Zahnerhalt statt Zahnersatz

Zahnerhalt statt Zahnersatz

Im Rahmen der 5. PRAEVENIRE Gesundheitstage im Stift Seitenstetten diskutierten Expertinnen und Experten beim PRAEVENIRE Gipfelgespräch das Thema Zahngesundheit und die Herausforderungen, mit denen die Zahnmedizin in Zukunft konfrontiert sein wird. Ziel der Diskussionsrunde war es, das Versorgungsthema Zahngesundheit in den Fokus zu rücken und die Essenzen des Gipfelgesprächs als ersten Schritt zu sehen, dieses Thema mit einer Strategie „Zahngesundheit 2030“ im Rahmen der Initiative Gesundheit 2030 abzubilden. |  von Mag. Dren Elezi, MA

Aktuell habe die Zahngesundheit keine gute Repräsentation nach außen und werde zu wenig im medizinischen Kontext thematisiert. „Ein essentielles Thema ist das Bewusstsein für die Bedeutung der Zahnmedizin. Dieses Bewusstsein muss insbesondere in der Bevölkerung gestärkt werden“, betonte Prim. DDr. Franz Schuster, MSc, MSc, stellvertretender Leitender Zahnarzt der ÖGK. Unter den Diskutierenden herrschte Konsens, dass die Zahnmedizin als Versorgungsthema gegenwärtig in den Hintergrund getreten sei. „Die Zahnmedizin hat in den letzten 20 Jahren den Anschluss verloren“, so DDr. Gerald Jahl, Facharzt für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde und Autor. Zudem betonte Jahl, dass „die Zahnmedizin ein Imageproblem habe und negativ behaftet sei.“ Das habe vor allem auch mit der Öffentlichkeitsarbeit und dem Gesundheitswissen der Bevölkerung. „Die Zahnmedizin hat es leider verabsäumt, den Anschluss zur Medizin zur halten.“ Da die Auswirkungen zahnmedizinischer Problematiken aber weit über die Mundhöhle hinausgehen und auf den Organismus als Ganzes beachtlich sind bzw. ein größeres Spektrum als nur den Zahn umfassen, müsse sie sich dementsprechend auch in der Debatte positionieren. „Die Zahnmedizin muss sich emanzipieren und darf nicht mehr Blinddarm der Medizin sein“, so Jahl.

Gleichzeitig müsse das Verhältnis zwischen der Zahnmedizin im Speziellen und der Humanmedizin im Ganzen gestärkt werden, sagte Prim. Univ.-Prof. DDr. Franz Watzinger, Leiter der Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften. „Es gibt sehr wichtige Berührungspunkte bei zahnchirurgischen Eingriffen. Als Beispiel sei die Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten bei einfachen Zahnextraktionen erwähnt, wo Patientinnen und Patienten entsprechend nachbluten. Ein Nicht-Beachten solcher Umstände kann beispielsweise Komplikationen nach sich ziehen“, so Watzinger. Um die Wichtigkeit des Konnexes der medizinischen Bereiche zu unterstreichen und zu festigen, solle bereits in der Ausbildung angesetzt werden, betonte der Experte. Der Austausch mit anderen Disziplinen müsse in weiterer Folge die Zahnarzttätigkeit begleiten. „Diesen Vorteil, dass sich Zahnärztinnen und Zahnärzte in einer Klinik mit anderen Disziplinen austauschen haben die Zahnärztinnen und Zahnärzte in ihren Ordinationen nicht.“ Laut Dr. Susanne Schöberl, Ärztin in der NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft benötige es besonders in der Ausbildung Nachschärfungen für eine neue Generation an Zahnmedizinerinnen und Zahnmedizinern. Mag. Sven Arne Plass, Mitarbeiter des Zahnmedizinischen Dienstes der ÖGK, ergänzte, dass die Zahnmedizin ein eigenes hochqualitatives Fach sei, das in der Ausbildung jedoch angepasst und optimiert werden müsse. Um sich die Geläufigkeiten anzueignen benötige es einen gesicherten Rahmen — etwa die Möglichkeit auf ein Praxisjahr — ähnlich wie es bereits in der humanmedizinischen Ausbildung bekannt sei. Dadurch werde der Wissenstransfer institutionalisiert und Jungmedizinerinnen und Jungmedizinern die Möglichkeit gegeben, unter der Anleitung von erfahrenen Ärztinnen und Ärzte zu lernen. Dazu sei jedoch eine Lehrpraxenregelung erforderlich, betonten die Expertinnen und Experten, womit in erster Linie die Qualität der Ausbildungsstätten evaluiert werden müsse, um eine Qualitätssicherung in der Versorgung sicherzustellen.

 

Die Zahnmedizin hat es leider verabsäumt, den Anschluss zur Medizin zu halten.

