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Schneller heilen

© Peter Provaznik

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Arthrose 2.0 | Folge 2

Fast-Track-Surgery stellt chirurgische Traditionen auf den Kopf

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Dr. Andreas Stippler, MSc,

Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie

Arthrose zählt zu den häufigsten Indikationen für Knie- und Hüftoperationen. Die Zahlen in Österreich sprechen Bände: Bei 35.000 Gelenksprothesen jährlich – damit bewegen wir uns hierzulande im OECD-„Spitzenfeld“ – heißt es nicht mehr: „Der Nächste, bitte!“, sondern eher: „Auf die OP-Warteliste!“ Wir haben einen ungemein hohen (Aufhol-) Bedarf an neuen Behandlungskonzepten. „Fast-Track Surgery“ bzw. „Rapid Recovery“ ist ein Beispiel dafür, wie Rehabilitationsstrategien heute gesetzt werden können, um zum einen die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern und obendrein ökonomische Prozesse zu optimieren.

Operationen bedeuten Stress: Der Körper wird von den freigesetzten Stresshormonen und der erforderlichen Nüchternheit geschwächt. Die Folge sind nicht selten postoperative „Nachwehen“ wie Kreislauf-, Darm- oder auch Lungenprobleme. Der Fast-Track-Behandlungspfad wirkt dem entgegen: Durch die frühzeitige Mobilisierung wird die Selbstständigkeit der Patientinnen und Patienten gefördert, postoperative Komplikationen können reduziert werden.

„Fast-Track“ wird international erfolgreich praktiziert. Das Kernelement der „Schnellspur-Wiederherstellung“ ist die Anwendung konservativer Therapie. Es beinhaltet wichtige Maßnahmen vor, während und nach operativen Eingriffen. Erfahrungen zeigen, dass Patientinnen und Patienten mit Knie- und Hüftarthrose damit weit weniger Komplikationen, wie beispielsweise Infektionen, Thrombosen, Wundheilungsstörungen oder Muskelabbau, erfahren.

Sie werden rascher aus dem Krankenhaus entlassen und finden schneller in ihren Alltag zurück. Nach einem orthopädischen Assessment und weiterführenden medizinischen Untersuchungen startet im Falle grünen Lichts die Trainingstherapie in der Kleingruppe – idealerweise in der Nähe des Wohnortes. Sie wird begleitet von der wichtigen Kombination aus Gewichtsreduktion, Bewegungstherapie und Edukation, also aufklärenden Informations- und Beratungsgesprächen. Arthroseversorgung 2.0 erfordert völliges Umdenken und Abschiednehmen von chirurgischen Traditionen. Im Zentrum steht die Patientin bzw. der Patient, die bzw. der in seinen eigenen Kompetenzen gestärkt werden soll. Auf diese Weise wird er bzw. sie zum Arthrosespezialisten nach dem Prinzip des „Shared Decision Making“ (SDM). Dieser Ansatz basiert auf der Idee, dass medizinische Entscheidungen am besten getroffen werden, wenn das medizinische Fachwissen und die persönlichen Präferenzen und Bedenken der Patientinnen und Patienten berücksichtigt werden. Eingebettet in ein geschultes interdisziplinäres Team – bestehend aus Anästhesisten, Chirurgen und Pflegepersonal – erfährt der Patient bzw. die Patientin, dass er bzw. sie selbst den Heilungsprozess stark mitbestimmt. Gefühle von Freude, aber auch Stolz auf die eigene Wirkungskraft gehen einher mit dem Trainingsansatz des Fast-Track- Surgery. Zahlreiche Forschungen zu den Effekten dieses Konzepts zeigen eine verbesserte Rekonvaleszenz und minimierte Komplikationsraten. Wir profitieren sehr von der laufenden Evaluierung der Trainingsprogramme und den evidenzbasierten Perspektiven, die sich daraus ergeben. Für die Gesundheitspolitik gilt es, diesen – international schon etablierten, aber für Österreich noch jungen – Ansatz ökonomisch neu zu bewerten. Heilung braucht Zeit. Fast-Track-Surgery ist kein Zaubertrank, der Menschen schnell mal wiederherstellt. Aber es ist eine bahnbrechende Methode, die die Krankheitslast enorm verringert, weil sie den Heilungsprozess schon vor der OP ankurbelt. Die kontinuierliche Lebensstilveränderung wird zur nachhaltigen OP-Begleitmaßnahme. 

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