Suche
Close this search box.

Ausstellung „Gefühlswelten“: Kunst für die Seele

© Johanna Schertler

Ausstellung „Gefühlswelten“: Kunst für die Seele

© Johanna Schertler

Die Ausstellung „Gefühlswelten“ von Andrea Goller und Johanna Schertler ist eine Benefizveranstaltung mit dem Ziel, Bewusstsein für psychische Erkrankungen zu schaffen, aufzuklären und damit das Stigma in der Gesellschaft zu brechen. PERISKOP sprach mit den beiden Künstlerinnen über das Projekt, ihre Intentionen und Ziele.

Picture of Rainald Edel, MBA

Rainald Edel, MBA

Periskop-Redakteur

Während positive Gefühle und Emotionen öffentlich ausgelebt und auf diversen Social-Media-Kanälen zur Schau gestellt werden, haftet psychischen Erkrankungen nach wie vor ein Tabu an: nicht darüber reden und der Schritt, sich in Behandlung zu begeben, fällt schwer. Ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Fotografie, die das dunkle Tal von Ängsten, Depressionen, Traumata, Schmerz etc. auf eindrucksvolle Weise darstellt. Auf der anderen Seite die farbenfrohe Acrylmalerei, die aufzeigt, dass nach einem noch so dunklen Tal auch wieder das Licht zu finden ist.

Uns ist es wichtig, einen Beitrag zu leisten, dass psychische Gesundheit und Krankheit sichtbar gemacht werden.

PERISKOP: Emotionen und Gefühle werden in der bildenden Kunst immer wieder thematisiert. Was hat Sie dazu bewogen, eine ganze Ausstellung über dieses Thema zu machen?

SCHERTLER: Gefühle und Emotionen betreffen uns alle und ziehen sich durch unser gesamtes Leben. Die Corona-Pandemie hat uns alle betroffen, hat Gefühle hervorgerufen, mit denen jeder Mensch anders umgegangen ist. In dieser Ausstellung widmen wir uns diesen Gefühlswelten und bringen das Spektrum der Gefühle in verschiedenen Ansätzen durch Fotografie und Malerei zum Ausdruck. Das reicht von dunklen Themen wie Angst, Trauer, Wut, die in Schwarz-Weiß-Fotografien zum Ausdruck kommen, bis hin zu Lebensfreude, Mut, Hoffnung und Zuversicht, die sich dann in bunten Acrylbildern widerspiegeln. Die Corona-Pandemie hat jede und jeden betroffen und wir sind alle anders damit umgegangen.

GOLLER: Der Grund für diese Ausstellung war meine Situation während des ersten Corona-Jahres, in dem es mir – wie vielen anderen auch – nicht gut gegangen ist. Dabei hatte ich zwei Schlüsselerlebnisse. Obwohl ich grundsätzlich nicht spirituell bin, hat mich meine damalige Verzweiflung zu einer Schamanin gebracht. Sie meinte, dass mein Weg die Fotografie sei, denn diese Bilder berühren und bewegen. Zweites Schlüsselerlebnis war ein Posting auf Social Media von einem meiner Bilder über Depression. Eine Frau, die an Depressionen leidet, schrieb: „Vielen Dank für dieses Posting. Depression ist hässlich und dann zeigst du dieses wunderschöne Bild. Ich danke dir vom Herzen.“ Das war der Punkt, an dem ich gemerkt habe, mit meiner Fotografie anderen Menschen helfen zu können. Deshalb habe ich vor zwei Jahre einen Instagram-Account eröffnet und angefangen, meine Bilder zu veröffentlichen. 

Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

SCHERTLER: Andrea Goller, die die Fotografien macht, ist eine Arbeitskollegin bei der Wirtschaftskammer Wien und Freundin von mir. Das Projekt ist letztes Jahr im Sommer entstanden, als wir wieder zurück ins Büro gekommen sind und uns erzählt haben, wie es uns während der Pandemie ergangen ist. Dabei ist das Gespräch nicht nur oberflächlich geblieben, sondern in die Tiefe gegangen. Wir haben rasch gemerkt, dass unsere künstlerische Leidenschaft – die Fotografie bei der Andrea, die Malerei mir – bei der Zugang und Ausgleich waren, um mit der schwierigen, manchmal absurden Situation der Pandemie umgehen zu können. Angelehnt an die Körperwelten-Ausstellung, bei denen der Körper im Mittelpunkt steht, haben wir beschlossen, die Gefühle ins Zentrum zu rücken und den Namen Gefühlswelten kreiert.

