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Markus Wieser: Innovatives Versorgungskonzept für Kinder und Jugendliche

ITV Markus Wieser
© AK NÖ

Markus Wieser: Innovatives Versorgungskonzept für Kinder und Jugendliche

ITV Markus Wieser
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Im Bereich der Rehabilitation hat es Markus Wieser, Präsident der AK Niederösterreich und Obmann des Fördervereins Kinder und Jugendlichenrehabilitation, schon bewiesen: Privates Engagement und Hartnäckigkeit können Verbesserungen im solidarischen Gesundheitssystem bewirken. Als nächsten Schritt plant er nun die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen im niedergelassenen Bereich mittels Schwerpunktzentren zu optimieren.

Rainald Edel, MBA

Rainald Edel, MBA

Periskop-Redakteur

Mit dem „3V für Österreichs Zukunft“ genannten Memorandum hat sich die Arbeiterkammer Niederösterreich das programmatische Ziel gesteckt, wichtigen Zukunftsthemen – Veränderung der Arbeitswelt, Verteilungsgerechtigkeit und Versorgungssicherheit – weiterzuentwickeln. Aus persönlicher Betroffenheit gründete Markus Wieser 2009 den Förderverein Kinder- und Jugendlichenrehabilitation, der es schaffte, spezifische Reha-Angebote für diese Zielgruppe in Österreich zu etablieren. Nun greift er abermals die Versorgung der jüngsten Bevölkerungsgruppe auf und möchte deren medizinische Versorgung verbessern.

PERISKOP: Für Kinder oder Jugendliche eine Kassenärztin, einen Kassenarzt zu finden ist mittlerweile in allen Bundesländern schwierig. Worin besteht die Herausforde­rung?

WIESER: Ich verfolge schon länger eine Idee, wie man die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen speziell in der Flächenversorgung verbessern kann. Denn wir haben gerade im niedergelassenen Bereich eklatante Versorgungsprobleme in allen Bundesländern. Wenn man sich Niederösterreich als größtes Flächenbundesland ansieht, gibt es nach wie vor einen großen Bedarf sowohl in der Allgemeinmedizin als auch insbesondere in der Kinder- und Jugendheilkunde.

Wenn es um Lösungen geht, neigen Entscheidungsträger in Österreich gern zum „Kasterldenken“ – sprich: Eine Idee muss in ein schon vorhandenes Schema passen, damit es realisiert werden kann. Mit diesem Problem waren wir auch zu Beginn unseres Engagements für die Kinder- und Jugendlichenrehabilitation konfrontiert, bei der ebenfalls zu Anfang überlegt wurde, unter welche Indikation diese fallen könnte, damit ein Reha-Aufenthalt möglich wäre. Wir haben uns dadurch nicht beirren lassen und eine Lösung gefunden, die den Bedürfnissen der Betroffenen und ihrer Familien gerecht wird und nicht diesem Kategoriedenken. Daher war auch bei der medizinischen Versorgung der jüngsten Gesellschaftsmitglieder die Herausforderung, wie man außerhalb dieses Schubladendenkens eine Lösung entwickeln kann.

Wie sieht Ihr Vorschlag konkret aus?

Um Kinder und Jugendliche im extramuralen Bereich tatsächlich vollumfänglich und qualitativ hochwertig zu versorgen, braucht es in vielen Fällen mehr, als eine typische Kassenordination leisten kann. Aus dieser Anforderung heraus entwickelten wir das Konzept der medizinischen Kompetenzzentren für Kinder und Jugendliche. Hierbei kam uns zugute, dass kürzlich das Gesetz für Primärversorgungseinheiten (PVE) novelliert wurde. Dies sieht nun auch die Schaffung von Primärversorgungseinheiten für Kinderheilkunde vor. Neben der typischen Gründung eines PVE durch den Zusammenschluss mehrerer Ärztinnen und Ärzte, gibt es noch einen zweiten Weg, nämlich durch Gründung eines selbstständigen Ambulatoriums. Dies kann auch durch private Rechtsträger, wie beispielsweise einen gemeinnützigen Verein erfolgen. Auch hier kam uns die aktuelle Rechtslage zugute, da die bisher sehr aufwendige Prüfung für die Errichtung deutlich einfacher geworden ist und auch die Betriebsform als Kinder-PVE möglich wurde.

