vorarlberg ein Früherkennungsprogramm zur Darmkrebsvorsorge. „Insgesamt haben bisher 42,8 Prozent aller Menschen ab dem 50. Lebensjahr das Programm durchlaufen“, sagt Manfred Brunner, Leiter der Landesstelle Vorarlberg der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK). Die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen: Rund die Hälfte der erhobenen Befunde waren unauffällig, bei 23.000 wurden benigne und bei 889 Menschen maligne Polypen entdeckt. 92 Prozent davon wurden im Stadium 1 und 2 detektiert und lediglich 8 Prozent im Stadium 3 und 4. „Wenn man weiß, dass benigne Polypen meist der Anfang einer späteren Darmkrebserkrankung sind und diese direkt bei einer Vorsorgekoloskopie entfernt werden können, so können wir hier auf beachtliche Erfolge hinweisen. Maligne Polypen im Stadium 1 und 2 können auch noch sehr gut behandelt werden. Erst im Stadium 3 und 4 liegen die Überlebenschancen nur mehr bei etwa 50 Prozent“, fasst Brunner den Nutzen der Vorsorge und Früherkennung zusammen. Knapp 24.000 Menschen haben daher bereits von diesem Programm allein in Vorarlberg profitiert. Rund 15 Millionen Euro an Folgekosten konnten damit über zehn Jahre eingespart werden. „Würden wir das auf ganz Österreich hochrechnen, so hätten wir ein Einsparpotenzial von 357 Millionen Euro an medizinischen Kosten und etwa 1,3 Milliarden an volkswirtschaftlichen Kosten“, rechnet Brunner vor und betont aber auch, dass es breite Awareness benötigt, um diese frühzeitige Diagnosemöglichkeit auch in Anspruch zu nehmen. „Eine Darmspiegelung ist eine der wichtigsten Vorsorgemaßnahmen, die aber nur dann in diesem Umfang greifen kann, wenn es strukturierte Programme gibt“, so der ÖGK-Chef.

Mehr Aufklärung ist erforderlich

Mehr Aufklärung fordert in diesem Zusammenhang auch Univ.-Prof. Dr. Monika Ferlitsch, von der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie der MedUni Wien und Beirätin für Kolonkarzinom-Vorsorge in der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH): „In Österreich erkranken täglich zwölf Menschen an Darmkrebs, sechs sterben im selben Zeitraum. Das muss nicht sein.“ Die Vorbereitung auf die Untersuchung und die Durchführung der sanften Koloskopien benötigen heute kaum mehr länger als 24 Stunden. Damit entfallen unangenehme und zeitaufwendige Vorbereitungen und auch die Angst vor der Koloskopie selbst ist längst unbegründet – ein Wissen, das bisher bei den Patientinnen und Patienten noch nicht angekommen ist.

In Deutschland wird ein Darmkrebsvorsorgeprogramm extra- und intramural angeboten, jedoch ist die Teilnahmequote rückläufig. Warum, hat eine Studie offengelegt, wie Mag. Anita Frauwallner, Gründerin und Geschäftsführerin des Instituts AllergoSan, erklärt: „Menschen fühlen sich nach der Untersuchung unwohl und erzählen das weiter. Wir haben in zehn Zentren nach der Untersuchung ein hochspezifisches Probiotikum für einen Zeitraum von vier Wochen verabreicht und 80 Prozent der Patientinnen und Patienten haben sich besser gefühlt.“ Diese fördernde Maßnahme klingt attraktiv, würde jedoch weitere Kosten nach sich ziehen, die von der Kasse übernommen werden müssten. Dr. Karl Skriner von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und klinische Immunologie an der Charité Berlin schlägt vor, passende Schnelltests anzubieten, und fordert eine stärkere Kooperation zwischen der Zahnmedizin und der Gastroenterologe. „Es gibt bereits Tests, die bei der Zahnärztin, dem Zahnarzt durchgeführt werden können und die Bakterienbesiedlung einfach abbilden. Dann könnten gezielt nur bestimmte Personen, die als Risikogruppe identifiziert wurden, zur Koloskopie weiter überweisen werden.“

Als Kooperationspartnerin bietet sich Constance Schlegl, MPH, Präsidentin Physio Austria an: „Unsere Berufsgruppe hat rund 400.000 physiotherapeutische Behandlungen und damit Patientenkontakte pro Woche. Da erreichen wir viele Menschen im persönlichen Gespräch und könnten niederschwelliges Informationsmaterial weitergeben.“ Zudem wünscht sich Schlegl auch gezielte Weiterbildungsangebote für Physiotherapeutinnen und -therapeuten, denn der Bewegungsmangel spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Darmkrebs. Ergänzt wird diese Forderung von Dr. Julia Traub, MSc vom Verband der Diätologen Österreichs, die den Beitrag ihres Berufsverbandes im Hinblick auf die Bedeutung der Ernährung bei Darmkrebs herausstreicht.

„Je mehr Gesundheitsberufe die aktive Patientenkommunikation übernehmen, umso besser“, fordert Dr. Stefan Kastner, Facharzt für Chirurgie und Präsident Ärztekammer für Tirol. Mag. pharm. Andreas Hoyer, erster Vizepräsident im Österreichischen Apothekerverband, und Mag. pharm. Gunda Gittler, MBA, aHPh, Leiterin der Anstaltsapotheke im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz, betonen die Unterstützung vonseiten ihrer Berufsgruppe. Auch Angelika Widhalm vom Bundesverband Selbsthilfe beschreibt, dass gerade Patientenorganisationen sehr niederschwellig für mehr Awareness sorgen können.

