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Zerrissen – Diskrepanzen erfordern neue Denkmodelle

Die Häufung von RSV-Infektionen ist weltweit intensiv.
© Peter PROVAZNIK

Zerrissen – Diskrepanzen erfordern neue Denkmodelle

Die Häufung von RSV-Infektionen ist weltweit intensiv.
© Peter PROVAZNIK

Gesunde Zukunft | Folge 11

Dr. Juliane Bogner-Strauß

Dr. Juliane Bogner-Strauß

Landesrätin für Bildung, Gesellschaft, Gesundheit und Pflege

Die Kooperation aller Player im öffentlichen Gesundheitswesen muss enger werden, um Ressourcen zu bündeln und neue Herausforderungen gut zu meistern. Wir hatten in den 90er-Jahren österreichweit etwa 20.000 Ärztinnen und Ärzte im System, heute sind es 47.000 (in der KAGes, der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft m. b. H, gibt es derzeit so viele Köpfe wie noch nie). Doch was auf den ersten Blick gut klingt, birgt Zwiespältigkeit: Die Medizin entwickelt sich unfassbar schnell, was zu einem höheren Spezialisierungsgrad führt –
ein Phänomen, das wir europaweit beobachten, ebenso den deutlichen Anstieg der Teilzeitbeschäftigten. Trotz steigenden Personals krankt die Versorgung in der aktuellen Form. Eine Diskrepanz, die neue Denkmodelle und Umstrukturierungen erfordert. Denn ein Blick weg von den Zahlen hin zu den Menschen, die im Gesundheitsbereich tätig sind, verdeutlicht: Zerrissenheit macht krank. 

Hanna ist Ärztin in einem Landeskrankenhaus. Sie arbeitet im Rahmen einer Teilzeitanstellung an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wir fragen sie, was sie brauchen würde, um ihre Arbeit als zufriedenstellend zu erleben: “Am schlimmsten ist die Zerrissenheit. Es wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Ich bin Medizinerin und Mutter und kann mich hier nur dann voll einlassen, wenn ich sicher bin, dass mein Kind gut betreut wird und es sich wohl fühlt. Es geht ja nicht mehr darum, Frauenrechte zu erkämpfen, sondern um die Anerkennung, dass das Gesundheitssystem ohne Ärztinnen schlicht zusammenbrechen würde. Da helfen ganz elementare Infrastrukturen, wie ein Betriebskindergarten, aber auch “kleine” kinderfreundliche Ausstattungen wie beispielsweise Stillbereiche. “Familienfreundlichkeit” steht manchmal nur am Eingangsschild des Krankenhauses, wird aber nicht ernsthaft praktiziert. Der Spagat zwischen Beruf und Familie muss gelingen. Andernfalls kann eine Ärztin, die auch Mutter ist, keine gute Ärztin sein.”

Kollege Philip arbeitet als Diplomkrankenpfleger in Vollzeitform. Was für ihn das Wichtigste ist? “Dienstplansicherheit und Erholungsphasen. Wir haben hier seit Jahren einen enormen Leistungsdruck und müssen in immer kürzerer Zeit immer mehr schaffen. Es fehlt mir, mich wirklich auf die Patientinnen und Patienten einlassen zu können. Wenn uns das genommen wird, sind wir von Menschlichkeit weit entfernt. Und wenn mir die Kräfte ausgehen, kann ich hier keine gute Arbeit leisten.”

Heute steht außer Zweifel, dass die physische und psychische Gesundheit ganz wesentlich von den Arbeitsbedingungen beeinflusst wird. Ausreichende Erholungsphasen, flexible und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle sowie Dienstplansicherheit sind nur einige der Akutmaßnahmen, die gesetzt werden müssen. Effiziente Umstrukturierung bedeutet aber auch die Aufstockung der insbesondere fachärztlichen Ausbildungsplätze und attraktiver Stipendienmodelle. Letztendlich müssen wir uns mit den neuen Lebensentwürfen nachwachsender Ärztinnen und Ärzte gut auseinandersetzen, um die Zukunft des Gesundheitssystems wirkungsvoll formen zu können.

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