Suche
Close this search box.

Nachhaltige Innovation durch Interdisziplinarität

© Peter Provaznik

Nachhaltige Innovation durch Interdisziplinarität

© Peter Provaznik

Das Gesundheitswesen steht vor großen Herausforderungen. Einerseits mangelt es an Fachkräften, andererseits steigen die Kosten als Folge einer älter werdenden Gesellschaft kontinuierlich an und erschweren eine nachhaltige Finanzierbarkeit vieler westlicher Gesundheitssysteme. Laut Bastian Cantieni, MSc, vom Thinktank W.I.R.E., welcher sich mit der Früherkennung neuer Trends und Ihrer Übersetzung in Strategien und Handlungsfelder beschäftigt, wird mit der Digitalisierung die Hoffnung verbunden, diese Herausforderungen lösen zu können. | von Mag. Dren Elezi, MA

Die fortschreitende Digitalisierung führt in allen Lebensbereichen zu großen Umbrüchen und verändert das Gesundheitswesen. Es gibt kaum einen Bereich, den die Digitalisierung noch nicht erfasst hat. Das gilt auch für die Gesundheit. Die elektronische Krankenakte, die Messung von Gesundheitsdaten per App, die Kommunikation zwischen Ärztinnen, Ärzten und dem Krankenhaus über eine Plattform, Video-Sprechstunden — das sind nur einige Beispiele für digitale Technologien, die derzeit das Gesundheitswesen verändern. Neue Technologien, die auch in den Bereichen Prävention, Diagnose, Behandlung, Überwachung und Verwaltung im Gesundheitssystem etabliert sind, eröffnen dem Gesundheitswesen große Chancen.

In Block 5 der 4. PRAEVENIRE Gesundheitstage im Stift Seitenstetten betonte der Schweizer Experte Bastian Cantieni, Senior Projektleiter bei der Schweizer Denkfabrik W.I.R.E. und zuständig für strategische Entwicklung, in seiner Keynote, „dass ein digitales Gesundheitssystem der Zukunft verspricht, viele bestehende Problemstellungen zu lösen und darüber hinaus zusätzlichen Nutzen zu generieren. Damit diese Hoffnungen tatsächlich Realität werden, müssen noch einige Herausforderungen überwunden werden. Das betrifft etwa die Behandlung der zunehmenden chronischen Erkrankungen, den damit verbundenen Kostenanstieg oder auch den Anspruch an immer höhere Qualität“. Dabei appellierte er dafür, dass „in Zukunft interdisziplinär gearbeitet werden muss, um gute Lösungen zu finden, die der Komplexität dieser Herausforderungen entsprechen“. Des Weiteren betonte Cantieni, „dass die Zukunft zwar nicht vorhergesagt werden kann, sich aber zumindest soweit strukturieren lässt, dass sie für Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen oder Organisationen als Entscheidungsgrundlage zur Verfügung gestellt werden kann“.

Wir können die Zukunft zwar nicht vorhersagen, aber zu-mindest soweit strukturieren, dass sie als Entscheidungsgrundlage zur Verfügung gestellt werden kann.

Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten ins Zentrum rücken

Einer der Gründe, warum sich heutzutage viele innovative Ideen nicht durchsetzen, sei, „dass die Medizin zu den komplexesten Feldern in unserem Leben gehört und es im Kontext einer zunehmenden Spezialisierung schwierig ist, Lösungen zu finden, die dieser Komplexität gerecht werden“. Ein zweiter Punkt sei, dass viele innovative Lösungen die gesellschaftlichen Implikationen nicht genügend berücksichtigten und sich deshalb nicht nachhaltig durchsetzten.

