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Spurensuche auf Augenhöhe

© Marlene Fröhlich/luxundlumen/Anton Proksch Institut

Spurensuche auf Augenhöhe

© Marlene Fröhlich/luxundlumen/Anton Proksch Institut

Dass Gesundheit weit mehr bedeutet, als die bloße Abwesenheit von Krankheit, damit beschäftigte sich der hochkarätig besetzte API Kongress im Wiener Palais Ferstel: Auf Basis der humanbasierten Behandlung von Menschen mit Suchterkrankungentritt der Mensch in seiner Ganzheitlichkeit und als „Gesamtkunstwerk“ in den Fokus. Erst der „echte“ Dialog auf Augenhöhe macht die medizinischen Themen unserer Zeit so richtig groß. Was es braucht, ist die Bereitschaft, eingefahrene Straßen zu verlassen und den Mut, sich auf phantasievolle Spuren-suche zu begeben. | von Mag. Julia Wolkerstorfer

Medizin — quo vadis? Diese Frage stellte sich das Anton Proksch Institut im Zuge seines dies-jährigen Kongresses, der am 24. Jänner 2020 von Wiens Gesundheits- und Sozialstadtrat Peter Hacker eröffnet wurde. Hacker betonte die Notwendigkeit, den medizinischen und therapeutischen Diskurs laufend zu forcieren: „Mit dem Anton Proksch Institut haben wir hier in Wien eine der renommiertesten Einrichtungen für Suchtkranke in ganz Europa. Gemeinsam mit den Expertinnen und Experten muss die Politik sich immer wieder fragen: Tun wir alles in unserer Macht Stehende, um zu verhindern, dass psychisch kranke Menschen an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden? Der Kongress des Anton Proksch Instituts (API) liefert hier Jahr für Jahr wertvolle Anregungen.“

Diskurs vorantreiben, Reflexion (er)leben

Gerade dann, wenn Perspektiven verändert und Konzepte neu gedacht werden, kann das für die Medizin von heute — insbesondere in der Suchtbehandlung — immense Chancen ermöglichen. In seiner Keynote sprach der Ärztliche Direktor des Anton Proksch Instituts, Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, über „Spuren, Pfade und Wege in eine schöne gemeinsame Zukunft“. Dabei erläuterte er die Umbruchsphase, in der sich die Medizin derzeit befindet: Die evidenzbasierte, mechanistisch aufgefasste Behandlung wird um individuelle, menschliche Schwerpunktsetzungen erweitert und entwickelt sich hin zur dialog-orientierten, humanbasierten Medizin. Musalek stellt den Menschen als sozialästhetisches Wesen in den Mittelpunkt und zielt in seiner Arbeit mit suchtkranken Menschen auf ein Leben ab, das sowohl autonom als auch freudvoll ist: „Wir sprechen oft von einer möglichen erfolgreichen Zukunft oder einer möglichen guten Zukunft, aber das Schöne kommt dabei meistens zu kurz. Dabei ist es wahrscheinlich die stärkste Ressource, die wir haben.“

Im Anton Proksch Institut werden alle gängigen Suchtformen behandelt — von Alkoholsucht über Abhängigkeit von illegalen Substanzen bis zum pathologischen Glücksspiel sowie Online-, Kauf- und Arbeitssucht. Eigentümer des Anton Proksch Instituts sind der weltweit führende Gesundheitsdienstleister VAMED sowie die Stiftung Anton Proksch Institut Wien. Mag. Gottfried Koos, Vorstandsmitglied der VAMED AG, erläuterte: „Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gesundheit nicht bloß als das Fehlen von Krankheit, sondern als einen ‚Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens‘. In diesem Sinne ist es uns als Innovationsführer natürlich ein Anliegen, individuelle, ganzheitliche Behandlungskonzepte zu entwickeln und in unseren Einrichtungen auch den Raum dafür zu schaffen. Das Anton Proksch Institut liefert dazu wertvolle Beiträge und treibt den Diskurs zu Sucht und psychischer Gesundheit immer wieder voran.“

Im Spannungsfeld zwischen Ressourcenknappheit und neuen Handlungsfeldern

Die Umbruchszeit in der Medizin gestaltet sich am Beginn dieser neuen Dekade spannend, aber nicht immer gefahrlos: Einerseits eröffnet die humanbasierte Medizin wertvolle Möglichkeiten in der medizinischen und therapeutischen Zusammenarbeit mit den Patientinnen und Patienten. Auf der anderen Seite zeigt sich eine immer stärkere Ökonomisierung der Medizin: Steigende Dokumentationspflichten führen dazu, dass die Ressourcen für eine humanbasierte Medizin, die sehr stark vom Gespräch zwischen Arzt bzw. Ärztin und Patient bzw. Patientin getragen wird, geringer werden.