GOLLER: Obwohl wir schon lange Zeit zusammen bei der Wirtschaftskammer Wien arbeiten, und sogar in einem Zimmer sitzen, haben wir erst in der Corona-Pandemie herausgefunden, dass wir beide sehr kreativ sind. Ich wollte schon immer eine Ausstellung machen und habe mir gedacht meine Schwarz-Weiß Fotografie und Johannas tolle, bunte Acrylbilder wären eine ideale Synergie, die das Thema Gefühle umfassend widerspiegeln. Einerseits die dunkle Seite des Lebens und die Hoffnung gebenden Bilder auf der anderen Seite. Was zuerst nur eine Idee war, ist dann immer konkreter geworden. Und vor einem Jahr haben wir angefangen zu organisieren und mittlerweile stehen wir kurz vor der Veranstaltung.

 

© Andrea Goller
© Andrea Goller

Welches Ziel verfolgen Sie mit dieser Ausstellung und für wen ist dieses Kunstprojekt gedacht?

SCHERTLER: Uns ist es wichtig einen Beitrag zu leisten, dass psychische Gesundheit und Krankheit sichtbar gemacht werden. Es ist ganz normal, mit einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus zu gehen und sich dort verarzten zu lassen. Aber es ist noch immer teilweise mit Scham oder mit Ängsten behaftet, wenn man sich bei seelischen Schmerzen Hilfe sucht. Wir wollten mit diesem Herzensprojekt auf diesen Widerspruch aufmerksam machen und ihn mit unserer Kunst zum Ausdruck bringen. Und im Rahmen eines schönen Abends diese Thematik präsentieren, gleichzeitig aber auch
unterstützen und helfen.

GOLLER: Ziel ist einerseits die Aufklärung, und Gefühle sichtbar zu machen. Denn anders als auf diversen Social-Media-Kanälen gerne dargestellt, gibt es nicht nur Glück, positive Erlebnisse, sondern auch die andere Seite – und auch diese muss man zulassen dürfen. Aufklärung ist sehr wichtig, da der erste Schritt, um jemandem zu helfen, der eine psychische Erkrankung hat, ist, darüber zu reden. Sich nicht in den eigenen vier Wänden zurückzuziehen, sondern sich mitteilen zu können. Wichtig wäre dabei eine Akzeptanz durch die Gesellschaft – das würde viel bewirken. Wir sehen unsere Ausstellung aber auch als Multiplikator und Motivator, Menschen mit psychischen Problemen zu helfen.

Welchen Zugang haben Sie zu psychischen Erkrankungen bzw. welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

SCHERTLER: Grundsätzlich bin ich ein sehr positiver Mensch. Aber natürlich gibt es Situationen, Phasen und Zeiten, wo es einem förmlich den Boden unter den Füßen wegzieht. Bei mir war 2008 so eine Situation, als ich relativ früh in der Schwangerschaft ein Baby verloren habe. Ich bin förmlich in ein schwarzes Loch gefallen und habe nicht gewusst, wie ich mit dieser Situation umgehen soll. Sehr geholfen haben mir damals meine Familie und meine Freunde, die mich aufgefangen und unterstützt haben. Und natürlich auch die Malerei, um diese Emotionen rauszulassen. Das ist auch bei unserer Ausstellung ein wichtiger Punkt, aufzuzeigen, dass man nicht allein ist, dass es viele Menschen gibt, die in der gleichen oder ähnlichen Situation sind. Es ist dann gut, wenn man sich austauschen kann und wenn es sichtbar gemacht wird.

GOLLER: Ich leide seit einigen Jahren unter einer Angststörung. Wenn man wie ich unter Krankheits- und Ansteckungsängsten leidet, ist eine Corona-Pandemie nicht das beste Szenario, um sich wohlzufühlen. Ich musste aufgrund der Pandemie meine Therapie abbrechen und bin somit von einem Tag auf den anderen ziemlich im Leeren gestanden. Ich weiß, wie sich Ängste anfühlen und wie es ist, nichts tun zu können, wie verzweifelt man sein kann, wie die Welt grau sein kann, obwohl eigentlich die Sonne scheint…

Während es offensichtlich leicht fällt, positive Gefühle und Emotionen nach außen zu tragen, werden negativ konnotierte Emotionen wie (seelischer) Schmerz, Trauer, Depression und psychische Erkrankungen generell möglichst versteckt. Welche Ursache sehen Sie dahinter?

SCHERTLER: Heutzutage wird sehr viel nach außen getragen – was einerseits gut ist, wenn man beispielsweise an die Social-Media-Kanäle denkt, wo sehr viel positives Empfinden dargestellt wird. Natürlich ist es wunderschön, wenn positive Leute lachen und Lebensfreude haben. Aber diese geballte Ladung positiver Bilder führt auch dazu, dass Menschen anfangen, sich zu vergleichen. Und plötzlich können die positiven Bilder in Selbstzweifel umschlagen. Wenn man nur den positiven Ausschnitt aus dem Leben anderer sieht, und es einem selbst nicht so gut geht, stellt das für Betroffene eine große Belastung dar. Das will man verstecken und man hat Scham und Angst sich mit seinen Problemen zu öffnen.

