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Schmerzspezialist Grünenthal mit neuer Führungsstruktur

Mag. Karl Wögenstein ist neuer Geschäftsführer von Grünenthal
© LUDWIG SCHEDL

Schmerzspezialist Grünenthal mit neuer Führungsstruktur

Mag. Karl Wögenstein ist neuer Geschäftsführer von Grünenthal
© LUDWIG SCHEDL

Seit September ist Mag. Karl Wögenstein, PhD Country Manager und Geschäftsführer von Grünenthal Österreich. Die gewerberechtliche Verantwortung verbleibt beim bisherigen Österreich-Chef, Dr. Thomas Schöffmann. PERISKOP sprach mit beiden über Ziele und Pläne von Grünenthal in Österreich.

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Rainald Edel, MBA

Periskop-Redakteur

Statistisch gesehen leidet etwa jeder fünfte Mensch in Österreich unter chronischen Schmerzen. Die Beschwerden reichen vom „simplen” Kopfweh bis zu komplexen Schmerzbildern wie diversen Neuropathien.

PERISKOP:  Sie haben sieben Jahre Grünenthal in Österreich geleitet. Was hat Sie begeistert und welche Meilensteine konnten Sie erreichen?

Schöffmann: Ich komme aus Deutschland und habe Österreich und Wien im Besonderen als
ganz einzigartigen Arbeitsplatz erlebt. Ich finde vieles hier extrem cool! Was mich vor allem begeistert, ist die Dialogbereitschaft und der stete Wille zum Kompromiss, den man bei allen Akteuren im Gesundheitsbereich stets merkt.
Als Meilensteine der letzten sieben Jahre würde ich sehen, dass wir es geschafft haben,
Ansprechpartner in der Industrie zum Thema Schmerz sowohl im niedergelassenen als auch
im Spitalsbereich für Ärzte- und Apothekerschaft sowie für die Pflege zu gelten. Unseren
Stakeholdern ein verlässlicher, kompetenter Partner zu sein, ist uns sehr wichtig. Aber natürlich haben wir auch unsere wirtschaftliche Entwicklung fest im Blick. Dazu haben wir unser Business neu ausgerichtet und fokussieren uns auf den Bereich Schmerz. Seit 2015 wurden sieben Produkte neu in unser Portfolio aufgenommen, und wir konnten auch Präparate in Österreich in die Erstattung bringen.
Zudem haben wir in den vergangenen Jahren vier Kooperationen mit anderen Unternehmen
abgeschlossen, die unser Produktportfolio in Österreich optimal ergänzt haben, so beispielsweise mit Kyowa Kirin Holdings B.V. und Dr. Franz Köhler Chemie GmbH.
Ein Projekt möchte ich noch besonders hervorheben: Wir unterstützen maßgeblich das
Projekt „Integration einer Lebens- und Sterbeamme/End-of-life Doula in das multiprofessionelle Palliative Care Team“ der Universitätsklinik für Innere Medizin I, Klinische Abteilung für Palliativmedizin der MedUni Wien. Damit folgen wir einer guten Tradition, denn die Förderung der Hospiz- und Palliativversorgung liegt Grünenthal bereits seit vielen Jahren besonders am Herzen.

Grünenthal ist ein spannendes Unternehmen mit einem breit gefächerten Portfolio, das einen klaren Schwerpunkt auf den Bereich Schmerz hat.

Im Gegensatz zu Dr. Schöffmann, der seit 1991 im Konzern tätig ist, kommen Sie von außerhalb und haben lange Jahre bei einem anderen Pharmaunternehmen gearbeitet. Was motivierte Sie, die Geschäftsführung bei Grünenthal zu übernehmen?

Wögenstein: Grünenthal ist ein spannendes Unternehmen mit einem breit gefächerten Portfolio, das einen klaren Schwerpunkt auf den Bereich Schmerz hat. Es ist ein mutiges Unternehmen, das neue Dinge ausprobiert, Projekte umsetzt und seinen Mitarbeitern tolle Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Talente werden gefördert und bekommen oft rasch tolle Chancen – hierfür bin ich sicherlich auch ein gutes Beispiel. Was mich auch sehr überzeugt, ist die Unternehmensstrategie: Grünenthal legt als innovationsgetriebenes Unternehmen großen
Wert auf seine eigene Forschung. Gleichzeitig sind strategische Zukäufe von etablierten Produkten, die das Portfolio sinnvoll ergänzen, ein wichtiger Baustein des erfolgreichen Wachstums der letzten Jahre. Es reizt mich, diese Erfolgsgeschichte hier in Österreich fortzuschreiben. 

Grünenthal hat heuer sein 45-jähriges Bestehen in Österreich gefeiert. Wie bewerten Sie Tradition, Kontinuität und Innovation?

