COVID-19-Pandemie – Herausforderung für die Medizinuniversitäten

COVID-19-Pandemie – Herausforderung für die Medizinuniversitäten

Vortragende beim internationalen Symposium „FORUM MEDIZIN 21“
© Wildbild

COVID-19-Pandemie – Herausforderung für die Medizinuniversitäten

Vortragende beim internationalen Symposium „FORUM MEDIZIN 21“
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Beim diesjährigen internationalen Symposium „FORUM MEDIZIN 21“ der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) in Salzburg zum Thema „Universitäre Medizin in der COVID-19-Pandemie“ haben namhafter Wissenschafterinnen und Wissenschaftern die vergangenen zwei Jahre Pandemie analysiert, den Umgang damit bewertet und einen Blick in die Zukunft gewagt. |  von Rainald Edel, MBA

Seit zwei Jahren hält die Corona-Pandemie die Weltbevölkerung in Atem. Evidenzbasierte Medizin, wissenschaftliches Know-how und universitäre Forschung haben bei der Bewältigung der Pandemie eine entscheidende Rolle gespielt. Naheliegend, dass sich das internationale Symposium „Forum Medizin 21“ der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) dieses Themas angenommen hat und die diesjährige Veranstaltung unter den Titel „Universitäre Medizin in der COVID-19-Pandemie“ gestellt hat. Denn die Pandemie hat die Relevanz und Wichtigkeit von hochqualifizierter Versorgung und Forschung der breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt. Für das zweitägige Symposium konnte eine Vielzahl an hochkarätigen Expertinnen und Experten als Vortragende gewonnen werden.

Einblicke und Kritik zu den Handlungsweisen in der Pandemie

Der Rektor der Medizinischen Universität Wien Univ.-Prof. Dr Markus Müller stellte fest, dass die asiatischen Länder in COVID-19-Zeiten viel disziplinierter sind. Es gebe zwar nirgendwo ein „tolles“ Pandemie-Management, auch diverse kleine Erfolge (etwa „Wir sind Testweltmeister.“) helfen nicht wirklich. Einigkeit herrschte unter allen Diskussionsteilnehmenden darüber, dass die Universitäten in der Pandemie eine wesentliche Rolle als Orte des Wissenserwerbs und der Forschung spielen. Prof. Dr. Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts, meinte, dass „die Hochschulen in der Pandemiebekämpfung bislang nicht ausreichend sichtbar“ sind.

BioNTech-Mitgründer Univ.-Prof. Dr. Christoph Huber bezeichnete die Universitäten als „Brutstätte der Wissenschaft“. Universitäten sollten mutiger sein, auch bei Ausgründungen. „Universitäten sollen an der Wertschöpfung, etwa bei der Entwicklung von Medikamenten etc. teilhaben“, appellierte er. Seiner Meinung nach müsse vieles größer werden und größer gedacht werden. Zudem seien die öffentlichen Mittel für die Forschung zu gering; auch das regionale Denken müsse ein Ende haben. Nur im Zusammenspiel aller ist die Bewältigung

Forschung, Entwicklung und Zulassung von Impfstoffen und Medikamenten

„Durch die zunehmend alternde Gesellschaft, den Anstieg an Adipositas, inflammatorischen Erkrankungen und Allergien sowie chronischen Erkrankungen, wie Diabetes oder Krebserkrankungen, vergrößere sich der Anteil jener Menschen in der Bevölkerung, deren Immunsystem nicht der Norm entspricht, erklärte Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt MSc, PhD vom Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der MedUni Wien. Es stelle sich deshalb die Frage, ob die bisherige Impfstrategie „one shot fits all“ zum Schutz einer großen Bevölkerungsgruppe noch hält und ob Impfempfehlungen für jene Risikogruppen, deren Immunsystem verändert ist, noch zeitgemäß ist. Wiedermann-Schmidt sieht den Weg eher in Richtung stratifizierter Impfprogramme bzw. personalisierter Impfungen, wobei letztere weniger bei Infektionskrankheiten eine Rolle spielen, sondern vielmehr im therapeutischen Bereich, beispielsweise bei Krebs- oder Autoimmunerkrankungen. Die Forschung zu Impf- und Wirkstoffen — nicht zuletzt auch an dem von ihr geleiteten Institut — hat auch zu neuen Erkenntnissen über jene Personengruppen geführt, die ein geschwächtes Immunsystem haben und zu Fragestellungen, ob bzw. wie man in derartigen Fällen eine Immunantwort auslösen kann. Einblicke in die Arbeitsweise der Aufsichtsbehörde und den Zulassungsprozess gab DI Dr. Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin des Geschäftsfeldes Medizinmarktaufsicht (MEA) der AGES, im Zuge ihres Vortrags. „Um für die Vielzahl an Aufgaben auch die entsprechenden Fachkräfte und das Wissen zur Hand zu haben, arbeitet die Behörde eng mit Universitäten zusammen“, erklärte Wirthumer-Hoche. Dabei gebe es zwei Modelle. „Zum einem haben wir in Österreich den wissenschaftlichen Ausschuss des Arzneimittelbeirats gegründet, der im Arzneimittelgesetz auch festgelegt ist“, so Wirthumer-Hoche. Mit diesem besteht ein intensiver Austausch zu Produkten und zu generellen Fragestellungen. „Es ist wichtig, dass wir immer nach dem state-of-the-art-Prinzip vorgehen und durch ein Horizon Scanning auch wissen, was auf uns zukommt. Nur so sind wir in der Behörde in der Lage und haben die Expertise, mit wissenschaftlichen Entwicklungen mitzugehen“, schilderte Wirthumer-Hoche. Zudem werden auch externe Expertinnen und Experten konsultiert. „Bei der Bewertung von Verfahren ist es unmöglich, jede Form der Expertise in der Agentur, also vor Ort, vertreten zu haben. Daher greifen wir immer wieder auf die Expertise der Universitäten zurück“, so Wirthumer-Hoche.

