Rauchen: reduziertes Risiko durch neue Technologien

Rauchen: reduziertes Risiko durch neue Technologien

Unter dem Titel „Harm Reduction — neue Optionen, reduziertes Risiko?!“ fand im Rahmen der
PRAEVENIRE Gesundheitstage 2019 im Stift Seitenstetten ein Gipfelgespräch statt, in dem sich die hochkarätige Diskus­sionsrunde ganz dem Thema der Harm Reduction als Schadens- und Risikoreduzierung im Bereich des
Tabakkonsums widmete.

Von Dren Elezi, MA

 

Österreich ist eines der wenigen OECD-Länder, in dem die Zahl der Raucherinnen und Raucher nicht rückläufig ist. Knapp ein Viertel der Österreicherinnen und Österreicher raucht, was sowohl gesundheitliche wie auch gesundheitsökonomische Auswirkungen mit sich bringt. Vor diesem Hintergrund galt es beim PRAEVENIRE Gipfelgespräch zum Thema Harm Reduction, alle Bestrebungen und Innovationen zu diskutieren, die das Risiko des Rauchens reduzieren. Vor allem bei jenen Personen, denen ein Rauchstopp außerordentlich schwer fällt, benötigt es eine allmähliche Reduktion des Tabakkonsums. Hierzulande gibt es rezeptpflichtige Arzneimittel mit dem Wirkstoff Vareniclin, die allerdings nicht von der Kasse bezahlt werden und eine spürbare finanzielle Belastung darstellen. Nikotinersatzprodukte wie Kaugummis oder Pflaster helfen Konsumenten nur selten, das Rauchen zu reduzieren bzw. zu beenden, weshalb immer öfter potenziell risikoreduzierte Produkte wie Tabak-Erhitzer in den Mittelpunkt der Diskussion rücken.

O. Univ.-Prof. Dr. h. c. mult. Dr. med. Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der MedUni Wien und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie, bekräftigte in seinem Impulsreferat die Notwendigkeit der Etablierung von Harm Reduction als Schaden- und Risikoreduzierung im Bereich des Tabakkonsums. „Wir haben eine Epidemie. 7 Mio. Menschen sterben jährlich am Tabakkonsum. 24 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher über 15 Jahren rauchen. Der Goldstandard, um tabakbedingten Erkrankungen vorzubeugen, ist der völlige Rauchstopp. Das ist aber schwierig zu erreichen.“ Daher betonte Kasper, dass schadensminimierende Maßnahmen erforderlich sind, wenn der Rauchstopp für Raucherinnen und Raucher besonders schwer fällt. „Die große Zahl an Raucherinnen und Raucher, die trotz Kenntnis über Risiken weiter rauchen bzw. denen das Aufhören außerordentlich schwer fällt, verdeutlicht die Notwendigkeit der Etablierung von Harm Reduction als Schadens- und Risikoreduzierung im Bereich des Tabakkonsums. Daher müssen zu gewöhnlichen Zigaretten Alternativen aufzeigt werden, die helfen, den Schaden der gesundheitsgefährdenden Aktivität zu reduzieren.“

v. l.: Bernhard-Michael Mayer, Hans-Peter Petutschnig, Reinhold Glehr, Ernest Groman, Siegfried Kasper, Bernhard Rupp, Lisa Brunner, Wolfgang Popp, Ulrike Mursch-Edlmayr, Michael Kunze | © Peter Provaznik
v. l.: Bernhard-Michael Mayer, Hans-Peter Petutschnig, Reinhold Glehr, Ernest Groman, Siegfried Kasper, Bernhard Rupp, Lisa Brunner, Wolfgang Popp, Ulrike Mursch-Edlmayr, Michael Kunze | © Peter Provaznik