Vom Wissen zum Handeln

Warum die Vorsorgekoloskopie trotz aller Einigkeit auf Expertenseite und der beeindruckenden Zahlen aus Vorarlberg noch nicht auf dem Weg ist, liegt wie häufig im Gesundheitswesen an der Finanzierung: Österreichweit gültige Tarifen fehlen, ein Entwurf zum Screeningprogramm und zu Qualitätssicherungsmaßnahmen liegen längst vor. Intramurale Angebote könnten eine Übergangslösung sein, bis extramural die derzeit noch fehlenden Kapazitäten ausgebaut wären. Wie zentral gerade die Tariffrage ist, beschreibt MR Dr. Gerald Oppeck, Präsident IG-Endoskopie: „Wir hatten bei mancher Medizintechnik zwischen 1995 und 2015 Preissteigerungen von 1.000 Prozent. Dazu kommen höhere Kosten von Einmalartikeln, die steigenden Personalkosten und die Inflation. Die Verzahnung von Qualität und Kosten muss auch in den Tarifen abgebildet sein.“ Damit rückt die Finanzierbarkeit eines Vorsorgeprogramms in das Zentrum der Diskussion, vor allem, wenn auch künftige Entwicklungen, wie etwa künstliche Intelligenz, miteinkalkuliert werden sollen. Eine Koloskopie zur Vorsorge und eine kurative Koloskopie werden derzeit aus unterschiedlichen Finanztöpfen finanziert. Deutlich wird auch hier die Knappheit der Ressourcen: „Im Spital haben wir keine ausreichenden Kapazitäten und auch im niedergelassenen Sektor fehlt es am Angebot. Wie wissen jetzt schon nicht, wohin wir die Patientinnen und Patienten schicken sollen“, berichtet Kastner. Sein Wunsch wäre, einen Finanztopf zu befüllen, aus dem über eine systematische Einladung der Patientinnen und Patienten die Vorsorge finanziert wäre.

„Eine Vorsorge in den intramuralen Sektor zu verlegen, würde eine Gesetzesänderung erfordern, weil Spitäler nicht für Vorsorge zuständig sind. Spitäler könnten aber eine hochwertige Endoskopie-Ausbildung anbieten“, schlägt Dr. Silvia Bodi, MSc, Stellvertretende Direktorin Medizin und Pflege, Leitung Strategie und Qualität Medizin, NÖ Landesgesundheitsagentur, vor. Sie ist von der Wichtigkeit eines Vorsorgeprogramms überzeugt, denn auch im eigenen Haus wurde ein derartiges Projekt durchgeführt und von 25.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben rund 40 Prozent das Angebot in Anspruch genommen. Der Erfolg zog weite Kreise: „Sogar private Unternehmen haben angefragt, ob wir für die Belegschaft ein Screening durchführen könnten“, freut sich Bodi.

CED: Netzwerke und spezialisiertes Personal

Nicht nur bei der Darmkrebsvorsorge ist die Gesundheitskompetenz der Patientinnen und Patienten eine zentrale Voraussetzung für den Erfolg. Auch bei der chronisch entzündlichen Darmerkrankung (CED) hilft Awareness und Früherkennung. „Wir haben zu wenig Expertinnen und Experten für CED, daher kommt die Diagnose oft sehr spät, häufig wird nicht State of the Art behandelt und eine Weiterüberweisung wäre längst fällig gewesen, damit Spätfolgen nicht überhandnehmen. Therapien wären vorhanden, doch der passende Zugang fehlt. Selbst mit der CED-Diagnose hat man in Spezialzentraum lange Wartezeiten“, skizziert Ing. Evelyn Groß, Präsidentin Österreichische Morbus Crohn-Colitis ulcerosa Vereinigung (ÖCCV), die Patientenperspektive.

Ao. Univ.-Prof. Dr. Harald Vogelsang, Facharzt für Gastroenterologie und Hepatologie und Experte in der CED-Forschung, beschreibt das internationale Vorzeigemodell der CED-Nurses und fordert umfassende CED-Netzwerke auch in Österreich: „Wir benötigen mehr Ressourcen, um die Betroffenen zu betreuen, denn wir haben oft schon sehr junge Patienteninnen und Patienten, die dann auch entsprechend früh invalid werden. Dass CED ein klassisches Beispiel für eine interdisziplinäre sowie extra- und intramurale Behandlung ist, betont auch Kaspar: „Im täglichen Spitals- oder Praxisalltag ist es schwer, für diese Patientengruppe ausreichend Zeit aufzubringen.“ An der Universitätsklinik für Innere Medizin der Universität Innsbruck haben sich daher CED-Boards etabliert, die nach Ansicht Kaspars einen ähnlichen Weg wie Tumorboards einschlagen sollten und verpflichtend für eine bestimmte Patientenklientel einzubinden sind, aber auch mit niedergelassenen Fachärztinnen und -ärzten eng zusammenarbeiten müssten.

Diskussionsteilnehmende:

  • Andreas Hoyer
  • Barbara Fisa
  • Wolfgang Wein
  • Karl Skriner
  • Stefanie Auer
  • Gunda Gittler
  • Anita Frauwallner
  • Stefan Kastner
  • Johannes Oberndorfer (Moderation)
  • Angelika Widhalm
  • Manfred Brunner
  • Silvia Bodi
  • Constance Schlegl
  • Gerald Oppeck

Digital dazu geschaltet:

  • Monika Ferlitsch
  • Evelyn Groß
  • Julia Traub
  • Harald Vogelsang

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