Gerald Jahl

 

Vorsorge und Prävention

Gegenwärtig ist die Dringlichkeit der Durchführung von Vorsorgeuntersuchungen die Zähne betreffend nicht so stark ausgeprägt, wie es medizinisch sinnvoll wäre, waren sich die Diskutierenden einig. „Zahnmedizin ist ein sehr situationsbedingtes Fach. Für die Bevölkerung ist es nicht selbstverständlich, dass man einmal im Jahr zur Zahnärztin oder zum Zahnarzt geht. Die Zahnärztin bzw. der Zahnarzt werden für die eigene Gesundheit leider oft nicht als Notwendigkeit betrachtet, um langfristig Schäden zu vermeiden“, so Plass. Meist würden sie erst dann aufgesucht, wenn Schmerzen oder Probleme mit den Zähnen auftreten.

Auch der steigenden Fokussierung der Menschen auf die reine Ästhetik in der Zahnmedizin müsse gegengesteuert werden, betonten die Expertinnen und Experten. In den Mittelpunkt sollten vielmehr gesunde Zähne mit möglichst viel eigener Zahnsubstanz gestellt werden. Ästhetik solle nicht alleiniger Sinn und Zweck einer Zahnbehandlung sein, sondern vielmehr ein positiver Nebeneffekt einer gesundheitlichen Behandlung, so die Expertinnen und Experten. Es gehe in erster Linie darum, welche Bedürfnisse die Menschen haben und offensichtlich besteht laut Meinung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am PRAEVENIRE Gipfelgespräch ein Bedürfnis nach Ästhetik, das von den Zahnärztinnen und Zahnärzten auch entsprechend bedient werde. Zunehmends erwecke es aber auch den Eindruck, dass man aufgrund des Aufwands und der intensiven Behandlung schnell beim Zahnersatz und weniger beim Zahnerhalt sei. „Man muss sich davor hüten, eine Zahnmedizin anzubieten bzw. als Standard zu proklamieren, bei der es nur noch um Ästhetik geht“, so Plass. Es sei wichtig, dass man den Fokus auf Zahnerhalt statt Zahnersatz setze, denn nur ein solcher Ansatz könne den Wert und das Image der Zahnmedizin anheben. Der momentane Fokus auf die Reparaturmedizin müsse hin zur Präventivmedizin verschoben werden, was auch ein umschwenken im System bedingt.

 

Die Zahnärztin bzw. der Zahnarzt werden für die eigene Gesundheit nicht als Notwendigkeit betrachtet, um langfristig Schäden zu vermeiden.

Sven Arne Plass

 

Mündige Patientinnen und Patienten

Aufgrund der bestehenden Tarifstruktur in Österreich müssen viele zahnärztliche Leistungen von den Patientinnen und Patienten privat bezahlt werden und werden nicht von der Kasse übernommen, betonten die Diskutierenden beim PRAEVENIRE Gipfelgespräch. Die Kosten fungieren dabei meist als zentraler Entscheidungsfaktor, um ins Ausland zum Zahnarzt zu fahren, weshalb sich der grenzüberschreitende Patientenverkehr als Problem bezeichnen lässt. Hinzu kommen hier auch qualitative Unterschiede zu diversen Zahnkliniken. „Seitens der Patientinnen und Patienten gibt es leider wenig Qualitätsbewusstsein in der Zahnmedizin“, so Jahl.

„Bis auf das Thema der Kosten, an denen sich die Patientinnen und Patienten orientieren, wird bei einer Behandlung grundsätzlich nicht nach anderen Optionen oder der Qualität einer Behandlung gefragt. Das ist ein großes Problem und zeigt, dass die Patientinnen und Patienten in der Zahnmedizin nicht ausreichend mündig sind“, kritiserte Jahl. Vergleichsweise seien Patientinnen und Patienten bei Entscheidungen wie etwa bei Herzklappenauswahl sehr wohl mündiger, auch wenn ihnen die Expertise fehle. Trotzdem, so die Experten, informieren sie sich und lassen sich beraten, während Ärztinnen und Ärzte die Letztentscheidung den Patientinnen und Patienten überlassen. In der Zahnmedizin sei dies zu wenig ausgeprägt. Es ist daher festzuhalten, dass das Gesundheitswissen, die „Health Literacy“, in diesem Sinne deutlich gestärkt werden müsse.