„Bei einigen neuen Tabakheizsystemen wird der Tabak erhitzt, aber nicht verbrannt. Dadurch entsteht weniger Kohlenmonoxid als beim klassischen Zigarettenrauch. Das eingeatmete Kohlenmonoxid belastet durch die Bindung auf rote Blutkörperchen das Herz-Kreislauf-System. Auch die kanzerogenen Effekte des Rauchens — z. B. im Falle eines Blasenkrebs, an dem chronische Raucher häufig erkranken — werden in erster Linie auf die toxischen Verbrennungsprodukte der organischen Materie zurückgeführt“, so Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. med. univ. Harun Fajkovic von der Universitätsklinik für Urologie an der Medizinischen Universität Wien in einer Grußbotschaft. „Der weitere wichtige Punkt beim Thema der sogenannten Harm Reduction ist neben Konsum von Zigaretten auch das Ritual, das das Rauchen darstellt. Daher sind Methoden der Harm Reduction, die auch diese Ritualkomponente berücksichtigen, vorteilhaft.“

 

Harm Reduction wissenschaftlich bewiesen

„Wir haben Strategien wie die Preispolitik, Diagnostik und Therapie und eben auch die Harm Reduction, die wissenschaftlich längst bewiesen ist. Die schwedischen Männer haben bei einem ähnlichen Tabakkonsum wie Österreicher nur die Hälfte der Lungenkrebsfälle gehabt. Wir haben festgestellt, dass die schwedischen Männer eben Tabak als Snus, also kleine Tabaksäckchen zur oralen Aufnahme des Nikotins, verwenden. Dieser ‚Feldversuch‘ hat bewiesen, dass Harm Reduction funktioniert, auch wenn es nicht die einzige Lösung ist“, so Univ.-Prof. Dr. Michael Kunze vom Zentrum für Public Health der MedUni Wien. „In Norwegen liegt die Raucherquote bei nur einem Prozent — wegen Snus“, stellte Univ.-Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer vom Institut für Pharma­zeutische Wissenschaften der Universität Graz fest, der eine Befürchtung, wonach Jugendliche über solche Produkte erst zum Tabakkonsum kommen könnten, für unbegründet hält, denn „es gibt Studien, die nachweisen, dass Jugendliche nicht über E-Zigaretten oder Tabak-Erhitzer zum Tabakkonsum kommen oder später gar auf Zigaretten umsteigen.“ Laut Dr. Reinhold Glehr, ehemaliger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) und Arzt für Allgemeinmedizin, ist es wichtig, dass „die vielen Möglichkeiten, die es für Harm Reduction gibt, verstärkt verbreitet werden. Die Allgemeinmedizin kann hier einen Beitrag leisten und die Patientinnen und Patienten dabei unterstützen. Ähnlich wie bei anderen Abhängigkeitsbereichen ist man nämlich auch hier gefordert, dass wir aus der Allgemeinmedizin intervenieren und versuchen, weitere Institutionen miteinzubeziehen. Das ist nicht einfach, weil vor allem bei Abhängigkeitsproblematiken oft ein Vermeidungsverhalten besonders ausgeprägt ist“, bekräftigte Glehr.

 

Bewusstsein bei Rauchern stärken

Für Prim. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Popp, Facharzt für Pulmologie, ist „Rauchen nicht nur ungesund, sondern auch eine Sucht, die nicht mit Verboten behandelt werden kann. Die Frage ist, was macht die Gesellschaft gegen das Rauchen. Hier gilt es Alternativen aufzuzeigen und anzubieten, vor allem wenn man junge Menschen vom Rauchen fernhalten möchte. Da ist es besonders wichtig, dass aktiv was dazu beigetragen wird und alle Möglichkeiten bedacht werden, um die Belastung des Körpers dank verschiedener Optionen zu reduzieren.“ Popp zufolge können Technologien, die mittels Bluetooth Daten an eine App senden, mehr Bewusstsein schaffen: „Es ist wichtig, innovative Technologien zu nutzen, um auf das Rauchverhalten aufmerksam zu machen, damit Betroffene sehen, wie oft und intensiv sie rauchen.“