Möglich wurde die rasche Zulassung der Impfstoffe und Therapeutika in der Pandemie durch ein neues Verfahren, das sogenannte „Rolling Review“. Hierbei wurden die notwendigen Verfahren parallel zu den noch laufenden Studien abgewickelt und die einreichenden Firmen mussten nicht mehr darauf warten, dass ein Dossier vor dem Start des Begutachtungsprozesses komplett ist. Damit konnte — ohne jegliche qualitative Einschränkung der Prüfung — die Zeit für die eigentliche Zulassung deutlich verkürzt werden. 

Die Entwicklung des Impfstoffs

Prof. Dr. Robin Rumler, Geschäftsführer von Pfizer Corporation Austria, wartete mit beeindruckenden Zahlen auf. Seit 2020 wurden von seinem Unternehmen 3,2 Milliarden Impfstoffe in 172 Länder dieser Welt ausgeliefert. Möglich wurde die rasche Entwicklung des Impfstoffes durch das Projekt „Lightspeed“ — ursprünglich der Projektname, unter dem BioNTech seine Impfstoff-Entwicklung gegen SARS-CoV-2 im Jänner 2020 gestartet hatte. „Auch Pfizer hat es sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht, zum Kampf gegen die Pandemie durch die Entwicklung eines Impfstoffs beizutragen. Recht rasch ist man dabei auf das Know-how von BioNTech gestoßen und schlug eine Partnerschaft vor“, schilderte Rumler. Durch die Symbiose der internationalen Erfahrung mit Impfstoffen und das Wissen von BioNTech zu RNA-Impfstoffen konnte in Lichtgeschwindigkeit ein neuer Impfstoff entwickelt werden. Durch das beschleunigte Zulassungsverfahren der EMA, das Rolling Review, war eine Marktzulassung in der EU noch im Dezember möglich und die ersten Impfungen konnten starten.

Ausblick

Im Rahmen des Symposiums versuchten die hochkarätigen Teilnehmenden, auch Lösungen für die Zukunft zu finden und zu formulieren. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse:

  • Das offene Wort zwischen der Wissenschaft, der Politik, den diversen Institutionen, Einrichtungen im Gesundheitswesen, Behörden, Universitäten ist notwendig. Die Vernetzung führt zu raschen Erfolgen.
  • Klinische Studien müssen von der öffentlichen Hand wesentlich besser finanziert werden.
  • Eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten für die richtige Kommunikation ist unbedingt notwendig. Anschließend muss eine Kommunikationsstrategie entwickelt werden. Die Öffentlichkeit muss nicht jedes Detail und jeden technologischen Schritt in der Forschung vermittelt bekommen.
  • Die Politik und die Wissenschaft verstehen einander zu wenig. Das muss sich ändern, es muss zusammengearbeitet werden.
  • Der Bevölkerung muss eine hohe Sicherheit gegeben werden, Vertrauen ist zu gewährleisten. Maßnahmen müssen im Zuge einer „one-voice-Strategie“ erklärt werden.

„Es ist unmöglich, im Zuge des Symposiums alle Probleme zu diskutieren und dafür Lösungen zu bieten, aber wir wollten die Herausforderung annehmen, die Folgen von COVID-19 zu analysieren und somit dabei zu helfen, etwaige Fehler zu beseitigen“, betonte Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Sperl, Rektor der PMU, abschließend.

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