Raus aus der Pflegefalle

© Gerhard Gattinger

Raus aus der Pflegefalle

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Eine PFLEGEREFORM IST IN ÖSTERREICH unabdingbar. Aber alle angedachten Maßnahmen müssen ohne ein breitenwirksames Verhindern von Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit fehlschlagen. „Ohne Prävention zäumt die Gesundheitspolitik das Pferd wieder von hinten auf“, warnte der Wiener Sportmedizin-Doyen Univ.-Prof. Dr. Norbert Bachl beim PRAEVENIRE Talk in Alpbach. | von Wolfgang Wagner

Pflegefalle“, „Pflegereform“ und das Schlagwort vom „Pflegekräftemangel“ kennzeichnen viele diesbezüglichen Diskussionen in Österreich. Der ehemalige Vorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger Dr. Alexander Biach, die Gesundheitsberaterin Mag. Barbara Fisa und Sportmediziner Bachl haben dazu ein grundlegendes Buch geschrieben: „Raus aus der Pflegefalle — Aktiv sein — Pflegebedürftigkeit verhindern“ (Springer Verlag). Die Vorstellung des Bandes in Alpbach war gleichzeitig die Präsentation eines Konzeptes, das an den Wurzeln der Probleme Abhilfe schaffen soll.

„Wir haben heute 462.000 Pflegegeldbeziehende in Österreich. Das sind um 60 Prozent mehr als vor 20 Jahren. Die Ausgaben für Pflege betragen 7,9 Mrd. Euro. Der Bund trägt 2,9 Mrd. Euro, die Länder und Gemeinden 2,1 Mrd. Euro, 2,9 Mrd. macht der private Anteil aus“, sagte Biach. Ohne entsprechende Gegenmaßnahmen dürften allein die Ausgaben der öffentlichen Hand für Pflege von derzeit fünf Mrd. Euro im Jahr (Bund, Länder, Gemeinden) auf neun Mrd. Euro im Jahr 2030 und schließlich auf 16,5 Mrd. Euro im Jahr 2050 steigen.

Die aktuelle Mittelverteilung: 0,6 bzw. 0,7 Mrd. Euro entfallen derzeit auf 24-Stunden-Betreuung bzw. mobile Dienste. 3,4 Mrd. Euro im Jahr machen die Pflegeheime aus. 3,1 Mrd. Euro werden für „informelle Pflege“, also im Privaten aufgewendet. In vielen Familien kommt es zu Einbußen, was die Erwerbstätigkeit anbelangt, wenn Angehörige zeitaufwen­dige Betreuung benötigen.

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Kompetenzdschungel

Die Ursachen liegen in der demografischen Entwicklung. Biach: „Das Wesentliche, ist, dass die Gruppe der über 75-Jährigen im Jahr 2030 mehr als eine Million Menschen ausmachen wird.“ So werde beispielsweise die Zahl der 85- bis 89-Jährigen mit plus 52 Prozent die größte Zunahme aufweisen (80- bis 84-Jährige: plus 41 Prozent). Interessant: Bis 2030 wird die Personengruppe der 75- bis 79-Jährigen, also Personen, die lange Zeit bereits als höher betagt gegolten haben, zahlenmäßig nur noch um drei Prozent zulegen. „71 Prozent der Pflegebedürftigen werden heute zu Hause betreut. Das sind 329.000 Personen. 28.000 Menschen werden im Rahmen einer 24-Stunden-Betreuung versorgt, rund 9.000 in Tageszentren. 21 Prozent oder 97.000 Menschen sind in stationärer Pflege. Wir haben heute 127.000 Pflegekräfte. Im Jahr 2030 werden wir aber 161.000 brauchen“, sagte der ehemalige Hauptverband-Chef. Auch das Pflegewesen leidet unter einem typ­isch österreichischen Phänomen, wie Biach erklärte: „Wir haben in Österreich einen Kompetenzdschungel, der ist unvorstellbar.“ Vereinfachung von Planung beispielsweise in der Zielsteuerung Gesundheit und Abwicklung der Pflegeagenden aus einer Hand über die Pensionsversicherungsanstalt, müssten die organisatorischen Ziele sein.

Bewegungsmangel ist der Hauptrisikofaktor.

