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ÖGK: Budget für Gesundheitsförderung & Prävention muss verdreifacht werden

Portrait Andreas Huss
© MARKUS SPITZAUER

ÖGK: Budget für Gesundheitsförderung & Prävention muss verdreifacht werden

Portrait Andreas Huss
© MARKUS SPITZAUER

Hat sich mit der Umbenennung der Gebietskrankenkassen in „Gesundheitskasse“ auch die inhaltliche Ausrichtung dieses Sozialversicherungsträgers geändert? Der stellvertretende ÖGK-Obmann Andreas Huss, MBA pocht bei den 7. PRAEVENIRE Gesundheitstagen in Seitenstetten auf mehr finanzielle Mittel für Gesundheitsförderung.

Rainald Edel, MBA

Rainald Edel, MBA

Periskop-Redakteur

Im Jänner 2020 wurden die ehemaligen neun Gebietskrankenkassen zur ÖGK zusammengeschlossen. Eine inhaltliche Anpassung, die dem Namen „Gesundheitskasse“ gerecht werde, habe jedoch von Seiten des Gesetzgebers nicht stattgefunden, kritisiert Andreas Huss, Obmann-Stellvertreter der ÖGK, in seiner Keynote bei den 7. PRAEVENIRE Gesundheitstagen in Seitenstetten. „Wenn wir den Weg von der Krankenkasse zur Gesundheitskasse konsequent zu Ende gehen wollen, müssen wir mehr Geld in die Hand nehmen“, mahnt er. Derzeit würde die ÖGK lediglich 1,4 Prozent ihrer Mittel in gesundheitsfördernde Maßnahmen investieren. Das sei viel zu wenig, um auch abseits der „Reparaturmedizin“ etwas anbieten zu können, sagt Huss. Die Arbeitnehmer-Interessensvertretung in der ÖGK habe sich dazu bekannt, dass die Ausgaben für Gesundheitsförderung und Prävention massiv angehoben werden müssen, um auch dem Namen Gesundheitskasse gerecht zu werden. Natürlich müsse sich eine Kranken- bzw. Gesundheitskasse überwiegend um kranke Menschen kümmern, aber es sei nötig, einen gewissen Anteil der Einnahmen auch für die Erhaltung der Gesundheit der Menschen auszugeben. „Wir haben uns das Ziel gesteckt bis 2030 fünf Prozent unserer Beitragseinnahmen für die Gesundheitsförderung auszugeben, was eine Verdreifachung der bisherigen Mittel bedeutet“, kündigt Huss an.

Wie notwendig die Förderung der Gesundheit sei, zeigen nationale und internationale Statistiken. So sind beispielsweise in Schweden die Menschen bis zum 72. Lebensjahr gesund, in Österreich hingegen im Durchschnitt nur bis knapp über 60 Jahre. Allerdings gibt es, so Huss, hierzulande ein deutliches West-Ost-Gefälle. Während die Bevölkerung in Vorarlberg, Tirol, Salzburg ebenfalls bis rund 70 Jahre gesund ist, liegt dieser Wert im Osten und Süden des Landes bei 62 Lebensjahren. „Da müssen wir die Ärmel aufkrempeln und schauen, wie wir diese Menschen ebenfalls gesund erhalten können“, so der ÖGK-Vizeobmann.

Großes Präventionspotenzial

Österreich ist in der Prävention psychischer Erkrankungen eher schlecht aufgestellt, konstatiert Huss. „Wir haben zwar die Psychotherapie ausgebaut – allerdings richtet sich diese an bereits kranke Menschen. Wir müssen schauen, dass wir für gesunde Menschen, die noch nicht psychisch krank, aber belastet sind, Präventionsleistungen anbieten“, so Huss. Um hier Abhilfe zu schaffen, sollen Psychologinnen und Psychologen in das ASVG als Leistungsträger aufgenommen werden und Personen die psychisch belastet sind, präventiv betreuen. Die ÖGK plant generell bei Vorsorgeprogrammen nachzubessern. „Bei Menschen mit metabolischem Syndrom, Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Vorstufen zu diesen Erkrankungen schauen wir tatenlos zu, bis diese sich tatsächlich manifestieren“, ärgert sich Huss. Österreich hat bei diesen Indikationen eine relativ hohe Anzahl an Neuerkrankungen und liegt im europäischen Schnitt nicht besonders gut. Deshalb hat der ÖGK-Verwaltungsrat 2021 beschlossen, dass die ÖGK künftig auf Menschen mit gesundheitlichen Risiken aktiv zugehen, ihnen Bewegungs- und Ernährungsprogramme anbieten und helfen soll, ihren Lebensstil entsprechend zu adaptieren. Die ÖGK sei nun dabei, entsprechende Präventionsprogramme für die zuvor genannten Indikationen auszurollen.

