Für mehr Versorgung sorgen!

Christoph Klein, Direktor der AK Wien, sorgt sich um die kinderärztliche Versorgung in Österreich
Krisztian Juhasz

Für mehr Versorgung sorgen!

Christoph Klein, Direktor der AK Wien, sorgt sich um die kinderärztliche Versorgung in Österreich
Krisztian Juhasz

AK Direktor Hon.-Prof. Dr. Christoph Klein forderte in seiner Keynote bei den 7. PRAEVENIRE Gesundheitstagen im Stift Seitenstetten, mit dem nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der EU-Kindergarantie die Mängel in der Gesundheitsversorgung von Kindern zu beseitigen, denn: „Österreich darf bei der Kindergesundheit kein Entwicklungsland sein.“ | von Mag. Beate Krapfenbauer

Im Juni 2021 hat der EU-Rat die „Europäische Garantie für Kinder“ beschlossen, die unter anderem den kostenlosen Zugang zu einer hochwertigen Gesundheitsversorgung beinhaltet. Der Nationale Aktionsplan, den Österreich zur Umsetzung vorlegen wird, muss Antworten darauf finden, dass Österreich weit davon entfernt ist, eine umfassende Gesundheitsversorgung von Kindern zu garantieren.

Neue Krankheitsbilder fordern neue Therapieformen

Beim Behandlungsbedarf von Kindern hat sich ein Wandel vom Zeitalter der Infektionserkrankungen hin zu einer Zunahme an Entwicklungsstörungen, psychischen und Lebensstilerkrankungen vollzogen. Durch Belastungen der Familiensysteme aufgrund von Armut, Migration, psychischen Erkrankungen der Eltern und vielem mehr steigt die Komplexität zusätzlich. Als idealen Ort für die umfassende Betreuung und Versorgung sieht Hon.-Prof. Dr. Christoph Klein die sozialpädiatrischen Ambulatorien mit ihrem multiprofessionellen Setting. Diese sind allerdings regional unterschiedlich vorhanden und stoßen rasch an ihre Kapazitätsgrenzen. „In einem sozialpädiatrischen Ambulatorium im Wiener Bezirk Favoriten zum Beispiel beträgt die Wartezeit auf eine Autismus-Therapie 18 Monate. Dabei sind die kleinen Autismus Patientinnen und Patienten in Favoriten noch begünstigt – denn schon die Nachbarbezirke wie Simmering kann das Ambulatorium mangels Kapazität gar nicht versorgen!“, sagt Klein.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, sie brauchen ihren eigenen Arzt.

Christoph Klein

„Das ist ein katastrophaler Zustand,“ so Klein, „weil sich während Aufnahmestopps und langen Wartezeiten Zeitfenster der kindlichen Entwicklung schließen und wichtige Entwicklungsphasen unwiederbringlich verloren gehen.“ Beim zitierten Autismus-Beispiel ist die Tragik besonders deutlich: Die Behandlung kann sehr erfolgreich sein, wenn sie bereits im Kleinkindesalter beginnt und kontinuierlich über die Jahre fortgesetzt wird. Als Erwachsenen ist den therapierten Betroffenen die Teilhabe am Arbeitsmarkt und einem normalen Sozialleben in der Regel ohne Einschränkung möglich. Wenn aber das Therapieangebot nicht ausreicht, wird „den Menschen ihr ,normales‘ Leben verwehrt und sie sind oft lebenslang auf kostenintensive Betreuung durch den Sozialstaat angewiesen“, gibt Klein zu bedenken.

Behandlung auf E-Card

Wo die Zentren nicht (nahe und ausreichend) zur Verfügung stehen, brauche es jedenfalls endlich genügend öffentlich finanzierte Kapazitäten im niedergelassenen Bereich, meinte der Direktor der Arbeiterkammer Wien in seiner Keynote. Seit kurzem gibt es zwar Gesamtverträge über die funktionellen Therapien, sodass logopädische, physio- und ergo- therapeutische Behandlung auf e-card über ärztliche Anordnung zumindest in der Einzelpraxis möglich ist. Freilich nur, „solange der Vorrat reicht“. Gibt es zu wenige Therapiestellen im Stellenplan oder finden sich nicht genug Therapeutinnen und Therapeuten dafür, müssen Eltern auf „Wahltherapeutinnen und -therapeuten“ ausweichen, zahlen also das verlangte Honorar und erhalten 80 Prozent des Tarifs laut Gesamtvertrag erstattet. Vorausleisten und auf einem beträchtlichen Teil der Kosten sitzen zu bleiben, ist leider für Kinder aus sozial belasteten Verhältnissen, die die Versorgung am nötigsten bräuchten, oft eine unüberwindliche Hürde.