Norbert Bachl

Das österreichische Manko — Prävention als „Bürgerpflicht“

Wobei damit noch nicht das größte österreichische Defizit im internationalen Vergleich angepackt ist, so Biach: „In Österreich sind 22,8 Prozent der über 65-Jährigen pflege­bedürftig. In Dänemark und Schweden um die neun Prozent. Wie machen das die skandinavischen Länder?“„Pro-Aktivität zur Erhaltung der Gesundheit ist im Endeffekt die Pflicht der Bürgerinnen und Bürger“, betonte Sportmediziner Bachl. Die Genetik mache nur 15 Prozent der Gesundheit aus, nur 25 Prozent die medizinische Gesundheitsversorgung. „40 bis 50 Prozent sind Umweltfaktoren und Lebensstil. Es geht darum, Gesundheit vollinhaltlich zu leben. Körperliche Inaktivität und die lange sitzende Lebensweise sind so ziemlich das Schlimmste und Entscheidendste, was man nicht beachten will. Es ist der Weg vom ‚Excercise Deficiency Syndrome‘ zum ‚Sedentary Death Syndrome‘.“ 

Vorzeitiges Altern, normales Altern oder gesundes Altern — das mache einen riesigen Unterschied für das Individuum genauso wie für die Gesellschaft. „Gesund im Alter heißt, dass jemand mit 60 Jahren an chronologischem Alter im biologischen Alter von 40 Jahren ist“, erklärte der Sportmediziner. Es sei schon schwerwiegend, wenn jemand durch ungesunden und körperlich inaktiven Lebensstil mit 40 kalendarischen Jahren im biologischen Status eines 60-Jährigen ist. Entscheidend: Die Menschen sollten durch einen aktiven Lebensstil möglichst lange von Gebrechlichkeit und Invalidität verschont bleiben. Die Schere zwischen positiver und negativer Entwicklung gehe schon bei den Erwachsenen, lange vor den hoch Betagten, auseinander.

Wir können aus bloßer Lebenserwartung gesunde Lebensjahre machen.

Barbara Fisa

„Gesund sterben“

Bachl zitierte dazu folgenden Slogan: „Wir können zwar nicht verhindern, dass wir älter werden. Wir können aber dafür sorgen, dass wir Spaß haben. ‚Gesund sterben‘, das ist das Schlagwort.“

Das dafür geeignete Verhalten: möglichst tägliche körperliche Aktivität mit jeweils bis zu dreimal wöchentlich echtem Training von Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit bzw. Koordination. „Krafttraining bringt eine Reduktion der Mortalität um 20 Prozent, Ausdauertraining eine Verringerung um 30 bis 40 Prozent. Mit einer Kombination kann man eine Risiko­reduktion auf unter 40 Prozent erreichen“, sagte der Sportmediziner.

Wir dürfen nicht warten, bis Pflegebedürftigkeit eingetreten ist.

Alexander Biach

Das „Grüne Rezept“

So sehen die Empfehlungen des Sportmediziners und Co-Autors des Buches aus: Ausdauertraining zwei bis dreimal pro Woche (mittlere Intensität für Vitalität und Agilität) Krafttraining: ein bis zwei Mal pro Woche (maximal mit eigenem Körpergewicht) für mechanische Belastbarkeit, Mobilität und Selbstständigkeit. Beweglichkeitstraining (Stretching und Mobilisation): ein bis drei Mal pro Woche für Elastizität und Entspannung. Koordination: ein bis drei Mal pro Woche zur Sturzvorbeugung und Bewegungssteuerung. Insgesamt sollte man auf drei bis fünf Einheiten pro Woche kommen.

Primärversorgungszentren (PVZ) könnten laut Bachl in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Sie seien geeignet, vermehrt Präventivmaßnahmen zu setzen. Die Einbindung einer ganzen Reihe von Gesundheitsberufen trage dazu bei. Der oberste Grundsatz, so der Sportmediziner: „Hilfe, so viel wie nötig und so wenig wie möglich, Hilfe zur Selbsthilfe und erst dann Hilfe durch Fremdhilfe.“

Mangelernährung — ein häufiges Phänomen

„Normalerweise schlagen wir uns das gesamte Leben mit Übergewicht herum. Im Alter kommt es aber auch oft zu Mangelernährung. Unter einer Zufuhr von 21 Kilokalorien pro Kilogramm und Tag rutscht man in die Gebrechlichkeit“, betonte Gesundheitsberaterin und Co-Autorin des Buches, Barbara Fisa. Die einfachste Empfehlung, was die Qualität der Ernährung angeht: Fette sollten maximal 30 Prozent der Tageskalorien-Aufnahme ausmachen. Der Eiweißbedarf liegt bei ein bis 1,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. An Ballaststoffen sollten zumindest 30 Gramm pro Tag aufgenommen werden.

Keine Frage, die Österreicherinnen und Österreicher im Alter von mehr als 65 Jahren haben hier noch einigen Verbesserungsbedarf. Die Gesundheitsberaterin: „Bei Fleisch und Wurst brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Da sind wir bei 200 Prozent (Männer gar bei 250 Prozent; Anm.) der Empfehlungen.“ Bei Gemüse und Hülsenfrüchten liegen die Menschen in Österreich nur bei rund 30 Prozent der empfohlenen Tagesmenge, beim Obst bei um die 40 Prozent. Ungesunde Ernährung kann jedenfalls zu den größten Risikofaktoren gehören — ebenso wie das Rauchen und hoher Alkoholkonsum.