Funktionierende Programme stärken und ausbauen

„Wir haben prinzipiell ein gut funktionierendes Brustkrebs-Vorsorgeprogramm, das über ein Einladungssystem funktioniert“, schildert Huss. Allerdings müsse dies wieder auf Vordermann gebracht werden, da pandemiebedingt die Vorsorgezahlen eingebrochen sind. Ein ebenso wichtiges Präventionsprogramm zum Bereich Darmkrebs gibt es seit Jahren in Vorarlberg. „Die Vorsorgekoloskopie müssen wir österreichweit ausrollen. Hier brauche es, ähnlich wie beim Brustkrebsprogramm, ein Einladungssystem, damit möglichst alle Menschen ab dem 50. Lebensjahr regelmäßig daran teilnehmen. Auch die allgemeine Gesundheitsvorsorge müsse gestärkt werden und die Teilnehmerquote durch ein aktives Einladungsmanagement wieder auf Vor-Corona-Niveau gehoben werden, mahnt Huss. Ein weiterer Bereich, der eine verstärkte Aufmerksamkeit seitens der ÖGK bedarf, seien chronisch kranke Menschen. „Es ist wichtig, sie in ihrer Lebenssituation so gut wie möglich zu betreuen und sie so lange wie möglich zu stabilisieren“, so Huss. Österreich habe zum Beispiel kein gut ausgestattetes Disease-Management-Programm für Diabetikerinnen und Diabetiker. Hier sei zwar schon einiges gelungen, aber es brauche mehr Diabeteszentren und vor allem Versorgungsdaten. „Wir müssen sehen, wie diese Menschen in die Krankheit gestartet sind, wie die Behandlungspfade und Behandlungserfolge aussehen. Aber auch, wie wir Folgeerkrankungen wie Erblindung oder Amputationen hintanhalten können“, schildert Huss.

Settingorientierte Gesundheitsvorsorge

Im Sinne des Konzepts „Health in All Policies“ müsse, so Huss, eine Gesundheitskasse auch andere gesellschaftliche Bereiche wie Wohn- oder Umweltpolitik begleitend unterstützen. Die betriebliche Gesundheitsförderung sei dabei nicht zu unterschätzen. In Österreich waren im Mai des Vorjahres bereits über 1.700 Betriebe mit einem Siegel für betriebliche Gesundheitsförderung ausgezeichnet, von der bereits 600.000 Beschäftigte profitieren. „Bei rund 3,5 Mio. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben wir allerdings noch ein Stück Arbeit vor uns. Wir wollen alle Betriebe, Beschäftigte und betriebliche Vertrauenspersonen davon überzeugen, dass betriebliche Gesundheitsförderung ein wichtiges Setting in der Gesundheitsversorgung darstellt“, kündigt Huss an.

Kindergesundheit stärken

„Ich bin froh, dass wir in der Bundeszielsteuerungskommission beschließen konnten, die ,Frühen Hilfen’ österreichweit einheitlich auszurollen. Damit können wir Kinder, die in prekären Verhältnissen zur Welt kommen, unterstützen, gesund aufzuwachsen“, schildert Huss. Ein weiteres relevantes Thema ist die Kinderzahngesundheit. Wenn es gelingt, Zähne bis zum 18. Lebensjahr gesund zu erhalten, bleiben sie auch im Erwachsenenleben lange gesund. „Deshalb ist es uns wichtig, ein kostenloses Kinderzahnprogramm anzubieten, dass von der Mundhygiene über die Fissurenversiegelung bis zur Zahnspange geht, um die Kinderzähne entsprechend gesund zu halten und gut zu beobachten“, betont Huss. Die Bundesregierung hat die ÖGK-Forderung nach Aufnahme eines Kinderzahngesundheitsscreenings (45 Prozent Kariesrate bei Sechsjährigen) sowie logopädische und ergotherapeutische Screenings nicht in den neuen Eltern-Kind-Pass aufgenommen. „Das ist extrem bedauerlich, weil wir damit frühzeitig Krankheits- und Entwicklungsauffälligkeiten bemerken und behandeln hätten können“, so Huss. Weiters läuft zu den Themen gesunde Ernährung und Bewegung in einzelnen Bundesländern das Programm „Tigerkids“, das neben Kindern indirekt auch deren Familien anspricht. Auch die tägliche Turnstunde sei nach wie vor eine Forderung der ÖGK, erklärt der ÖGK-Vizeobmann.

Der Weg von der Kranken- zur Gesundheitskasse ist also kein Sprint, sondern ein Marathon. „Es gibt viele Aufgaben, aber dafür müssen wir auch mehr Geld in die Hand nehmen“, appelliert Huss abschließend.

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