GOLLER: Die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz und die perfekte Welt, die einem Social Media vorspielen, sind ein Problem. Die Gesellschaft erwartet, dass wir funktionieren. Und Social Media verstärkt dies noch – denn dort sollen wir nicht nur funktionieren, sondern auch schön, gut und leistungsfähig sein. Hat jemand eine psychische Erkrankung, wird er als „Fehler im System“ abgestempelt – in ganz schlimmen Fällen sogar als verrückt tituliert. Daher ist die gesellschaftliche Akzeptanz so wichtig. Ein psychisches Problem muss gesellschaftlich so akzeptiert werden, wie ein gebrochener Fuß. Da gibt es auch Empathie und wenn er Bruch geheilt ist, ist alles wieder gut.

Psychische Erkrankungen dürfen kein Tabu mehr in unserer Gesellschaft sein.

Im Gegensatz zu klassischen Erkrankungen, bei denen relativ rasch medizinische Hilfe gesucht wird, dauert es bei psychischen Erkrankungen oft lange, bis sich Betroffene eingestehen, dass sie ein Problem haben und professionelle Hilfe brauchen. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Gründe dafür?

SCHERTLERIch glaube, dass es oft lange dauert, bis der Punkt kommt, wo man sich eingesteht, dass man Hilfe braucht. Oft zu lange denkt man: „Ich schaff das schon.“ Aber auch die Gesellschaft baut Druck auf und
will lange Zeit nicht anerkennen, dass jemand nicht mehr kann – oft, bis es einfach nicht mehr geht…

GOLLER: Gesellschaftliche Akzeptanz sowie die Möglichkeit, eine geeignete und leistbare Therapie in Anspruch nehmen zu können. Jeder Mensch hat in seinem Leben eine Situation, wo er nicht weiterweiß. Einfach nur unter den
Tisch zu kehren, zu ignorieren, macht alles im Endeffekt viel schlimmer. Deshalb ist es wichtig, dass dieses Tabu gebrochen wird, was eben auch das Ziel unserer Benefizveranstaltung Gefühlswelten ist.

Wie sehen Sie die Versorgungslage für Personen mit psychischen Erkrankungen bzw. langanhaltenden Episoden negativer Emotionen? Welche Verbesserungen bzw. welche Unterstützungsangebote braucht es aus Ihrer Sicht? Was kann die Kunst dazu beitragen?

SCHERTLER: Österreich ist im Bezug auf Gesundheitsversorgung meiner Meinung nach großartig aufgestellt und es gibt gute Angebote – sei es für körperliche oder seelische Schmerzen sind. Wir wollen mit diesem Projekt einen weiteren Puzzlestein liefern und auf das Thema aufmerksam machen. Prinzipiell finde ich die Versorgung gut. An dem einen oder anderen Rädchen könnte man sicher noch drehen.

GOLLER: Wir wollen mit der Ausstellung auch für leistbare Hilfe eintreten. Denn derzeit können in Österreich viele keine Therapien in Anspruch nehmen, da die wenigen Kassenplätze über Monate ausgebucht sind und eine Therapie privat zu bezahlen teuer ist. Das können sich nur wenige leisten und gerade jene Personen, die professionelle Hilfe bräuchten, verfügen zumeist nicht über die finanziellen Mittel, sich eine Therapie privat zu zahlen. Was mir in diesem Zusammenhang ebenfalls wichtig ist, ist die rechtzeitige Hilfe. Weil – auch das weiß ich aus eigener Erfahrung – nimmt man rechtzeitig Hilfe in Anspruch, hat man viel mehr Möglichkeiten. Da es nicht immer einfach ist, die passende Hilfe zu finden, braucht es eine Anlaufstelle für Betroffene, die rasch weiterhilft. Das könnte durchaus auch eine Internetplattform als erste Orientierung sein.

Warum soll jemand dieses Projekt unterstützen bzw. wie ist die Mittelverwendung geplant?

SCHERTLER: Wir haben gemerkt, wie mitreißend dieses Thema ist, und wollen die Möglichkeit geben, an diesem Projekt mitzuwirken, auch finanziell. Wie bieten Fotoshootings und Malcoachings sowie unsere Kunstwerke an, um unser Herzensprojekt zu finanzieren und um Spenden zu akquirieren.

GOLLER: Eine Crowdfunding-Finanzierung diente dazu, die eigenen Kosten für die Veranstaltung zu decken. Alles, was darüber hinausgeht, wird pro mente Wien zur Verfügung gestellt, die sich für das Thema einsetzen und Betroffenen helfen.

Andrea Goller

Aktuelle Ausgabe

Nach oben scrollen