Systemveränderung

Einstimmigkeit bestand auch in der Dringlichkeit einer Überarbeitung des Honorarkatalogs für zahnärztliche Leistungen. In Zusammenarbeit mit der Zahnärztekammer und den Sozialversicherungsträgern sollte dieser zugunsten der Patientinnen und Patienten angepasst werden. Laut Schöberl sei das Ziel des PRAEVENIRE Gipfelgesprächs auch, den Patientinnen und Patienten ein besseres Outcome zu gewährleisten. „Sozial, ausgewogen und eine bessere medizinische Leistung, die zeitgemäß und zukunftsfit ist und den neuen technischen Möglichkeiten und Innovationen entspricht. Wichtig wäre, dass man den entsprechenden Honorarkatalog diskutiert und man sich bewusst macht, dass es hier Anpassungen benötigt.“ Zurzeit scheinen teilweise State-of-the-Art-Behandlungen, die geboten wären, dort nicht auf und müssen von den Patientinnen und Patienten privat bezahlt werden. Dies würde auch eine sozioökonomische Kluft treiben zwischen jenen, die sich adäquate zahnärztliche Versorgung leisten können und jenen, die es nicht können. Wichtig sei hier, so Schöberl, „dass Patientinnen und Patienten sehen, dass etwas für sie getan wird und ein Fortschritt in der Versorgung und Behandlung für die Patientinnen und Patienten erkennbar ist.“ Intensiv diskutiert wurde auch die von der Kasse finanzierte Zahnspange, da nicht jede Person, die eine kostenlose Zahnspange erhalte auch tatsächlich eine benötige. In diesen Bereich gesteckte finanzielle Ressourcen wären wichtig für andere Bereiche in der Zahnmedizin, so Schuster. Viele andere notwendigen Projekte seien dadurch in der Schublade verschwunden, weil es keine finanziellen Mittel mehr dafür gab.

 

Es benötigt ein Bewusstsein für die Bedeutung der Zahnmedizin. Dieses Bewusstsein muss insbesondere in der Bevölkerung gestärkt werden.

Franz Schuster

 

Gesundheitskompetenz & Prävention

Im Bereich der Prävention und Gesundheitskompetenz, besonders bei jüngeren Generationen, bleiben etwa Schulzahnarztbesuche meist ohne Folgen. Die Entwicklung eines Gesundheitspasses — ähnlich dem Mutter-Kind-Pass — wo bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres ein kostenfreier Zugang zu Mundhygiene- und Parodontalbehandlung in festgesetzten Intervallen ermöglicht wird, wurde von Franz Schuster vorgeschlagen. Damit würde dafür Sorge getragen werden, dass die jüngere Generation in jungen Jahren ein gesundes Gebiss hat und ihre Gesundheitskompetenz gestärkt wird. Bei solchen Initiativen dürften, so Jahl, jedoch ältere Generationen wie z. B. Mindestpensionsbezieherinnen und -bezieher nicht vergessen werden, insbesondere wenn ein solches Modell vorsieht, dass man ab dem 18. Lebensjahr für die Kosten einer Behandlung selbst aufkommen müsse. Plass merkte an, dass diese Frage vor allem in Zukunft eine besondere Rolle spielen wird, da das Durchschnittsalter der Bevölkerung immer weiter zunimmt und die Menschen älter werden. Um Zahnmedizin finanzierbar und leistbar zu halten, „ist es wichtig die Versorgungszyklen zu verschieben. Das heißt, diese Zyklen entsprechend der Altersentwicklung anzupassen und das ganze System der Zahnmedizin auch aus allgemeinen Mitteln finanzierbar zu halten“, betonte der Experte.

Niederschwelliger Zugang

Auch die Struktur am Land müsse verbessert werden, um Menschen auch im ländlichen Raum einen niederschwelligen Zugang zur Zahnmedizin zu ermöglichen, waren sich die Diskutierenden einig. Viele Zahnärztinnen und Zahnärzte würden zögern aufs Land zu ziehen, da das Investment, eine neue Praxis zu eröffnen, besonders groß sei. Kassenstellen müssten hingegen attraktiver gestaltet werden, wobei der Anreiz, eine solche anzunehmen, finanzieller Natur sein müsste, wie etwa eine Unterstützung bei der Gründung einer Praxis im ländlichen Raum. „Um im Falle von neuen Ordinationsöffnungen zahnärztliche Kassenplanstellen attraktiv zu gestalten, muss besonders für die jungen Medizinnerinnen und Mediziner ein Anreiz geschaffen werden“, so Jahl. Auch Ideen, Gruppenpraxen für Zahnärztinnen und -ärzte zu errichten bzw. sie in Primärversorgungszentren zu integrieren, um den niederschwelligen Zugang zu fördern, wurde von Expertinnen und Experten positiv bewertet.

 

Diskutierende (in alphabetischer Reichenfolge)

 

 

 

 

 

 

 

 

DDr. Gerald Jahl | Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde

Mag. Sven Arne Plass | Mitarbeiter des Zahnmedizinischen Dienstes der ÖGK

Dr. Susanne Schöberl | Ärztin in der NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft

Prim. DDr. Franz Schuster, MSc, MSc | Stv. Leitender Zahnarzt der ÖGK

Prim. Univ.-Prof. DDr. Franz Watzinger | Leiter der Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Karl Landsteiner Privat­universität für Gesundheitswissenschaften

 

Fotocredit © Peter Provaznik (5), Diepresse

 

Sonderbeilage DiePresse,
Erscheinungstermin
 27. Februar 2021

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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