Wögenstein: Grünenthal ist ein Familienunternehmen, da spürt man die Tradition.
Gleichzeitig haben wir uns auf eine Transformationsreise begeben und entwickeln unsere
Organisation kontinuierlich weiter. Wir haben seit langem wieder eine Phase-3-Studie laufen
und man spürt in jeder Phase des Unternehmens, dass sich ein Wandel in Bewegung gesetzt hat – beispielsweise durch eine neue Art, wie wir mit unseren Stakeholdern interagieren.
Aber auch die strategischen Zukäufe der letzten Monate zeugen von der Dynamik im Unternehmen. Unsere Kunden und Partner sind es aus anderen Branchen gewohnt, dass sie die
Information und Inhalte dann abrufen können, wenn sie diese brauchen – Stichwort Customer
Experience. Die muss sehr gut sein. Wir sind hier bereits auf einem sehr guten Weg, den wir
aber entschlossen weitergehen müssen.

Woran wird man Ihre Handschrift erkennen und welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Wögenstein: Bei mir wird nicht nur die Customer Experience großgeschrieben, sondern auch
die Experience des Teams. Das heißt, Grünenthal Österreich wird nicht nur maßgeschneiderte
Lösungen für seine Kunden, sondern auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern individuelle
Möglichkeiten für deren Weiterentwicklung anbieten. Wir wollen ein attraktiver Arbeitgeber
sein – gerade auch für junge Talente. Was ich hier vermitteln und ermöglichen möchte, ist
die Gewissheit, dass jede und jeder Einzelne im Unternehmen etwas bewegen kann. Und das
setzt sich auch auf Konzernebene fort. Denn obwohl Grünenthal Österreich nur ein kleinerer
Markt ist, haben wir die Möglichkeit, innovative Dinge auszuprobieren, neue Wege zu beschreiten – oft bevor diese in größeren Märkten ausgerollt werden. So haben wir in Österreich oftmals das Glück, dass wir als erstes Land – direkt nach EMA-Zulassung – Produkte launchen können. Daher wird immer mit großer Aufmerksamkeit auf Österreich geschaut. Österreich kann dadurch innerhalb des Konzerns ein Innovation-Lab sein. Eines der Ziele, das wir in Österreich erreichen wollen, ist, noch stärker im Speciality Care- bzw. im Key Account Excellence-Bereich zu werden. Wir haben Produkte, die sind Ultra Speciality Care – hier bedarf es für jedes Krankenhaus und jedes Zentrum eine individuelle Lösung. Dazu müssen unsere Key
Account-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter nicht nur mit Ärztinnen und Ärzten, sondern auch mit den dazugehörigen Apotheken und dem Pflegepersonal eng zusammenarbeiten.

Wie sieht die Pipeline von Grünenthal aus – wo sehen Sie das Unternehmen in zehn Jahren?

Wögenstein: Wir sind dabei, weiter den Markt zu sondieren und strategische Zukäufe
zu tätigen. Wir nennen das intern die „build muscle deals“. Das sind größtenteils Zukäufe im Schmerzbereich, aber auch Produkte aus anderen Indikationsgebieten, die gut zu unserer Vertriebsstrategie passen und die wir gut weiterbetreuen können – das können auch
Produkte sein, die bereits gut im Markt etabliert sind und den Patientinnen und Patienten
einen echten therapeutischen Nutzen bringen.
Mit Blick auf die Zukunft: Unsere Arbeit im Bereich Forschung und Entwicklung wird sich
in den nächsten Jahren auf vier spezifische Schmerzindikationen konzentrieren, für die
ein besonders hoher ungedeckter medizinischer Bedarf besteht: Periphere neuropathische
Schmerzen, chronische Schmerzen im unteren Rücken, Arthrose und chronische postoperative
Schmerzen. Aktuell läuft eine Phase-3-Studie zu einer Substanz für die Behandlung von
Schmerzen bei Kniearthrose, in die wir große Hoffnungen legen. 

Inwieweit spielt Österreich in der klinischen Forschung von Grünenthal eine Rolle?

Wögenstein: Österreich ist ein gutes Pflaster für klinische Forschung, da es in Österreich
Spitzenmedizin und damit auch Spitzenforschung gibt. Wir hatten immer wieder klinische
Studien in Österreich laufen. Gleichzeitig investieren wir auch in investigator-initiated studies,
um weitere Daten und Erkenntnisse rund um unsere Produkte und Therapiegebiete zu generieren. Herausforderungen sind zum Beispiel Verzögerungen, ausgelöst durch die Pandemie,
oder auch strenge Datenschutzregularien, die Registerstudien und real-world Datenanalysen
erschweren. Aber insgesamt überwiegt die positive Situation für Studien in Österreich.

Grünenthal hat den Schwerpunkt Schmerztherapie – wie beurteilen Sie den diesbezüglichen Markt in Österreich?