„Wir schließen daraus, dass es grundsätzlich die Notwendigkeit einer interdisziplinären Zusammenarbeit gibt. Dafür müssen langfristige Perspektiven aufgebaut und wichtige Veränderungen früh identifiziert werden, um sich damit auseinandersetzen zu können. Das machen wir, indem wir einen offenen, differenzierten und kritischen Blick in die Zukunft werfen.“ Für Cantieni ist es dabei wichtig, dass die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten aber auch der Gesellschaft ins Zentrum wichtiger Fragestellungen gerückt werden, wenn sie sich nachhaltig durchsetzen sollen. Als Beispiel nannte er die Entwicklungen rund um autonome Fahrzeuge. „Technisch betrachtet sind wir hier schon sehr weit, aber es bleiben noch viele gesellschaftliche Herausforderungen, die gelöst werden müssen, bis sich diese Innovation durchsetzt.“

Personalisierung von Therapie und Betreuung

„Eine starke Tendenz ist die Personalisierung von Therapien. Dafür benötigt es jedoch eine sehr präzise Erfassung des Gesundheitszustands von Menschen“, so der Experte. Basierend auf diesen Daten könnten Therapien in Zukunft noch stärker an Individuen angepasst werden. Ein weiterer hoffnungsvoller Trend liegt im Bereich der prädiktiven Medizin. Durch die Vielzahl von erhobenen Daten entsteht die Möglichkeit, diese mit Technologien wie Künstlicher Intelligenz zu verknüpfen und damit Patientinnen und Patienten gesundheitsrelevante Entscheidungshilfen zu bieten. Diese Anwendungen könnten Cantieni zufolge, „in Zukunft teils auch losgelöst von medizinischen Fachpersonen funktionieren“. Heutige Bei-spiele von Wearables zeigen bereits, wie Gewohnheiten geändert werden können und lassen erste Schlüsse über die eigene Gesundheit zu. Jedoch müssen auch hier erst noch Lösungen gefunden werden, wie die Qualität gesichert werden kann.

Mehr Transparenz im System und dezentrale Strukturen

Ein weiterer relevanter Trend ist der Aufbau von partizipativen Strukturen. Zum einen durch eine Vernetzung zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Maschine, wie durch den Aufbau von Plattformen, die einen gezielten Wissensaustausch ermöglichen. „Durch die zunehmende Quantifizierung bewegen wir uns in Richtung höherer Transparenz, welche es uns ermöglichen könnte, unsere Gesundheit als Patientinnen und Patienten eigenverantwortlicher zu gestalten.“

Ein Potenzial, um den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen zu verbessern, liegt im Aspekt der Dezentralisierung. Dabei ermöglicht die Digitalisierung, dezentrale Strukturen zu schaffen und stationäre Strukturen aufzubrechen.

Es gibt viele Herausforderungen, die wir noch über-winden müssen, um diese digitalen Potenziale in der Medizin zu nutzen.

Datenqualität mangelhaft

„Jedoch gibt es viele Herausforderungen, die wir noch überwinden müssen, um diese digitalen Potenziale in der Medizin zu nutzen. Vielen Unternehmen fehlt die Datengrundlage und Datenqualität, die benötigt wird, um mit digitalen Anwendungen relevanten Nutzen zu stiften“, merkte Bastian Cantieni kritisch an. Aber auch der Aspekt der wachsenden Intransparenz für Kundinnen und Kunden über die Erhebung und Verwendung ihrer Daten sei eine Herausforderung für die Gegenwart und Zukunft, denn „wenn ich meine Daten zur Verfügung stelle, habe ich heute keine Kontrolle darüber, wie diese von Unternehmen verwendet werden“. Das führe dazu, dass das Bedürfnis künftig steigen werde, die Kontrolle über die eigenen Daten zurückzuerlangen und dafür entschädigt zu werden.

Cantieni schilderte auch, dass man sich durch die zunehmende Quantifizierung immer mehr in Richtung einer reinen Datengesellschaft bewegen würde, die nicht zwingend zu besseren Entscheidungsgrundlagen führe. „Das Interpretieren der immer größer werdenden Anzahl an Daten ist mit Zeitaufwand und zunehmendem Stress und Druck verbunden, sowohl bei Patientinnen und Patienten als auch bei Ärztinnen und Ärzten“, analysierte Cantieni. Dies könne zur Überforderung führen, ohne dass die Entscheidungen wirklich besser würden. Viele Menschen würden daher Orientierung und Hilfestellung suchen, die zu einer Vereinfachung von Entscheidungen beitrügen.

