Zwischen natürlichen Grenzen und medizinischen Möglichkeiten

Zwischen natürlichen Grenzen und medizinischen Möglichkeiten

Dass die Gesundheit von Frauen verstärkt unter genderspezifischen Blickwinkeln betrachtet werden muss, steht
heute außer Frage. Welche Veränderungen jedoch die Medizin für Frauen langfristig mit sich bringen wird, hängt
nicht nur vom medizinischen Fortschritt ab, sondern vor allem davon, welchen Weg die Gesellschaft gehen möchte. Univ.-Prof. Dr. Peter Husslein warf im Zuge der PRAEVENIRE Gesundheitstage 2020 einen scharfen Blick in die Zukunft der Frauenheilkunde. | von Mag. Julia Wolkerstorfer

Das Stift Seitenstetten stand auch 2020 wieder im Zeichen visionärer Impulse. So beschrieb Univ.-Prof. Dr. Peter Husslein, Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der Medizinischen Universität Wien, in seiner Keynote nicht nur ungeahnte Potenziale der Medizin, sondern zeichnete Themenfelder, denen sich die Gesundheitspolitik kritisch zu stellen hat: Vergleichbar mit einem Reifenwechsel in der Formel 1 in Sekundenschnelle — vier Reifenwechsel plus Volltanken in 2,24 Sekunden — sollten im Gesundheitswesen relevante Bereiche mittels Training perfektioniert werden. In der Medizin müsse man sich von genau dieser Trainingsperfektion eine Scheibe abschneiden, nur so sei Fortschritt möglich.

Auch die Sinnhaftigkeit von Leitlinien wurde beleuchtet. Diese oft als selbstverständlich betrachteten Fahrtrichtungen für das Gesundheitswesen sind Husslein zufolge unverzichtbar — sofern richtig eingesetzt. Die Medizin wird immer wirkungsvoller und gleichzeitig „brandgefährlich“, da meist weniger Geld bei erschwerten Bedingungen zur Verfügung steht — eine Art Jonglierkunst, die ohne Qualitäts­sicherung nicht klappt.

 

Es ist die Patientin, die über die Kompetenz verfügt, ihre Lebensform zu diskutieren.

Peter Husslein

 

Vernünftige Qualitätsindikatoren

„Wir müssen vernünftige Qualitätsindikatoren schaffen. Wenn allerdings beispielsweise niemand aus der Frauenheilkunde zu gynäkologischen Qualitätsindikatoren befragt wird, dann ist das Ergebnis wertlos und besteht aus Indikatoren, die nur Arbeit, aber keine Qualität erzeugen“, zeigte sich Peter Husslein überzeugt. Eine detaillierte Perinatalerhebung, die als „Mutter aller datengestützten Qualitätssicherungsmaßnah­men“ gilt, kostet Zeit und Geld. „Wenn dieses allerdings nicht vorhanden ist, ist der Indikator wertlos, weil die Daten zumeist schlampig eingegeben werden“, so Husslein. Auch im Rahmen der Pränatal­diagnostik gebe es vor allem antiquierte Vorgaben sowie einen völlig fehlenden Diskurs. „So stellen wir uns den Dialog mit den Gesundheitsverantwortlichen nicht vor.“ Was heute zähle, sei die Fähigkeit, sich dynamisch an veränderte Rahmenbedingungen anpassen zu können. Das gelte für das Gesundheitswesen, für die Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft.

Shared Decision Making

Als besonders positive Entwicklung beschrieb der Gynäkologe den Umstand, dass Patientinnen heute als gleichberechtigte Partnerinnen in Entscheidungsfindungen wahrgenommen werden: „Wir brauchen den Diskurs von zwei Kompetenzen — Ärztin bzw. Arzt sowie Patientin. Es ist die Patientin, die über die Kompetenz verfügt, ihre Lebensform zu diskutieren. Nur in diesem Zusammenspiel können adäquate Entscheidungen getroffen werden“, zeigt sich Husslein über die Entfaltung des „Shared Decision Making“ erfreut. Ein sehr wachsendes Thema — der Kinderwunsch — braucht genau solche gemeinsamen Diskurse.