Schöffmann: Schmerz ist omnipräsent. Verglichen mit anderen Indikationen, haben Schmerz und Schmerztherapie in Österreich allerdings noch nicht den Stellenwert, der ihnen auf Grund der Häufigkeit zukommen müsste. Schmerzen sind die am weitesten verbreitete Ursache, warum jemand eine Arztpraxis aufsucht. Rund 20 Prozent der Bevölkerung in Österreich – das sind etwa 1,8 Millionen – leiden laut aktuellen Daten der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) unter chronischen Schmerzen. 

Bei knapp der Hälfte der Betroffenen hat dies Auswirkungen auf das Berufsleben. Ein Drittel der 1,8 Millionen ist arbeitsunfähig und rund 20 Prozent gehen deshalb in Frühpension. Das bringt nicht nur persönliches Leid für die Betroffenen und deren Angehörige, sondern hat auch volkswirtschaftliche Implikationen.

Trotz dieser gewaltigen Dimension und dem unglaublichen Leidensdruck der Betroffenen, wird Schmerz im Allgemeinen zu wenig thematisiert. Ein Grund, warum Schmerz unterrepräsentiert ist, liegt auch an dessen Charakteristik. Denn Schmerz und dessen Intensität wird individuell
empfunden und ist mit technischen Hilfsmitteln kaum objektiv messbar. Auch wenn es
sich in den letzten Jahren etwas gewandelt hat – Österreich hat in der Schmerztherapie noch
Aufholbedarf. Schmerz fällt in alle Fachrichtungen der Medizin und ist ein eigenständiges
Krankheitsbild, das multimodal behandelt werden muss – das setzt sich derzeit in Österreich erst Schritt für Schritt durch. In Österreich gibt es nur ein etabliertes, zertifiziertes
multimodales Schmerzzentrum, das am Klinikum Klagenfurt angesiedelt ist. Auch in der Ausbildung, vom Studium an, braucht das breite und komplexe Thema Schmerz einen anderen Stellenwert in Österreich.

Das Thema Schmerz wird in der Öffentlichkeit nicht oder zu wenig wahrgenommen – was sollte hier Ihrer Meinung nach geändert werden, welche Schritte wären erforderlich?

Wögenstein: Schmerz ist kompliziert. Oftmals haben Patientinnen und Patienten mit chronischem Schmerz einen langen Leidensweg und es dauert teilweise Jahre, bis sie eine entsprechende Diagnose erhalten. Schmerz wird in der Gesellschaft, aber auch im Gesundheitssystem oftmals als Folge oder Begleiterscheinung einer anderen Grunderkrankung und nicht als eigenständige Entität gesehen. Daher wird Schmerz oft ein wenig stiefmütterlich behandelt – sowohl in der Wahrnehmung, als auch teilweise in der Vergütung von Therapien.
Ich fürchte, dass viele die Schmerztherapie als einen Bereich wahrnehmen, in dem es verglichen mit anderen Therapiegebieten wenig Innovationen gibt. Zudem ist es anstrengend,
langwierig und fordernd mit Schmerzpatientinnen und -patienten zu arbeiten. Grünenthal ist jedoch das beste Beispiel dafür, dass es durchaus innovative Schmerzforschung gibt. Wir müssen nur noch mehr in die Öffentlichkeit tragen, dass wir intensive Grundlagenforschung machen, eine spannende Pipeline haben und es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, Betroffenen zu helfen. Zudem legen auch Organisationen wie die ÖSG vermehrt den Fokus darauf, Jungmedizinerinnen und -mediziner stärker für die Schmerztherapie zu begeistern.

Verglichen mit anderen Indikationen, haben Schmerz und Schmerztherapie in Österreich noch nicht den Stellenwert, der ihnen auf Grund der Häufigkeit zukommen müsste.

Sie, als Kenner der österreichischen Gesundheitspolitik, bleiben dem Unternehmen als gewerberechtlicher Geschäftsführer weiter erhalten. Wo sehen Sie Ihre Schwerpunkte in der Zukunft?

Schöffmann: Ich habe den Befähigungsschein für den Großhandel mit Arzneimitteln und
Giften sowie den für den Medizinproduktehandel und werde mich künftig im Unternehmen verstärkt um Gewerberecht und das pharmazeutische Qualitätssicherungswesen kümmern. Zudem bleibe ich für Grünenthal im Pharmig-Fachauschuss Verhaltenkodex 1. Instanz. Eines meiner Leitmotive ist: Ein jegliches hat seine Zeit – Abschied und Neubeginn sind der ewige Pendelschlag des Lebens. Neuen Herausforderungen – schwerpunktmäßig in Österreich – sehe ich mit Spannung und Tatendrang entgegen. Große Freude haben mir die Bereiche General Management, Qualitätsmanagement, Compliance gemacht. Derzeit belege ich unter anderem an der WU Wien das „Programm für Aufsichtsrät*innen – Governance Excellence“ und möchte ich
mich in Zukunft stärker sozial engagieren. Ich bin seit einigen Jahren Mitglied bei Apotheker ohne Grenzen und habe mir fest vorgenommen, mich hier aktiver einzubringen.

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