Wie gelingt nun Medizin im Dialog mit Patientinnen und Patienten bei immer knapper werdenden Ressourcen? Wohin bewegt sich die Medizin im 21. Jahrhundert? Diese Fragen wurden von Mag. Richard Gauss, Präsident der Stiftung Anton Proksch Institut Wien, aufgeworfen: „In der Suchtbehandlung geht es um individuelle Ressourcen und Möglichkeiten eines jeden Menschen und das Streben nach einem erfüllten, freudvollen Leben. Diese Ressourcen zu finden, freizulegen, wachsen zu lassen, das gelingt nur im therapeutischen Dialog.“ Nach Gauss habe jeder Mensch seine Chancen und Stärken. „Veränderungen sind jederzeit möglich.“

Als Innovationsführer ist es uns ein Anliegen, individuelle, ganzheitliche Behandlungskonzepte zu entwickeln.

Diese Prämisse, die von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Anton Proksch Instituts verfolgt wird, macht auch sichtbar, dass tausende Lebensgeschichten von Patientinnen und Patienten sowie deren Partnerinnen und Partnern nachhaltig verändert worden sind. „Nicht zuletzt hat eine Großstadt wie Wien ein hohes Interesse daran, dass möglichst viele Menschen auch gesund und glücklich am Berufs- und Sozialleben teilhaben können.“ Hier komme dem Anton Proksch Institut eine ganz besondere Bedeutung für die Stadt Wien und für Österreich zu.

Auch Ministerialrat Dr. Franz Pietsch, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, sprach sich für eine Optimierung der Behandlungsvielfalt aus und betonte die Notwendigkeit, der Stigmatisierung von Menschen mit Suchtkrankheiten verstärkt entgegenzuwirken und Lebensquellen freizulegen. Sucht sei ein gesellschaftliches Phänomen, dem „in einem umfassenden Ansatz begegnet werden muss“, so Pietsch. Das Gesundheitsministerium erachtet die alljährlich im Jänner stattfindende Fachtagung des Anton Proksch Instituts als ‚wichtigen, unverzichtbaren Fixpunkt in der Welt der Suchtbehandlung‘ und unterstützt den wichtigen Übergang von dem kritisierten einseitigen defizitorientierten Modell hin zu einem ressourcenorientierten Ansatz: „Diese ressourcenorientierte Behandlung stellt den betroffenen Menschen mit all seinen Möglichkeiten, aber auch Unmöglichkeiten, ins Zentrum des Behandlungsinteresses.“

Vom Reiz abseits der Autobahn

Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, der neben seiner Leitung des Anton Proksch Instituts auch als Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien und Berlin tätig ist, entwickelt maßgeblich neue Ansätze in der ressourcenorientierten Suchtbehandlung. Dabei verfährt er nach dem sogenannten Orpheus-Programm, das sich nicht an den Defiziten oder Problemen der Betroffenen orientiert, sondern an der Erfahrung von neuer Kraft und Lebensfreude. Der Grundgedanke des Programms geht auf den gleichnamigen Dichter und Sänger aus der griechischen Mythologie zurück: Wie die Geschichte erzählt, war sein Lied so schön, dass selbst die Gesänge der Sirenen ihren Reiz verloren.

In der Behandlung von Suchtkranken verfolgt das Orpheus-Programm einen ähnlichen Ansatz: Vergleicht man die Wirkungen von Suchtmitteln mit den Gesängen der Sirenen, so dominiert auch hier das Betörende, Reizvolle, das in letzter Konsequenz aber tödlich ausgehen kann. Wenn es allerdings gelingt, etwas noch Reizvolleres, Schöneres zu schaffen und zu erleben, dann stehen die Chancen gut, dass die Suchtmittel/Sirenen nicht mehr so wichtig erscheinen.

Dieser Prozess kann — nachhaltig als Werteverschiebung betrachtet — aber nicht über den Verstand stattfinden, sondern nur über das emotionale Empfinden.