Laut Univ.-Doz. Dr. Ernest Groman vom Nikotin Institut sind neue Produkte, die dabei helfen die Belastung des Körpers zu reduzieren, erstmals positiv zu betrachten, da sie meist auch dazu führen, dass bei Raucherinnen und Rauchern weitere Aufhörversuche ausgelöst werden. „Es ist wichtig, dass die Menschen über weniger schädliche Alternativen informiert werden und dass es dafür auch rechtliche Rahmenbedingung gibt, damit Menschen sich besser über Alternativen informieren können und dadurch über mehr Wissen verfügen.“

Die Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer, Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, verdeutlichte in diesem PRAEVENIRE Gipfelgespräch, dass die Apothekerkammer seit Jahren die gleichen wichtigen Botschaften verbreite, aber der große Durchbruch bislang noch ausgeblieben sei. „Menschen kommen mit vielen Informationsquellen an die Apotheken heran, aber mit einer großen Verunsicherung und wenig Wissen. Wir versuchen mit Fachwissen zu gezielten Fragen eine individuelle Beratung zu geben und die Patientinnen und Patienten zu führen“, so Mursch-Edlmayr. Ihr zufolge sollten „die Berufsgruppen der Ärztinnen und Ärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker standardisierte Botschaften vermitteln und ein Gesamtportfolio kommunizieren, um Rauchende je nach Bedürfnis effizient zu begleiten“, appellierte Mursch-Edlmayr.

Welche Bedeutung Awareness und Bildung bei der Schadens- und Risikoreduzierung im Bereich des Tabakkonsums spielt, betonte Hon.-Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp, MBA, von der Arbeiterkammer Niederösterreich. Rupp zufolge gab es in den letzten Jahren zwar große Fortschritte im Bereich der Bewusstseinsbildung, doch bleibe das Thema Aufklärung auch weiterhin ein wichtiger Punkt zur Gesundheitsförderung. „Auch wenn sich in den letzten Jahren sehr viel verändert hat, sollte mit der gesundheitlichen Aufklärung sehr früh begonnen werden. Hier muss in den Kindergärten und Schulen bis hin zu den Unternehmen noch einiges getan werden. Dabei spielt die Bildung eine wichtige Rolle. An diesen Punkt sollten wir anknüpfen, wenn wir etwas bewegen möchten.“

 

Jede Zigarette, die nicht geraucht wird, ist ein Beitrag für die Gesundheit

Dr. Hans-Peter Petutschnig von der Ärzte­kammer für Wien erwähnte die zentrale Bedeutung des „Don‘t smoke“-Volksbegehrens und sprach von einem Rückschritt für den Nichtraucherschutz in Österreich, nachdem die beschlossene Gesetzesnovelle für das generelle Rauchverbot in der Gastronomie rückgängig gemacht wurde. „Gemeinsam mit der Krebshilfe werden wir aber weiterhin auf die Bewusstseinsbildung und die Gefahren des Rauchens hinweisen. Verbote werden hier nicht ausreichen, denn wichtig ist auch die Bewusstseinsbildung. Es ist sicherlich gut, wenn wir uns überlegen, wie man die Leute dazu bringen kann, das Rauchen zu reduzieren, wenn wir sie nicht gänzlich vom Rauchen wegbringen können. Wir müssen uns aber das Ziel vor Augen halten, dass jede Zigarette, die nicht geraucht wird, ein Beitrag zur eigenen Gesundheit ist bzw. wir die Menschen gar nicht erst mit dem Rauchen beginnen lassen“, so Petutschnig.

Mag. Lisa Brunner, Leiterin des Instituts für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien, betonte, dass es in Österreich ein entsprechendes politisches Umfeld benötige, um ein Zurückdrängen des Tabakkonsums zu erwirken, denn „jedem Menschen, der abhängig ist, sollte der Ausstieg so leicht wie möglich gemacht werden. Ich finde es aber schwierig, Prävention zu leisten, wenn die Preispolitik bei Zigaretten und das Rauchverbot in der Gastronomie fehlen. Der Staat muss hier ein Vorbild sein“, so abschließend Brunner.


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