Das brachte uns auf die Idee in Anlehnung an den Förderverein Kinder- und Jugendlichenrehabilitation einen gemeinnützigen Verein zu gründen, der so ein selbstständiges Ambulatorium betreibt. Um die Versorgung sicherzustellen, braucht es dafür neben einer ärztlichen Leitung, Kinderärztinnen und Kinderärzte, um die Betriebszeiten optimal abzudecken. Zudem besteht die Möglichkeit, mit den Kinder- und Jugendabteilungen der umliegenden Spitäler entsprechend eng zusammenzuarbeiten. Verstärkt werden soll das Team in so einem Zentrum um Fachärztinnen und Fachärzte anderer Fachrichtungen, wie Orthopädie, Kardiologie, HNO, Chirurgie, Psychiatrie, die sich auf Kinder spezialisiert haben, sowie Kinderphysio, -ergotherapie und Logopädie. Ziel wäre es, sowohl die Kinder als auch die Eltern zu betreuen. Wir wissen es auch der Kinderrehabilitation, wie wichtig es bei einem schwer kranken Kind ist, dass auch die Eltern ein entsprechendes Angebot und Unterstützung bekommen. Die Spezialistinnen und Spezialisten müssen aber nicht jeden Tag vor Ort sein. Es würde wahrscheinlich reichen, wenn es je nach Bedarf des jeweiligen Zentrums einzelne, fixe Tage sind, an denen diese zusätzlichen Fachleistungen angeboten werden und auffällige Fälle abgeklärt und einer allfällig weiteren Behandlung zugeführt werden können. Sollte im Anschluss an eine Therapie eine Rehabilitation nötig sein, wird auch gleich die entsprechende Antragsstellung durch den Verein übernommen. Ein Leistungsbaustein in diesem Zusammenhang sollte auch die Reha-Nachsorge sein. Wie wir aus den Erfahrungen des Fördervereins wissen, ist ein Check-up einige Wochen bzw. Monate später, ob die in der Rehabilitation erlernten Kompetenzen und Fähigkeiten noch vorhanden sind, besonders wichtig.

Um Kinder und Jugendliche im extramuralen Bereich tat- sächlich vollumfänglich und qualitativ hochwertig zu versorgen, braucht es in vielen Fällen mehr, als eine typische Kassenordination leisten kann.

Ein großes Thema, gerade bei Kindern und Jugendlichen, ist das Übergewicht. Gibt es auch dazu ein entsprechendes Angebot?

Ernährung und die stark steigende Zahl der übergewichtigen und adipösen Kinder und Jugendlichen braucht eine besondere Aufmerksamkeit. Hier reicht es meiner Meinung nach nicht aus, „nur“ eine Diätologin oder einen Diätogen im Team zu haben. Denn in diesem Bereich ist eigentlich immer das ganze soziale Umfeld miteinzubeziehen. Deshalb soll es in den Zentren auch Vorträge und Schulungen zum Thema Ernährung geben.

Durch dieses umfassende Leistungspaket der Kompetenzzentren können wir die jungen Patientinnen und Patienten sehr umfassend begleiten und die Versorgung in der Fläche qualitativ maßgeblich stärken.

Welche Versorgungswirkung erwarten Sie sich?

Ziel ist es, dass diese Kompetenzzentren die Spitalsstrukturen maßgeblich entlasten. Denn aufgrund des derzeitigen Mangels bei der ärztlichen Versorgung werden die Spitalsstrukturen massiv überlastet, sodass teilweise jene Kinder und Jugendlichen, die tatsächlich die hochwertige Versorgung der Spitalsambulanzen oder des stationären Bereichs benötigen, nicht mehr entsprechend versorgt werden können. Sinnvoll wäre es, wenn die etablierten niedergelassenen Kräfte in all jenen Fällen, in denen eine speziellere Abklärung notwendig ist, die Patientinnen und Patienten zu den dort tätigen Spezialistinnen und Spezialisten schicken und in Fällen, in denen es nötig ist, an die jeweiligen Klinikabteilungen weiterleiten.