Auf der gemeinsamen Suche nach dem „Schönen“, dem freudvoll und autonom gestalteten Leben, ist es wichtig, den Menschen so zu sehen, wie er ist: Nach Musalek tendieren wir dazu, ein Bild von unserem Gegenüber aufzubauen, das den anderen so zeigt, wie wir ihn sehen wollen — nicht so, wie er wirklich ist. Dabei zeichnet der Psychiater in seiner Keynote ein Bild von eingefahrenen Autobahnen und Prachtstraßen und assoziiert damit Ansätze, die möglicherweise längst überholt sind. Vielmehr sollen jene Modelle in den Vordergrund treten dürfen, die die feinen Spuren, Pfade und Wege abseits der großen Autobahnen erforschen — und zulassen. Damit stünde der ganze Mensch im Fokus und nicht das Bild, das wir in Einzelteilen von ihm haben. Die suchtkranke Patientin, der Patient darf in kein bio-psycho-soziales Korsett gepfercht werden, sondern muss sich in ihrer bzw. seiner gesamten „Leiblichkeit“ als Gesamtkunstwerk erleben dürfen. Es sollen Räume geschaffen werden für das Mögliche, um das „Mögliche möglich zu machen.“ Und es geht um die Frage, wie wir uns als Menschen bestmöglich entfalten, schöne Beziehungen leben und unsere Fähigkeit, uns als „Kosmopoeten“ selbst zu entwerfen, optimal fördern können. Musalek zitierte in diesem Zusammenhang den Schriftsteller Ödön von Horvath: „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu …“

Mehr spüren, statt nur denken

Auch DDr. Alfried Längle, Allgemeinmediziner, Psychotherapeut und klinischer Psychologe, griff den Tenor des Kongresses auf und kam noch einmal auf Michael Musaleks Bild zurück: „Das Leben findet meist dort statt, wo die Spuren sind — nicht auf den Autobahnen.“

Längle, der lange Jahre das Präsidium der Internationalen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse innehatte, verwies in seinem Vortrag auf die höhere Sensibilität, die die Soziologinnen und Soziologen in der heutigen Gesellschaft verorten. Der Trend gehe dahin, dass das Streben nach Materiellem mehr in den Hintergrund gerate und von hohen Selbstentfaltungswerten abgelöst werde. Gerade in einer Gesellschaft, in der ein Überfluss an Möglichkeiten vorherrscht, wird die Gefahr größer, sich darin zu verlieren. Angesichts der geradezu unendlichen Möglichkeiten fällt es immer schwerer, sich zu orientieren. Autoritäten haben heute weitgehend ihre Glaubwürdigkeit verloren, wodurch der moderne Mensch in seinen Entscheidungen, für die er „Maß an sich selbst nehmen muss, mehr auf sich selbst zurückgeworfen ist“. Da kann es schon einmal passieren, dass dies große „Freiheit“ wie eine „Wüste“ erlebt wird. Längle regte in diesem Zusammenhang auch an, Kinder eine autonome Lebensgestaltung zu lehren. Es gehe um die Fähigkeit, sich mit sich selbst, dem eigenen Körper und mit anderen vernetzen zu können.

In Bezug auf den therapeutischen Dialog unterstreicht der Therapeut das Potential, das sich eröffnet, wenn man es wagt, sich von Schulen zu lösen und den Patientinnen und Patienten bewusst mehr in die Augen zu schauen. Es soll das Bewusstsein geschaffen werden, „ich bin es, der mein Leben lebt“. Den Fokus auf die Autonomie der Menschen zu setzen, sei das Essenzielle der therapeutischen Arbeit von heute. Diese humanistische Perspektive könne „das Echte“ hervorlocken, nicht „die Fassade, das Schema oder die Maske“. „Das kann ich nur spüren, nicht denken“, beschrieb Längle diesen intimen Punkt der inneren Stimme.

Was ist sonst noch wichtig im therapeutischen Dialog mit suchtkranken Menschen? „Im Hier und Jetzt sein, nicht interpretieren, nicht eh schon wissen, meines immer wieder zurücknehmen und mich beeindrucken lassen von den Patientinnen und Patienten“, darauf komme es dem Existenzanalytiker zufolge besonders an.