Verlust an Muskelkraft und Ausdauer, ein ge­schwächtes Immunsystem, Sarkopenie, erhöhtes Sturzrisiko und als weitere Folge Verlust von Sozialkontakten, steigende Morbidität und erhöhte Mortalität seien damit verbunden. Fisa zu den Gegenmaßnahmen: „Es geht um Gesundheitsförderung.“

Best Agers Bonus-Pass

Schutzfaktoren, denen in der Prävention breiterer Raum gegeben werden und die propagiert werden sollten: Selbstwirksamkeit, Glaube, soziale Einbindung und Freiwilligenarbeit, Lernen bis ins hohe Alter, gesunde Lebensweise und Achtsamkeit bzw. Entspannung. Barbara Fisa unter der Betonung, niemanden direkt religiös machen zu wollen: „Wer einmal in der Woche in die Kirche geht, hat eine um 4,8 Jahre höhere Lebenserwartung. Mediation führt zu einer Reduktion der Mortalität aus allen Ursachen um 23 Prozent.“ Hingegen sind Schlafmangel und Stress hauptsächliche Risikofaktoren. 

Ein Mittel dazu könnte auch ein „Best Agers Bonus-Pass“ sein. „Wenn jemand aus dem Berufsleben bzw. aus seiner Firma ausscheidet und bevor sie oder er ins Pflegeheim kommt — da liegen viele Jahre dazwischen, die man nützen kann“, sagte die Expertin. Volkswirtschaftlich gehe es um eine möglichst effiziente Begrenzung von Krankheits- und Pflegekosten, individuell um den Erhalt der Selbstständigkeit und des Teilhabever­mögens sowie um Hintanhalten von Gebrechlichkeit. Und darüber hinaus könnte durch ein entsprechendes Programm auch Ungleichheit, was die Gesundheitsbelange von Bevölkerungsgruppen angehe, ausge­glichen werden.

Den Pass könnte man mit einer Untersuchung starten. „Ein erstes Assessment sollte am Ende des Berufslebens erfolgen — eine Art Gesundenuntersuchung mit Zielsetzungen“, sagte Fisa. Motorische Fähigkeiten, Ernährungsprotokoll, bereits vorhandene Erkrankungen etc. sollten dabei erhoben und eine Zielvereinbarung für allfällige Lebensstil-Modifikationen getroffen werden. Für die Erfassung der Kontrollparameter könnten auch „Wearables“ (Smartphone etc.) verwendet werden. Und schließlich: Anreize und Belohnungen sollten am Ende stehen. Rechenbeispiel für die Effekte: Könnte man den Anteil der Best Agers mit ausreichend Ausdauer- und Kraft-Aktivität in Österreich (knapp 25 Prozent) um 20 Prozent erhöhen, ergäbe das Einsparungen im Gesundheitswesen von 72 Mio. Euro pro Jahr (bei vollständiger Beteiligung: knapp 1,1 Mrd. Euro).

Das Buch

Raus aus der Pflegefalle

Seitenzahl: 158 Seiten

Autor: Mag. Barbara Fisa, MPH Univ.-Prof. Dr. med. Norbert Bach Dr. Alexander Biach

Verlag: Springer

ISBN-Nr.: 978-3-662-63395-3

„Prävention ist eines der wichtigsten Themen in der Gesundheitsökonomie, weil sie nicht nur Folgekosten reduziert, sondern auch für die einzelnen Menschen ein Plus an Lebensqualität bringt. Die Österreichische Ärztekammer spricht sich daher seit jeher für breit gefächerte Präventionsmaßnahmen aus — in diesem Sinne sind die präventiven Elemente des Best Agers Bonus Pass ebenfalls zu begrüßen. Gerade in Punkten wie Bewegung und richtiger Ernährung ist es parallel dazu aber auch wichtig, schon so früh wie möglich anzusetzen. Über lange Jahre eingeschliffene Mängel in diesen Punkten sind deutlich schwerer zu beheben und wir sehen leider in Studien, dass schon unsere Schulkinder zu einem steigenden Anteil mit erheblichen Gewichtsproblemen kämpfen müssen und sich zu wenig bewegen. Für Prävention gab die Gesundheitspolitik 2019 lediglich zwei Prozent der Gesundheitsausgaben aus, der Anteil stagniert und bietet also noch viel Luft von oben. Konsequente Prävention auf breiter Basis würde nicht nur viel Leid ersparen, sondern auch enorme Folgekosten für Krankheiten bzw. Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin, Diabetes, Schlaganfälle und Herzinfarkte.“ MR Dr. Johannes Steinhart | Vizepräsident der Österreichischen Ärzte­kammer und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte

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© Gerhard Gattinger, apa fotoservice/Schedl

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