Bei den von Ihnen zuvor genannten Fachdisziplinen, vor allem im ärztlichen Bereich, herrscht teilweise großer Mangel, vor allem im niedergelassenen Bereich. Was soll diese Zentren so attraktiv machen, dass die be­ nötigten Ärztinnen und Ärzte hier arbeiten wollen?

Dadurch, dass es eine ärztliche Leitung gibt, kann man die ärztliche Versorgung viel leichter auf mehrere Personen splitten und so genau jene Beschäftigungs- und Dienstformen anbieten, die individuell gewünscht sind. Durchaus vorstellbar ist es, zum Beispiel in Niederösterreich mit der NÖ Landesgesundheitsagentur in Kontakt zu treten und hier jenen Kräften, die gerne auch im niedergelassenen Bereich einige Stunden arbeiten möchten, aber dennoch die enge Anbindung an ein Klinikum schätzen, ein entsprechendes Angebot zu machen.

Zudem wären diese Zentren auch für Jungärztinnen und -ärzte, die noch zögern, sich selbstständig niederzulassen, eine Möglichkeit, den Betrieb und Ablauf im extramuralen Bereich kennenzulernen, da es sich ja im Prinzip im eine klassische PVE handelt. Gerade das Arbeiten in multidisziplinären Teams, aber auch die lange andauernden Betreuungsverhältnisse, die von der Diagnose über Therapie, einer allfälligen Nachbetreuung reicht und auch das bisher nur schwach vertretene Gebiet der Transitionsmedizin aufgreifen soll, macht die Mitarbeit an so einem Zentrum besonders spannend und attraktiv. Da an solchen Zentren eine große Bandbreite an Fällen behandelt werden soll und durch die multidisziplinären Ansätze auch Therapieoptionen aufgezeigt werden, die nicht alltäglich sind, bieten sich diese auch als Ausbildungsstätten an – sowohl für Ärztinnen und Ärzte, die eine Lehrpraxis im Rahmen der Facharztausbildung machen, als auch für jene fertigen Spezialistinnen und Spezialisten, die noch weitere praktische Erfahrung sammeln wollen.

Durch die multidisziplinäre Versorgung, wie in einem PVE, und die tageweise an- wesenden Fachärztinnen und Fachärzte können solche Zentren die Spitäler maßgeblich entlasten.

Ein wesentlicher Aspekt eines solchen Pro­jektes ist auch die Finanzierung des laufen­ den Betriebs. Wie sollte dieser erfolgen?

Grundsätzlich sind die Ambulatorien Vertragspartner der ÖGK bzw. der anderen Sozialversicherungen. Damit könnten all jene Leistungen, die auch in anderen PVE anfallen, als Kassenleistungen abgerechnet werden. Noch im Detail zu klären ist die Abrechnung der jeweiligen Fachärztinnen und Fachärzte, da diese ja nur stundenweise im Zentrum tätig sind. Aber auch hier bin ich zuversichtlich, dass man mit den Sozialversicherungen entsprechende Lösungsmodelle erarbeiten kann.

Ein solches Kompetenzzentrum braucht natürlich entsprechende Räumlichkeiten. Haben Sie auch diesbezüglich Überlegungen angestellt?

Hier gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Denkbar ist, dass beispielsweise eine Gemeinde entsprechende Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, wie das bei PVE üblich ist. Denkbar wäre aber auch, dass der Trägerverein hier in Vorleistung tritt und eine Finanzierung übernimmt, die dann aus dem laufenden Betrieb wieder getilgt wird. Ich denke, das wird schlussendlich vom konkreten Standort und den Rahmenbedingungen abhängen.

Ein solches Kompetenzzentrum braucht natürlich entsprechende Räumlichkeiten. Haben Sie auch diesbezüglich Überlegungen angestellt?

Da Einrichtungen in dieser Konzeption neuartig sind, werden wir ähnlich, wie wir es bei der Kinderrehabilitation gemacht haben, zuerst schauen, dass wir einen Musterbetrieb errichten. Wenn sich das bewährt, ist es sowohl denkbar, dass wir beispielsweise in Niederösterreich Schritt für Schritt in jeder der fünf Gesundheitsregionen so ein Zentrum einrichten. Ebenso ist aber denkbar, dass auch andere auf diese Idee aufspringen und so ein Angebot errichten. Für solche Pläne ist es aber noch etwas zu früh.

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