Impfen – was bringt die Zukunft?

© Krisztian Juhasz

Impfen – was bringt die Zukunft?

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Das Thema Impfen hat besonders in den vergangenen beiden Jahren zu einer gesellschaftlichen Zerreißprobe geführt. Medizinalrat Dr. Rudolf Schmitzberger, Leiter des Referats für Impfangelegenheiten der Österreichischen Ärztekammer (ÖAK), spannte im Zuge der 7. PRAEVENIRE Gesundheitstage einen Bogen zwischen Status quo und zukünftigen impfspezifischen Herausforderungen sowie Brennpunktthemen. | von Lisa Türk, BA

Die Impfstoffforschung gilt als einer der innovativsten Bereiche der Pharmaindustrie. Aus heutiger Sicht ist bereits in naher Zukunft mit einigen bahnbrechenden Errungenschaften der
Impfstoffentwicklung zu rechnen. Die gesamte Impfthematik ist allerdings zunehmend mit gesteigerter Impfkritik und -feindlichkeit konfrontiert – nicht nur auf Patienten- sondern auch auf Ärzteseite. „Die aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen legen eine dringend notwendige Verbesserung der Akzeptanz und Compliance der Bevölkerung gegenüber Impfungen nahe – auch im ärztlichen Umfeld“, betonte MR Dr. Rudolf Schmitzberger zu Beginn seiner Keynote im Zuge der 7. PRAEVENIRE Gesundheitstage, die Ende Mai 2022 im Stift Seitenstetten stattfanden. Ausgehend von dieser enormen Polarisierung der Gesellschaft im Hinblick auf die Impfthematik sei sich die Ärztekammer nicht nur ihrer gesundheitlich sondern auch sozial relevanten Verantwortung allenfalls bewusst. „Es gilt, den Menschen zu vermitteln, dass Freiheit dort endet, wo sie der Gesundheit anderer potenziellen Schaden zufügen kann. Impfen ist keinesfalls eine Glaubensfrage – und schon gar keine reine Individualentscheidung“, so Schmitzberger.

Die aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen legen eine dringend notwendige Verbesserung der Akzeptanz und Compliance der Bevölkerung gegenüber Impfungen nahe.

Rudolf Schmitzberger

Aufholbedarf im Impfgeschehen

Epidemiologisch betrachtet, ist laut aktuellem Stand von einem für die Bevölkerung und
das Gesundheitssystem herausfordernden Infektionsgeschehen im kommenden Herbst
auszugehen. „Daher gilt es, bereits jetzt die derzeitigen COVID-19-Impfempfehlungen des Nationalen Impfgremiums (NIG) voranzutreiben und umzusetzen. Damit sind insbesondere die Empfehlung des Viertstiches und die dringende Forcierung des Drittstiches für die 5- bis 11-Jährigen gemeint“, erläuterte Schmitzberger. Ebenso gespannt warte man auf die EMA-Zulassung (Anmerkung: Euopean Medicines Agency) der Vakzine von Moderna und BioNTech/Pfizer für die Altersgruppe der unter 5-Jährigen, die im Infektionsgeschehen eine wichtige Rolle spiele. 

Schmitzberger betonte zudem die Wichtigkeit, abgesehen von der COVID-19-Thematik das
generelle Impfgeschehen wieder stärker ins Visier zu nehmen. „Pandemiebedingt besteht im Hinblick auf viele Schutzimpfungen Nachholbedarf. So warnt etwa die WHO (Anmerkung: Weltgesundheitsorganisation) vor einer gewaltigen Masernepidemie. Uneingeschränkte Reisetätigkeit und Kriegsgeschehen in der Ukraine bleiben nicht unbemerkt; aus insgesamt 20 Ländern werden 17.500 Masernfälle gemeldet, das sind alleine im ersten Quartal 2022 um 400 Prozent mehr Fälle als im Jahr 2021“, verdeutlichte Schmitzberger.