BioBox

Bastian Cantieni, MSc, entwickelte nach seinem Studium in Psychologie und Betriebswirtschaft an der Universität Zürich digitale Innovationen bei der Krankenversicherung Sanitas und unterrichtete nebenbei an der Kantonsschule Rämibühl Psychologie. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre in der strategischen Unternehmensentwicklung von Sanitas und vertiefte sich im Bereich strategisches Management am Imperial College in London. Er befasst sich bei W.I.R.E. mit strategischen Projekten und analysiert dafür Entwicklungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Dabei begleitet er als Senior Projektleiter neben der Entwicklung von Strategien auch Innovationsprojekte und betreut das Healthlab, ein Ökosystem für den künftigen Schweizer Gesundheitsmarkt.

Stimmen aus der Podiumsdiskussion

„In Österreich gehen wir im Bereich Digital Health kleine Schritte, aber wir gehen. Wenn man als Kundin oder Kunde bei ELGA einsteigt, sieht man nicht nur seine Befunde, sondern auch wer die entsprechenden Daten aufgerufen hat. Unter dem Arbeitstitel ‚TEWEB‘ wurde die Gesundheitshotline 1450 entwickelt, die als Erstauskunft und Orientierungshilfe für Patientinnen und Patienten dient.“ Mag. Ursula Weismann | Geschäftsführung SVC

„Wir hatten schon vor der Datenschutzgrundverordnung einen sehr gut funktionierenden Datenschutz in Österreich. Gesundheitsdaten genießen dabei einen besonderen Schutzstatus, den die Patientinnen und Patienten auch zu Recht erwarten können. Was auf keinen Fall passieren darf, ist, dass durch großflächige Datennutzung ein Profiling anhand der Gesundheitsdaten stattfinden kann und Patientinnen und Patienten dadurch diskriminiert werden oder andere Nachteile erleiden. Hiervor schützt uns auch die dezentrale Struktur der Sozialversicherungen.“ Mag. Dr. Florian J. Burger, MA | Arbeiterkammer Wien

———-

PRAEVENIRE Initiative Gesundheit 2030

Block 5 | Digitalisierung & Moderne Infrastruktur

Programm im Rahmen der PRAEVENIRE Gesundheitstage 2019

Keynotes

  • Digital Health: Workshopergebnisse
    Prof. Dr. Reinhard Riedl | Leiter des Instituts Digital Enabling, Berner Fachhochschule

  • Die e-card als Schlüssel zu moderner Infrastruktur
    Mag. Ursula Weismann | Geschäftsführung SVC

  • Telemedizin Praktische Erfahrungen aus der SchweizDr. Andrea Vincenzo Braga, MBA | bragamed GmbH

  • Digital Health Was bringt die Zukunft? (I) Bastian Cantieni, MSc | W.I.R.E.

  • Digital Health Was bringt die Zukunft? (II) Dr. Patrick Dümmler | Avenir Suisse

Podiumsdiskussion:

  • Dr. Gerald Bachinger | NÖ Patienten- und Pflegeanwalt, Sprecher der Patientenanwälte Österreichs

  • Dr. Andrea Vincenzo Braga, MBA | bragamed GmbH

  • Mag. Dr. Florian J. Burger, MA | Arbeiterkammer Wien

  • Bastian Cantieni, MSc | W.I.R.E.

  • Dr. Patrick Dümmler | Avenir Suisse

  • Prof. Dr. Reinhard Riedl | Leiter des Instituts Digital Enabling, Berner Fachhochschule

  • Mag. Ursula Weismann | Geschäftsführung SVC

Fotocredit: Peter Provaznik

Aktuelle Ausgabe

Nach oben scrollen