Von der „Orthopädie der Seele“ zur „Orthopädie des Körpers“, mit der sich Dr. Martin Pinsger, Facharzt für Orthopädie, auseinandersetzt — den kranken Menschen stets in seiner Ganzheitlichkeit betrachtend. Pinsger stellte im Zuge seines Vortrags u. a. die Vorzüge der konservativen Schmerzbehandlung mittels Canna-binoiden im Zusammenspiel mit Opiaten vor, die den Schmerz „von der Message“ trennen. „Unsere Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, Schmerz wegzudrücken“, skizzierte Pinsger. „Es ist unglaublich, dass wir Professionen haben, die überhaupt nicht über den Tellerrand schauen, weil einfach operiert, und dann nicht mehr weiter verfolgt wird, was mit den Patientinnen und Patienten passiert.“

Auch Pinsger inkludiert die Sozialästhetik in seine Arbeit: „Sozialästhetik braucht natürlich die Freude, aber auch den Schmerz. Ohne Schmerz gibt es kein Lernen.“ Es brauche „weniger Digitalisierung“, „mehr Bewegung“, „mehr Mensch“, ausreichend „Schlaf und Resilienz“. Darüber hinaus würden „Lernen und Beziehung“ zu „Glück und Regeneration“ führen.

Der Orthopäde thematisierte auch den neuen Diagnoseschlüssel: Mit 1. Januar 2022 und dem Inkrafttreten des ICD-11 wird Schmerz erstmals nicht mehr nur als Symptom erfasst. Damit werden chronische Schmerzen in Form einer eigenständigen Kategorie klassifizierbar. Schmerzdiagnosen können dann auch quantifiziert werden.

„Das Puzzle wird immer schwierig zu lösen sein und ist bei jedem Menschen anders. Es muss immer eine Inklusion stattfinden. Wenn ich den Schmerz wegdrücke, kann das kurzfristig helfen, schießt langfristig aber am Ziel vorbei“, beleuchtete Pinsger abschließend.

Groß denken, mutig träumen, vertrauensvoll verändern

Der rote Faden der Veranstaltung, Modelle neu zu denken und eingefahrene Spuren zu verlassen, zog sich quer durch die Referent-Innenlandschaft des Kongresses: Auch für Dr. Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien, ist klar: „Veränderung ist möglich.“ Die Zukunft der ambulanten Behandlung von psychisch kranken Menschen brauche „hope and action“. Psota zitierte in dem Zusammenhang den US-amerikanischen Kardiologen Dr. Bernard Lown in seiner Friedensnobelpreisrede von 1985: „Hope without action is hopeless.“ Groß gedacht wurde auch im Zuge aller weiteren Keynotes, die neben der Genderforschung in der Suchtbehandlung auch die Sucht in der virtuellen Welt oder die „transkulturelle Psychiatrie in einer Zeit erlebter Völkerwanderung“ thematisierten.

Wir sprechen oft von einer möglichen guten Zukunft, aber das Schöne kommt dabei meistens zu kurz.

Nach Musalek braucht es gerade in einer Zeit, in der alles sehr eng wird und eng gedacht wird, viel Mut und Phantasie, um eingefahrene Straßen auch einmal zu verlassen. Erst dann, wenn wir uns mutig unseren Träumen hingeben, haben wir die Chance, so richtig abzuheben.

Liste der Vortragenden

Mag. Dr. Ute Andorfer, Anton Proksch Institut, Wien
Mag. Dr. Doris Bach, Braincare — Institut für seelische Gesundheit
OA Dr. Wolfgang Ferdin, Anton Proksch Institut, Wien
Dr. Johannes Gregoritsch, Hauptverband der österreichischen Sozialver-sicherungsträger, Wien
Univ.-Prof. Dr. Christian Haring, MSc, Landeskrankenhaus Hall, Tirol
Dr. Eva Höltl, Gesundheitszentrum Erste Bank, Wien
Prim. Dr. Christian Jagsch, Landeskrankenhaus Graz Süd-West, Abteilung für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie, Graz
Karoline Jawad, Anton Proksch Institut, Wien
Univ.-Prof. DDr. Hans-Peter Kapfhammer, Medizinische Universität Graz, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Graz
DDr. Ida-Maria Kisler, Ärztin für Allgemeinmedizin, Psychotherapeutin, Melk
DDr. Alfried Längle, Arzt für Allgemeinmedizin und psychothera-peutische Medizin, klinischer Psychologe, Psychotherapeut, Wien
Prim. Dr. Roland Mader, Anton Proksch Institut, Wien
Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, Anton Proksch Institut, Wien
Dr. Martin Pinsger, Facharzt für Orthopädie, Schmerzkompetenz-zentrum, Bad Vöslau
Dr. Georg Psota, Psychosoziale Dienste, Wien
Mag. Dr. Oliver Scheibenbogen, Anton Proksch Institut, WienUniv.-Prof.Dr. Meryam Schouler-Ocak, Psychiatrische Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus, Berlin
Dr. Helmut Zingerle, Therapiezentrum Bad Bachgart, Brixen

© Marlene Fröhlich/luxundlumen/Anton Proksch Institut

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