Ausweitung des kostenfreien Impfprogramms

Um den aktuellen Entwicklungen auf nationaler Ebene entgegenzuwirken, appellierte Schmitzberger an das Ministerium und an die Länder, das kostenfreie Impfprogramm auszuweiten.
„Neben etwa der Ausweitung der gratis Pneumokokken-Impfung auf das Seniorenalter, ist uns vor allem die Ausweitung der kostenlosen HPV-Impfung, die derzeit auf die Altersgruppe
der 9- bis 12-Jährigen beschränkt ist, bis zum 15. Lebensjahr ein besonderes Anliegen. Damit
wäre eine Aufnahme ins allgemeine Gratis-Impfprogramm gegeben.“ Pandemiebedingt sei die kostenfreie HPV-Impfaktion grundsätzlich „dramatisch ins Stocken geraten“. Aus diesem
Grund haben Österreichische Ärztekammer, Österreichische Apothekerkammer und MSD
(Merck Sharp & Dohme Ges.m.b.H.) gemeinsam eine österreichweite „HPV-Catch-up-Impfaktion“ ins Leben gerufen, die seit März 2022 bis Juni 2022. Teilnahmeberechtigt sind alle
Fachgruppen, beginnend bei Allgemeinmedizin, Kinder- und Jugendheilkunde, Frauenheilkunde und Geburtshilfe bis hin zu jenen Gruppen, die vermehrt mit den entsprechenden Krankheitsbildern konfrontiert sind – wie etwa die Urologie.

Einheitliche Impflogistik und „one stop only“

„Ganz wesentlich ist, dass die kostenlose HPV-Impfaktion österreichweit zu gleichen Bedingungen angeboten wird. Der Föderalismus ist meines Erachtens der Feind des Impfwesens. Wenn einzelne Bundesländer oder Gemeinden die logistischen Optionen des nationalen Impfkonzeptes übergehen, haben wir am Ende des Tages Ergebnisse wie etwa bei der gratis Influenza-Impfaktion, bei welcher jedes Jahr tausende von Impfdosen kostenpflichtig vernichtet werden müssen. Das ist keinesfalls zielführend“, kritisierte Schmitzberger. Neben einer österreichweit flächendeckenden Vereinheitlichung in puncto Abrechnung und Impfhonorar brauche es allem voran eine einfache und standardisierte Impflogistik, die über einen simpel gestalteten digitalen Bestellprozess seitens Impfärztin, -arzt bei der gewünschten Lieferapotheke abzuwickeln sei.
„Die niedergelassene Impfärztin, den niedergelassenen Impfarzt – inklusive Wahlärztin, Wahlarzt – erachte ich hier nach wie vor als ideale und zentrale Erstanlaufstelle, wenn es darum geht, Impftauglichkeit, Grunderkrankungen und etwaige Kontraindikationen bei den Patientinnen und Patienten festzustellen“, so Schmitzberger. Laut einer Untersuchung der Österreichischen Ärztekammer sind auch 68 Prozent der Bevölkerung der Meinung, das Impfen solle ausschließlich in ärztlicher Hand bleiben. „Es gibt kaum vernünftige Gründe, von ‚one stop only‘ bei Impfärztin oder Impfarzt abzuweichen.“ Wünschenswert ist, so Schmitzberger abschließend, ein sinnvolles und bedarfsorientiertes Miteinander zwischen der niedergelassenen Ärzteschaft, öffentlichen Impfstellen und schulärztlichen Stellen.
„Konkurrenzdenken ist hier fehl am Platz. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, gilt es, an
einem Strang zu ziehen und die notwendigen Ressourcen gemeinsam dorthin zu lenken, wo
sie auch tatsächlich benötigt werden – zugunsten funktionierender Arztpraxen, die wiederum eng mit dem Wohl der Patientinnen und Patienten verbunden sind.“ 

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