Daten als Planungsgrundlage

Österreich ist bei den Zahlen über Prävalenzen und Versorgung im Blindflug unterwegs. Die Initiative PolitischeKinderMedizin belegt das Versorgungsproblem aber mit einem Vergleich des Anteils von Kindern und Jugendlichen mit über die Sozialversicherung abgerechneten funktionellen Therapien und der dabei erhaltenen Therapieeinheiten zwischen Österreich und Deutschland: Der Anteil der in Österreich logopädisch bzw. physiotherapeutisch behandelten Kinder und Jugendlichen liegt bei weniger als der Hälfte und bei der Ergotherapie sogar unter einem Viertel. Dass deutsche Patienten mehr als doppelt so viele Ergotherapie- und fast drei Mal so viele Logopädieeinheiten erhalten, ist auf Stundenlimitationen und die abschreckenden Selbstbehalte bei der Wahltherapie zurückzuführen. Alarmierend ist auch das bestehende Verhältnis zwischen kassenfinanzierten Planstellen und Wahltherapie: Von allen freiberuflich tätigen Physiotherapeutinnen, Physiotherapeuten gibt es nur für drei Prozent eine Kassenstelle, bei den Ergotherapeutinnen, Ergotherapeuten für einen von zehn, bei der Logopädie für zwei von zehn.

In der Psychotherapie gibt es statt Gesamtverträgen nur „Poolverträge“ zwischen ÖGK und regionalen psychotherapeutischen „Versorgungsvereinen“, die Sachleistungskontingente zur Verfügung stellen. Die vorhandenen Kontingente sind allerdings rasch erschöpft.

Kinderärztinnen und -ärzte mit Kassenvertrag gesucht!

Mittlerweile sind viele österreichische Bezirke sogar bei klassischen Kinderarztpraxen mit Kassenvertrag katastrophal unterversorgt, sodass Familien, die sich den Wahlarzt nicht leisten können, in Spitalsambulanzen oder zum Allgemeinmediziner gehen. Würde der Gesetzgeber endlich pädiatrische PVZs erlauben, wäre das ein wichtiger Beitrag zur Schließung der Versorgungslücke. Auch bezahlte Lehrpraxen wären eine Möglichkeit, um Jungärztinnen und -ärzte für eine Kassenpraxis zu gewinnen. Um kurzfristig die inakzeptable Situation zu mildern, wird auch zu überlegen sein, wie die zahlreichen Wahlkinderärztinnen und -ärzte stärker in die Versorgung der weniger finanzstarken Bevölkerung einbezogen werden können. 

Unterversorgung: unmenschlich und unwirtschaftlich

Die Unterversorgung kommt das System teuer zu stehen. Jetzt „ersparte“ Kosten treffen später um ein Vielfaches die gesamte Gesellschaft: In der Form chronifizierter Krankheiten das Gesundheitssystem; in der Form nicht genutzter geistiger und physischer Entwicklungsmöglichkeiten das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft; und den Sozialstaat in Form von Kosten über den ganzen Lebenszyklus der Betroffenen (institutionelle Betreuung, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Invaliditätspensionen, Ausgleichszulagen usw). Der Nationale Aktionsplan zur Umsetzung der EU-Kindergarantie muss daher einen strukturierten mehrjährigen Prozess vorlegen, in dem die Lücken in der Gesundheitsversorgung der Kinder systematisch geschlossen werden. Dazu werden Daten und zusätzliche Mittel des Bundes erforderlich sein, die sich über einen mehrjährigen Betrachtungszeit- raum freilich mehr als rechnen. Zur Sicherstellung der kostenfreien Behandlung bei niedergelassenen Kinderärztinnen und -ärzten müssen pädiatrische PVZ und Lehrpraxen ermöglicht sowie systematische Lösungen zur Einbindung der Wahlärztinnen und Wahlärzte erarbeitet werden. 

Ausblick

Die PRAEVENIRE Initiative Kinder und Jugendgesundheit 2030 wird weiter fortgesetzt. Im Rahmen der Leadership-Kampagne des Fördervereins „Kinder- und Jugendlichenrehabilitation in Österreich“ fand das 2.Gipfelgespräch am 29. Juni 2022 in Hirschwang an der Rax statt. Über die Themen der Keynotes und Ergebnisse der Expertendiskussionen berichten wir in der kommenden Ausgabe. 

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