Der richtige Zeitpunkt

Die Fertilitätsphase des weiblichen Körpers hat sich durch die zunehmende Lebenserwartung und Verbesserung der Gesundheit verlängert. Gleichzeitig entscheiden sich Frauen oft erst nach einem für sie wichtigen Lebensabschnitt — nach beruflicher und persönlicher Entfaltung — für ein Kind. Nicht immer ist das dann auch für den Körper die optimale Zeit. Husslein warf in diesem Zusammenhang einen kritischen Blick auf die Novelle des Fortpflanzungsmedizingesetzes von 2015: Das Einfrieren der Eizelle in jungen Jahren — dann, wenn sie qualitativ am besten ist —, wird in Österreich nur dann zugelassen, wenn es eine medizinische Begründung gibt. Es wäre allerdings eleganter, diese Tür allen Frauen zu öffnen: „Aus meiner Sicht nimmt der Staat mit der derzeitigen Regelung zu viel Einfluss auf die Lebensgestaltung seiner Bürgerinnen.“

Geburtshilfe nach 2050: Größere Köpfe, schmälere Becken

Neben den stark wachsenden Möglichkeiten der Pränataldiagnostik gab der Universitätsprofessor zum Abschluss seiner Keynote einen weiteren Ausblick. Schon heute sei im Zuge erster Studien zu beobachten, dass sich die Kopf-Becken-
Relation des menschlichen Körpers langfristig verändern wird. Husslein zitiert in diesem Zusammenhang den Evolutionsbiologen Prof. Dr. Philipp Mitteröcker, der herausgefunden hat, dass Frauen, die aufgrund eines Schädel-Becken-Missverhältnisses ihrer Mutter durch Kaiserschnitt auf die Welt kamen, mehr als doppelt so häufig ein Missverhältnis bei der Geburt ihrer Kinder aufweisen wie jene Frauen, die auf natürliche Weise geboren wurden. Husslein: „Aufgrund des wegfallenden Selektionsdrucks durch den Kaiserschnitt erwarten wir eine Zunahme von Becken-Kopf-Missverhältnissen bei der Geburt.“ Husslein schließt seine Keynote mit einer aus heutiger Sicht nicht leicht verdaulichen Perspektive: „Einigen Einschätzungen zufolge sind Schwangerschaft und Geburt viel zu gefährlich, um Frauen zugemutet zu werden.“ Naht die Etablierung von „Bio-Bags“ in Form einer künstlichen Gebärmutter zum Austragen von Embryo und Fetus? Was heute noch nach Science Fiction klingt, ist 2050 vielleicht State of the Art. Übrig bleibt die Frage, welchen Weg die Gesellschaft einschlagen will.

 

BioBox

Univ.-Prof. Dr. Peter Husslein absolvierte sein Medizinstudium in Wien, gefolgt von seiner Facharztausbildung in Innsbruck, Salzburg und Wien. Er blickt auf zahlreiche Auslandsaufenthalte zurück, darunter sechs Monate geburtshilflich-gynäkologische Tätigkeit in Lomé, Togo, sowie eine eineinhalb­jährige Forschungstätigkeit an der Weill Cornell Medical School in New York. Ab 1996 war Husslein Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am AKH Wien, am 1. Oktober 2020 emeritierte er. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten zählen die Wehenforschung, Frühgeburt sowie Humangenetik.

 

PRAEVENIRE Initiative Gesundheit 2030

Block 4 |  Moderne Infrastruktur und Versorgungsziele

Programm im Rahmen der
PRAEVENIRE Gesundheitstage 2020

Keynotes

● 2020: Mehr Effizienz bei der Erreichung von Versorgungszielen
DI Martin Brunninger, MEng, MSc | Dachverband der Sozialversicherungsträger
Frauenheilkunde 2030

● Univ.-Prof. Dr. Peter Husslein | Medizinische Universität Wien, Universitätsklinik für Frauenheilkunde

● Haben wir evidenzbasierte Medizin?
Univ.-Prof. Dr. Andrea Siebenhofer-Kroitzsch |
Medizinische Universität Graz, Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung

● Gefäßchirurgie der Zukunft
ao. Univ.-Prof. Dr. Christoph Neumayer | Medizinische Universität Wien, Universitätsklinik für Chirurgie

● Onkologie 2030
Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant | MedUni Wien

Podiumsdiskussion
● Dr. Alexander Biach | Wirtschaftskammer Wien
● Mag. Philipp Lindinger | Initiative Wund?Gesund!
● Mag. Martin Schaffenrath, MBA, MBA, MPA | Mitglied des Verwaltungsrates der ÖGK
● Dr. Andreas Stippler | Ärztekammer Niederösterreich
● ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres | Ärzte­kammer Österreich

 

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